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Es ist die kleine Kampfpause nach dem Palmsonntag eingetreten. Man ist etwas erleichtert aufgewacht. Ein lang hinausgeschobener Gang zum Schneider wegen Erwerbung einer neuen Kluft ist mit der Mamme zusammen angetreten worden, die Morgenzeitung wurde geruhsam entgegengenommen, in einem von den «dankbaren Konfirmandinnen» geschenkten Buch wurde geblättert. Bis die Mittagszeit anbrach — «du hesch’s verdient»2 — und den angekündigten Besuch von Schafft3 brachte. Der daran anschließende schwarze Kaffee am Bahnhofbuffet brachte |621 dann aber wieder Stirnrunzeln und Kopfschütteln ob der ganz bedenklichen theologischen Untiefen, die dieser Zeitgenosse offenbarte. Du liebe Zeit, der ist zwar nicht einfach freisinnig, aber Spiritualist und Sektierer, ohne Grund und Boden. Ich konnte ihm wirklich nur sagen: er ende entweder bei den Deutschen Christen selbst oder dann mindestens bei der Oxfordbewegung, obgleich er auf beide von hoch herab zu sehen glaubt. Auf alle Fälle ist es mit der von ihm offenbar bis jetzt geführten Abfertigung der Neuheiden «aus den Tatsachen» und der von ihm als besonderes Anliegen gepflegten untheologischen Sprache dem schlichten S.A.-Mann gegenüber rein gar nichts, wenn dahinter dieses unverpflichtete, wenn auch noch so ernst gemeinte Christentum der ersten Zeit steht, von dem er allerlei zu reden weiß.4 Diese Leute sind geliefert, weil sie, statt ein wenig zu sehen, um was es eigentlich ging, mit dem Habertshof gepröbelt5 haben, den ihnen nun die Hitlerjugend ohnehin weggeschnappt hat.6 Er ist persönlich ein wirklich guter Kerl und hat sicher seine Gaben, seine gewisse Gescheitheit und Gewandtheit, aber eben … Ich habe von neuem begriffen, wie schwer dein Stand ist, Karl. Denn solche Wohlmeinende laufen sicher zu Tausenden herum und glauben immer noch, irgendwie das Heft ein wenig in der Hand zu haben, und sind in Wirklichkeit längst erledigt, etwa so wie der gute Papa Rade. Für diesen habe ich eben auch ein kleines Geheim|622manifest unterzeichnet, lanziert von Baumgarmer hier, eine Eingabe an einen schwedischen Bischof, man möge doch Rade für den nächsten Nobelpreis nachdrücklich nennen. Ein Friedensfreund sei er wirklich. Und die Begründung ist diese, daß er nur noch 45% Pension bekomme und bereits sein Haus im Taunus aufgegeben habe und eine Dreizimmerwohnung in Homburg beziehen werde, weil es einfach nicht mehr lange.7 Wer weiß, über kurz oder lang wird auch ihn die schweizerische Insel aufnehmen, und er landet im Stöckli8 bei Peter. Es werden weitere folgen. Schafft9 meint, auch Tillich könnte vielleicht irgendwo in der Schweiz untergebracht werden. Ich konnte nur abwinken. Vor allen anderen müßte ja nun Dehn kommen, der seit dem Rücktritt von Karow10, oder wie der Mann heißt, scheints ganz und gar keine Chance mehr in Berlin hat. Ganz aufgeregt betreibt weiterhin unser Freund Schmidt seine Sache. Ich fürchte, deine Beruhigungsversuche11 haben |623 gar nichts gefruchtet. Vide den beiliegenden Brief, dem ein noch aufgeregterer vorangegangen ist.12 Karl, es ist doch heillos schade, daß du deinen Artikel für die Nachrichten nicht hast laufen lassen. Ich bin überzeugt, daß das ein ganz ausgezeichnetes Wort gewesen wäre. Du hättest es ja, wie es wirklich erlaubt und möglich wäre, einfach anonym ergehen lassen können. Ich möchte dich ja nicht drängen, ich verstehe deine Bedenken. Aber schick mir doch einen Durchschlag zur Einsicht, wenn es geht. Du kannst sicher sein, daß ich nichts Unvorsichtiges damit anstelle. Ich bin selber deinetwegen ängstlich genug. Was du über die süddeutschen Bischöfe schreibst, ist sicher mehr als wahr. Man kann ja wirklich immer wieder nur an das eine denken: hätten die doch alle, von Wurm bis zu Schafft, hätten die zur rechten Zeit Römerbrief und Dogmatik gelesen, statt daß sie irgendwelchen Heiligungen nachjagten! Daß du weiter, weiter schreiben, reden und schreien mußt, das ist klarer als je! Maury hat mir gestern geschrieben. Er hat den «Dostojewski
📖» übersetzt13 und meldete mir, mit was für einer Erwartung er der Pariser Reise entgegensehe. Daß die Sorbonne einen großen Saal geben wird, schrieb er ebenfalls.14 Das wird sicher ganz gut werden! Und wohl euch, |624 daß Ruedis dabei sind und für Boden und Bodenständigkeit sorgen werden!
Dein Brief hat mich heute morgen als erste und beste Gabe erreicht und erquickt! Das war der eigentlich gute und lustvolle Beginn des Morgens. Und diese Zeilen sollen nur das Dankecho dazu sein. Ich habe hin und her erwogen, ob es nicht doch sogar noch einmal gehen werde, zu dir hin für einen halben Tag auszureißen. Aber es geht wirklich schlechterdings nicht. Drei Predigten15 warten auf mich und heute und morgen noch zwei letzte Stunden. Die Konfirmation — ach ja! Sie liegt auf alle Fälle dahinten. Ich halte sie auch hier ohne Bekenntnis und Gelübde von Seiten der Kinder, freilich unter Verlesung des Apostolikums von meiner Seite als Zusammenfassung des Unterrichtes. Gepredigt habe ich über 1.Kor. 6,20. Was du von der solennen Feier in Fluntern schreibst, hat mich natürlich interessiert. Wieviele große und kleine Nachtmahle werden auch in Basel unter Gesprächen mit Göttis und Gottenen, Pappen und Mammenen16 und kleinen mehr oder weniger glücklichen Tischreden an die Festlinge unter mehr oder weniger unglücklichen Anspielungen an das, was der Herr Pfarrer gesagt hat, vor sich gegangen sein!
Die Schweiz und deine Anregung, das Wort zur Lage in größerem Stile zu nehmen — ja, wirklich, das wäre nicht ohne. Wenn man nur so einfach dazu im Stande wäre! «Reden an die Nation»17 — du müßtest mir ein paar Tips dazu geben. Einstweilen werde ich froh sein, die Gründonnerstags-, die Karfreitags- und die Osterpredigt hinter mich |625 zu bringen und dann mit deiner Dogmatik
📖 im Sack18 in den bewußten Zug nach dem Genfersee verladen zu werden19.
Seid mit Ruedis treulich gegrüßt von uns Beiden. Auf Lollos Brief freut sich Marguerite. Wäre Gerty so freundlich, mir noch rasch die Adresse ihrer Schwägerin zu schreiben, damit ich mich mit ihr wegen der Taufe in Verbindung setzen kann?20 Ich habe die Straße nicht mehr im Kopf. Oder soll ich einfach zur gegebenen Zeit aufs Bergli schreiben? Morgen werdet Ihr also umziehen. Möge der Brief auch an einem ersten Schwarzen Kaffee in der Berglisonne von uns her grüßen.