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22. Oktober 1934
Ich will doch die günstige Gelegenheit, daß Nelly morgen nach Basel fährt1, benützen, um dir einen verhältnismäßig offenen Brief zu schreiben. Dank vor Allem für den guten Brief von dir, den ich gestern, aus Berlin zurückkommend, hier vorfand. Daß der alte Ritsch nicht mehr unter den Lebenden ist und daß du ihm die Leichenrede gehalten hast, hat mich doch auch bewegt. Eben las ich auch vom Tode des Dr. von Tavel2 in Bern. So lichten sich allmählich die Reihen vor uns und irgend einmal … aber ich will nicht auf die von Lollo weniger geschätzte Gedankenbahn geraten. Für den Moment ist es ja wirklich nötig und gefordert, sehr intensiv zu leben, was man an Lebenskräften eben noch hat. Heute passierte hier die Korrektur des «Nein!»3. Wie wird es dich anschauen? Ich habe beim Diktat den mir von dir angegebenen Gesichtspunkt vor Augen gehabt, aber du wirst sehen, daß die stattgefundene Absägung auch abgesehen von allen formalen Spitzen, die ich mir da und dort noch verkneifen konnte, eine so vollständige ist, daß es bei Emil ohne eine gewisse Erschütterung nicht abgehen wird, von der ich dann nur hoffen kann, daß sie ihm nicht auch gesundheitlich abträglich sein werde.
Hinter mir liegt eine Woche, in der ich aus der Arbeit und aus den Aufregungen fast nur in den knapp bemessenen Schlafenszeiten herausgekommen bin. Sonntag den 14. war ich an jenem Düsseldorfer Gemeindetag, von dessen Verlauf ihr aus den Basl. Nachrichten informiert seid.4 Was ihr aber nicht wissen könnt, ist dies, daß das polizeiliche Ver|714bot, das in letzter Minute eintraf, als 30000 Menschen schon beieinander waren, das gemeinsame Gebet des Unservaters und das höchst disziplinierte Auseinandergehen in die verschiedenen Kirchen, mit dem darauf geantwortet wurde, Alles in Allem viel eindrucksvoller wirkten, als es der schönste Verlauf der Versammlung hätte tun können. Und «sie» konnten sich selber nicht schlimmer schädigen, als sie es mit diesem Verbot getan haben. Hier im Westen kann gar keine Rede davon sein, daß sie mit ihrer bösen Sache zum Ziel kommen. Ich mußte übrigens an jenem Abend von einem Augenblick auf den anderen auf eine Kanzel steigen!5 Es war mir nachher noch die ganze Nacht schlecht beim Gedanken an diese unvorbereitete Produktion. Übrigens hatte ich in dieser Nacht weiter zu fahren nach Oeynhausen, wo ich um zwei Uhr ankam, um dann einen Tag mit dem Theologieausschuß und einen Tag mit dem Bruderrat zu beraten über die Botschaft, die du aus den Basl. |715 Nachr. kennst.6 Ich habe nun in solchen Formulierungsarbeiten schon einige Übung, aber du glaubst nicht, wie anstrengend das im Einzelnen immer wieder ist, weil sachlich und sprachlich so viel zu bedenken ist, was nachher, wenn man es liest, gar nicht mehr auffällt, weil die 1000 Möglichkeiten, an die man vorher gedacht hat, dann eben unsichtbar sind. Und das immer wieder so uneinige Deutschland — auch das der Bekenntnissynode — zu einer solchen Sache zusammen zu bekommen, ist wirklich eine Aufgabe, der gegenüber Flöhe zu hüten einem wohl als leichter erscheinen könnte. Immer wieder galt es, hier gegen Ängstlichkeit, hier gegen Übermut, hier gegen pastorale Fülle, dort gegen sonstige Geschwätzigkeit, hier gegen politische, hier gegen klerikale Überbetonungen auf der Hut zu sein und Unglück zu verhindern und darüber zu wachen, daß nun wirklich etwas gesagt werde, mit dem auch etwas getan sei. Aber es war im Ganzen dort ein schönes und gutes Zusammenarbeiten, besonders auch mit Asmussen, der sich mehr und mehr bewährt. Aber auch der alte Präses Koch ist ein Mann, mit dem sich, nachdem er in diesen Zeiten unverkennbar Einiges hinzugelernt hat, wohl arbeiten läßt. Er ist als Parlamentarier fast unübertrefflich und muß dieser Sache wirklich vorstehen.
Viel schwieriger wurde es dann am Freitag und Samstag in Berlin.7 Ich wohnte dort bei Gertrud Staewen, wohin dann rechtzeitig auch Lollo geeilt kam. Aber tagsüber waren wir im Gemeindehaus von Niemöller in Dahlem, und dort gab es nun einige böse Stunden zu überstehen. Es war nämlich so, daß unbegreiflicher Weise ausgerechnet die Kirchen |716 von Württemberg und Bayern, zu deren Ehren doch die ganze Geschichte veranstaltet war, nun auf einmal die erdenklichsten Schwierigkeiten machten gegen die von uns im Norden und Westen vorgeschlagene Lösung: Die Bayern hatten wahrhaftig nichts Gescheiteres zu tun gewußt, als Althaus und Sasse mitzubringen und sich mit Vehemenz hinter deren wirklich überflüssiges konfessionelles Anliegen zu stellen8: als ob es jetzt vor Allem darauf ankäme, einer lutherischen Bekenntnis-Reichskirche entgegenzusteuern! Wogegen den Württemberger Pietisten (Pressel9, Dipper10 u. a. Freunde von Hartenstein!!) unsere Erklärung hinsichtlich des notwendigen Abbruchs mit den D. C. zu «lieblos» war, so daß sie immer wieder Limonade in den Wein gießen wollten, wie sie auch ums Leben gern dem (speziell von mir verfaßten!) Schlußabsatz mit der Wendung an den Staat eine verbindlichere Form gegeben hätten.11 Es war ein mir außerordentlich widerwärtiger Einbruch tief|717sinnigen Unverstandes, wie es ihn eben nur in Deutschland gibt. Ich bin einmal in einer Ausschußsitzung fast vier Stunden lang nur noch mit finsterstem Gesicht rauchend dabei gesessen. Aber «schlußendlich» kam es dann doch besser, als man eine Zeit lang befürchten mußte. Die Bayern mußten sich mit der Zusage einer konfessionellen Gliederung des Bruderrates und des neuen obersten «Rates» der Sechse (dem ich übrigens auch angehören werde12!) zufrieden geben, und die Württemberger ließen sich schließlich bedeuten, daß nun eben scharf geschossen werden müsse. So ist da und dort etwas abgeschwächt — ich hätte Alles noch perfektischer gewünscht, als es jetzt dasteht —, aber du denkst doch wohl auch, daß es immer noch ziemlich energisch klingt. Der Text in den B. N. ist insofern nicht ganz exakt, als es an jener Stelle im I. Teil nicht heißen soll «besessen», sondern (auf besonderen Wunsch einer höchsten politischen Stelle, die es mit uns hält und der in diesem |718 Fall nachzugeben auch ich für ratsam hielt): «getrieben»13, was ja biblisch auch zu verantworten ist! — Als Alles fertig war, eilte man sofort in die gegenüberliegende Kirche, wo die Sache mit der nötigen Solennität proklamiert wurde14, und am Nachmittag ist sie dann also an Adolf übermittelt worden. Auf die Fortsetzung kann man nun wirklich gespannt sein wie auf die eines ganz guten Romans. Denn da ist nun, so wie die Dinge liegen, einfach Alles möglich, Voraussagen darum ganz unmöglich. Auf alle Fälle eine Menge weiterer Arbeit und für mich nun auch spezieller Verantwortlichkeit. Gelt wir hätten es uns im Aargau auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal so etwas wie Reichs-Oberkirchenrat werden würde! Aber das kam nun mit großer Selbstverständlichkeit dahergerasselt, und da ich gerade in kleinen Gremien sehr gern mitarbeite und auch etwas ausrichten kann — ich ahne etwas von der großen Weisheit der aristokratischen Regierungsform! —, so habe ich es eben angenommen.
Diese Woche haben wir nun schon das erste Examen der Bekenntnissynode im Rheinland in Barmen.15 Nachher wird es dann widrige re|719formierte Verhandlungen geben, nötig gemacht dadurch, daß die Führung der größten reformierten Kirche (Ostfriesland) mit dem Feind kapituliert16 hat, so daß es wohl zu einer Spaltung auch des reformierten Bundes kommen wird.17 Da ich auch dort im Moderamen sitze, wird |720 es mich auch da wüst hineinnehmen. Und dann wird sich das Spiel auch im kleinsten Kreis, dem hiesigen Presbyterium, abspielen müssen.18 Man kann sich das alles von Weitem sicher nur schwer vorstellen. Aus der Nähe gesehen entwickelt sich Alles mit einer gewissen Notwendigkeit, wenn man auch nie weiß, was der nächste Tag bringen kann. Z. B. in der für mich entschiedenen, aber äußerlich noch nicht aufge|721rollten Frage des Beamteneides19! In zehn Tagen geht ja dann auch die Dogmatik wieder weiter — wenn es nämlich so sein soll! Auf dem Pferd sind wir auch schon wieder gesessen und haben einen rüstigen Galopp getan! Nach verbürgten Nachrichten soll auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine Christusstatue errichtet werden. Man ist nur noch nicht einig darüber, ob die Inschrift lauten soll: «Ich — Dir!» oder: «Der Führer Deutschlands — Dem Führer der Welt!» oder: «Die erste Person des deutschen Reiches — Der zweiten Person der Trinität!» Wenn der Film «So endete eine Liebe
📖»20 nach Basel kommt, so versäume nicht ihn dir anzusehen! Wir sahen ihn mit Gewinn in Berlin. Leb wohl, lieber Eduard! Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief und bin in treuem Gedenken
Ich las heute in der Schweizerischen Kirchenkunde (in der Siegmund-Schultzeschen Sammlung «Ekklesia»
📖) die nicht üble Darstellung der schweizerischen Theologie von dem Aarauer Spörri!21