2. November 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

733
L. E.!

In aller Eile: Was die B. N. gerade in den letzten Tagen wieder gemacht haben, ist unter aller Kanone! Die Beseitigung Jägers ein «Sieg der D. C.»1, die Bekenntnisgemeinschaft hält an Bodelschwingh fest2, H. und der alte Fritz3, die Versöhnung unter einem vermittlungsfähigen Reichsbischof («im allgemein protestantischen Interesse!»4) usw., |734 das alles ist für jeden, der die Dinge kennt, einfach dummes und charakterloses Geschwätz, dessen ich mich hier als Basler nachgerade in den Boden hinein schämen muß und das, weil die B. N. hier ihr bekanntes Monopol haben, unabsehbaren Schaden anstiften kann. Frag doch K. S. noch einmal, ob uns denn die B. N. wirklich in dieser hirnlosen Weise in den Rücken fallen müßten? Ich komme brieflich nicht weiter mit ihm. Er mutet mir in seinem letzten Brief zu, ich solle ihnen für die nötigen Nachrichten sorgen.5 Das ist, weil ich so unmittelbar beteiligt bin, ganz ausgeschlossen, was die B. N. aber noch lange nicht berechtigt, einen so miserablen Korrespondenten zu halten und einen Kurs zu steuern, von dem man nicht weiß, ob er nur allgemein liberalflaumacherisch ist oder ob nicht wirklich die Zusammenhänge dahinter stehen, mit denen man hier ganz offen rechnet …! Sicher ist es, daß hier so oder so etwas ganz Wüstes passiert, das sich die Kirche in der Schweiz nicht gefallen lassen dürfte.

Mit herzlichem Gruß!
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Zum Ausscheiden Jägers aus den kirchlichen Ämtern (vgl. oben S. 727, Anm. 6) schrieben die Basler Nachrichten am 30.10. in einem ausführlichen Artikel: «Es ist nicht so sehr ein Sieg der Opposition — der Bekenntnisgemeinschaft —, der seinen Rücktritt zur Folge hat, als gerade der Front derjenigen, die bisher mit ihm gegangen sind. … Seine Politik ging auch den Deutschen Christen und den hinter ihnen stehenden Kreisen der alten Kämpfer wider den Strich» (K., Ein Sieg der Deutschen Christen im Kirchenkampf, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 297 vom 30.10.1934 📖). Zwei Tage später wurde diese Aussage wieder relativiert: «Wenn jetzt gelegentlich davon die Rede ist, daß das völlige Ausschalten Jägers aus der Reichskirchenregierung einen Sieg der / Deutschen Christen / bedeute, im Hinblick auf den Konflikt zwischen Dr. Kinder und dem früheren Rechtswalter, so ist das eine einseitige Darstellung. … [Es] ist nicht zu vergessen, daß die Deutschen Christen selbst sich gegenwärtig in einer schweren Krise befinden» (Die süddeutschen Bischöfe nehmen ihre Aemter wieder auf [United Preß-Meldungen vom 31.10. und 1.11.1934], a.a.O., Nr. 299 vom 1.11.1934 📖). Vgl. Meier I, S. 509f. 📖↩
2
K., Marahrens Nachfolger? Bekenntnisgemeinschaft hält an Bodelschwingh fest (Privattel. 1.Nov.), in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 299 vom 1.11.1934. 📖 ↩
3
«Diese Woche ist nun, wenn unsere ersten Informationen nicht trügen, Adolf Hitler durch seine Stellungnahme zum evangelischen Kirchenstreit mit gutem politischen Instinkt in die Fußstapfen des Alten Fritz getreten. Seine ‹Stellungnahme› scheint darin zu bestehen, daß er nicht Stellung bezieht, daß er kein weiteres Interesse mehr an den Vorgängen in der Deutschen Evangelischen Kirche nimmt. … Es brauchte viel kräftiges Selbstvertrauen, um schließlich [d. h. nachdem sich die Wahl Müllers und die Einsetzung Jägers als Fehler herausgestellt hätten] doch umkehren und die politisch allein richtige Position Friedrichs des Großen beziehen zu können. Hitler scheint dieses Selbstvertrauen zu besitzen» ([A.] O[eri], Die Weisheit Friedrichs des Großen [Tagesbericht], in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 299 vom 1.11.1934 📖; beide Stellen sind in dem im Karl Barth-Archiv befindlichen Exemplar mit Rotstift unterstrichen und am Rand mit einem Fragezeichen versehen; Wiedergabe des Artikels mit zahlreichen Zitaten in: Kaiser, S. 160f. 📖). ↩
4
In Oeris «Tagesbericht» (a.a.O. 📖) heißt es weiter: «Es ist [nach Hitlers «Neutralitätsentschluß»] anzunehmen, daß die Gewaltmaßregeln der Aera Jäger abgebaut werden. Dann stehen sich die beiden Richtungen [d. h. die deutsch-christliche und die bekenntniskirchliche] mit gleichen, rein geistigen Waffen gegenüber. Ob diese anständige Konkurrenz in Bälde zur Versöhnung unter einem vermittlungsfähigen Reichsbischof führen wird, können wir nicht beurteilen. … Die Versöhnung ist im allgemein protestantischen Interesse gewiß wünschbar.»↩
5
Am 28.10.1934 schrieb Sartorius an Barth: «Deine Kümmernis läßt sich vielleicht so vermindern, daß Hand dazu geboten wird, daß unser Pr.Tel., wie Du den Mann nennst, [hinter dem Titel der meisten von ihm verantworteten Artikel steht der Vermerk «Privattel.»] jeweilen rechtzeitig von kompetenter Seite orientiert wird. Es liegt ja nur an der Information. Ich habe Dir das schon in meinem letzten Schreiben angetönt [= angedeutet] und würde es natürlich begrüßen, wenn Du mir einen Weg weisen könntest.»↩