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20. Juni 1934
Unser Telefonanruf war die letzte Begrüßung, die zwischen uns hin- und herging. Es ist höchste Zeit, daß eine weitere erfolge. Was war das für eine seltsame Überraschung an jenem Freitag abend, als wir euch anriefen. Merkwürdigerweise war gerade die ganze Jüngergemeinde beieinander. Fritzli hatte sich angemeldet, Lili S. war auch da samt Fränzeli, da ging die Türe auf — und wer kam herein? Du kannst dir unsere Gesichter vorstellen. Und natürlich wollte jeder und jedes dem Vater und Meister am Telefon ein Wörtlein zurufen. Es sind aber dann sofort alle ernstlich in eurem Sinne ermahnt worden. Ihr könnt sicher unbesorgt sein. Was für unruhige Zeiten sind angebrochen! Wir bewegen alles treulich mit. Laßt ja wieder und wieder von euch hören. Das Schiff schwankt, aber Ihr werdet wissen, Kurs zu halten. Ach, Karl, ich begreife, daß dir die Geduld reißen könnte. Aber halt doch durch. Es steht so viel auf dem Spiele. Wäre, ach, wäre es doch nur schon August, und alles, alles ließe sich bei einem Bierlein am badischen Bahnhof in Basel in Ruhe besprechen! Und nachher auf dem Bergli in Ruhe erdauern1. Es kommt, es kommt! Doch wie viele Berge werden für dich noch zu überwinden sein! Eben höre ich, daß die Erlanger Fakultät eine ganz scharfe Erklärung — gegen die Barmer Formel erlassen will.2 Diese verdammten Profaxen3 wollen entdeckt haben, daß das Luthertum nun doch in Gefahr sei. Während der eigentlichen Gefahr haben sie zurückgehalten, und nun auf einmal sind sie die Zionswächter. Und diesmal geht es gegen ihren eigenen Bischof!4 Elert soll in besonderer Weise dahinter |661 stecken. Hoffentlich, hoffentlich läßt sich Georgius nicht mitnehmen! Aber du wirst ja darum wissen.
Hierseits gehen kleinere Dinge. Ich war z. B. in Bern, richtig als Zylinderherr mit einem Festabzeichen rückte ich an und fand bei Schädelin Quartier.5 Markus stand auch schon da. Ein ziemlicher Rummel ging los. Zuerst eine große Réception in der Universität, großes Gewimmel aller Weisen und Unweisen, glänzendes Büffet, Stimmengewirr, Vorstellungen und Verbeugungen und nichtsnutziges Herumstehen. Treue Schweizergesichter wie die von Gilg6 und Gaugler7 und sämtlichen Bernern sonst, aber doch auch 21 deutsche Vertreter und unter ihnen Karl Fezer — kein gutes Gesicht! — Bornkamm8 und doch auch Debrunner aus Jena, der Allerneuestes von unserem Wolf zu berichten wußte. Am anderen Morgen Besammlung9 aller Delegationen im Kasino. Ich versehen mit einer Ehrenrolle, die ich zu überreichen hatte, unter der Abordnung aus England. Die Deutschen waren alle prächtig geschmückt mit Talaren und Ketten. Fezer trug einen hohen Hut wie ein Zauberer. Und dann Festzug ins Münster, kleine Schrittlein, würdige Haltung, unzählige Leicas und andere Gläser richteten sich gegen einen, die Glocken läuteten, die Sonne schien, die Bernerfahnen flatter|662ten aus allen Fenstern. Man hätte meinen können10, aber daß der ganze Zauber hohl war, das enthüllte sich bei den Reden im Münster. Eine langweiligere Geschichte ist nicht zu denken. Auch auf der rein humanistischen Ebene erhob sich so gar nichts zu irgendwelchem Glanz oder irgendwelcher Bedeutung. Das Ende war die Gratulationscour. Man mußte ein Podium ersteigen, oben stand ein Ansager, dem man ins Ohr zu flüstern hatte, woher man kam. Also: Aberdeen. Er sofort mit lauter Stimme ins Münster hinein: der Vertreter der Universität Aberdeen! Ich schwang meine Rolle. Unten aber soll einer zu Karl Lindt gesagt haben: du, der sieht aus wie ein Schweizer! Nachher das Festessen im Kasino. Unzählige Tische, unzählige Bernermeitschi11 mit Platten und Flaschen auf Kommando sich hervorstürzend und wieder weggehend und wieder losstürzend. Dazu Rede an Rede, Bundesräte und Großräte12 und Profaxen. Man hörte gar nicht mehr zu, sondern schwatzte während der Reden drauf los. Irgendwie war das Ganze eine ziemlich barbarische Sache. Nachher defilierten die Verbindungen vor uns, ein endloser Zug. Denn jede hatte ihre sämtlichen alten Herren auf die Beine gestellt. Die ganz alten Greise führte man in Kutschen mit. Da sah man uralte, vergilbte und verknöcherte A. Z.13, die kaum mehr an ihr Käpplein greifen konnten, wie sie vor den Bundesräten vorbeifuhren, wahre Leichen- und Knochenwagen, aber dann eben auch so muntere und beschwingte Gestalten wie Peter oder Nil14, die, wohl vom Leben einigermaßen mitgenommen, doch noch die senkrechten Burschen darstellten.15 Mir kam dieser ganze Aufmarsch ziem|663lich überflüssig und unglaubwürdig vor. Aber ich bin schließlich auch nie Berner Vagunz16 gewesen. Nachher gabelte mich der Peter auf und nahm mich am Arm, und ich im Zylinder, er in Farben, trotteten wir nach den Klängen des Zofingermarsches17, begafft vom Volke, mitten im Zuge zu einer Beiz18, dem Bürgerhaus, wo sich etwas ganz Fatales abspielte. Die Berner hatten nämlich ausgeheckt — den Bundesrat Minger zum Ehren-A. Z. zu ernennen wegen seiner Verdienste um die Armee!19 Das führte zu ganz unglücklichen Reden und Gesängen, wie du dir wohl denken kannst. Wenn ich der Minger Ruedi gewesen wäre, hätte ich mich geschämt, so in höheren Jahren, die er schließlich schlecht und recht als Bauer hinter sich gebracht hat, von diesen Akademikern ein weißes Käpplein verliehen zu bekommen. Er schien sich aber sehr geschweinigelt20 zu fühlen. Ein sehr freundliches Nachtessen bei deiner Mutter zusammen mit Peter und Karl Lindt und Markus schloß den Abend ab.
Markus — er ist wirklich nicht so ganz glücklich in Bern. Aber denk, nach einer längeren Rücksprache mit Karl Lindt scheint mir, er sollte ruhig in Bern ausharren. Er ist doch wahrscheinlich in Gefahr einer gewissen falschen Überlegenheit. Er weiß schon zu viel um die Resultate, und da langweilen ihn die Kärrner, die er abhören muß. Aber das würde ihm auch anderswo widerfahren. Und die einzige Rettung ist doch wohl die, daß er trotz seines «Vor-verständnisses»21 aller oder beinahe aller Dinge von dir her nun einfach mit eigener Arbeit einhakt, wie wenn er noch gar nichts wüßte. Vielleicht muß er auch noch aus einer gewissen inneren Abhängigkeit von zu Hause sich herausarbeiten und |664 den eigenen Kurs langsam finden. Da wird es ihm nun doch gut tun, daß er Zofinger wird und die bescheideneren geistigen und ungeistigen Gefilde des wackeren Berner Böotiers irgendwie mitaufsuchen muß. Ich glaube allerdings, daß er in Basel, gerade was die Zofingia betrifft, viel besser auf seine Rechnung käme. Und vielleicht kann das später auch noch in Frage kommen. Aber jetzt doch noch nicht. Übrigens ist er an sich ganz vergnügt und wird am nächsten Sonntag noch einmal hieher kommen, wo ich ihn wohl ruhiger sehen kann, als es in Bern möglich war. Aber frag doch Karl Lindt einmal ausführlich nach ihm. Er sieht ihn ganz von nahem und, wie mir scheint, richtig. An Markus und an Fränzeli, die ja beide im Vergleich zu den unsrigen schon weiter vorgerückt sind, ersehe ich ein wenig, daß unsere Kinder wohl alle keine ganz einfachen Wege vor sich haben. Sie werden hin- und hergetrieben, wie es heute nicht anders sein kann. Aber wahrscheinlich haben sie als Kinder der dialektischen Theologie noch einige Spezialwindungen durchzumachen, die anderen so nicht zugedacht sind. Fränzeli ist uns aber weiter und weiter ein ganz lieber Hausgast. Augenblicklich hat es einen kleinen Stopp! erhalten, weil es sich beim Baden im Rhein am Fuß etwas zugezogen hat. Es ist aber ganz ungefährlich. Nur muß es ein paar Tage still sitzen, was ihm sicher nur gut tun wird.
Über den letzten Sonntag war Pierre Maury unser Gast. Ich kann nur aufs neue bestätigen, daß diese Welschen ganz ausgezeichnete Leute sind. Fränzeli und Lili S. haben sich ebenfalls aufs beste mit ihm verständigt. Doch hat sich Fränzeli nun in guter Weise entschlossen, von seinen Welschlandplänen für diesen Sommer abzusehen, um in Adelboden bei Nelly zu sein und nachher wieder hier seinen Weg fortzusetzen.22 So meine ich wenigstens seine Pläne im Augenblick verstanden zu haben.
Unser dir gemeldetes Gespräch mit dem Papisten Fehr hat bereits zu zweien Malen stattgefunden. Es waren ganz gute und lehrreiche Abende. Nur muß ich sagen: irgendetwas Jesuitisches an der Gesprächs|665führung Fehrs hat mir gar nicht eingeleuchtet. Es wurde immer wieder alles abgestritten, was von uns aus gesehen an der katholischen Position unannehmbar ist. Wir sollten an allen Punkten sozusagen mithereingenommen werden. Wir sind nun dazu gelangt, für die weiteren Abende unter uns zu bleiben. Namentlich Heiner hat an Fehr keine besondere Freude gehabt. Und unsere Leute sind ja auch wirklich zu wenig eingeschossen und unter einander einig, als daß man dies Gespräch mit Nutzen weiterführen könnte. Dafür ist unser Freund Emil aus Zürich vorletzte Woche vor der hiesigen Fachschaft und den Pfarrern mit einem großen Vortrag angetreten, wobei es zu einem Duell zwischen ihm und mir kam.23 Deine Studenten, also etwa der Walter aus Liestal, haben sich sehr gut gehalten. Was machen wohl die augenblicklich bei dir weilenden Jünglinge aus Basel? Von Stickelberger höre ich durch seine Mutter24 begeisterte Zustimmung zum Bonner theologischen Betrieb. Nur sollen diese Schweizer Anstoß nehmen an einer sich als ganz geeichte «Barthianer» gerierenden Gruppe von Deutschen, die sich offenbar mit ihrer «Orthodoxie» so sehr brüsten, daß die Schweizer alle beschlossen hätten, sie einmal richtig durchzuprügeln. Dazu wird es sicher nicht kommen. Aber es scheint, daß wie einst in Bad Boll um den Herrn Pfarrer herum eine Sperrsitzreihe sich von den hinteren Rängen abhebt, was bei diesen Unwillen und Grollen hervorruft. Was macht wohl der gute Walti Burget25? Emil — theologisch geht es wirklich nicht, wie er den Oxfordeinbruch in seinem Leben zu verarbeiten sucht. Aber menschlich ist er vielleicht gerade um dieses Einbruches willen mehr als je eine bewegte und umgetriebene Gestalt. Mir war er darum bei allem Widerspruch, den ich gegen ihn an jenem Abend zu erheben hatte, innerlich ungleich viel näher als die verdammten Spießbürger und satten Pfaffen unter den hiesigen Schriftgelehrten. Es ging um die Lage und Not der Kirche. Emil hatte unmögliche Thesen aufgestellt. Aber er sieht auf alle Fälle etwas Lebendiges, er weiß um die Not, wäh|666rend diese Wendland und Baumgartner und wie sie heißen davon überhaupt keine Ahnung haben.
Nächste Woche bricht das Missionsfest los.26 Es wird dabei irgendwie auch der Wellenschlag von draußen her spürbar werden. Hartenstein sagt mir, daß auch die Mission nun ganz dringlich vor die Frage gestellt sei, was die Barmer Erklärung für sie bedeute. Es wird Ende dieser Woche darüber in Bethel verhandelt werden.27 Dann aber schlägt für uns die Stunde des Aufbruchs nach England. So um den 6. herum werden wir reisen. Ich bin von deinem Freund Thomson28 in Aberdeen bereits eingeladen. Wenn ich nur mit dem Englischen weiter wäre!
Ich will für heute schließen. Seid alle herzlich gegrüßt! Ich habe noch ein paar Briefe, die Lollo seinerzeit ans Bergli geschickt hat. Soll ich sie, kann ich sie an euch zurückgehen lassen? Oder soll ich sie behalten, bis Ihr kommt? Wir gedenken euer aller in Verbundenheit und mit allen guten Wünschen!