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Wie seltsam! Mich hat’s auf einmal nach Berlin verschlagen auf den Hauptschauplatz der neuesten deutschen Kirchengeschichte, von dem ich doch eben noch schrieb, daß auf ihn gar nichts ankomme1. Aber der gute Hesse ließ mich gestern spät in der Nacht plötzlich so dringend anfordern, daß ich heute früh, Kolleg und Seminar und Alles hinter mir lassend, mich in den D-Zug werfen mußte. Was soll ich hier? Ich weiß es wirklich noch nicht. Infolge der Intervention von Hindenburg2 (und Hitler!3, dem ein entschlossener Pfarrer auf die Bude zu rücken gewußt habe!4) scheint eine Art rückläufige Bewegung eingesetzt |442 zu haben. Die drei schon abgesetzten Bevollmächtigten der Kirche wurden wieder auf den Plan gerufen zu neuer Verhandlung mit der Regierung.5 Und dazu soll ich nun Hesse beistehen (nur hinter den Kulissen!), sozusagen als theologisches Korsett, mit Ratschlägen, Formulierungen und dergl. Noch ist’s freilich gar nicht sicher, ob die braven Kirchenonkels von den erbosten Ketzern nicht doch wieder ganz roh nach Hause geschickt werden. Vorläufig hatte ich noch nichts zu tun, als im Speisewagen ein gutes Essen mit Moselwein zu mir zu nehmen, und nun sitze ich in einem Hotelzimmer, lese ein Buch über Schleiermacher und rauche meine Pfeife wie daheim, wartend der Dinge, die da kommen sollen. — In Bonn traf gestern der Amerikaner Homrighausen ein samt prächtiger Gemahlin. Er wird nun schwer enttäuscht sein, nichts von mir zu hören zu bekommen. Du wirst ihn dann in Adelboden umso besser speisen und tränken.6 Ach ja, Adelboden, Gletscherbäche, |443 Herdenglocken … wie liegt das alles so weit weg von dem Spektakel, in den die Menschheit sich hier verwickelt hat. Es ist wirklich erstaunlich, was doch der Mensch alles kann, wenn er einmal anfängt, sich in Konsequenzen auszurasen. Um das geht’s ja! Es ist wie eine Motorradfahrt mit 150 km Geschwindigkeit. Wenn es nur nicht samt Klammeräffli7 und allem drum und dran in irgend einem heillosen Graben endigt! Am nächsten Sonntag habe ich zu predigen.8 Aber was wird am nächsten Sonntag sein?
Hab gute Ferien, «du hesch’s verdient, Edi!»9 Wir werden dich, so gut es geht, weiterhin auf dem Laufenden erhalten und freuen uns, dich, euch wiederzusehen, hoffentlich ohne daß wir mit verbundenen Köpfen auftreten müßten!
Heil!