21. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

476
Lieber Eduard,

Berlin ist erledigt. Die altpreußische Union hat die Sache verunmöglicht!!1 — Nun fahren wir also nächste Woche in die Schweiz. Ach, das |477 ist doch sehr schön, so traurig es für das Ganze ist. — Die Plakate hängen an den Anschlagsäulen! Denkt morgen Abend an uns!

Alles Liebe Euch beiden
L.

Sachfußnoten

1
Nach Hesses Bericht (s. oben S. 474, Anm. 5) wurde über die Kandidaten für das vorläufige Geistliche Ministerium und das Reichsbischofsamt gleichzeitig in einer Kommission der Deutschen Christen und in einem Ausschuß der Kirchenregierungen verhandelt (Teilnehmer für die Reformierten: Hesse, Ruperti, Koopmann; für die Unierten: Friedrich Winckler, Präses der preußischen Generalsynode, der Berliner Generalsuperintendent Emil Karow und Prälat Wilhelm Diehl [Darmstadt]; für die Lutheraner: Meiser, Schöffel und Friedrich Coch, kommissarischer Bischof der sächsischen Landeskirche). In dem kirchlichen Ausschuß wirkte der Vorschlag zur Ernennung Barths «wie eine Bombe. Man wollte ihn ablehnen als Schweizer, als den Verfasser seiner jüngsten Broschüre, die die Deutschen Christen gereizt hätte, und als einen Theoretiker, der nach seinen eigenen Worten wie ein Vogel auf dem Dache sitze, während Handwerker im Hause nötig seien. — Ruperti und ich sind mit großem Nachdruck für Karl Barth als preußischen Staatsbeamten, als Theologen von Weltruf und als einen Mann, der gerade in der letzten Zeit sich praktisch an der Lösung der kirchlichen Fragen beteiligt hätte, eingetreten. Zuletzt blieb den anderen nur übrig, zu erklären, man denke an Professor Schumann-Halle als unierten Mann und könne nicht 2 Professoren in dem kleinen Kollegium haben. Vorerst aber wurde die Frage verschoben, bis auch Präsident Koopmann anwesend war.» Um eine Auslieferung der Kirche an die Deutschen Christen zu verhindern, wurde Marahrens als Bischofskandidat bestimmt. Diese erklärten jedoch einen anderen Kandidaten als Müller für untragbar und schlugen ein rein deutschchristlich besetztes Gremium vor (Müller, Fezer, Schumann, Weber), woraufhin im Plenum der Ruf nach einer Audienz bei Hitler laut wurde. In einem neuen Vorschlag der Deutschen Christen wurde auf die vorläufige Besetzung des Reichsbischofspostens zugunsten einer Lösung verzichtet, in der ein Gremium mit wechselndem Vorsitz zu benennen sei. Ihm sollten Müller, Fezer, Schumann und zwei von den Kirchenregierungen benannte Männer, als Reformierter statt des ausgefallenen Hollweg etwa Koopmann angehören. «Damit war allerdings wieder ein Jurist im Kollegium, und es handelte sich nicht mehr bloß um 4, sondern um 5 Männer. Aber man war für diesen reformierten Posten Karl Barth los. Nachdem man selber 2 Professoren vorgeschlagen hatte, war es selbstredend, daß nicht auch noch ein dritter Professor für das Fünfmännerkollegium zu benennen sei. Im übrigen verwies man auf die Tatsache, daß seitens der Deutschen Christen niemand aus dem radikalen Flügel genommen sei und daß man die vorgeschlagenen Männer als Personen und nicht als Mitglieder der Deutschen Christen ins Auge fassen müsse.» Der überraschte Koopmann beriet sich kurz mit Hesse und Präsident Tilemann: «Wir [Koopmann und Hesse] waren beide der Ansicht, Präsident Koopmann müsse auf dieses Angebot eingehen, so leid es mir tat, daß damit der Vorschlag Karl Barths, der bei der Gesamtstimmung unhaltbar geworden war, ins Wasser fiel.» Koopmann nahm die Ernennung an. «In unglaublicher Verblendung ging nun die Zustimmung zu dem Gesamtangebot der Deutschen Christen vor sich. Man nannte als weiteren Theologen Landesbischof Schöffel. Wohl schlug Landesbischof Kortheuer an seiner Statt noch Generalsuperintendent Karow vor, der aber selber merkte, wie wenig die Stimmung dafür vorhanden war, sodaß er bat, von ihm absehen zu wollen. Präsident Hundt grub der Kirchenregierung der Altpreußischen Union völlig das Grab, indem er das Angebot der Deutschen Christen, bei dem ja ein Vertreter der Regierung dieser größten deutschen Landeskirche überhaupt fehlte, als großes Entgegenkommen pries. Landesbischof D. Marahrens versagte in diesem Augenblick leider ebenfalls völlig. Alle Grundsätze waren vergessen, und in einer verhängnisvollen Überstürzung, die wohl mit beeinflußt war durch die bevorstehende Beschlußfassung einer Audienz bei Hitler, ging man seitens der Kirchenregierungen auf diese ‹Befriedung› ein. Die Deutsche Evangelische Kirche war damit in ihrer vorläufigen Leitung zu 60% den Deutschen Christen ausgeliefert, und die Zukunft wird zeigen, was das zu bedeuten hat!» Die so zusammengestellte «Einstweilige Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche» wurde erst nach der ersten Tagung der Nationalsynode am 27.9.1933 abgelöst.↩