16. Juli 1933

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard,

So kann es gehen in aufgeregten Zeiten: Gestern Abend spät bekamen wir noch eine Zeitung, die die endgültige Fassung der Kirchenverfassung enthielt1 und in der nun doch an wesentlichen Punkten dem Entwurf gegenüber wichtige Verbesserungen angebracht sind, ganz abgesehen davon, daß das fragwürdige «Bekenntnis»2 ganz wegfällt. Wir |471 sind froh, auch wenn wir uns natürlich davon noch nicht allzuviel versprechen. Aber soviel scheint festzustehen, daß die D. Chr. auf keinen Fall siegreich durchgedrungen sind und etwa allein das Feld beherrschen dürften. Die Kommissare sind gestern alle zurückgezogen, alle beurlaubten Pfarrer und Superintendenten wieder im Amt, und die alten Kirchenregierungen regieren wieder mit wenigstens!3 — Ein ausführlicher Eilbrief von Karl an D. Hesse in Sachen der Verfassung4 hat sicher auch das Seinige beigetragen, wie ich auch glaube, daß seine Broschüre den Widerstand ganz wesentlich gestärkt hat. 12000 Stk. sind nun bereits gedruckt. — Mit einer weiteren Veröffentlichung will K. zunächst nun doch noch warten, nachdem gegen die Verfassung in dieser Form kein Sturmangriff nötig scheint. — Also dies nur als kleine, dies|472mal positive Korrektur zu dem gestrigen Schreiben. — Deinen Brief hat K. bekommen. Er muß auf die Ferien warten.

In Eile herzlichst
D. L.

Sachfußnoten

1
Wahrscheinlich: Kölnische Zeitung, Nr. 379 vom 15.7.1933 (Abendausgabe), darin auf der Titelseite unter der Überschrift «Das Gesicht der Deutschen Evangelischen Kirche» 📖 Text der Reichskirchenverfassung vom 11.7.1933 (Titelseite im Karl Barth-Archiv); Abdrucke in: Gauger I, S. 69.71.73.75 📖; H. Kater, Die Deutsche Evangelische Kirche …, a.a.O. (S. 454, Anm. 2), S. 209–213 📖; Kretschmar/Nicolaisen, S. 185–190 📖.↩
2
Noch der Verfassungsentwurf vom 10.7.1933 hatte mit dem aus dem Loccumer Manifest übernommenen Bekenntnis begonnen: «Unser ganzes Vertrauen setzen wir auf den allmächtigen Gott, unseren Vater im Himmel. Ihm und seinem Gebot sind wir in jedem Augenblick und überall verantwortlich. / Wir bekennen, daß wir vor Gott in unserer bösen und verkehrten Art verloren sind. … [Fortsetzung, im Verfassungsentwurf nur unwesentlich verändert, s. oben S. 422, Anm. 10] Unter den Sorgen und Nöten des irdischen Lebens warten wir in Vertrauen und Verantwortung. Christus kommt wieder und bringt eine ewige Vollendung im Reiche seiner Herrlichkeit» (abgedruckt in: H. Kater, a.a.O., S. 205f. 📖).↩
3
Am 14.7.1933 hatte Kultusminister Rust Jäger von seiner Aufgabe als Kirchenkommissar entbunden und am 15.7. die von diesem eingesetzten Bevollmächtigten zurückgezogen (vgl. Gauger I, S. 91f. 📖). Beides wurde in der Abendausgabe der Kölnischen Zeitung vom 15.7.1933 (s. Anm. 1) mitgeteilt. Die volle Wiedereinsetzung der preußischen Oberkirchenrates stieß zunächst auf Schwierigkeiten (vgl. Scholder I, S. 481 📖).↩
4
Brief vom 9.7.1933, mit dem Barth auf eine am Morgen desselben Tages eingetroffene Sendung von Hesse reagierte, die neben einem dreiseitigen Brief Hesses im Namen der Bevollmächtigten des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes vom 8.7.1933 (an Barth, Prof. Viktor Bredt, Goeters, Koopmann und den Elberfelder Kirchmeister Dr. iur. Carl Mensing) folgende Dokumente enthielt: Abschrift des Verfassungsentwurfes vom 17.6.1933 mit einer Erweiterung der Präambel durch das Bekenntnis aus dem Entwurf vom 7.7.1933 (mit Rotstift bearbeitetes Exemplar mit Bleistiftänderungen in Barths Handschrift im Karl Barth-Archiv) und einen Durchschlag der «Abänderungen an dem Verfassungsentwurf der Bevollmächtigten des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes durch den vom Wehrkreispfarrer Müller unter Zuziehung von Landesbischof D. Marahrens gebildeten Ausschuß» (4 S.) (Abdruck des Entwurfes vom 17.6. in: H. Kater, a.a.O., S. 201–205, des Entwurfs vom 7.7. dort S. 205–208 📖; Text des Bekenntnisses: s. oben Anm. 2). In seiner Antwort nannte Barth das, wovon er «wünschte, daß noch Einspruch erhoben werden möchte. Es ist selbstverständlich, daß ich auch da, wo ich nichts bemerke, nur mit dem Vorbehalt zustimme, daß mir der Geist und die Richtung des Ganzen, aufrichtig gesagt, bedenklich ist. Ich bin froh, an der Verantwortung für dieses ganze Unternehmen nicht mittragen zu müssen.» Barth beendete den Brief mit den Sätzen: «Ich schreibe Ihnen das Alles traurigen Herzens, denn eine Sache, die man mit einem ‹dankbaren Ja› (!) begrüßen könnte, wird diese Verfassung, auch wenn es noch gelingen sollte, das Eine oder Andere anzubringen bzw. wegzubringen, auf keinen Fall werden. Der Augenblick wird einmal kommen, wo die Kirche das hier entstehende Gebäude mit einiger Beschämung wieder wird abtragen müssen.»↩