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23. März 1934
Eigentlich sollte ich die immer noch unvermeidlichen 43 Konfirmationssprüche schreiben. Aber es ist mir sehr viel mehr um einen Zuruf an dich1, sicher mit in der Hoffnung, auch eines von dir wieder teilhaftig zu werden. Der letzte Sonntag war ein richtiger Tag des Aufatmens für mich2: wie gut fing er an mit der in ihrer Weise gradgewachsenen und urchigen3 Predigt unseres zwar etwas verwitterten, aber immer noch ungebeugten Freundes Bader, und wie ausgezeichnet ging er dann an der Trittligasse weiter und zu Ende. Natürlich hatte auch ich das Gefühl, nun sollte das Zusammensein erst richtig anfangen, als der Zug abrollte, aber so ist es ja irgendwie immer. Und wir sind doch ganz freudig und «herausgeholt» und «an die Luft gebracht» wieder baselwärts gefahren. Wie selten vorher stand ich allerdings, und zwar wohl von den Gesprächen über Georg und die ganze deutsche Lage her, unter dem Eindruck, wie zusammengeschmolzen wir eigentlich dran sind. Ist’s nicht wieder wie beim einstigen Auszug im Aargau: Ruedis, du (allerdings nicht ohne Lollo!, unser aller Schwester!) und wir. Wo ist der ganze weitere Zuzug, der zu Zeiten so stattlich angeschwollen war, hingekommen? Wo sind auch «die Väter»4 hingeraten, die damals noch mehr oder weniger stattlich hinter uns standen? Den einen, unseren |609 Freund Ritsch Preiswerk, habe ich merkwürdigerweise gestern wieder einmal besucht. Ich war gerade in Riehen und hörte, es gehe seiner Frau5 nicht gut. Ich traf sie dann auch richtig im Sterben liegend und ihn selber ganz zusammengeschrumpft und ebenfalls auf Abbruch wartend («es macht mer nit, us däre Wält z’go»6), aber doch auch in diesem Stande ein kleines Hoffnungsfähnlein schwingend («i läbti no gärn», und: «der Bluemhard het immer gsait: es kunnt no emol e ganz, ganz neii Zit — jetz isch sie am Ko!»7). Aber wir sind also wirklich einstweilen noch da, noch am Leben, noch, wenn auch mit stumpferer Hornesspitze, zu diesem und jenem Stoße bereit, freilich älter, älter (Lollo, daran ist nicht zu rütteln!), und vor allem: wir sind wirklich mehr als je noch beieinander! Das ist ja auch nicht so ganz selbstverständlich. Das verdient wirklich als das ganz besondere Glück auch einmal ausdrücklich bedacht und gesagt zu werden. Man kann es nicht bedenken, ohne mit jenem besonderen Danke Ruedis und Gertys zu gedenken mitsamt Trittligasse und Bergli, ohne die dieses Zusammensein wahrscheinlich gar nicht möglich geworden wäre durch alle die Jahre hindurch. In deinem dereinst zu erstellenden Lebensfilm wird das «farmhouse»8 wirklich den immer neu sichtbar werdenden Hintergrund zu unzähligen Bildern abgeben …
Zur deutschen Lage: Ihr werdet den reichlich düsteren, aber auch wieder nur zu wahren Leitartikel9 gelesen haben, den Vater Oeri wohl unter dem Eindruck des eben stattfindenden Besuches seines Schwiegersohnes in spe, des Theologen Veltkes (oder wie er heißt — er hat mir eben eine längere Visite gemacht), und der sicher mangelnden Aussichten auf Heirat für die beiden jungen Leute10 geschrieben hat. Auf der anderen Seite |610 höre ich durch Hartenstein, der eben gerade aus Stuttgart zurückkam, daß wirklich der Widerstand im Süden nun auch wieder da ist. Wurm — dies als Geheimnachricht — hat sich nach langem innerem Hin und Her ganz klar zu seinem Fehler bekannt, Müller nachgegeben zu haben, und hat mit Meiser zusammen einen Bericht ausgearbeitet und ist nach Berlin zum Führer gefahren und hat eine Audienz errungen und soll sein ganzes Herz, ohne Müller benachrichtigt zu haben, ausgeschüttet und um erneutes Eingreifen gebeten haben. Hitler soll nach anfänglich sehr ungnädigem Zuhören sich bereit erklärt haben, das Seine zu tun, um es nicht zum äußersten kommen zu lassen in der Kirche.11 Aber einstweilen geht das Vabanquespiel Oberheids munter weiter. Koechlin kam gestern abend aus London zurück.12 Er hat sich mit verschiedenen englischen Bischöfen unterhalten und wirklich jene bitterböse Weltstimmung |611 gegen Deutschlands Kirchenpolitik festgestellt, von der Oeri sprach. Und irgendwie ist alles bereit, so gut es geht, einzugreifen. Chichester hat in den «Times» Heckel preisgegeben und erneut angegriffen.13 Aber wenn das alles nur wirklich nützen wollte! Koechlin ist etwas besorgt um dein Schicksal wegen der Pariser Reise. Er meinte, deine Feinde in Berlin würden nur so darauf warten, dir nachweisen zu können, daß du im Ausland irgendwie gegen Deutschland Stimmung machest — ob mit oder ohne Recht, sei ganz gleichgültig —, um dich zu stürzen. Und es wäre doch schade, wenn du statt auf dem deutschen Kampffelde selber in irgendeinem ganz offenen Kampfe, wo es sich lohnt, dein Leben teuer verkaufend, an einer Intrigue aus Anlaß irgendeiner Denunziation fallen würdest. Er läßt dir sagen, daß wahrscheinlich gleichzeitig mit dir auch Heckel in Paris weilen werde, um an einer Konferenz internationaler Art teilzunehmen.14 Der werde dir irgendwie seine Spitzel nachsenden. Schon daß gleichzeitig mit deiner Abreise in die Schweiz das Manifest |612 von Peter nun zu laufen beginne15, hält er nicht für günstig. Doch sind das wohl auch wieder zu fein gesponnene Erwägungen.
Unterdessen haben wir aber auch in der Schweiz Anlaß zu ernsten Sorgen. Denn was da in Bern gespielt worden ist16, das ist sicher fatal genug. Es wird nur dazu helfen, daß weitere Kreise vom faulen Freisinn weg zu den Fronten17 gehen. Und die Sozialisten bereiten sich einfach ein zweites österreichisches Schicksal18 in irgendeiner schweizerischen Abart. Was man in ihren Zeitungen liest, das ist fabelhaft blind und uneinsichtig.
Letzte Woche hatten wir eine Kirchgemeindeversammlung, an der mein Kollege Wolfer wieder aufs neue in einer unglaublichen Weise |613 freisinnigen Kohl darbot.19 Da gibt es auch nur Abmarsch und Weitergehen auf eigenen Wegen ohne jede Aussicht auf Zusammengehen.
Hast du wohl neuere Nachrichten über den inneren Gang der Dinge in den Rheinlanden? Fritz ist hier aufgetaucht für ein paar Tage und sagte mir etwas von einer Vorsynode, an der er teilgenommen habe und an der leider dein alter Freund Horn Allerübelstes von sich gegeben habe, richtig eine Art Verräterei an der gemeinsamen Sache übend.20 Wo, wo bleibt da nun eigentlich seine Bibel und sein darauf gegründetes Zeugnis? Wo der vielgerühmte Heidelberger?21 Wie erklärst du dir diesen Umfall? Er soll nämlich gerade die synodale Ordnung der Kirche ganz geringschätzig bei Seite geschoben haben.
Sei mit Lollo und Ruedis herzlich, herzlich gegrüßt! Genieße die kleine Ruhepause, die dir jetzt gegeben ist! Dein erster Pariservortrag22, den ich schnell lesen konnte, ist ausgezeichnet geraten und verspricht |614 ausgezeichnete Fortsetzungen, an deren Erstellung du nun wohl schon weiter gekommen bist. Laß einmal etwas von dir hören, wenn es angeht. Marguerite grüßt vielmal mit!