29. Oktober 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

725
L. E.

Ich bin wieder einmal in Berlin und habe lange Sitzungen zu absolvieren, in denen — was immer unterdessen in den politischen Regionen passieren mag — das Notgerüst für den Umbau der Kirche erstellt wird.1 Kirchenregiment ist wirklich eine mühselige und gefährliche |726 Angelegenheit. Aber gewisse Einsichten haben sich hier doch schon durchgesetzt, und so ist es im Ganzen doch ein gutes, d. h. hoffnungsvolles Arbeiten. Ihr könnt sowohl den Tatsachenberichten als auch den Beurteilungen der Basl. Nachr. gar nicht genug Mißtrauen entgegenbringen. Es passiert da durchgehend eine, wie ich fürchte, tendenziöse Entstellung. Ich habe mit Karl Sartorius darüber korrespondiert, leider ganz erfolglos: er weicht mir in aller Freundlichkeit aus und erklärt sich mit dem Kurs seiner Zeitung einverstanden.2 Was da dahinter steckt, |727 weiß ich nicht. Wie schade, Eduard, daß du jetzt nicht auch in Deutschland bist und uns in der Fülle von Problemen und Aufgaben, die uns von allen Seiten bedrängt, helfen kannst; wir stehen jetzt wirklich mitten im Bewegungskrieg. Umso mehr möchte ich dich bitten, doch in nächster Zeit wieder ein Heft für die Theol. Existenz zu schreiben, schon damit mein rauhes «Nein»! gegen Emil nicht zu lange das letzte Wort bleibt. Noch viel schöner wäre es ja, wenn du selber an diesem grünen Tisch sitzen würdest. Aber κατὰ πνεῦμα mußt du ja auch tätig dabeisein!

Der Württemberger Pressel hat eben ein ausgezeichnetes Kampfprogramm vorgelesen, das sie dort durchzuführen im Begriffe sind. Augenblicklich wird über […]3 beraten, wo Heidentum und Häresie besonders dicht sind und die Kirche besonders schwach. Eine Delegation von fränkischen Bauern in seltsamen Hüten, zum Letzten entschlossen, ist auch hier und eben unterwegs zu H.!4 Ferner die süddeutschen «Märtyrerbischöfe»5, denen von Asmussen nicht ohne Romantik Rosensträuße überreicht wurden! — Nach eben eintreffender Nachricht hat Jäger sich aufs neue in seiner Stellung befestigt6 und haben auch die fränkischen |728 Bauern ihr Ziel nicht erreicht. Es ist m. E. besser so. Es geht sicher nicht mit irgend einem Friedensschluß. Kannst du nicht deinerseits etwas auf die Basl. Nachr. drücken, damit sie dort aufhören, diese Idee zu propagieren und uns damit in den Rücken zu fallen? — Ich fahre morgen wieder nach Bonn zurück, werde aber wohl bald und noch öfters wieder hier sein müssen. Grüße alle Lieben und Gerechten!

Herzlichst
Dein
Karl B.
dein Gerhard Jacobi
Ihr Hans Asmussen

Sachfußnoten

1
Beratungen des Bruderrates der Bekennenden Kirche über die kirchliche Lage und die «Verordnung der Beschlüsse der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche» zu den Aufgaben der landeskirchlichen Bruderräte gemäß den Dahlemer Beschlüssen sowie über die «Richtlinien für das Verhalten der bekennenden Gemeinden» zur Erläuterung des umstrittenen Abschnittes III, 3 der Dahlemer Botschaft (Abdruck in: Schmidt 1934, S. 158–162 📖; Gauger II, S. 379.381 📖; W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O., S. 39–41 📖). Der bevorstehende Kanzlerempfang der drei Bischöfe (s. Anm. 5) und die damit verbundene Hoffnung, der Staat werde von nun an eine positive Haltung gegenüber der Bekennenden Kirche einnehmen, verlieh den Überlegungen des Bruderrates zur Neuordnung der Kirche besondere Aktualität. Strittig war die Frage, ob der Bruderrat sich allein auf die Bischöfe verlassen oder zusätzlich ein Schreiben, «das Anerkennung von Pt. 3 + 4 Dahlem fordert», an Reichsinnenminister Frick senden solle (Protokoll der Sitzung von H. Kloppenburg vom 29.10.1934 [irrtümlich auf den 28.X.34 datiert] im Bundesarchiv Koblenz, Nachlaß KI. Scholder; Zitate bei Prolingheuer, S. 30 📖). Vgl. Meier I, S. 231–233. 📖 ↩
2
Bereits am 18.8.1934 hatte Barth den Kurs der Basler Nachrichten als «nicht recht durchsichtig» bezeichnet, da sie über die Ereignisse des 30. Juni (den später sog. Röhm-Putsch: die von Hitler angeordnete Verhaftung und Ermordung der SA-Spitze und anderer Gegner Hitlers wegen angeblicher Putschpläne) sehr zurückhaltend berichtet, bei der Berichterstattung über den am 2.8. verstorbenen Hindenburg aber «mit den Wölfen geheult» hätten. Es werde bereits gemunkelt, die Basler Nachrichten seien gekauft (Brief an K. Sartorius; Teilabdruck bei W. Koch, Karl Barths erste Auseinandersetzung…, a.a.O. [S. 383, Anm. 2], S. 498 📖). Sartorius erklärte sich in bezug auf den s. E. nicht zu zurückhaltenden Kurs der Zeitung mit Oeri einig, hoffte aber noch auf eine mündliche Ausprache mit Barth (Brief an Barth vom 22.8.1934). Bezugnehmend auf diesen Brief, schrieb Barth am 23.10. an Sartorius: «Ich kann nur noch einmal anmelden, daß ich sie [scil, die Linie der BN] für bedauerlich und nachgerade für geradezu schädlich halte. Auch für euch selber! Ich höre immer wieder, daß die BN, obwohl man als nach der einzigen Schweizerzeitung immer wieder danach greift, punkto Vertrauenswürdigkeit viel Boden verloren haben.» Dieser grundsätzlichen Kritik hatte Barth eine Liste von Gravamina zu drei BN-Artikeln über die deutsche Kirche vom 17., 21. und 22.10. vorangestellt, darunter allein 8 Richtigstellungen zu dem Artikel Das Schisma in der Deutschen Evangelischen Kirche Tatsache (in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 288 vom 21.10.1934) 📖 des Berliner Korrespondenten «K», vor dem Barth Sartorius — wie schon in einem Brief vom 1.6.1934 — nochmals warnte. In seiner Antwort verwies Sartorius auf die Schwierigkeiten eines Journalisten, sich schnell zuverlässige Informationen zu verschaffen, doch habe «K.» bestimmt «optima fide» gehandelt. «Allgemein gesprochen halte ich die Linie, auf der wir uns jetzt bewegen, für richtig. Das schließt nicht aus, daß ich in einzelnen Fällen, wie in dem von Dir erwähnten, anderer Ansicht bin als der Verfasser, der auf diesem Gebiet seine Selbständigkeit hat» (Brief vom 25.10.1934). Der Name des Berliner Korrespondenten soll Kersten gelautet haben (telephonische Auskunft der Redaktion der Basler Zeitung im Februar 1994); vgl. aber unten S. 742, Anm. 6.↩
3
Durch Lochung unleserlich.↩
4
Die fränkischen Bauern standen mit großen Teilen der evangelischen Bevölkerung Bayerns in Opposition zu den gewaltsamen Eingliederungsmaßnahmen A. Jägers und ließen schließlich auch Abordnungen nach Berlin reisen, um den staatlichen Stellen ihre Verbundenheit mit Meiser auszusprechen. Vgl. unten S. 730, Anm. 4.↩
5
Ähnlich wie in Württemberg hatte Jäger auch in Bayern seit dem 3.9. versucht, die auf der Nationalsynode vom 9.8. beschlossene Eingliederung der Landeskirchen (vgl. oben S. 681, Anm. 5) gewaltsam durchzusetzen. Im Zuge der Auseinandersetzungen befanden sich Wurm seit dem 6.10. (s. oben S. 701, Anm. 7) und Meiser seit dem 12.10. in ihren Häusern in «Schutzhaft». Kurz nach dem Eintreffen einer Einladung zu einer Unterredung mit Hitler über die kirchliche Lage (für den 30.10.) am 26.10. war die Haft auf ihr Ersuchen hin von Minister Frick aufgehoben worden. Jägers Rücktritt am nächsten Tag besiegelte das Scheitern der Gleichschaltungsversuche in Bayern und Württemberg. Die drei eingeladenen Bischöfe, Marahrens, Meiser und Wurm, reisten am 28.10. nach Berlin, wo sie sich am Vormittag des 30.10. mit dem Reichsbruderrat über die Hitler darzulegende Darstellung der kirchlichen Lage berieten (vgl. unten S. 728f., Anm. 1). Zu den Maßnahmen in Bayern vgl. Scholder II, S. 314–320.327-332.349f.354f 📖; Meier I, S. 463–467 📖; Gauger II, S. 321–365 (nur die rechten Seiten) 📖; Hermelink, S. 154–178 📖; Schmidt 1934, S. 150–156. 📖 ↩
6
Am 29.10.1934 mußte Jäger widerstrebend — auf Weisung des Reichsinnenministers vom 27.10. — dem Reichsbischof offiziell seinen Rücktritt von den kirchlichen Ämtern anbieten (das Schreiben wurde unter dem Datum 26.10. verbreitet). Am 30.10. wurde sein Ausscheiden auch aus der Geistlichen Abteilung des Reichskultusministeriums bekanntgegeben. Vgl. Scholder II, S. 351–353 📖; Meier I, S. 510f. 📖; zum Rücktritt von den staatlichen Ämtern vgl. Kretschmar/Nicolaisen II, S. 194–196 📖. — Barths Information über Jäger geht vielleicht auf die nationalsozialistische «Fränkische Tageszeitung» zurück, die in einem Artikel vom 29.10.1934 folgende «richtigstellende» Meldung zu verbreiten empfahl: «Die von Ministerialdirektor Jäger in seiner Eigenschaft als Sonderkommissar des Reichsbischofs getroffenen Maßnahmen haben sowohl die Billigung des Führers und Reichskanzlers wie auch die des Reichsbischofs und behalten nach wie vor ihre Gültigkeit» (vgl. Gauger II, S. 361.363, Zitat dort S. 363 📖).↩