728
1. November 1934
Karl hätte dir gern selbst wieder einen Bericht gesandt über seine Berliner Erlebnisse, und das ist natürlich eine unwiederbringliche Sache, daß es nun nicht geschieht. Aber du wirst verstehen, daß er nun jede freie Stunde — er ist ja fast ununterbrochen von auswärts beansprucht — an seine Dogmatik
📖 wenden muß, die ja nächste Woche nun trotz und trotz Allem wieder ihren regelmäßigen Lauf nehmen soll, muß und darf. Ach ja, Eduard, auch darf. Wir sind augenblicklich froh und getrost. Denn diese letzten Tage, in denen es wieder und immer wieder aussah, als sollte Alles schief gehen — noch gestern Morgen hat eine Karte von Karl zwischen zwei Sitzungen1 mich Schlimmstes be|729fürchten lassen —, sind nun endlich und zuletzt doch sehr gut ausgegangen. Die Bekenntniskirche bzw. ihre nun führende Vertretung hat ein erstes und wahrscheinlich schwerstes Hindernis erfolgreich genommen, hat die lutherischen Bischöfe Wurm und Meiser bewogen, sich von der Linie Barmen-Berlin nicht zu entfernen, und hat den auf den Reibi spekulierenden Marahrens an die Luft gesetzt.2 Das ist viel, besonders wenn man weiß und in Berlin selbst sehen konnte, wie tief der Traum des lutherischen Reichsbischofs in allen lutherischen Köpfen spukt und wie schwer sie sich auf einer nüchternen Linie einigen lassen. Aber nun durfte es also nach viel mühsamem Hin und Her — man wollte einen Augenblick lang Karl und Koch hinausweisen — also doch sein, und nun dürfen wir vielleicht mit etwas mehr Zuversicht der nächsten Probe entgegengehen. Die Unterredung der Bischöfe mit Hitler — die vorher eben jene Nervosität unter die Lutheraner getragen hatte — verlief anscheinend für die Bekenntniskirche durchaus gut3 Mehr kann ich dir nicht schreiben. Vielleicht darf die Kirche ihre Sache nun wirklich selbst austragen. Damit wäre viel, wenn nicht Alles gewonnen, wenigstens äußerlich. Die schweren inneren Fragen beginnen dann ja wohl erst. Aber was auch noch kommen mag, es war in diesem letzten Jahr doch ein gnädiger Weg, und es bleibt uns eigentlich nur zu danken. — Und daß |730 K. nun so zentral mitarbeiten darf, das hat seine Stellung hier doch völlig geändert und auch seine innere Freudigkeit zu dieser deutschen Kirche wieder ganz neu aufleben lassen. Und darüber — Eduard, gelt, das darf ich doch, das geht ja gar nicht gegen Basel!! — bin ich einfach glücklich. Und auch um die ihm so wohltuende persönliche Gemeinschaft mit Koch und Asmussen, die ihn des hier jahrelang einfach völligen traurigen Alleinseins enthoben hat. — Gleichzeitig war in Berlin eine Deputation von 40 fränkischen Bauern anwesend, die zu Hitler vordringen und ihn über die Lage der Kirche aufklären wollten. Leider kamen sie nur in die Kanzlei. Da sie aber im gleichen Hospiz wie Karl wohnten, hatte er köstliche Begegnungen mit ihnen und ihren Dorfpfarrern, deren eine in dem Ausruf eines Franken gipfelte: «Herr Professor, Se san scho elend g’scheit!!» — (Eben trifft die B.N.
📖 von gestern ein, und wir sehen, daß ihr daraus ja schon ganz gut unterrichtet seid.4 Aber es wird euch ja doch wichtig sein zu hören, wie die Geschichte von hier aus aussieht und wie weit sie sich mit dem offiziellen Bericht deckt). — Das Eine steht auf jeden Fall fest, daß die Bekenntniskirche ihren Weg nun noch ein bißchen entschlossener als bisher weitergehen wird und auf der ganzen Linie die durch die Berlin-Dahlemer Botschaft ausgegebene Parole nun durchgeführt werden soll. Ausführungsbestimmungen zu dieser Botschaft wurden vom Bruderrat nun ebenfalls ausgearbeitet und werden jeweils lokal noch spezifiziert und den Verhältnissen jeweils angeglichen werden.5 Heute Nachmittag hält Karl dem hiesigen Bruderrat ein Referat über die Vorgänge und Beschlüsse in |731 Berlin.6 — Daß der Staat nun seinerseits wirklich Zurückhaltung üben will, das dürfte die Wiedereinsetzung v. Sodens7, die Zurücknahme des Verbotes der Schriften im Verlag Kaiser8, die neuerdings wieder in Kraft getretene Gehaltsauszahlung an abgesetzte Pfarrer9 beweisen. — Wir wissen wohl, daß trotzdem kein Anlaß besteht, allzusehr aufzuatmen, vor allem auch nicht wegen der ja immer wieder unter Furcht und Zittern zu erringenden Einigkeit in der Bekenntniskirche. Aber wir haben Hoffnung. Grüße dein ganzes Haus, insbesondere Marguerite. Und grüße Nelly und gib ihr bitte das beiliegende Brieflein.10 Und grüße nicht zuletzt das Bräutlein Fränzeli, an das ich oft und mit Freude denke. Daß Karl alle diese Grüße teilt, ist selbstverständlich.
732[Nachschrift von Barth:]
Lieber Eduard!
Du konntest meiner Karte aus Berlin und du kannst diesem Brief von Lollo entnehmen, daß ich diese Woche wieder einmal gründlich durch die Rolle gezogen11 worden bin. Es waren anstrengende (Sitzung bis nachts 3 Uhr) und aufregende Tage mit immer neuen Zwischenfällen. Die bayerischen Lutheraner haben nun (nach Barmen und Dahlem) schon zum dritten Mal beinahe Alles zum Einsturz gebracht mit ihrem konfessionellen (und «völkischen»!) Partikularismus. Aber wiederum nur beinahe. Die Linie von Barmen-Dahlem ist jedenfalls vorläufig gesichert; ich kann mit Koch, Asmussen und Niemöller jetzt gut und einhellig zusammenarbeiten; aber es wird immer neuer Wachsamkeit bedürfen: «die Deutschen» vergessen immer wieder, was ihrem wahren Wohl nützlich ist, und dann muß ich mit heftiger Rede vorstoßen oder viele sägende Privatgespräche führen, um sie umzustimmen. Aber ich bin diesmal sogar mit den fränkischen Bauern in gutes Einvernehmen gekommen. Was die Unterhaltung der Bischöfe mit H. betrifft, so wurde rauh, aber kräftig gesagt (nicht von mir!): «Die drei alten Esel haben wieder einmal unverdientes Glück gehabt!» In der Tat: H. scheint nur geschimpft bzw. geseufzt zu haben. Hätte er positive Vorschläge gemacht (die Vorsehung hat das verhindert!12), so wären sie sicher wieder umgefallen. Ich war am Morgen des entscheidenden Tages im engsten Kreis mit ihnen zusammen und sah den ganzen Jammer des episkopalen Systems sowohl wie dieser Personen. Nun ist vorläufig freie Fahrt, und die Bek. Kirche wird nun auf der ganzen Linie mit sehr nachdrücklichen Maßnahmen in Funktion treten. Zu Triumph ist kein Anlaß; aber wenn man an die Lage vor einem Jahr denkt, muß man doch sehr dankbar sein. Heute Nachmittag muß ich an der hiesigen Kreissynode referieren. Wenn ich nun nur auch wieder zum richtigen Einstieg in die Dogmatik
📖 käme! Beides: Kirche und Wissenschaft ist eben ein bißchen viel. Grüße Alle!