26. März 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Es ist die kleine Kampfpause nach dem Palmsonntag eingetreten. Man ist etwas erleichtert aufgewacht. Ein lang hinausgeschobener Gang zum Schneider wegen Erwerbung einer neuen Kluft ist mit der Mamme zusammen angetreten worden, die Morgenzeitung wurde geruhsam entgegengenommen, in einem von den «dankbaren Konfirmandinnen» geschenkten Buch wurde geblättert. Bis die Mittagszeit anbrach — «du hesch’s verdient»2 — und den angekündigten Besuch von Schafft3 brachte. Der daran anschließende schwarze Kaffee am Bahnhofbuffet brachte |621 dann aber wieder Stirnrunzeln und Kopfschütteln ob der ganz bedenklichen theologischen Untiefen, die dieser Zeitgenosse offenbarte. Du liebe Zeit, der ist zwar nicht einfach freisinnig, aber Spiritualist und Sektierer, ohne Grund und Boden. Ich konnte ihm wirklich nur sagen: er ende entweder bei den Deutschen Christen selbst oder dann mindestens bei der Oxfordbewegung, obgleich er auf beide von hoch herab zu sehen glaubt. Auf alle Fälle ist es mit der von ihm offenbar bis jetzt geführten Abfertigung der Neuheiden «aus den Tatsachen» und der von ihm als besonderes Anliegen gepflegten untheologischen Sprache dem schlichten S.A.-Mann gegenüber rein gar nichts, wenn dahinter dieses unverpflichtete, wenn auch noch so ernst gemeinte Christentum der ersten Zeit steht, von dem er allerlei zu reden weiß.4 Diese Leute sind geliefert, weil sie, statt ein wenig zu sehen, um was es eigentlich ging, mit dem Habertshof gepröbelt5 haben, den ihnen nun die Hitlerjugend ohnehin weggeschnappt hat.6 Er ist persönlich ein wirklich guter Kerl und hat sicher seine Gaben, seine gewisse Gescheitheit und Gewandtheit, aber eben … Ich habe von neuem begriffen, wie schwer dein Stand ist, Karl. Denn solche Wohlmeinende laufen sicher zu Tausenden herum und glauben immer noch, irgendwie das Heft ein wenig in der Hand zu haben, und sind in Wirklichkeit längst erledigt, etwa so wie der gute Papa Rade. Für diesen habe ich eben auch ein kleines Geheim|622manifest unterzeichnet, lanziert von Baumgarmer hier, eine Eingabe an einen schwedischen Bischof, man möge doch Rade für den nächsten Nobelpreis nachdrücklich nennen. Ein Friedensfreund sei er wirklich. Und die Begründung ist diese, daß er nur noch 45% Pension bekomme und bereits sein Haus im Taunus aufgegeben habe und eine Dreizimmerwohnung in Homburg beziehen werde, weil es einfach nicht mehr lange.7 Wer weiß, über kurz oder lang wird auch ihn die schweizerische Insel aufnehmen, und er landet im Stöckli8 bei Peter. Es werden weitere folgen. Schafft9 meint, auch Tillich könnte vielleicht irgendwo in der Schweiz untergebracht werden. Ich konnte nur abwinken. Vor allen anderen müßte ja nun Dehn kommen, der seit dem Rücktritt von Karow10, oder wie der Mann heißt, scheints ganz und gar keine Chance mehr in Berlin hat. Ganz aufgeregt betreibt weiterhin unser Freund Schmidt seine Sache. Ich fürchte, deine Beruhigungsversuche11 haben |623 gar nichts gefruchtet. Vide den beiliegenden Brief, dem ein noch aufgeregterer vorangegangen ist.12 Karl, es ist doch heillos schade, daß du deinen Artikel für die Nachrichten nicht hast laufen lassen. Ich bin überzeugt, daß das ein ganz ausgezeichnetes Wort gewesen wäre. Du hättest es ja, wie es wirklich erlaubt und möglich wäre, einfach anonym ergehen lassen können. Ich möchte dich ja nicht drängen, ich verstehe deine Bedenken. Aber schick mir doch einen Durchschlag zur Einsicht, wenn es geht. Du kannst sicher sein, daß ich nichts Unvorsichtiges damit anstelle. Ich bin selber deinetwegen ängstlich genug. Was du über die süddeutschen Bischöfe schreibst, ist sicher mehr als wahr. Man kann ja wirklich immer wieder nur an das eine denken: hätten die doch alle, von Wurm bis zu Schafft, hätten die zur rechten Zeit Römerbrief und Dogmatik gelesen, statt daß sie irgendwelchen Heiligungen nachjagten! Daß du weiter, weiter schreiben, reden und schreien mußt, das ist klarer als je! Maury hat mir gestern geschrieben. Er hat den «Dostojewski 📖» übersetzt13 und meldete mir, mit was für einer Erwartung er der Pariser Reise entgegensehe. Daß die Sorbonne einen großen Saal geben wird, schrieb er ebenfalls.14 Das wird sicher ganz gut werden! Und wohl euch, |624 daß Ruedis dabei sind und für Boden und Bodenständigkeit sorgen werden!

Dein Brief hat mich heute morgen als erste und beste Gabe erreicht und erquickt! Das war der eigentlich gute und lustvolle Beginn des Morgens. Und diese Zeilen sollen nur das Dankecho dazu sein. Ich habe hin und her erwogen, ob es nicht doch sogar noch einmal gehen werde, zu dir hin für einen halben Tag auszureißen. Aber es geht wirklich schlechterdings nicht. Drei Predigten15 warten auf mich und heute und morgen noch zwei letzte Stunden. Die Konfirmation — ach ja! Sie liegt auf alle Fälle dahinten. Ich halte sie auch hier ohne Bekenntnis und Gelübde von Seiten der Kinder, freilich unter Verlesung des Apostolikums von meiner Seite als Zusammenfassung des Unterrichtes. Gepredigt habe ich über 1.Kor. 6,20. Was du von der solennen Feier in Fluntern schreibst, hat mich natürlich interessiert. Wieviele große und kleine Nachtmahle werden auch in Basel unter Gesprächen mit Göttis und Gottenen, Pappen und Mammenen16 und kleinen mehr oder weniger glücklichen Tischreden an die Festlinge unter mehr oder weniger unglücklichen Anspielungen an das, was der Herr Pfarrer gesagt hat, vor sich gegangen sein!

Die Schweiz und deine Anregung, das Wort zur Lage in größerem Stile zu nehmen — ja, wirklich, das wäre nicht ohne. Wenn man nur so einfach dazu im Stande wäre! «Reden an die Nation»17 — du müßtest mir ein paar Tips dazu geben. Einstweilen werde ich froh sein, die Gründonnerstags-, die Karfreitags- und die Osterpredigt hinter mich |625 zu bringen und dann mit deiner Dogmatik 📖 im Sack18 in den bewußten Zug nach dem Genfersee verladen zu werden19.

Seid mit Ruedis treulich gegrüßt von uns Beiden. Auf Lollos Brief freut sich Marguerite. Wäre Gerty so freundlich, mir noch rasch die Adresse ihrer Schwägerin zu schreiben, damit ich mich mit ihr wegen der Taufe in Verbindung setzen kann?20 Ich habe die Straße nicht mehr im Kopf. Oder soll ich einfach zur gegebenen Zeit aufs Bergli schreiben? Morgen werdet Ihr also umziehen. Möge der Brief auch an einem ersten Schwarzen Kaffee in der Berglisonne von uns her grüßen.

Eduard

Sachfußnoten

1
Original irrtümlich: 26. April 1934.↩
2
Vgl. oben S. 44, Anm. 4.↩
3
Hermann Schafft (1883–1959), 1918–1930 Pfarrer in Kassel, seit 1924 anerkannter Wortführer der zum Kern der Neuwerk-Bewegung zählenden «Schlüchterner Jugend» und Mitherausgeber der Monatsschrift Neuwerk, 1930–1932 Professor an der Pädagogischen Akademie Kassel, ab 1932 an der Pädagogischen Akademie Dortmund, Pfingsten 1933 Beurlaubung wegen eines Artikels zugunsten von G. Dehn, 1934 auf Grund des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» entlassen, nach verschiedenen beruflichen Stationen 1938–1941 Pfarrer in Friedewald, 1942–1951 in Kirchbauna, daneben 1945-1951 Leiter der Abteilung für Erziehung und Unterricht beim Kasseler Regierungspräsidenten; vgl. Hermann Schafft. Ein Lebenswerk, hrsg. in Verbindung mit einem Freundeskreis von W. Kindt, Kassel 1960 📖; darin insbesondere: H. Schafft, Lebensbericht, von ihm selbst verfaßt, S. 147–151 📖; E. Blum, Als wäre es gestern gewesen. Wie konnte ich Pfarrer sein — im 20. Jahrhundert, Zürich 1973, S. 124f.167.170f. 📖 ↩
4
Über H. Schaffts Kampf gegen das «Neuheidentum» heißt es in seinem «Lebensbericht» (a.a.O., S. 149 📖): «Ich erlebte schon im Februar 1934 die erste heidnisch-religiöse Tagung in Berlin, bei der besonders Hauer sich hervortat. Bei [Theodor] Ellwein habe ich auf dem Büro der volkskirchlichen Arbeitsgemeinschaft eineinhalb, fast zwei Jahre gearbeitet. Wir haben damals Versuche gemacht, wenn möglich, den kulturpolitischen Kurs des Dritten Reiches noch umzuwerfen, außerdem auch das Auseinanderbrechen der evangelischen Kirche aufzuhalten. Ellwein und Schomerus … haben mit mir den ‹Wittenberger Bund› gegründet, der sich grundsätzlich gegen die deutsch-christliche Ketzerei wandte, aber auf der anderen Seite versuchte, noch zwischen Kirche und Staat und den kirchlichen Gruppen zu vermitteln.»↩
5
= herumexperimentiert.↩
6
Auf dem Habertshof in Hessen lebte eine mit der Neuwerk-Bewegung verbundene christliche Gemeinschaft. Ihm angeschlossen war eine Heimvolkshochschule, deren Kursangebote sich vor allem an weniger Gebildete und Arbeiter richteten. 1934 wurde die Genossenschaft Habertshof zugunsten des Pächters enteignet und das Schulgebäude Sitz einer Gebietsführerschule der Hitlerjugend. Vgl. die Lebenserinnerungen des langjährigen Leiters des Habertshofes und Mitinitianten der Schule, Emil Blum, a.a.O., S. 98–114.120-166.192. 📖 ↩
7
M. Rade, seit 1924 im Ruhestand, war im November 1933 auf Grund von § 4 des «Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums» aus dem Staatsdienst entlassen worden und hatte damit seinen Anspruch auf Ruhegeld verloren. Er erhielt jedoch weiterhin — wenn auch gekürzte — staatliche Bezüge und mußte seinen Wohnsitz in Hohemark aufgeben. Vgl. J. Rathje, Die Welt des Freien Protestantismus. Ein Beitrag zur deutsch-evangelischen Geistesgeschichte dargestellt an Leben und Werk von Martin Rade, Stuttgart 1952, S. 449–451 📖; K. Barth / M. Rade, Ein Briefwechsel, a.a.O. (S. 284, Anm. 12), S. 267–269. 📖 ↩
8
Ein separates Haus neben dem eigentlichen Bauernhof, in dem das alte Bauernpaar nach Übernahme des Hofes durch die Kinder den Lebensabend verbringt.↩
9
H. Schafft und P. Tillich waren seit Tillichs Eintritt in den Berliner Wingolf am Anfang seines Studiums (WS 1904/05) miteinander befreundet; vgl. P. Tillich, Hermann Schafft, in: Hermann Schafft. Ein Lebenswerk, a.a.O., S. 11–16 📖 (= Erinnerungen an Hermann Schafft, in: ders., Impressionen und Reflexionen. Ein Lebensbild in Aufsätzen, Reden und Stellungnahmen [Gesammelte Werke XIII], hrsg. von R. Albrecht, Stuttgart 1972, S. 27–33 📖).↩
10
Emil Karow (1871–1954), seit 1928 Generalsuperintendent (28.6.-19.7.1933 beurlaubt), 1.11.1933–31.7.1934 Bischof von Berlin (Ruhestand auf eigenen Antrag vom 16.3.1934); vgl. Meier I, S. 280 📖. ↩
11
An K. L. Schmidts Suche nach einem Schweizer Pfarramt waren u. a. P. Barth, E. Brunner und W. Hächler beteiligt. Als Schmidt, zu diesem Zeitpunkt mit der Vertretung des erkrankten Hächler in seiner Gemeinde in Kilchberg (Kanton Basel-Landschaft) betraut, in der Berner Kirche mit seinen Bewerbungen auf Schwierigkeiten stieß, bat er K. Barth «nach Kräften das Berner und Bernbieter [Bernbiet = Gebiet des Kantons Bern] Ressentiment gegen mich entkräften zu wollen. … Sie kennen ja selbst die sogenannte Intrige, von der da immer wieder die Rede ist. Ich bin da in dem Dreieck Bern — Bonn (die Fakultät, vor allem H. E. Weber) — Berlin (Deißmann) nur Objekt gewesen. Und soweit Ihr Bruder Peter die Sache in die Hand genommen hat, handelt es sich nicht um eine Intrige» (Brief vom 4.3.1934). K. Barth schilderte ihm am 6.3.1934 den Stand der Bemühungen für ihn in der Berner Kirche und mahnte ihn halb humorvoll, halb ernst zu mehr Verständnis und Zurückhaltung. «Der Bär von Bern ist ein Tier, das seinen ganz bestimmten verborgenen Willen und Gang hat, dessen Lauf man abwarten muß. Sie werden ihn, nachdem er seit 700 Jahren sich selber treu geblieben ist, nicht anders machen. Niemand kann das. Auch ein Engel vom Himmel mit einer silbernen Posaune könnte ihn höchstens reizen und böse machen, wenn er ihn in kleinen oder großen Dingen von seiner vorgeschriebenen Bahn abzudrängen versuchen wollte. Geschweige denn, ein deutscher Debatteredner wie Sie, und wenn er tausendmal recht hätte! Weisheit, Weisheit! Da hilft nun einmal nichts Anderes. Und selbstverständlich hilft dann manchmal alle Weisheit nichts.»↩
12
Beide Briefe sind nicht erhalten.↩
13
E. Thurneysen, Dostoievski ou les confins de l’homme, Paris 1934 📖, von P. Maury ausgeführte Übersetzung von: E. Thurneysen, Dostojewski, München 1921 (Neuausgabe: Zürich/Stuttgart 1963). 📖 ↩
14
Über Barths Pariser Vorlesungen schrieb P. Maury: «Elles sont très belles. La seule chose qui me préoccupe un peu, c’est qu’elles supposent peut-être déjà chez le public une certaine connaissance de la pensée de Barth dont je n’ose espérer qu’elle soit encore très répandue. Je veux dire qu’elles sont très denses. J’attend de les avoir eues toutes en main pour peut-être lui suggerer un ou deux éclaircissements partiels. Cette visite s’annonce d’allieurs très bien. Je viens d’apprendre hier que la Sorbonne avait accordé une belle salle pour qu’il y parle, ce qui permettra à nombre de gens qui n’auraient pu entrer dans les locaux assez exigus de la Faculté de Théologie, de l’entendre. Je me réjouis énormément de ce voyage et en attends beaucoup. Ce sera pour moi une bien grande joie d’être avec lui dans la capitale de mon pays. Peut-être du reste irai-je d’ici là le voir, dans la semaine après Pâques, à Zurich» (Brief an Thurneysen vom 25.3.1934; Nachlaß Thurneysen 📖). Auf Antrag der theologischen Fakultät stellte die Universität Paris für die drei Veranstaltungen «Révelation — Église — Théologie» den Saal des Institut d’art et d’archéologie in der Rue Michelet zur Verfügung.↩
15
Manuskripte (Durchschläge) der im Basler Münster gehaltenen, unveröffentlichten Predigten über 2.Kor. 5,19 (Gründonnerstag, den 29.3.), 1.Joh. 3,8 (Karfreitag, den 30.3.) und Röm. 8,11–14 (Ostersonntag, den 1.4.) in der Predigtforschungsstelle Heidelberg (Signatur: PF Thur 0420/06 bis 08).↩
16
= Paten und Patinnen, Vätern und Mütter.↩
17
Siehe oben S. 547, Anm. 11.↩
18
= in der Tasche.↩
19
Wohl für den Ferienaufenthalt in Glion (Kanton Waadt).↩
20
Thurneysen taufte im Basler Münster die 1933 geborene Cordelia Eidenbenz, Tochter von Richard Eidenbenz und Irma, geb. Eckert, aber erst 1936.↩