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29. Juni 1933
Da bin ich nun endlich auch mit einem direkten Wort an dich, nachdem sozusagen Tag und Nacht in dieser Woche über dich und von dir bei uns die Rede war. Ich kann dir nur restlos dankbar sein und in besonderer Weise verbunden deiner und deiner Arbeit und deines Kampfes gedenken. Broschüre und Brief haben nun zu mir geredet. Ich habe, was du sagst, sogleich und in langen durstigen Zügen in mich hineingetrunken und dann den Kelch abgesetzt und aufgeatmet wie ei|436ner, der aus einem Kellerloch heraus endlich wieder an die frische Luft heraustreten darf. Und so wird es jetzt Unzähligen ergehen — das ist gewiß. Viel darüber schreiben kann ich dir jetzt nicht. Aber sei getrost (wenn du dieses Zurufes bedürfen solltest), du hast ein Loch geschlagen, einen Pfahl eingerammt, ein Fundament gelegt, einen Turm errichtet oder, ganz einfach gesagt: du hast der Kirche, wirklich der Kirche zum Wort geholfen. Und wie sollte das umsonst getan sein! Es ist wohl in den Sturm hineingerufen, aber ich habe keine Angst, das wird nicht untergehen, sondern gehört werden und Frucht tragen. Du kannst nun ohne Sorge wieder zu deiner eigentlichen Arbeit zurückkehren oder auch — und auch das wird sein dürfen — dein «gut torgauisch Bier» trinken1 — was immer kommen mag, das Wort läuft [vgl. 2.Thess. 3,1], und bricht vielleicht jenem ganz anderen Worte, um das es heute in der Kirche erst recht wieder gehen muß, Bahn und Weg. Ich bin mit ganzer Anteilnahme dabei! Wie noch selten ist man wach und fragt sich von Tag zu Tag, was nun das nächste sein werde. Mir ist persönlich erst durch deine Schrift ganz klar und deutlich vor Augen getreten, um was es dir in all diesen Wochen mit ihren Kämpfen gegangen ist. Natürlich konnte ich die Linien nicht in der Klarheit und Kraft sehen, in der sie nun aus deiner Darlegung wie aus einem Nebel heraustreten und für mich — schlechthin überzeugend. Der eigentlich kritische Punkt ist ja sicher (wenn ich an unsere Nächsten denke) die Stellungnahme zu den «Jungreformatoren»2 (an sich ein ganz fataler Name, aber |437 in Baden3 wurde allgemein so von ihnen geredet). Ich verstehe dich aber auch an diesem Punkte völlig. Du mußtest da hart bleiben und sagst auch warum. Man kann jetzt mit keinem Gänsliwein4 mehr aufwarten. Entweder — Oder! Aber es ist nun wirklich der rechte Augenblick, daß dein Wort auf dem Plan erscheint.
Wie ich etwa dachte, magst du aus dem Brief ersehen, den ich also an Georg schrieb5 und den er aus mir unverständlicher Zurückhaltung Lollo bei ihrem Besuche nicht zu lesen gab. Natürlich ist da alles zu harmlos gesehen und wirken die Informationen sehr nach, die ich über D. Hesses Haltung vor allem an den badischen Konferenzen erhalten habe. Übrigens hat auch De Quervain das im Briefe an Georg enthaltene Urteil über Hesse einigermaßen in einem kürzlichen Gespräch mit mir bestätigt, wenigstens nicht einfach widerlegt. Etwas wird ja daran sein. Und daß diese, wie du selber schreibst, nicht ganz starke Haltung des Reformierten Kernmannes die Leute um Bodelschwingh geärgert haben muß, ist ja klar. Sie sah offenbar von außen allzu sehr nur taktisch, zu wenig wirklich prinzipiell aus.6 Allerdings — wie hätte Georg |438 in Bethel etwa nicht für Bodelschwingh sein können! Das war ja sicher für ihn zu viel verlangt. Ich weiß ebenfalls von Helmi, wie stark offen|439bar die persönliche Bindung sein muß, die Bodelschwingh von sich ausströmen läßt. Aber hätte es nicht doch eine Möglichkeit für ihn geben können, dich wenigstens zu verstehen, umso mehr, als ihr ja durch persönliche Intervention von Lollo euch ihm gegenüber wahrhaftig erklärt habt! Nun, auch da wird dein Wort nun Klärung schaffen. Daß du sicher nicht allein stehen bleiben wirst, das konnte ich schon aus einigen Gesprächen mit den paar deutschen Pfarrern als sicher voraussehen, die ich auch jetzt am Missionsfest (das übrigens gerade in diesem Augenblick vor meinem Fenster die Festgäste aus dem Einsegnungsgottesdienst im Münster7 auf den Platz heraus ergießt) wieder hatte. Es gibt mehr, als man vielleicht denkt, die auch Bodelschwingh und den Jungreformatoren gegenüber ihre starken Reserven haben aus nicht so sehr anderen, wenn auch vielleicht nur dunkel empfundenen Gründen, wie du sie mit Kraft und Einfalt auf den Plan stellst. Dabei bleibe ich eigentlich doch, daß im Stillen noch mehr Leute in der Kirche sind, die für ein Wort wie das deine sehr offene Ohren haben und denen du wahrhaftig Stärkung und Wegzehrung darreichen wirst und die dadurch in den Stand gesetzt werden weiterzuwandern durch die vielleicht kommenden sehr dunkeln Täler [vgl. Ps. 23,4]. Ach, Karl, wie gut, daß dies Fenster an deinem Haus nun hat aufgehen dürfen und deine Stimme so kräftig in den Raum der Kirche erschallt! Das wird dich nie reuen. Das ist gewirkt, «solange es Tag ist». Mag nun die Nacht kommen, da es mit dem Wirken zu Ende ist [vgl. Joh. 9,4].
Marguerite läßt dich besonders herzlich mitgrüßen. Sie hat dein Wort ebenfalls sofort mitgelesen. Und gestern erschienen wahrhaftig Ruedi und Gerty am Abend und übernachteten und bekamen die Speise deines Wortes natürlich auch sofort vorgesetzt. Ich lasse es nun in Basel schnell kopieren und gebe dann ein Exemplar davon an Ruedi weiter. Oder wird die Schrift selber wohl schon gleich da sein? Im übrigen bringt natürlich das Missionsfest ebenfalls allerlei Leute zu Gesicht. |440 Hartenstein — ach Hartenstein ist wohl voll guten Willens, abet die Stimme seines Blutes ist immer auch sehr stark da, und dazu kommt ein wirklich politisches Unbegabtsein und Gläubigsein im falschen Sinne, so daß mit ihm das Gespräch nicht immer ganz einfach zu führen ist. Heute abend trifft übrigens zu allem auch noch «Onkel Willy mit Tante Elisabeth» aus Zürich ein: in Spoendlins Kirchgemeinde ist eine Pfarrwahl im Gang8, und da will er glaub mit mir Rücksprache nehmen. Daß auch ich von einer Wahl für meinen Nachbarn9 einigermaßen bewegt bin, ist ja nicht sehr wesentlich, du ersiehst es aus dem Brief an Georgius.
Deine Mahnungen an uns Schweizer sind sicher zehnmal am Platze. Ich will sie weitergeben. Aber ich fürchte, es wird eben scheitern am Mangel jenes besseren positiven Programmes, das die heute noch Führenden bereithaben sollten. Und nun sei mit Lollo und Nelly herzlich gegrüßt. In wenigen Wochen werdet ihr hochaufatmend die Bergliheimat erreichen. Dann sehen wir uns ja auf alle Fälle wieder. Meine Ferien fallen allerdings dies Jahr ganz in den Juli, so daß ich gerade dann wieder anfangen muß, wenn Ihr eintrefft. Vom 7. August weg sitze ich wieder am Minschterplatz. Von nächsten Donnerstag weg also in Adelboden: in euerm ehemaligen Häuslein (Chalet Klossner, im Boden), und zwar zusammen mit Hartenstein, der im Häuslein vorne, wo Karl Pfisterer10 sei|441nerzeit wohnte, Ferien machen will. Hoffentlich bekommen wir nicht Krach miteinander!