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Zürich, Trittligasse 34, 25. März 1934
Nein, der Gegenzuruf soll wirklich nicht fehlen. Ich habe mir dazu eine Brissago1 in den Mundwinkel gesteckt und bin dir völlig zugewendet. Hinter uns liegt des guten Heiners Konfirmationsfeier, an der wir wegen übergroßen Zudrangs nicht teilnehmen konnten und von der die Eltern und Ruth verheerende, der Festling selbst sowie2 sein Großvater aber, wie es scheint, ganz befriedigende Eindrücke zurückbrachten. Es ist vielleicht ein Gesetz der Zeiten und Generationen, das sich in diesem Phänomen auswirkt, und wir hätten uns dann darauf einzurichten, daß die eben Nachkommenden nun eben wieder Fueter3 und Métraux4 herrlich finden. Aber wie dem auch sei, das nachfolgende Festessen war eindeutig und nach dem Urteil aller beteiligten Generationen ausgezeichnet, und beim Schwarzen Kaffee5 habe ich den Großvater Pestalozzi zu Erzählungen aus alten Zeiten veranlassen können, wie ich sie gerne höre.
In der vergangenen Woche sind nun auch die beiden anderen Pariser Vorträge unter Dach gekommen, während der erste, dir bekannte, bereits, wie ein Phönix aus der deutschen Asche erstanden, in rundem klingendem Französisch aus Genf zurückgekommen ist, Maury macht das wirklich ausgezeichnet.6 Wenn ich jetzt nur noch die nötige rollen|615de und wiegende Aussprache hätte, um die Sache dort würdig zur Geltung zu bringen. Die Szene wird nicht weniger als die Sorbonne sein. Daß gleichzeitig wegen einer ökumenischen Konferenz auch Heckel und Althaus jenes Gelände unsicher machen werden, ist keine angenehme Zugabe. Denn mit diesen rotbäckig lächelnden Verrätern möchte ich um keinen Preis irgendwo als mit «Landsleuten» zusammengesehen werden. Nun, Rudi wird sich dann gewiß veranlassen lassen, im gegebenen Fall Vollgas zu geben und mich anderswohin zu bringen, als wo ich diese beiden sehen muß.7
Die Nachricht über die späte Reue des Wurms ist ganz schön und für ihn sicher erfreulich. Aber weißt du, ich habe das nun schon mehr als einmal erlebt, daß die Leute einander, nachdem sie wieder einmal vom Taumelkelch [vgl. Jes. 51,17] gesoffen bis genug [?]8, ins Gilet heulten9 und ihre Fehler bekannten. Das hat z. B. der unglückliche Otto Weber auch in aller Form getan, und nachher ging er doch wie Goethes Clavigo10 hin und tat Ähnliches gerade noch einmal.11 Und in Berlin habe ich einen Kerl gesehen, der der Oberhäuptling aller deutschen B. K.’s war, den sah ich an einem einzigen Tag sündigen, Buße tun, wieder sündigen, Buße tun und zuletzt noch einmal sündigen.12 Ja, so machen wir es wohl alle. Aber ich wollte wirklich, es würde in der Haltung des Wurms und der bayerischen Meise13, ob bußfertig oder sündig, irgend eine deutlich geistliche Linie sichtbar statt des schlauen Diplomatisierens, in dem gerade diese süddeutschen Kirchenfürsten bis |616 jetzt allzu groß gewesen sind. Die pietistischen Nebengeräusche könnten sie uns dann ruhig ersparen.
Die Erwägungen von Koechlin wegen meiner Pariser Reise und wegen Peters Manifest halte ich wirklich für zu fein gesponnen. In jenen drei Vorträgen kommt nicht nur keine einzige politische, sondern auch nur eine einzige ganz von ferne winkende kirchenpolitische Anspielung vor14, und bei allen anderen Unterhaltungen werde ich schon auf die Schnure zu sitzen15 mich bemühen, damit die Oberheidschen Spitzel nichts zu hören bekommen. Und im Übrigen werde ich bei dem deutschen Botschafter16 meine Karte abgeben und ein- oder zweimal vor Zeugen den Hitlergruß machen. Nur die Begegnung mit widerwärtigen deutschen Theologen wie die oben erwähnten könnte zu ernsthaften Gefahrenmomenten führen. Und was Peters Manifest betrifft, so glaube ich, wie gesagt, nicht, daß seine Sprache draußen17, wo man sich gegenwärtig ohnehin alles Mögliche an den Kopf wirft, allzusehr befremden wird. Es wird übrigens, wie ich höre, durch einen besonderen Kurier (Peter hat bei 600 Unterschriften!) nach Berlin gebracht18, und sein |617 Name spielt dann kaum eine hervorstechende Rolle. Endlich ist zu bedenken, daß das Maß des Zornes über mich bei den D. C. und besonders bei den Bischöflichen längst voll und übervoll ist. Solange die Staatsbehörden nicht wild werden, können die sich ruhig noch ein bißchen mehr über mich ärgern.
Was du von Horn berichtest, ist mir neu, wundert mich aber nicht. Politische Takt- und Geschmacklosigkeit war schon ein Fehler Kohlbrügges selber, der dann auch an manchen seiner Schüler zu bemerken war. Ich würde mich in der ganzen Kampagne nie auf ihn verlassen haben.
Der neueste Schrieb von Oeri19 hat mir gestern die Feder in die Hand gedrückt zu einem Aufsatz zur Lage, wie man sie von der Schweiz aus sehen und nicht sehen solle.20 Er wurde aber, als er fertig war, von Lollo und heute morgen doch auch von Rudi weniger wegen seines Inhalts als wegen der damit vollzogenen Geste überhaupt so eindeutig als inopportun erklärt, daß ich ihn den Basl. Nachr., denen ich ihn eigentlich zugedacht hatte, doch nicht schicken, sondern ihn in meinem nächsten Vorwort21 (zu Heft 9, enthaltend die Pariser Vorträge) zu verwenden suchen werde. — Oeri ist mit seinen beiden Heiligen Otto Petras (wer mag dieser «abseitsstehende kühle Beobachter» sein?22 sicher |618 kein selbst durch die Rolle Gezogener23!) und Bodelschwingh24 sicher nicht gut beraten, und es war ein nur zu echtes Baslerstücklein von ihm, wie er von der Skepsis des ersten über den butterweichen Pietismus des zweiten schließlich, schließlich auf das qui mange du pape en meurt25 hinsteuerte.
Die politische Lage hier in der Schweiz gefällt mir auch absolut nicht. Genau so fängt es nämlich an, und genau so muß man es machen, wenn man durchaus auch auf das faschistische Irrenhaus, das wir jetzt da draußen haben, hinaus will. Solltest du dich nicht — vielleicht nicht gerade in der Karwoche, aber bald nachher — durch deine Predigt-Texte zu einigen großangelegten politischen Predigten im Genre von Zwingli26 aufrufen lassen, in denen mit deutlichen Worten Blind|619heit Blindheit und Unsinn Unsinn zu nennen wären? Noch kann man in der Schweiz die Dinge beim Namen nennen, ohne daß wie bei uns gleich Alles aus ist. Wir haben es in Deutschland wohl alle nicht rechtzeitig getan, und nun ist der Stall da, und wir sitzen mit Maulkörben vor der Visage27 da und können das, was eigentlich zu sagen wäre, nicht sagen. Discite moniti!28 Wenn die Schweiz auch noch ein solcher Stall wird, dann kann man wirklich nur noch auf den jüngsten Tag warten.
Aus Elberfeld wollte man mich auf den Dienstag zu einer dringenden Moderamenssitzung rufen.29 Ich habe mich nun aber dazu durchgerun|620gen, diesmal nicht hinzufahren, sondern statt dessen Gertys Ehrentag, den Umzug auf das Bergli30, solenn mit zu begehen.
Grüße Marguerite! Lollo gedenkt ihr in den nächsten Tagen einen Brief zu schreiben. Sie grüßt mit, und Rudi und Gerty schließen sich freudig an!
Möchtest du diese Woche31
mit ihren Anforderungen — ich habe nur
noch eine ferne Erinnerung daran, wie das ist — rüstig überstehen!