3. Juli 1933

Karl Barth an Eduard Thurneysen

441
L. E.!

Wie seltsam! Mich hat’s auf einmal nach Berlin verschlagen auf den Hauptschauplatz der neuesten deutschen Kirchengeschichte, von dem ich doch eben noch schrieb, daß auf ihn gar nichts ankomme1. Aber der gute Hesse ließ mich gestern spät in der Nacht plötzlich so dringend anfordern, daß ich heute früh, Kolleg und Seminar und Alles hinter mir lassend, mich in den D-Zug werfen mußte. Was soll ich hier? Ich weiß es wirklich noch nicht. Infolge der Intervention von Hindenburg2 (und Hitler!3, dem ein entschlossener Pfarrer auf die Bude zu rücken gewußt habe!4) scheint eine Art rückläufige Bewegung eingesetzt |442 zu haben. Die drei schon abgesetzten Bevollmächtigten der Kirche wurden wieder auf den Plan gerufen zu neuer Verhandlung mit der Regierung.5 Und dazu soll ich nun Hesse beistehen (nur hinter den Kulissen!), sozusagen als theologisches Korsett, mit Ratschlägen, Formulierungen und dergl. Noch ist’s freilich gar nicht sicher, ob die braven Kirchenonkels von den erbosten Ketzern nicht doch wieder ganz roh nach Hause geschickt werden. Vorläufig hatte ich noch nichts zu tun, als im Speisewagen ein gutes Essen mit Moselwein zu mir zu nehmen, und nun sitze ich in einem Hotelzimmer, lese ein Buch über Schleiermacher und rauche meine Pfeife wie daheim, wartend der Dinge, die da kommen sollen. — In Bonn traf gestern der Amerikaner Homrighausen ein samt prächtiger Gemahlin. Er wird nun schwer enttäuscht sein, nichts von mir zu hören zu bekommen. Du wirst ihn dann in Adelboden umso besser speisen und tränken.6 Ach ja, Adelboden, Gletscherbäche, |443 Herdenglocken … wie liegt das alles so weit weg von dem Spektakel, in den die Menschheit sich hier verwickelt hat. Es ist wirklich erstaunlich, was doch der Mensch alles kann, wenn er einmal anfängt, sich in Konsequenzen auszurasen. Um das geht’s ja! Es ist wie eine Motorradfahrt mit 150 km Geschwindigkeit. Wenn es nur nicht samt Klammeräffli7 und allem drum und dran in irgend einem heillosen Graben endigt! Am nächsten Sonntag habe ich zu predigen.8 Aber was wird am nächsten Sonntag sein?

Hab gute Ferien, «du hesch’s verdient, Edi!»9 Wir werden dich, so gut es geht, weiterhin auf dem Laufenden erhalten und freuen uns, dich, euch wiederzusehen, hoffentlich ohne daß wir mit verbundenen Köpfen auftreten müßten!

Heil!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Dokumente dieses Inhalts sind nicht erhalten.↩
2
Beeindruckt durch die anhaltenden Proteste, die seit dem staatlichen Eingriff am 24.6. (s. oben S. 429, Anm. 14) bei ihm eingingen, hatte Hindenburg Hitler bei einem Treffen am 29.6.1933 in Neudeck gedrängt, für die Wiederherstellung von Recht und Ordnung in der Kirche zu sorgen, und wiederholte seine Aufforderung in einem am 1.7.1933 in der Tagespresse veröffentlichten Brief vom 30.6.1933 an Hitler (abgedruckt bei Kretschmar/Nicolaisen I, S. 83 📖; Gauger I, S. 88 📖; Hermelink, S. 44 [Auszüge] 📖; vgl. Scholder I, S. 465f. 📖).↩
3
Durch Hindenburgs Einschreiten endgültig zum Handeln genötigt, erreichte Hitler noch am 30.6.1933 die Ausarbeitung eines Planes, nach dem L. Müller mit Unterstützung durch Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877–1946), der die Verhandlungen für das Reich führen sollte, möglichst schnell alle Gruppen einigen und für eine neue Kirchenverfassung gewinnen sollte. Danach sollten alle Kommissare zurückgezogen und die neuen Verantwortlichen durch Kirchenwahlen legitimiert werden. Die Beauftragung Fricks wurde der Öffentlichkeit zusammen mit dem Brief Hindenburgs mitgeteilt, ebenso ein Aufruf Müllers (Abdruck des Schreibens von Frick an Müller vom 30.6. bei Kretschmar/Nicolaisen I, S. 83f. 📖; vgl. Scholder I, S. 466f. 📖; Meier I, S. 103 📖).↩
4
Der Berliner Pfarrer Erich Backhaus war, als er Hitler zufällig im Verwaltungsgebäude des Vereins deutscher Zeitungsverleger begegnete, spontan auf diesen zugegangen mit den Worten: «Herr Reichskanzler, bewahren Sie die evangelische Kirche vor Zerspaltung und Vergewaltigung», und hatte den überraschten Hitler in ein zwanzigminütiges Gespräch über die Lage der evangelischen Kirche verwickelt, worin er ihn mit der oppositionellen Sicht konfrontierte (vgl. J. Glenthöj [sic], Unterredung im Vestibül. Das Gespräch zwischen Pfarrer Backhaus und Hitler am 28. Juni 1933, in: Kirche in der Zeit. Evangelische Kirchenzeitung, Jg. 17 [1962], S. 386–394 📖; die längere der zwei überlieferten Aufzeichnungen des Gespräches bei Kretschmar/Nioolaisen I, S. 94–98 📖; Scholder I, S. 464f. 📖). — In seiner Predigt am folgenden Sonntag sagte Backhaus: «Ein zweiter Lichtblick [in der letzten Woche] war für mich das Gespräch mit Hitler, das ich durch Gottes Fügung haben durfte. Wie ernst und verständnisvoll hat mich der Reichskanzler angehört. Habe ich Hitler bisher verehrt, so habe ich ihn bei diesem Gespräch liebgewonnen. Es ist mir dabei klargeworden, welche ungeheure Verantwortung auf dem Führer ruht, wie ein solcher Führer in Gefahr ist, daß ihm die Dinge einseitig geschildert werden; daß seine Grundsätze über das Verhältnis von Kirche und Staat durchkreuzt werden. Darum müssen wir ganz ernst mit unserer Fürbitte hinter ihm stehen»; E. Backhaus, Ein Ruf des Friedens und der Wahrhaftigkeit. Ein Wort zum Kirchenstreit und zur Kirchenerneuerung (Predigt [über Apg. 16,25–34 mit einem Nachtrag zur Beflaggung der Kirche mit zwei Reichsfahnen und der Kirchenfahne, S. 3). Barths Exemplar trägt auf dem Titelblatt unter dem Namen des Predigers die Bleistiftaufschrift: «der mit herzlichem Dank Ihren Ruf in Ihrem Aufsatz ‹Theologische Existenz heute!› gehört hat.»↩
5
Nachdem L. Müller vergeblich versucht hatte, einen Verfassungsausschuß zu konstituieren, traf er sich am 4.7.1933 unter dem Vorsitz von Reichsinnenminister Frick mit den drei Bevollmächtigten, um zu klären, ob er selber oder das Dreimännerkollegium für den Abschluß der neuen Kirchenverfassung zuständig sein sollte (vgl. Schneider, S. 139f 📖; Scholder I, S. 472 📖).↩
6
Homrighausen traf Barth doch noch in Bonn bei einem Schwarzen Kaffee, erhielt ein Exemplar von «Theologische Existenz heute!» und hörte am 6.7.1933 seine Vorlesungen (laut einem Dankesbrief Homrighausens an Barth vom 7.7.1933). Das offenbar geplante Treffen mit Thurneysen kam dagegen nicht zustande (nach einem Brief von Homrighausen an Thurneysen vom 2.12.1933; Nachlaß Thurneysen 📖; s. auch unten S. 466). Homrighausen war seit 1923 mit Ruth Willa Strassburger verheiratet.↩
7
D. h. Beifahrer (der sich an den vor ihn sitzenden Fahrer klammert).↩
8
Barth predigte am 9.7.1933 im Bonner Universitätsgottesdienst über Lk. 6,36–42; Wiederabdruck der Predigt in: Pr. 1921-1935, S. 287–295 📖.↩
9
Siehe oben S. 44, Anm. 4.↩