25. Oktober 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Dein so erwünschter und tröstlicher Brief war unserem ganzen Hause eine Freude, und er soll nicht lange ohne Antwort bleiben. Nicht nur Pappe und Mamme, sondern natürlich auch Fränzeli und auch Max Zellweger und sogar auch Dorothee durften ihn lesen, und manch anderem gerade vorbeieilenden Pilger wurde daraus mitgeteilt. Tröstlich war er uns, weil er dich als wirklich ganz am Leben seiend, sogar reitend, sogar ein Kino besuchend und auf alle Fälle der Pfeife noch durchaus mächtig meldete und darstellte. Du weißt wohl gar nicht, mit was für einer Spannung und Anteilnahme wir von weitem täglich den Dingen bei euch draußen folgten. Karl Sartorius mußte mehr als einmal direkte Meldungen per Telefon an mich weitergeben, sobald sie bei ihm auf der Zeitung eingetroffen waren. So ein klein wenig hat unser Schifflein mitgeschwankt, wenn bei euch die Wellen hoch gingen. Und das ist bis heute so geblieben. Nelly ist also eingetroffen, aber wir haben sie zunächst nur ganz kurz gesehen. Denn an jenem Abend mußte ich nach dem Nachtessen weggehen. Und am anderen Morgen wurde Nelly sofort zu ihrer Mutter nach Zürich gerufen, von wo ja heute abend die Nachricht kam, daß Frau Hoffmann gestorben sei.1 Es ist ihr sicher gut gegangen. Vor dem Sterben hatte sie aber offenbar noch einen Augenblick, wo sie bei sich war und auch Nelly erkennen konnte. Nelly wird nun wohl nach der Beerdigung am kommenden Montag wieder zu uns zurückkehren, um sich dann erst Fränzeli zuzuwenden.

Fränzeli ist nach wie vor einfach gut dran. Man hört das schon an ihrem Spiel. Ich bleibe oft einfach ein wenig gebannt stehen, weil da im Vorzimmer nebenan so mit großem Atem, so mit Schwung und weitgespannter Linie Beethoven gespielt wird, daß man einfach hören muß, daß, die hier spielt, auf einer ganz großen inneren Welle fährt. Auch sonst sieht und spürt man ihr das ab. Die Besorgnis Onkel Heiners, der mich letzthin halblaut fragte, ob Fränzeli etwa wegen der allerhand Baslereien, ohne die es natürlich nicht abgeht, nicht mudrig2 werde, ist zwar rührend, aber ganz unnötig. Fränzeli hat Humor genug, um an |723 dieser Seite der Sache lächelnd vorüberzugehen. Bereits wird das Hiisli3 in Riehen gesucht. Aber ich zweifle nicht daran, daß Fränzeli in seiner Weise auch irgendein «Bergli», wenn auch nicht so schicksalhafter Art wie das wirkliche, dort draußen eröffnen, als auf alle Fälle einen Ort eigenen und nicht einfach Baslerischen Bürgerstils auftun wird.

Hast du den Basler Nachrichten 📖 entnommen, was für ein schrecklicher Türk4 gestern nachmittag vor und im Minschter und wirklich auch auf meiner Kanzel abgelaufen ist? Hansli Buur hatte wieder einmal einen großen Tag! Hast du gesehen, wie blasphemisch schon seine Textwahl war? Und was er dann über jene «drei Hirten» zu sagen wußte, die erschlagen auf einer grünen Wiese am blauen Leman (so soll er es gesagt haben) lagen, das muß schrecklich genug gewesen sein.5 Sicher haben die Weltkinder, sogar der freisinnige Viktor Emil Scherer6, meine Kanzel weniger mißbraucht als dieser Baalspfaffe. Kürzlich soll er die Beerdigung eines kleinen Bübleins, dem drei Tage vorher sein Vater ebenfalls gestorben war, unter das Wort gestellt haben: «Ich und der Vater sind eins» [Joh. 10,30]! Aber du liebe Zeit, ich habe selber mit eigenen Ohren und von meinem eigenen Kollegen Wolfer vor drei Wochen eine Predigt von mei|724ner gleichen Kanzel herab hören müssen, in der gesagt wurde, wenn Paulus recht hätte, so müßte das Gleichnis vom verlorenen Sohne [Lk. 15,11–32] so lauten: der Sohn kommt heim. Der Vater will ihn aufnehmen. Aber er sagt: ich kann es nicht. Es muß zuerst jemand für dich geschlachtet werden. Wer wohl? Am Ende könnten wir den älteren Bruder schlachten — dieses Absurde sollte als Beweis gegen die «Sühnetodtheorie» gelten. So steht es in unserer armen bekenntnislosen Baslerkirche7. Da werden sicher auch noch einmal Gerichte hereinbrechen müssen! Man wundert sich über nichts draußen, wenn es drinnen so aussieht. Wie froh wird man da über euren Kampf. Er ist ganz gewiß nicht vergeblich!

Lackmann ist eingetroffen und hat mir wirklich gut gefallen bei seinem ersten Besuch. Ich werde ihn dann im Seminar8 noch näher begrüßen können. Er hat auch Heiner bereits seinen Besuch abgestattet. Die beiden Hefte der Theologischen Existenz sind ausgezeichnet geraten.9 Namentlich von dem zugänglicheren ersten über den «Zeugen» höre ich bereits von allen, die es gelesen haben, schlechthin begeisterte Zustimmung. Es ist sicher kein Schade, daß auch einmal solch ein etwas lockererer Vortrag herauskam. Und dank Lollo ist die Diskussion dabei10, die vielen Fragenden, wie es dort Fragende gab, einfach ausge|725zeichnet antwortet. Ja, Lollo ist sicher wieder ganz neu schlechthin nicht mehr wegzudenken von deiner Seite. Wie wärest du versorgt ohne sie in diesen Kampftagen und -nächten! Darf ich dich, Lollo, noch um die Zusendung der Jakobusbriefvorlesung11 bitten? Ich wäre froh darum für meine Bibelstunden, die jetzt dann beginnen sollen. Wir grüßen euch beide herzlich und von ganz nahe trotz aller Ferne!

Dein
Eduard

Alphons hat mir nach seiner Rückkehr sofort angeläutet und erzählt und Grüße gebracht. Er kam auf Umwegen über den Süden heim. Und er ist schon am Tage darauf wieder nach England gefahren, um dort Bericht zu erstatten.12

Sachfußnoten

1
A. E. Hoffmann starb am 25.10.1934.↩
2
= mißmutig.↩
3
= Häuschen.↩
4
Siehe oben S. 45, Anm. 11.↩
5
Am 24.10.1934 fand im Basler Münster eine Trauerfeier für Regierungsrat Dr. Fritz Aemmer, Spitaladjunkt Karl Götz und den Präsidenten des Pflegamtes Dr. Friedrich Schul statt, die am 30.9. bei einer Dienstfahrt in der Nähe des Genfersees (französisch: Lac Léman) durch einen Autounfall ums Leben gekommen waren. In seiner Predigt zu Mt. 26,31b (Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen) führte H. Baur aus: «Hirten der Barmherzigkeit sind geschlagen worden am Léman. Aber nichts geschieht aus Zufall und keiner stirbt sich selbst. … [Es folgt eine Würdigung der drei Opfer.] … Die Hirten sind geschlagen, aber Gott hat sie zu Rittern geschlagen und sie geadelt, sie uns zum Vorbild gegeben. Wohl wissen wir nicht, welche göttliche Saat aus dem Blut von St. Sulpice aufsteigen wird. Aber wir wissen eins: Gottesschläge sind Liebesschläge» (Die Trauerfeier im Basler Münster für die Opfer von St. Sulpice, in: BN, Jg. 90 [1934] Nr. 292 vom 25.10.1934, 1. Beilage 📖).↩
6
Dr. Viktor Emil Scherer (1881–1941), Rechtsanwalt, jahrzehntelang Führer der freisinnigen Partei in Basel, die er 27 Jahre im Basler Großen Rat vertrat, 1919–1927 Ständerat (Mitglied des Gremiums der Kantonsvertreter), 1929–1941 Nationalrat. Vgl. A. Oeri, Zwei Basler Politiker [über V. E. Scherer und Fr. Hauser], in: Basler Jahrbuch 1942, hrsg. von E. Jenny und G. Steiger, Basel o. J., S. 107–109. 📖 — Mit allen anderen bei der Trauerfeier gehaltenen Reden ist auch Scherers Beitrag unter der Zwischenüberschrift «Die Redner» in der genannten Nummer der Basler Nachrichten (s. Anm. 5) abgedruckt.↩
7
Seit ihrer 1911 in Kraft getretenen Verfassungsreform ist die Basler evangelisch-reformierte Kirche an keine Bekenntnisschrift mehr gebunden: «Die Grundlage ihrer Lehre ist Jesus Christus und sein Evangelium, das sie aus der Bibel unter der Leitung des christlichen Gewissens, der christlichen Erfahrung und der Wissenschaft erforscht, verkündet und im Leben zu verwirklichen trachtet» (Verfassung der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Basel-Stadt [21. November von der Synode genehmigt], Basel 1911, S. 4 [§ 1] 📖). Diese «Bekenntnisfreiheit» bestand jedoch faktisch bereits seit 1875, als die basel-städtische Synode beschloß: «Die gegenwärtig im Gebrauch stehende Agende [von 1869] bleibt das Kirchenbuch für die evangelisch-reformirte Kirche von Basel-Stadt, immerhin in dem Sinn, daß der einzelne Geistliche nicht an den Gebrauch desselben gebunden ist» (Beschluß vom 14.6.1875, in: Kantons-Blatt. Basel-Stadt, Erste Abth., Nr. 48 vom 16.6.1875, S. 588 📖). Damit war den Pfarrern auch die bis dahin vorgeschriebene Verwendung des Apostolikums in der Taufliturgie freigestellt. Vgl. oben S. 606, Anm. 3.↩
8
Thurneysen hielt im WS 1934/35 wieder ein Homiletisches Seminar.↩
9
K. Barth, Der Christ als Zeuge (ThExh 12), München 1934 📖; ders., Der Dienst am Wort Gottes (ThExh 13), München 1934 📖 (und in: Th.Fr.u.A., S. 197–213 📖).↩
10
Das Heft «Der Christ als Zeuge» 📖 enthält neben dem gleichnamigen Vortrag (a.a.O., S. 5–17) auch die Wiedergabe der nachfolgenden «Diskussion» (a.a.O., S. 18–31).↩
11
Barths im WS 1922/23 vorgetragene einstündige Vorlesung über den Jakobusbrief. Im Winterhalbjahr, erstmals am 31.10., hielt Thurneysen vierzehntäglich eine Bibelstunde im kleinen Gemeindesaal des Bischofshofs; vgl. Münsterbote, Jg. 15 (1934), Nr. 3, S. 31. 📖 ↩
12
Koechlin kam von Dahlem über München am 22.10. zurück nach Basel und reiste am 23.10. nach England, um am 25.10. Bischof Bell in Chichester über die Dahlemer Reichsbekenntnissynode und die Lage in München zu berichten; vgl. Bell/Koechlin, S. 164f. (dort S. 165 wohl «Mittwoch, den [2]4.») 📖; zur Lage in München s. unten S. 727, Anm. 5.↩