13. März 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Peter,

Darf ich dir offen sagen, daß dein Aufruf2 hier in Basel, wie mir von mehr als einer Seite gemeldet wird, auf Bedenken stößt? Nicht weil die Leute an sich |606 nicht mitmachen möchten, aber der Text leuchtet ihnen nicht ein. Und ich — meine Zustimmung ist zwar bereits an dich abgegangen — kann ein wenig verstehen, was daran ausgesetzt wird. Ich weiß, es ist heillos schwierig, es mit einem solchen Texte allen Leuten recht zu machen. Aber der Haupteinwand geht dagegen, daß wir von außen, von der Schweiz her, wo es uns ja wirklich nichts kostet, die Angriffshaltung gegen die Deutschen Christen weniger in den Vordergrund zu rücken hätten als vielmehr die Verbundenheit in der positiven Einstellung zum Bekenntnis. Es ist zwar ganz sicher, daß dann der Riß in der eigenen Mauer sich sofort zeigen wird, d. h. es werden so und so viele bei uns dann sofort nicht mehr mitmachen wollen und können, weil sie selber heimlich oder auch ganz offen von einem Bekennen bei uns nichts wissen wollen.3 Aber wird dann die Sache nicht ehrlicher, als sie jetzt vielleicht ist, wo alle irgendwie dafür zu haben sind, daß man Müller und den Deutschen Christen eins ans Bein gibt, sie mit der Hölle gleichsetzt, die doch die wahre Kirche nicht überwinden könne?4 Die weitere Frage ist dann die, ob das den deutschen Freunden wirklich hilft, wenn wir mit dieser Kanone schießen? Koechlin sagte mir gestern abend, er fürchte überdies, daß es Karl zum Fallstrick gereichen könnte, daß erstens mit den Worten seines Bekenntnisses gefochten [werde]5 und daß zweitens dein Name an der Spitze der Unterzeichner stehe. Er meinte, es werde ja nicht fehlen, daß ein solches Zirkular irgendwie auch nach Berlin geweht werde und dort in das Dossier Karl Barth komme und unter «Auslandpropaganda» übel vermerkt werde. Ich finde, daß daran etwas sein kann, obwohl ich nicht zu viel Gewicht darauf legen möchte. Immerhin, es ist mitzubedenken. Nun ist die Frage, ob bei dir noch andere solche Stimmen einlaufen und ein Gewicht bekommen, das dazu führt, die Sache noch einmal abzuändern. Nur wegen eines oder zwei solcher Briefe kannst du dich natürlich nicht auf Abänderungen einlassen. Und |607 daß etwas gehe, darin scheinen auch die einig zu sein, die die gemeldeten Bedenken haben. Ich dachte, ich müsse sie dir mitteilen.

Sei recht herzlich gegrüßt!
Dein

Lieber Karl,

ich bin gerade an der Erstellung des Heftes für Lempp6 und schreibe dir nur zwei Worte. Was meinst du zu diesem Einwand? Ich muß sagen, mir ist Peters Aufruf nicht nur wegen dieser einzelnen Bedenken als wegen des ganzen Tenors nicht ganz nahe. Ich halte vor allem die Einflechtung der starken Bibelworte und Zitate aus Kampfschriften heraus für wenig geschmackvoll und hätte lieber eine etwas einfachere Anrede gesehen. Aber vielleicht kommt es ja in solchen Augenblicken weniger auf das wie als auf das daß an. Wie war es wohl in Aarau7? Grüße das ganze Bergli! Sei mit Lollo selber herzlich gegrüßt!

Dein
Eduard

Karl, bitte, läute doch gleich Spoendlin an und nimm mir die Information wegen Heiner8 ab. Es ist sicher wichtig, daß unser Freund Onkel Willy, Altzürcher, Kirchenrat und noch einiges andere wie Zunftmeister9, seinen Einfluß für Heiner einsetzt und daß er es recht macht. Es ist vor allem eines sehr deutlich zu sagen: daß Heiner für Philosophiegeschichte einfach prädestiniert ist, während Spranger10, der sich da |608 eindrängen will, ein neuer Causeur und Schwauderi11 sein wird. Und: wenn du selber Peters Aufrufs wegen Bedenken haben solltest, wie sie Koechlin hat, dann sag’s doch Peter deutlich oder laß es über mich laufen — nicht daß etwas Ungutes geht!

Sachfußnoten

1
Thurneysens Brief an Karl Barth steht auf dem Durchschlag seines Schreibens an dessen Bruder Peter vom 13.3.1934.↩
2
Im Namen der theologischen Arbeitsgemeinschaft des Kantons Bern, den P. Barth präsidierte, war — zusammen mit einem von P. Barth, Pfarrer Alfred Barraud und Pfarrhelferin Dora Scheuner unterzeichneten, auf den 7.3.1934 datierten Brief an die Pfarrkollegen als Faltblatt gedruckt — ein Schreiben in Umlauf gebracht worden, in dem den Amtsbrüdern im Pfarrernotbund Solidarität ausgesprochen wird (s. unten S. 933f., Anhang Nr. 4). Bis zum 17.3.1934 sollte bei Zustimmung die Rücksendung der angefügten «Unterschriftserklärung» erfolgen. Eine französischsprachige Version, in Verbindung mit Pierre Maury aus dem Deutschen übersetzt von Max Dominicé, wurde nach ihrer Fertigstellung am 10.3. in der welschen Schweiz versandt (Rücklauf bis 20.3.). An der Sitzung der theologischen Arbeitsgemeinschaft am 5.3.1934, auf der diese Solidaritätserklärung beschlossen worden war, hatte auf Einladung seines Bruders auch Karl Barth teilgenommen. Exemplar des Faltblatts in Karl Barth-Archiv; Abdruck des Aufrufs in: KBRS, Jg. 90 (1934), S. 124 📖; W. Niemöller, Der Pfarrernotbund …, a.a.O. (S. 532, Anm. 15), S. 76 📖 (bei beiden auch Abdruck der Antwort des Pfarrernotbundes vom 5.4.1934: S. 124f. bzw. S. 76), Zitate bei Gauger I, S. 144 📖; vgl. insgesamt B. Maiwald, Die «Berner Erklärung» des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes von 1934 (Glaube, Kirche, Ökumene 3), Bern 1997, S. 74–93 📖 (zu Karl Barth dort S. 91f.); Kaiser, S. 292–297 📖 (Abdruck der Erklärungen dort S. 293f.).↩
3
In den schweizerischen reformierten Kirchen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts «Schritt für Schritt die alten reformierten Bekenntnisse aufgegeben» (E. G. Rüsch, Wesen und Eigenart des schweizerischen Protestantismus, in: Handbuch der reformierten Schweiz, hrsg. vom Schweizerischen protestantischen Volksbund, Zürich 1960, S. 1–10 📖; Zitat dort S. 7). In der Berner Kirche erfolgte die Abschaffung der Bekenntnisbindung 1867, in der Basler wenig später (s. unten S. 724, Anm. 7).↩
4
Vgl. besonders den Schlußsatz des Aufrufs unten S. 934.↩
5
Am Ende des ersten Absatzes zitiert der Aufruf die erste der sog. Düsseldorfer Thesen vom 20.5.1933 (s. oben S. 423, Anm. 11; Textabdruck in: Schmidt 1933, S. 149 📖), die ihrerseits ein Zitat der ersten, von B. Haller und F. Kolb für die Berner Disputation 1528 verfaßten zehn Thesen («Schlußreden») ist; s. Th.Ex.h. 1933, S. III. 📖 ↩
6
E. Thurneysen, Die Kraft der Geringen. Drei Predigten (ThExh 8), München 1934. 📖 ↩
7
Barth besuchte, wie er E. Brunner am 13.3.1934 schrieb, «gestern auf einen Sprung» die 37. Aarauer Studentenkonferenz (12.-14.3.) (vgl. Bw.Br., S. 249 📖), die mit einem Vortrag von W. Vischer über «Volk und Gott in der Bibel» eröffnet wurde (vgl. Aargauer Tagblatt vom 10.3.1934, S. 7 📖).↩
8
Zum WS 1933/34 war in Zürich ein Lehrstuhl für Philosophie neu zu besetzen (s. oben S. 509), auf den H. Barth sich Hoffnung machte. Bereits am 12.3.1934 hatte Spoendlin in dieser Sache an Barth geschrieben und ihn um «einige Angaben über H. B., insbesondere über seine Lehrtätigkeit und Erfolg und Eignung», für eine bevorstehende Unterredung mit einem Mitglied der berufenden Instanz gebeten.↩
9
Seine Positionen als Kirchenrat, d. h. als Mitglied des gleichnamigen Leitungsgremiums der Zürcher Kirche (seit November 1933), und als Zunftmeister der «Vereinigten Zünfte zur Gerwe und zur Schuhmachern» (1923–1944) verschafften W. Spoendlin Einfluß in gehobenen Kreisen Zürichs.↩
10
Eduard Spranger (1882–1963), 1920–1946 o. Professor für Philosophie und Pädagogik in Berlin, danach in Tübingen.↩
11
= Unterhalter und Schwätzer.↩