2. Mai 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Da kommt der Pariser Bericht, der ganz wesentlich für euch entstanden ist.1 Ein Kommentar erübrigt sich. — K. hatte vorgestern ein 3stündiges Verhör vor einem weiteren aus Berlin herbeigeeilten Mann.2 Ein Rundbrief von — Erica wurde damals im Herbst beschlagnahmt, mit ungeschützten Äußerungen Karls in der Versammlung bei Jacobi.3 Den graben sie nun aus. K. hat natürlich zu allen seinen Äuße|627rungen gestanden. Zunächst darf er Bonn nicht verlassen, was endgültig dabei herauskommt, wissen wir noch nicht. Aber behaltet das noch bei euch, auch Fränzeli4 gegenüber!! Karl mußte Schweigen versprechen.

Laß den Bericht bitte auch Fränzeli und Lili S.5 lesen! Sie ist euch so dankbar, diese gute Lili. An Marguerite schreibe ich, und Dorothee bekommt auch noch einen Dank, wenn etwas mehr Luft ist. — Es geht uns sonst gut.

Herzlich
eure
Lollo

Dir noch besonderen Dank für Deinen Brief aus Glion6!

Sachfußnoten

1
Im Karl Barth-Archiv befindet sich ein Durchschlag des Berichtes über die Reise nach Paris vom 7. bis 16.4.1934, dessen Vorbemerkung mit dem Satz beginnt: «Liebe Freunde! Diese vertraulichen, d. h. nicht für die Öffentlichkeit bestimmten und nur guten Menschen in kluger Auswahl in die Hand zu gebenden Mitteilungen sind von Lollo von Kirschbaum niedergeschrieben und von mir, Karl Barth, durch einige (durch Einrückungen kenntlich gemachte) Anmerkungen bereichert worden» (15 S., einzeilig geschriebenes Typoskript). Den ersten Teil des Berichtes über die Anreise bis nach Chartres hatte Ch. von Kirschbaum, mit Photographien illustriert, in ein Album geschrieben. Vgl. ferner R. Pestalozzis Bericht in seinem Buch: Fahrt nach Nordafrika. Mit Auto und Leica durch Frankreich, Algerien, Tunesien, Sizilien und Italien, Zürich 1935, S. 9–11. 📖↩
2
Verhör am Vormittag des 30.4.1934 in der Universität Bonn durch Ministerialrat Dr. Karl Schnoering, dem eine Abschrift von E. Küppers’ ausführlichem Rundbrief (s. Anm. 3) vorlag. Protokoll der Vernehmung bei Prolingheuer, S. 243–245. 📖↩
3
Am 11.11.1933 hatte E. Küppers ihren Freunden in einem zehnseitigen Rundbrief über Barths Vortrag «Reformation als Entscheidung» am 30.10.1933 und die nachfolgenden Unterredungen im Hause Jacobi berichtet (vgl. oben S. 532, Anm. 15); Abdruck von S. IV-X des Rundbriefes bei Prolingheuer, S. 236–240 📖; verkürzter Abdruck in: Reformationstag 1933 …, a.a.O. (S. 500, Anm. 2), S. 64–70. 📖 — Am selben Tag wie Barth mußte sich auch E. Küppers einem Verhör durch einen «Ministerialrat X» aus Berlin über ihre Haltung im Schuldienst und den Rundbrief unterziehen. Es sei ihr aber versichert worden, schrieb sie später an Barth, es «handle sich dabei übrigens nicht um ein Verfahren gegen mich; sondern ich sei lediglich Zeugin. … Ich hatte den Eindruck, daß vor allem zweierlei Anstoß erregt hatte: die Bemerkung über Ludwig das Kind — ich betonte, daß das doch Scherz sei, und wies darauf hin, daß Reventlow sich mindestens ebenso scharf über den Reichsbischof geäußert habe wie Du — aber die Tatsache, daß diese Bemerkung einem Ausländer [dem amerikanischen Kirchenpräsidenten Charles S. Macfarland] gegenüber gefallen war, schien es zu verschlimmern. … und das 2. Schlimme waren die Fragen, die, wie Du sagtest, auch gestellt werden müßten, wenn man denn durchaus ‹zur Lage› reden wolle: ‹was sagt die Kirche zu dem, was in den Konzentrationslagern geschieht oder gegenüber den Juden› etc.» Soweit das Verhör Barth betraf, «wollte er immer wieder darauf hinaus, daß Barth sich schon öfter gegen den nationalsozialistischen Staat geäußert habe. Das konnte ich natürlich nur bestreiten. ‹Aber er hat doch z. B. jetzt auch in Paris geredet.› Entschuldige, lieber Karl, daß mir darauf (ich war schon etwas müde), die geistreiche Antwort entfuhr: ‹Furtwängler hat doch auch in Paris gespielt! Außerdem kann es das deutsche Ansehen in Paris nur fördern, wenn man dort sieht: jemand wie Karl Barth kann bei uns ungestört leben.› ‹Aber Furtwängler hatte die Erlaubnis und Barth nicht. Wenn ein Beamter im Ausland spricht, braucht er dazu eine Genehmigung.› Nebenbei erfuhr ich dann, daß Heft 1 der Theol. Existenz schon von der geheimen Staatspolizei beschlagnahmt gewesen sei, dann aber wieder freigegeben» (Brief vom 30.4.1934). — In einem Antwortbrief schrieb Ch. von Kirschbaum am 6.5.1934 an E. Küppers: «Hier ist die Situation die, daß auch K. jenen Besuch empfangen hat, der bei dir war, und daß alles ganz erfreulich verlief. Es wurde versprochen, daß binnen 2 Tagen ein endgültiger Bericht aus Berlin käme. Bis heute ist nichts derartiges eingetroffen, so daß wir morgen das Semester beginnen. K. war sehr böse über die Fragerei und hat sicher nicht gerade besänftigend geantwortet. Wahrscheinlich mußten sie die Untersuchung anstellen, weil Stapel stänkerte [s. unten S. 628, Anm. 1]. Ach, lassen wir es. — — Ich mußte übrigens mein Protokoll über diese Sitzung auch noch einreichen. Es deckt sich weithin mit deinem Brief.» Zum Protokoll vgl. oben S. 532, Anm. 15.↩
4
Nach ihrem ersten Semester in Bonn (WS 1933/34) setzte Fr. Barth ihr Studium in Basel fort, wo sie zunächst bei Thurneysens wohnte.↩
5
Lili Simon (1908–1989) stand in ihrem Germanistikstudium (Promotion) mit Nebenfach Theologie in Bonn und Erlangen kurz vor dem Abschluß, als ihr der Arierparagraph wegen dreier jüdischer Urgroßeltern die Zulassung zum Examen versperrte. Deshalb studierte sie vom SS 1934 bis 1936 mit Unterbrechungen Deutsch, Englisch und Französisch in Basel und besuchte außerdem theologische Lehrveranstaltungen, besonders bei Thurneysen und von 1935 an bei K. L. Schmidt.↩
6
Nicht erhalten.↩