24. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Karls Wahl hatte Erfolg. Der Sitz im Presbyterium ist ihm gesichert, wenn nicht «Unvorhergesehenes» eintritt. Die absolute Mehrheit haben die D. Christen. Aber unser Listlein hat einen überraschenden Sieg errungen: 10% der Gesamtstimmen, was angesichts der nur 3tägigen Vorbereitung (die Anderen hatten Wochen!) Allerhand besagt.1 — Karls |478 Vortrag war vielleicht das Beste, was ich überhaupt noch an Vorträgen von ihm hörte. Er hatte sehr viel Zuhörer — der große Saal war dicht besetzt —, sprach frei und wurde auch nicht einmal unterbrochen. An Ruedis ging eine eingehende Schilderung des Vorganges.2

In Eile mit herzlichen Grüßen
D. Lollo

Hoffentlich, hoffentlich fallen nun nicht weitere Wahlen und Sitzungen mitten in die Ferien. Wir rechnen damit. —

Sachfußnoten

1
Das Ergebnis der Kirchenwahl, bei der die Liste «Für die Freiheit des Evangeliums» einen Stimmenanteil von 10,7% erreichte, bestimmte über die Zusammensetzung der sogenannten größeren Gemeindevertretung (s. unten S. 578, Anm. 12). Somit gingen 6 der 60 Sitze an diese dritte Liste, darunter an die Professoren Barth, Wolf und Hölscher. Im Presbyterium, das die Gemeindevertretung berief, stand der dritten Liste 1 Sitz zu, den Deutschen Christen 6 und der Liste «Deutsche Evangelische Kirche» 5 Sitze. Bei geheimen Verhandlungen der beiden großen Listen am 25.7. wurde vereinbart, daß die Liste «Deutsche Evangelische Kirche» den Deutschen Christen einen Presbyteriumssitz abtreten werde, wofür diese «die Herstellung des Friedens in der Gemeinde sowie die gleichberechtigte Mitarbeit und entsprechende Vertretung in allen Kommissionen zusicherten» (Hinz-Wessels, S. 153 📖). Offenbar in Unkenntnis dieser Vereinbarung stimmte Barth am selben Tag einer Regelung zu, wonach die Presbyteriumssitze dem Ergebnis der Kirchenwahl entsprechend ohne eigenen Wahlvorgang verteilt werden sollten. Vgl. Hinz-Wessels, S. 121.151-154. ↩
2
Anscheinend nicht erhalten. Nelly Barth schilderte D. Stoevesandt am 23.7.1933 die Ereignisse «in den letzten Tagen»: «Studenten arbeiten fieberhaft mit, Flugblätter drucken und verteilen zu lassen. Es gelingt im letzten Moment, ein Gemeindegliederverzeichnis der Evangelischen Kirchen [sic] geheim geliehen zu bekommen — abschreiben der Namen, etc. nachts in unserem Eßzimmer durch ca. 20 Mann — Alle Erlaubnisse sind eingeholt — kein Verbot tritt dazwischen [—] kommt der gestrige Samstagabend — circa 1000 Menschen füllen den großen Saal des B[onner] ‹Bürgervereins›, Deutsche Christen und S.A. Leute sind anwesend. Aber ungestört, stark, und mit Wucht kann mein Mann sprechen — frei, aber vorbereitet. Es war wirklich eine Stunde von großem Gehalt. Es war möglich jetzt — daß das Evangelium in seiner Freiheit und ganz und gar aus dem Glauben aufgezeigt wurde! Es war möglich, daß die Hörer je und je ihr Einverständnis kundtaten und bis zum Schluß mitgingen. Freudig drückten Gesinnungsgenossen sich die Hand! Es war einfach schön! Daß mein Mann diese ruhige Reife erlangen durfte, daß seine ihm vertrauenden jungen Männer durch ihn die Wahrheit so vor der Öffentlichkeit bekannt und respektiert hören durften, vor sie nun auseinandergehen und nicht wissen, welche Lehrer an welchen Universitäten sie später haben werden, war das nicht schön!» (vorgehende Sätze zitiert oben S. 472, Anm. 2).↩