25. August 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Wir haben den Tag vorgestern in so freundlicher Erinnerung, daß ich es dir und Marguerite doch ausdrücklich sagen und euch beiden für Alles, was ihr uns an Zeit und Kraft und edlen Materialien aller Art geopfert habt, herzlich danken möchte. So wie die Weltläufe sich gestalten, ist es nötiger als je, sich von Zeit zu Zeit zu vergewissern, daß es auch noch einen Eduard gibt. Denk, so schön der Tag bei euch war, so traurig bin ich nachher doch heimgefahren. Einmal unter dem Eindruck des Gesprächs mit Hartenstein1, dann unter dem der Lektüre des Briefes von Georg, den ich dir hier zurückgebe. Ich verstehe gut, wenn du das nicht so scharf empfindest. Aber schau, für mich ist die Haltung, die ich ihn da einnehmen sehe, der Inbegriff von der Flaumacherei, in der ich die eigentliche Gefahr der gegenwärtigen Lage sehe. Dafür habe ich nun da draußen 12 Jahre lang unter Dampf gestanden, daß Einen |483 beim ersten Anlaß, wo es Ernst gelten würde, auch und gerade die menschlich nettesten Leute als «Phänomen» (so Georg auf der 2. Seite2!) angaffen, ganz erstaunt über die Zumutung, daß sie auch dabei sein sollten. Ich frage mich gewiß immer wieder, ob denn nicht ich einfach ein wahnsinniger, unbarmherziger Setzkopf3 bin, daß ich den Frieden so gar nicht schließen kann, der offenbar auch so ernsthaften Menschen wie Hartenstein ganz selbstverständlich ist, und daß ich dann sogar gegen solche Gestalten viel mehr richtigen Groll und Zorn zu verarbeiten habe als gegen die offenen Heiden und Ketzer. Warum muß ich so dran sein? Und wenn ich recht habe, warum muß ich so isoliert sein auch |484 und gerade unter den Gerechten, mit denen ich doch wahrhaftig lieber einig als so jämmerlich uneinig sein möchte, wie es nun der Fall ist? Warum kannst und darfst und mußt du nach allen Seiten, wie Lukas so schön sagte, Johannissimus4 sein und damit sicher für das Reich Gottes viel mehr ausrichten als ich, der offenbar überall, wo er hinkommt, so etwas wie eine Schwefelwolke hinter sich zurückläßt? Warum bestätigt man mir von allen Seiten, ich sei mannhaft, entschieden, klar und wie die Adjektive alle lauten, ich habe gewiß eine nötige Funktion zu erfüllen, etwa Beachtliches zu sagen usw. usw., um mich dann doch im Augenblick, in dem auf Widerstand Alles ankäme, mit der Ausrede von den berechtigten «Anliegen» des Feindes allein zu lassen und als Unversöhnlichen in meiner Sünden Maienblüte5 bloßzustellen. Oder ist es so, daß die ganze Lage darum so verfahren ist, weil in diesem gefährlichen Augenblick ich, der etwas weiß, was die Anderen nicht wissen, als ein so fatales Karnickel dastehe und mich benehme, daß es ganz natürlich ist, wenn sie es gerade durch mich nicht erfahren, es gerade mir nicht abnehmen können, ein ungehorsamer Prophet sozusagen, dem jetzt nichts übrig bleibt, als von dem ersten besten Löwen gefressen zu werden [vgl. 1.Kön. 13,11–32]? Ich weiß wirklich nicht, was los ist, was ich mir wünschen und was ich tun soll. — Diesen meinen Zustand, den du auch aus den beiliegenden Briefen an Niesel6 und Helmi Vi|485scher7 erkennen kannst, wollte ich dir melden, damit du gleich weißt, in welchem Sinn du mir, wenn du nächste Woche herkommst, zuzureden hast. Es hat’s wirklich nötig: Erkläre mir, wie man es macht, angesichts des Typus Georg oder Hartenstein nicht aus der Haut zu fahren bzw. angesichts seiner eigenen Torheit und Bosheit sanftmütig und gelinde wieder in seine eigene Haut zu fahren und die Anfechtungen des Lebens in Familie, Welt und Kirche fernerhin zu bestehen?

Gelt, du bringst dann die hieher gehörigen Beilagen wieder mit. Sei indessen samt Marguerite von Herzen gegrüßt von deinen

Karl

Lollo ist eben etwas über Land gegangen. Sie würde sich sonst anschließen.

Sachfußnoten

1
Zu Thurneysens Eindrücken von diesem Gespräch s. unten S. 487, Anm. 5.↩
2
Wohl des Briefes vom 8.8.1933, in dem Merz an Thurneysen geschrieben hatte: «Ich selber kann nur das Phänomen, daß unser Freund Friedrich Gogarten bei den ‹Deutschen Christen› steht und daß Karl bei ihnen nichts zu sehen vermag als eitel Götzendienst, zunächst immer wieder betrachten und überlegen. Selbstverständlich kann ich mir erklären, was Gogarten [s. unten S. 494, Anm. 5] … dorthin zieht, aber verstehen kann ich es wirklich nicht. Noch schlimmer ist es natürlich, daß man ja diesen Dingen nicht nur zuschaut, sondern daß man handelnd darin steht, so daß man Anfeindungen aller Art ertragen muß.» Im folgenden versuchte Merz, die Anfälligkeit verschiedener kirchlicher Kreise für den Nationalsozialismus aus ihrer jeweiligen Herkunft und Mentalität zu «erklären». «Man kann natürlich einfach auch so, wie es Karl tut und wie er es 1926 mit den schweizerischen Reformern in seinem Briefe an Bern tat, glatt feststellen: Unchristen — Baal-Jahve. Daß viel dafür spricht, daß gleichsam ein mohammedanischer allzu direkrer Zug durch die Bewegung hindurchgeht, ist nicht zu leugnen. Aber Du selbst warst es, der mir seinerzeit die Haltung, die die schweizerische Kirche der Reform gegenüber einnahm, nicht als unbedingt ideal schilderte, und tatsächlich ist ja das, was heute bei uns geschieht, ein ähnlicher Vorgang wie damals vor 70 Jahren bei Euch … Es kann sein, daß wir zunächst — und es wird sogar so sein — genau so in eine Minderheit mit all ihren Folgen, ihren Konventikeln und Kapellen gedrängt werden, wie es damals bei Euch mit den Positiven war. Es kann natürlich auch sein, daß die Sache ganz anders läuft, aber ich sehe vorläufig keine andere Möglichkeit, als bei allem Kopfschütteln, das mir die Sache erregt, den obengenannten Männern zu glauben, daß sie auch meinen, gerade so christliche Kirche sein zu wollen. Ich müßte Dich bei der Gelegenheit auch fragen, ob nicht das gerade der Art entspricht, die uns Karl gelehrt hat. Denn er hat uns doch gleichsam verwiesen, als Richter oder gar als Ärzte den anderen gegenüberzutreten, sondern einfach einmal zu fragen, wieso meint ihr, gerade so christliche Theologie treiben zu können? Daß man dabei nicht charakterlos wird, dafür sorgt schon die im besten Sinne bedrängende Lage, in der man ständig ist» (Nachlaß Thurneysen 📖; zum größten Teil abgedruckt in: Fr. W. Kantzenbach, Das Ende von «Zwischen den Zeiten», in: ThZ, Jg. 31 [1975], S. 161–172; dort S. 164–167 📖; der hier zitierte Passus dort ungekürzt).↩
3
= Dickkopf.↩
4
Siehe oben S. 7, Anm. 5.↩
5
Vgl. W. Shakespeare, Hamlet, III. Aufzug, 3. Szene (Monolog des Hamlet) 📖:
Er überfiel in Wüstheit meinen Vater,
Voll Speis, in seiner Sünden Maienblüte.
↩
6
In diesem Brief vom 24.8.1933 sagte Barth seine Teilnahme an einer geplanten exegetischen Konferenz mit den Elberfelder Reformierten ab. Er könne mit ihnen zusammen kein «Kampfbekenntnis» gegen die Deutschen Christen formulieren, denn die meisten unter ihnen seien diesen gegenüber so kompromißbereit, daß sie die Radikalität von Barths Absage an diese Gruppe, mit der er sich fast gänzlich isoliert sehe, nicht würden hören können (englische Übersetzung des Briefes veröffentlicht innerhalb des Aufsatzes von J. Glenthøj, «On a much more central point». Karl Barth’s attitude to the Aryan paragraph, in: Remembering for the Future. Working Papers and Addenda, Vol. III: The Impact of the Holocaust or Genocide on Jews and Christians, Oxford u. a. 1989, S. 2457–2459 📖). — Wilhelm Niesel (1903–1988), 1930–1934 Pfarrer der reformierten Gemeinde in Elberfeld und zugleich Studieninspektor am dortigen Predigerseminar, 1934–1946 Mitglied des Rates und des Bruderrates der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union, 1935–1940 Dozent für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Berlin, 1945–1973 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1946–1968 Pfarrer in Schöller und nebenamtlich Professor für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, 1964–1970 Präsident des Reformierten Weltbundes.↩
7
Im ersten Teil seines Briefes vom 24.8.1933 bezog sich Barth auf Vischers Thesen über «Die Kirche und die Juden» (vgl. unten S. 490, Anm. 13) und Vischers unsichere persönliche Lage (vgl. unten S. 507, Anm. 6), im zweiten Teil begründete er seinen Rückzug aus dem Vorhaben des Elberfelder Kampfbekenntnisses damit, daß er «für den Augenblick einfach an der Möglichkeit verzweifle, mit einer unbestimmt zusammengesetzten Versammlung von deutschen Theologen ein vernünftiges Wort zu reden». Er betrachte angesichts des letzten Heftes von ZZ 📖(= Heft 4) seine Mitarbeit bei der Zeitschrift für beendet. Dieses Heft, das mit Barths Predigt über Lk. 6,36–42 (s. oben S. 443, Anm. 8) und seinem Vortrag «Das erste Gebot als theologisches Axiom» (s. oben S. 334, Anm. 62) beginnt, enthält u. a. einen Rezensionsartikel G. Wiesers (Gesetz und Evangelium in der Pädagogik, in: ZZ, Jg. 11 [1933], S. 357–362 📖), der dort — im Rahmen seiner kritischen Würdigung eines Werkes der von Barth wenig geschätzten M. von Tiling — Barths Verständnis von Gogartens «Anliegen der Anthropologie nur als Versuch einer natürlichen Theologie» als «ein arges Mißverständnis» bezeichnet (a.a.O., S. 359), zwei Beiträge der deutschchristlich Gesinnten Hans Schomerus und H. Knittermeyer (a.a.O., S. 362–367 und 367-371) sowie am Ende des Heftes «Mitteilungen und Hinweise» von G. Merz, in denen dieser, mit Bezug auf Barths Kritik in «Theologische Existenz heute! 📖», erneut positiv zu Zoellners Aufruf (s oben S. 424, Anm. 3) Stellung nimmt und sich von Schomerus’ Beitrag und von Knittermeyers Überzeugung, dialektische Theologie und Deutschchristentum verbinden zu können, distanziert (a.a.O., S. 374–376).↩