29. Juni 1933

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Da bin ich nun endlich auch mit einem direkten Wort an dich, nachdem sozusagen Tag und Nacht in dieser Woche über dich und von dir bei uns die Rede war. Ich kann dir nur restlos dankbar sein und in besonderer Weise verbunden deiner und deiner Arbeit und deines Kampfes gedenken. Broschüre und Brief haben nun zu mir geredet. Ich habe, was du sagst, sogleich und in langen durstigen Zügen in mich hineingetrunken und dann den Kelch abgesetzt und aufgeatmet wie ei|436ner, der aus einem Kellerloch heraus endlich wieder an die frische Luft heraustreten darf. Und so wird es jetzt Unzähligen ergehen — das ist gewiß. Viel darüber schreiben kann ich dir jetzt nicht. Aber sei getrost (wenn du dieses Zurufes bedürfen solltest), du hast ein Loch geschlagen, einen Pfahl eingerammt, ein Fundament gelegt, einen Turm errichtet oder, ganz einfach gesagt: du hast der Kirche, wirklich der Kirche zum Wort geholfen. Und wie sollte das umsonst getan sein! Es ist wohl in den Sturm hineingerufen, aber ich habe keine Angst, das wird nicht untergehen, sondern gehört werden und Frucht tragen. Du kannst nun ohne Sorge wieder zu deiner eigentlichen Arbeit zurückkehren oder auch — und auch das wird sein dürfen — dein «gut torgauisch Bier» trinken1 — was immer kommen mag, das Wort läuft [vgl. 2.Thess. 3,1], und bricht vielleicht jenem ganz anderen Worte, um das es heute in der Kirche erst recht wieder gehen muß, Bahn und Weg. Ich bin mit ganzer Anteilnahme dabei! Wie noch selten ist man wach und fragt sich von Tag zu Tag, was nun das nächste sein werde. Mir ist persönlich erst durch deine Schrift ganz klar und deutlich vor Augen getreten, um was es dir in all diesen Wochen mit ihren Kämpfen gegangen ist. Natürlich konnte ich die Linien nicht in der Klarheit und Kraft sehen, in der sie nun aus deiner Darlegung wie aus einem Nebel heraustreten und für mich — schlechthin überzeugend. Der eigentlich kritische Punkt ist ja sicher (wenn ich an unsere Nächsten denke) die Stellungnahme zu den «Jungreformatoren»2 (an sich ein ganz fataler Name, aber |437 in Baden3 wurde allgemein so von ihnen geredet). Ich verstehe dich aber auch an diesem Punkte völlig. Du mußtest da hart bleiben und sagst auch warum. Man kann jetzt mit keinem Gänsliwein4 mehr aufwarten. Entweder — Oder! Aber es ist nun wirklich der rechte Augenblick, daß dein Wort auf dem Plan erscheint.

Wie ich etwa dachte, magst du aus dem Brief ersehen, den ich also an Georg schrieb5 und den er aus mir unverständlicher Zurückhaltung Lollo bei ihrem Besuche nicht zu lesen gab. Natürlich ist da alles zu harmlos gesehen und wirken die Informationen sehr nach, die ich über D. Hesses Haltung vor allem an den badischen Konferenzen erhalten habe. Übrigens hat auch De Quervain das im Briefe an Georg enthaltene Urteil über Hesse einigermaßen in einem kürzlichen Gespräch mit mir bestätigt, wenigstens nicht einfach widerlegt. Etwas wird ja daran sein. Und daß diese, wie du selber schreibst, nicht ganz starke Haltung des Reformierten Kernmannes die Leute um Bodelschwingh geärgert haben muß, ist ja klar. Sie sah offenbar von außen allzu sehr nur taktisch, zu wenig wirklich prinzipiell aus.6 Allerdings — wie hätte Georg |438 in Bethel etwa nicht für Bodelschwingh sein können! Das war ja sicher für ihn zu viel verlangt. Ich weiß ebenfalls von Helmi, wie stark offen|439bar die persönliche Bindung sein muß, die Bodelschwingh von sich ausströmen läßt. Aber hätte es nicht doch eine Möglichkeit für ihn geben können, dich wenigstens zu verstehen, umso mehr, als ihr ja durch persönliche Intervention von Lollo euch ihm gegenüber wahrhaftig erklärt habt! Nun, auch da wird dein Wort nun Klärung schaffen. Daß du sicher nicht allein stehen bleiben wirst, das konnte ich schon aus einigen Gesprächen mit den paar deutschen Pfarrern als sicher voraussehen, die ich auch jetzt am Missionsfest (das übrigens gerade in diesem Augenblick vor meinem Fenster die Festgäste aus dem Einsegnungsgottesdienst im Münster7 auf den Platz heraus ergießt) wieder hatte. Es gibt mehr, als man vielleicht denkt, die auch Bodelschwingh und den Jungreformatoren gegenüber ihre starken Reserven haben aus nicht so sehr anderen, wenn auch vielleicht nur dunkel empfundenen Gründen, wie du sie mit Kraft und Einfalt auf den Plan stellst. Dabei bleibe ich eigentlich doch, daß im Stillen noch mehr Leute in der Kirche sind, die für ein Wort wie das deine sehr offene Ohren haben und denen du wahrhaftig Stärkung und Wegzehrung darreichen wirst und die dadurch in den Stand gesetzt werden weiterzuwandern durch die vielleicht kommenden sehr dunkeln Täler [vgl. Ps. 23,4]. Ach, Karl, wie gut, daß dies Fenster an deinem Haus nun hat aufgehen dürfen und deine Stimme so kräftig in den Raum der Kirche erschallt! Das wird dich nie reuen. Das ist gewirkt, «solange es Tag ist». Mag nun die Nacht kommen, da es mit dem Wirken zu Ende ist [vgl. Joh. 9,4].

Marguerite läßt dich besonders herzlich mitgrüßen. Sie hat dein Wort ebenfalls sofort mitgelesen. Und gestern erschienen wahrhaftig Ruedi und Gerty am Abend und übernachteten und bekamen die Speise deines Wortes natürlich auch sofort vorgesetzt. Ich lasse es nun in Basel schnell kopieren und gebe dann ein Exemplar davon an Ruedi weiter. Oder wird die Schrift selber wohl schon gleich da sein? Im übrigen bringt natürlich das Missionsfest ebenfalls allerlei Leute zu Gesicht. |440 Hartenstein — ach Hartenstein ist wohl voll guten Willens, abet die Stimme seines Blutes ist immer auch sehr stark da, und dazu kommt ein wirklich politisches Unbegabtsein und Gläubigsein im falschen Sinne, so daß mit ihm das Gespräch nicht immer ganz einfach zu führen ist. Heute abend trifft übrigens zu allem auch noch «Onkel Willy mit Tante Elisabeth» aus Zürich ein: in Spoendlins Kirchgemeinde ist eine Pfarrwahl im Gang8, und da will er glaub mit mir Rücksprache nehmen. Daß auch ich von einer Wahl für meinen Nachbarn9 einigermaßen bewegt bin, ist ja nicht sehr wesentlich, du ersiehst es aus dem Brief an Georgius.

Deine Mahnungen an uns Schweizer sind sicher zehnmal am Platze. Ich will sie weitergeben. Aber ich fürchte, es wird eben scheitern am Mangel jenes besseren positiven Programmes, das die heute noch Führenden bereithaben sollten. Und nun sei mit Lollo und Nelly herzlich gegrüßt. In wenigen Wochen werdet ihr hochaufatmend die Bergliheimat erreichen. Dann sehen wir uns ja auf alle Fälle wieder. Meine Ferien fallen allerdings dies Jahr ganz in den Juli, so daß ich gerade dann wieder anfangen muß, wenn Ihr eintrefft. Vom 7. August weg sitze ich wieder am Minschterplatz. Von nächsten Donnerstag weg also in Adelboden: in euerm ehemaligen Häuslein (Chalet Klossner, im Boden), und zwar zusammen mit Hartenstein, der im Häuslein vorne, wo Karl Pfisterer10 sei|441nerzeit wohnte, Ferien machen will. Hoffentlich bekommen wir nicht Krach miteinander!

Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 283, Anm. 7.↩
2
Th.Ex.h. 1933, S. 67–83 📖 (Originalpaginierung: S. 29–38). — Den Anstoß zur Gründung der Jungreformatorischen Bewegung am 9.5.1933 gaben die «Zehn Kirchengrundsätze», in denen der radikale Flügel der Deutschen Christen unter Hossenfelder als sein Ziel eine «evangelische Reichskirche, die die Hoheit des nationalsozialistischen Staates aus Glauben anerkennt und das Evangelium im Dritten Reich verkündigt», nannte. Die von W. Künneth, M. Niemöller und H. Lilje geleitete, am 11.5. erstmals an die Öffentlichkeit tretende Bewegung vereinigte in sich meist jüngere Theologen verschiedener politischer und theologischer Richtungen. Sie bejahte den nationalsozialistischen Staat, trat aber für die Freiheit der Kirche gegenüber politischer Beeinflussung ein. Zu ihren Mitgliedern zählten u. a. G. Jacobi, E.-Fr. von Rabenau, Th. Heckel, W. Stählin, M. von Tiling und Fr. Gogarten. Nach den Kirchenwahlen am 23.7.1933 zog sich die Bewegung aus der Kirchenpolitik zurück. Vgl. P. Neumann, Die Jungreformatorische Bewegung (AGK 25), Göttingen 1971, Zitat dort S. 20 📖; Scholder I, S. 406–409 📖; Meier I, S. 92f. 📖 ↩
3
D. h. auf der Gernsbacher Konferenz; s. oben S. 413, Anm. 14.↩
4
= Wasser.↩
5
Nicht erhalten.↩
6
Die Bekanntgabe der Kandidatur Bodelschwinghs für das zukünftige Reichsbischofsamt durch das Dreimännerkollegium am 24.5.1933 war in Abwesenheit des reformierten Vertreters H. A. Hesse beschlossen und durchgeführt worden. Hesse stimmte ihr nachträglich und unter Vorbehalt zu (vgl. Schneider, S. 121 📖). Der Beschluß wurde am 26.5. nach komplizierten Verhandlungen auch von den Vertretern der Landeskirchen bestätigt, die auch Hesses Erklärung über «Das rechtliche Verhältnis der Reformierten zum Reichsbischof» akzeptierten («Sie ist als eine authentische Interpretation der in der Kundgebung [= Loccumer Manifest] enthaltenen Bestimmung über den Reichsbischof entgegengenommen worden und hat damit in ihrem gesamten Wortlaut die gleiche rechtliche Gültigkeit, wie die Kundgebung selber»; vgl. [H. A.] Hesse, Loccumer Pakt, in: RKZ, Jg. 83 [1933], S. 165–168 📖; darin abgedruckt: Erklärung Hesses S. 166f. [Zitat dort S. 166], «Kundgebung zur Gründung der Deutschen Evangelischen Kirche» S. 165f., «Erklärung der bevollmächtigten Vertreter der reformierten Kirche der Provinz Hannover und der Lippischen Landeskirche in der Sitzung der Bevollmächtigten des Deutschen Evangelischen Kirchenbundes in Berlin am 16. Mai 1933» S. 167, und «Erklärung des Reformierten Bundes für Deutschland zum Loccumer Pakt» S. 167f.; kurze Notiz bei Gauger I, S. 80 📖). Am 30.5. bemühte sich Kapler vergeblich darum, das Erscheinen einer weiteren Erklärung Hesses vom selben Tag noch zu verhindern, in der es heißt: «Die von der Presse verbreitete Nachricht, die Bestimmung von Pastor D. von Bodelschwingh zum Reichsbischof am 27. Mai sei mit meiner Zustimmung erfolgt, ist unwahr und irreführend. Es ist ebenfalls unrichtig, daß sie die Zustimmung sämtlicher Landeskirchen oder auch nur sämtlicher lutherischen Landeskirchen gefunden hat. Jede Stellungnahme zu der Person des Reichsbischofs ist zurzeit unangebracht. Angebracht und nötig dagegen ist die Stellungnahme zu der Frage, ob ein Reichsbischof lutherischen Bekenntnisses zur Wahrung und Pflege des eigenen Bekenntnisstandes von den Gemeinden und Synoden gewollt wird. Dabei ist festzustellen: Durch die authentische Interpretation des Loccumer Pakts liegt fest, daß ein Reichsbischof lutherischen Bekenntnisses für die Lutheraner als geistlicher Führer und Träger des kirchlichen Lehramts, dagegen aber für die, die bekenntnismäßige Bedenken anzumelden haben, nur als Vertreter der Gesamtkirche und Führer der Geschäfte des Geistlichen Ministeriums gemeint ist» (Kölnische Zeitung, Nr. 292 vom 30.5.1933 📖, zitiert nach Zeitungsspiegel, hrsg. vom Evangelischen Preßverband für Rheinland, Essen, Nr. 47 vom 31.5.1933, S. 4 📖). Hesse wurde zu einer Unterredung mit Bodelschwingh, Kapler und Marahrens wieder nach Berlin gerufen und brachte seinerseits den Präsidenten des Landeskirchenrates der Evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover in Aurich, Otto Koopmann, mit. Über die Unterredung berichtete Stoltenhoff: «Es war fast nicht möglich, D. Hesse zu der Erkenntnis zu führen, daß er einen kapitalen Fehler gemacht habe und daß er seine Erklärung in der Presse angesichts des unzweifelhaften Tatbestandes einfach preisgeben müsse» (E. Stoltenhoff, Die gute Hand Gottes …, a.a.O. [S. 47, Anm. 4], S. 257 📖). Man einigte sich schließlich auf eine Presseerklärung, in der am 1.6. das Dreimännerkollegium, «um alle Mißverständnisse auszuschließen, gemeinschaftlich» feststellte: «1. Am Mittwoch, den 24. Mai abends, haben wir lediglich zur Abwehr andersartiger, verwirrender Meldungen nachstehende Pressenotiz gebilligt: ‹Zu unserer gestrigen Meldung, wonach die deutschen evangelischen Kirchen über die Person des Reichsbischofs einig sind, erfahren wir, daß kirchlicherseits als Reichsbischof der neuen ‹Deutschen Evangelischen Kirche› Pastor D. von Bodelschwingh in Bethel ausersehen ist.› 2. Am Freitag und Sonnabend, den 26. und 27. Mai, wurde den bevollmächtigten Vertretern aller Landeskirchen dieser Sachverhalt vorgetragen und der Antrag unterbreitet, diesen unseren Schritt gutzuheißen, was einstimmig geschah. 3. Bei den Verhandlungen waren die vorliegenden Personalvorschläge zur Erörterung zu stellen. An der Aussprache haben wir uns natürlich beteiligt, an den Abstimmungen hatten wir nicht teilzunehmen. In keinem Augenblick der Aussprache ist es zweifelhaft gewesen, daß wit mit vollem Vertrauen und hoher Verehrung zu der Persönlichkeit des Herrn D. von Bodelschwingh standen und stehen. Deshalb haben wir unter Zustimmung der Landeskirchen Herrn D. von Bodelschwingh das Amt eines ersten deutschen evangelischen Reichsbischofs einmütig angetragen. Kapler — Marahrens — Hesse» (zitiert nach Zeitungsspiegel, hrsg. vom Evangelischen Preßverband für Rheinland, Essen, Nr. 48 vom 1.6.1933); vgl. S. Lekebusch, Die Reformierten im Kirchenkampf. Das Ringen des Reformierten Bundes, des Coetus reformierter Prediger und der reformierten Landeskirche Hannover um den reformierten Weg in der Reichskirche (SVRKG 113), Köln 1994, S. 42–44 📖; E. Stoltenhoff, a.a.O., S. 256–258.↩
7
Am letzten Tag des vom 26. bis 29.6.1933 dauernden Missionsfestes fand im Münster unter Mitwirkung von G. Benz, Missionar W. Haeberle und K. Hartenstein ein Einsegnungsgottesdienst für acht junge Missionare statt; vgl. -an-, Einsegnungsfeier im Münster, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 176 vom 30.6.1933, 1. Beilage 📖; «Hier ist Geduld der Heiligen». Einsegnung der jungen Missionare, Donnerstag, den 29. Juni 1933 nachmittags 3 Uhr im Münster, in: Auf Dein Wort. Vom 118. Jahresfest der Basler Mission 26. bis 29. Juni 1933, Stuttgart/Basel 1933, S. 71–82. 📖↩
8
W. Spoendlin war als Kirchenpflegepräsident der Gemeinde Zürich-Oberstraß von Amts wegen Mitglied der Pfarrwahlkommission, die für die zum Herbst 1933 neugeschaffene 3. Pfarrstelle der Gemeinde «durch Berufung» einen geeigneten Kandidaten finden sollte, den dann die «geschlossene Gemeindeversammlung» wählen sollte (Beschlüsse Nr. 2 und Nr. 3 der außerordentlichen Kirchgemeindeversammlung am 12.2.1933 laut Protokoll, in: «Protokolle der Kirchgemeindeversammlungen 1933–1947» IV B Id, Archiv Kirchengemeinde Zürich-Oberstraß). Gewählt wurde Albert Schellenberger. In den die Pfarrwahl betreffenden Akten der Gemeinde wird Thurneysen nicht erwähnt (briefliche Auskünfte von Dr. A. Bucher, Kirchenpflegepräsidentin dieser Gemeinde, vom 11.12.1997 und 4.5.1998).↩
9
Vorbereitung zu der Wahl eines Nachfolgers von J. J. Täschler, der Ende Oktober zurücktrat. Als Nachfolger wurde am 23./24.9.1933 Albert Wolfer gewählt. Von O. Moppert als Präsident und E. Thurneysen als Schreiber des Kirchenvorstands der Münstergemeinde gezeichneter Wahlaufruf: Pfarrwahl in der Münstergemeinde. An die Wähler und Wählerinnen der Münstergemeinde, in: BN, Jg. 89 (1933), Nr. 256 vom 21.9.1933, 1. Beilage. 📖 ↩
10
Karl Pfisterer (1878–1948), 1908–1924 Pfarrer in Windisch (Kanton Aargau), 1924–1944 Pfarrer am Bürgerspital Basel, war Barth und Thurneysen aus ihrer Zeit im Aargau bekannt.↩