5. Mai 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

628
Lieber Eduard!

Ich will dir nur schnell mitteilen, daß aus jenem neulich erwähnten Rundbrief unserer Freundin Erica Auszüge in einem Artikel von Stapel, diesem vornehmsten aller Menschen, abgedruckt waren mit der Einleitung: Eine Studienrätin, die ihren K.B. anschwärmt, schreibt … (Du kannst das finden im «Evangelium im Dritten Reich» Nr. 17).1 Damit dürfte auch für uns das Schweigegebot erledigt sein, wenigstens über diese Tatsache. — Alle Briefe an uns und von uns sind übrigens im Augenblick geöffnet.2 Auch das euch zu Kund und Wissen!! — Im übrigen haben wir noch nichts weiter gehört und warten der Dinge. Allzuviel ist K. nicht mehr gewillt sich bieten zu lassen, und ich muß ihm nachgerade darin recht geben. Heute geht er daran, seine Dogmatik-Vorlesung vorzubereiten, nachdem gestern Bultmann einen ganzen Tag bei uns war3. Heft 10 ist gestartet.4 — Einen sehr herzlichen Gruß euch allen!

Lollo

Sachfußnoten

1
W. Stapel, So sieht das Ausland die ‹unpolitische› kirchliche Opposition, in: Evangelium im Dritten Reich. Kirchenzeitung für Christentum und Nationalsozialismus, Jg. 3 (1934), Nr. 17 vom 29.4.1934, S. 215f. 📖 (= ders., Unsere kirchlichen Kämpfe und das Ausland, in: Deutsches Volkstum. Halbmonatsschrift für das deutsche Geistesleben, Jg. 16 [1934], Nr. 8, S. 339–342 📖); zu E. Küppers’ Rundbrief dort S. 215 (bzw. S. 340f.). Der sich auf den Rundbrief beziehende Abschnitt beginnt mit dem Satz: «Mit welcher Naivität manche Kreise stolz sind auf den Beifall eines schadenfroh lauernden Auslandes, zeigt mir der Rundbrief einer Studienrätin, die ihren Karl Barth anschwärmt» (S. 215 [bzw. S. 340]); Zitat des Abschnittes (mit einer Auslassung) bei Prolingheuer, S. 17f. 📖 — Der Artikel war mit anderen Teil einer gegen Barth gerichteten Kampagne Stapels, die wesentlich auf E. Hirschs Initiative zurückging. «Hirsch regte nicht nur einzelne Artikel Stapels an, sondern bestimmte sie bis in die Formulierungen hinein, ja zum Teil schrieb er sie sogar selbst»; vgl. H. Assel, «Barth ist entlassen …». Emanuel Hirschs Rolle im Fall Barth und seine Briefe an Wilhelm Stapel, in: ZThK, Jg. 91 (1994), S. 445–475 📖; Zitat dort S. 463.↩
2
Vgl. unten S. 659, Anm. 2.↩
3
Treffen mit Bultmann, H. Schlier und von Soden zur Besprechung der kirchenpolitischen Situation, bei dem das am 23.5.1934 veröffentlichte Flugblatt «Bekenntnis und Verfassung in den evangelischen Kirchen» (Entwurf von von Soden) redigiert wurde, das 35 Hochschullehrer unterschrieben; Text bei Schmidt 1934, S. 81–83 📖, Zusammenfassung bei Gauger II, S. 196f 📖; vgl. Bw.B.1, S. 149, Anm. 2 📖; Bw.B.2, S. 147, Anm. 2. ↩
4
K. Barth, Der gute Hirte (ThExh 10), München 1934. 📖 Das Heft enthält neben dem auf den 4.5.1934 datierten Vorwort (S. 3–5) 📖 Barths am 15.4. in Paris gehaltene Predigt über Joh. 10,11-13 (S. 6–13) und eine Auslegung über Joh. 10,14-16 (S. 14–23), mit der Barth am 18.4.1934 den Reformierten Kirchenkonvent in Osnabrück eröffnet hatte (wieder abgedruckt in: Pr. 1921-1935, S. 305–324 📖).↩