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Wir haben den Tag vorgestern in so freundlicher Erinnerung, daß ich es dir und Marguerite doch ausdrücklich sagen und euch beiden für Alles, was ihr uns an Zeit und Kraft und edlen Materialien aller Art geopfert habt, herzlich danken möchte. So wie die Weltläufe sich gestalten, ist es nötiger als je, sich von Zeit zu Zeit zu vergewissern, daß es auch noch einen Eduard gibt. Denk, so schön der Tag bei euch war, so traurig bin ich nachher doch heimgefahren. Einmal unter dem Eindruck des Gesprächs mit Hartenstein1, dann unter dem der Lektüre des Briefes von Georg, den ich dir hier zurückgebe. Ich verstehe gut, wenn du das nicht so scharf empfindest. Aber schau, für mich ist die Haltung, die ich ihn da einnehmen sehe, der Inbegriff von der Flaumacherei, in der ich die eigentliche Gefahr der gegenwärtigen Lage sehe. Dafür habe ich nun da draußen 12 Jahre lang unter Dampf gestanden, daß Einen |483 beim ersten Anlaß, wo es Ernst gelten würde, auch und gerade die menschlich nettesten Leute als «Phänomen» (so Georg auf der 2. Seite2!) angaffen, ganz erstaunt über die Zumutung, daß sie auch dabei sein sollten. Ich frage mich gewiß immer wieder, ob denn nicht ich einfach ein wahnsinniger, unbarmherziger Setzkopf3 bin, daß ich den Frieden so gar nicht schließen kann, der offenbar auch so ernsthaften Menschen wie Hartenstein ganz selbstverständlich ist, und daß ich dann sogar gegen solche Gestalten viel mehr richtigen Groll und Zorn zu verarbeiten habe als gegen die offenen Heiden und Ketzer. Warum muß ich so dran sein? Und wenn ich recht habe, warum muß ich so isoliert sein auch |484 und gerade unter den Gerechten, mit denen ich doch wahrhaftig lieber einig als so jämmerlich uneinig sein möchte, wie es nun der Fall ist? Warum kannst und darfst und mußt du nach allen Seiten, wie Lukas so schön sagte, Johannissimus4 sein und damit sicher für das Reich Gottes viel mehr ausrichten als ich, der offenbar überall, wo er hinkommt, so etwas wie eine Schwefelwolke hinter sich zurückläßt? Warum bestätigt man mir von allen Seiten, ich sei mannhaft, entschieden, klar und wie die Adjektive alle lauten, ich habe gewiß eine nötige Funktion zu erfüllen, etwa Beachtliches zu sagen usw. usw., um mich dann doch im Augenblick, in dem auf Widerstand Alles ankäme, mit der Ausrede von den berechtigten «Anliegen» des Feindes allein zu lassen und als Unversöhnlichen in meiner Sünden Maienblüte5 bloßzustellen. Oder ist es so, daß die ganze Lage darum so verfahren ist, weil in diesem gefährlichen Augenblick ich, der etwas weiß, was die Anderen nicht wissen, als ein so fatales Karnickel dastehe und mich benehme, daß es ganz natürlich ist, wenn sie es gerade durch mich nicht erfahren, es gerade mir nicht abnehmen können, ein ungehorsamer Prophet sozusagen, dem jetzt nichts übrig bleibt, als von dem ersten besten Löwen gefressen zu werden [vgl. 1.Kön. 13,11–32]? Ich weiß wirklich nicht, was los ist, was ich mir wünschen und was ich tun soll. — Diesen meinen Zustand, den du auch aus den beiliegenden Briefen an Niesel6 und Helmi Vi|485scher7 erkennen kannst, wollte ich dir melden, damit du gleich weißt, in welchem Sinn du mir, wenn du nächste Woche herkommst, zuzureden hast. Es hat’s wirklich nötig: Erkläre mir, wie man es macht, angesichts des Typus Georg oder Hartenstein nicht aus der Haut zu fahren bzw. angesichts seiner eigenen Torheit und Bosheit sanftmütig und gelinde wieder in seine eigene Haut zu fahren und die Anfechtungen des Lebens in Familie, Welt und Kirche fernerhin zu bestehen?
Gelt, du bringst dann die hieher gehörigen Beilagen wieder mit.
Sei indessen samt Marguerite von Herzen gegrüßt von deinen
Lollo ist eben etwas über Land gegangen. Sie würde sich sonst anschließen.