22. Oktober 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Ich will doch die günstige Gelegenheit, daß Nelly morgen nach Basel fährt1, benützen, um dir einen verhältnismäßig offenen Brief zu schreiben. Dank vor Allem für den guten Brief von dir, den ich gestern, aus Berlin zurückkommend, hier vorfand. Daß der alte Ritsch nicht mehr unter den Lebenden ist und daß du ihm die Leichenrede gehalten hast, hat mich doch auch bewegt. Eben las ich auch vom Tode des Dr. von Tavel2 in Bern. So lichten sich allmählich die Reihen vor uns und irgend einmal … aber ich will nicht auf die von Lollo weniger geschätzte Gedankenbahn geraten. Für den Moment ist es ja wirklich nötig und gefordert, sehr intensiv zu leben, was man an Lebenskräften eben noch hat. Heute passierte hier die Korrektur des «Nein!»3. Wie wird es dich anschauen? Ich habe beim Diktat den mir von dir angegebenen Gesichtspunkt vor Augen gehabt, aber du wirst sehen, daß die stattgefundene Absägung auch abgesehen von allen formalen Spitzen, die ich mir da und dort noch verkneifen konnte, eine so vollständige ist, daß es bei Emil ohne eine gewisse Erschütterung nicht abgehen wird, von der ich dann nur hoffen kann, daß sie ihm nicht auch gesundheitlich abträglich sein werde.

Hinter mir liegt eine Woche, in der ich aus der Arbeit und aus den Aufregungen fast nur in den knapp bemessenen Schlafenszeiten herausgekommen bin. Sonntag den 14. war ich an jenem Düsseldorfer Gemeindetag, von dessen Verlauf ihr aus den Basl. Nachrichten informiert seid.4 Was ihr aber nicht wissen könnt, ist dies, daß das polizeiliche Ver|714bot, das in letzter Minute eintraf, als 30000 Menschen schon beieinander waren, das gemeinsame Gebet des Unservaters und das höchst disziplinierte Auseinandergehen in die verschiedenen Kirchen, mit dem darauf geantwortet wurde, Alles in Allem viel eindrucksvoller wirkten, als es der schönste Verlauf der Versammlung hätte tun können. Und «sie» konnten sich selber nicht schlimmer schädigen, als sie es mit diesem Verbot getan haben. Hier im Westen kann gar keine Rede davon sein, daß sie mit ihrer bösen Sache zum Ziel kommen. Ich mußte übrigens an jenem Abend von einem Augenblick auf den anderen auf eine Kanzel steigen!5 Es war mir nachher noch die ganze Nacht schlecht beim Gedanken an diese unvorbereitete Produktion. Übrigens hatte ich in dieser Nacht weiter zu fahren nach Oeynhausen, wo ich um zwei Uhr ankam, um dann einen Tag mit dem Theologieausschuß und einen Tag mit dem Bruderrat zu beraten über die Botschaft, die du aus den Basl. |715 Nachr. kennst.6 Ich habe nun in solchen Formulierungsarbeiten schon einige Übung, aber du glaubst nicht, wie anstrengend das im Einzelnen immer wieder ist, weil sachlich und sprachlich so viel zu bedenken ist, was nachher, wenn man es liest, gar nicht mehr auffällt, weil die 1000 Möglichkeiten, an die man vorher gedacht hat, dann eben unsichtbar sind. Und das immer wieder so uneinige Deutschland — auch das der Bekenntnissynode — zu einer solchen Sache zusammen zu bekommen, ist wirklich eine Aufgabe, der gegenüber Flöhe zu hüten einem wohl als leichter erscheinen könnte. Immer wieder galt es, hier gegen Ängstlichkeit, hier gegen Übermut, hier gegen pastorale Fülle, dort gegen sonstige Geschwätzigkeit, hier gegen politische, hier gegen klerikale Überbetonungen auf der Hut zu sein und Unglück zu verhindern und darüber zu wachen, daß nun wirklich etwas gesagt werde, mit dem auch etwas getan sei. Aber es war im Ganzen dort ein schönes und gutes Zusammenarbeiten, besonders auch mit Asmussen, der sich mehr und mehr bewährt. Aber auch der alte Präses Koch ist ein Mann, mit dem sich, nachdem er in diesen Zeiten unverkennbar Einiges hinzugelernt hat, wohl arbeiten läßt. Er ist als Parlamentarier fast unübertrefflich und muß dieser Sache wirklich vorstehen.

Viel schwieriger wurde es dann am Freitag und Samstag in Berlin.7 Ich wohnte dort bei Gertrud Staewen, wohin dann rechtzeitig auch Lollo geeilt kam. Aber tagsüber waren wir im Gemeindehaus von Niemöller in Dahlem, und dort gab es nun einige böse Stunden zu überstehen. Es war nämlich so, daß unbegreiflicher Weise ausgerechnet die Kirchen |716 von Württemberg und Bayern, zu deren Ehren doch die ganze Geschichte veranstaltet war, nun auf einmal die erdenklichsten Schwierigkeiten machten gegen die von uns im Norden und Westen vorgeschlagene Lösung: Die Bayern hatten wahrhaftig nichts Gescheiteres zu tun gewußt, als Althaus und Sasse mitzubringen und sich mit Vehemenz hinter deren wirklich überflüssiges konfessionelles Anliegen zu stellen8: als ob es jetzt vor Allem darauf ankäme, einer lutherischen Bekenntnis-Reichskirche entgegenzusteuern! Wogegen den Württemberger Pietisten (Pressel9, Dipper10 u. a. Freunde von Hartenstein!!) unsere Erklärung hinsichtlich des notwendigen Abbruchs mit den D. C. zu «lieblos» war, so daß sie immer wieder Limonade in den Wein gießen wollten, wie sie auch ums Leben gern dem (speziell von mir verfaßten!) Schlußabsatz mit der Wendung an den Staat eine verbindlichere Form gegeben hätten.11 Es war ein mir außerordentlich widerwärtiger Einbruch tief|717sinnigen Unverstandes, wie es ihn eben nur in Deutschland gibt. Ich bin einmal in einer Ausschußsitzung fast vier Stunden lang nur noch mit finsterstem Gesicht rauchend dabei gesessen. Aber «schlußendlich» kam es dann doch besser, als man eine Zeit lang befürchten mußte. Die Bayern mußten sich mit der Zusage einer konfessionellen Gliederung des Bruderrates und des neuen obersten «Rates» der Sechse (dem ich übrigens auch angehören werde12!) zufrieden geben, und die Württemberger ließen sich schließlich bedeuten, daß nun eben scharf geschossen werden müsse. So ist da und dort etwas abgeschwächt — ich hätte Alles noch perfektischer gewünscht, als es jetzt dasteht —, aber du denkst doch wohl auch, daß es immer noch ziemlich energisch klingt. Der Text in den B. N. ist insofern nicht ganz exakt, als es an jener Stelle im I. Teil nicht heißen soll «besessen», sondern (auf besonderen Wunsch einer höchsten politischen Stelle, die es mit uns hält und der in diesem |718 Fall nachzugeben auch ich für ratsam hielt): «getrieben»13, was ja biblisch auch zu verantworten ist! — Als Alles fertig war, eilte man sofort in die gegenüberliegende Kirche, wo die Sache mit der nötigen Solennität proklamiert wurde14, und am Nachmittag ist sie dann also an Adolf übermittelt worden. Auf die Fortsetzung kann man nun wirklich gespannt sein wie auf die eines ganz guten Romans. Denn da ist nun, so wie die Dinge liegen, einfach Alles möglich, Voraussagen darum ganz unmöglich. Auf alle Fälle eine Menge weiterer Arbeit und für mich nun auch spezieller Verantwortlichkeit. Gelt wir hätten es uns im Aargau auch nicht träumen lassen, daß ich noch einmal so etwas wie Reichs-Oberkirchenrat werden würde! Aber das kam nun mit großer Selbstverständlichkeit dahergerasselt, und da ich gerade in kleinen Gremien sehr gern mitarbeite und auch etwas ausrichten kann — ich ahne etwas von der großen Weisheit der aristokratischen Regierungsform! —, so habe ich es eben angenommen.

Diese Woche haben wir nun schon das erste Examen der Bekenntnissynode im Rheinland in Barmen.15 Nachher wird es dann widrige re|719formierte Verhandlungen geben, nötig gemacht dadurch, daß die Führung der größten reformierten Kirche (Ostfriesland) mit dem Feind kapituliert16 hat, so daß es wohl zu einer Spaltung auch des reformierten Bundes kommen wird.17 Da ich auch dort im Moderamen sitze, wird |720 es mich auch da wüst hineinnehmen. Und dann wird sich das Spiel auch im kleinsten Kreis, dem hiesigen Presbyterium, abspielen müssen.18 Man kann sich das alles von Weitem sicher nur schwer vorstellen. Aus der Nähe gesehen entwickelt sich Alles mit einer gewissen Notwendigkeit, wenn man auch nie weiß, was der nächste Tag bringen kann. Z. B. in der für mich entschiedenen, aber äußerlich noch nicht aufge|721rollten Frage des Beamteneides19! In zehn Tagen geht ja dann auch die Dogmatik wieder weiter — wenn es nämlich so sein soll! Auf dem Pferd sind wir auch schon wieder gesessen und haben einen rüstigen Galopp getan! Nach verbürgten Nachrichten soll auf dem Potsdamer Platz in Berlin eine Christusstatue errichtet werden. Man ist nur noch nicht einig darüber, ob die Inschrift lauten soll: «Ich — Dir!» oder: «Der Führer Deutschlands — Dem Führer der Welt!» oder: «Die erste Person des deutschen Reiches — Der zweiten Person der Trinität!» Wenn der Film «So endete eine Liebe 📖»20 nach Basel kommt, so versäume nicht ihn dir anzusehen! Wir sahen ihn mit Gewinn in Berlin. Leb wohl, lieber Eduard! Ich freue mich schon auf deinen nächsten Brief und bin in treuem Gedenken

Dein
Karl

Ich las heute in der Schweizerischen Kirchenkunde (in der Siegmund-Schultzeschen Sammlung «Ekklesia» 📖) die nicht üble Darstellung der schweizerischen Theologie von dem Aarauer Spörri!21

Sachfußnoten

1
Nelly Barth fuhr am 23.10. über Basel zu ihrer schwer erkrankten Mutter nach Zürich.↩
2
Rudolf von Tavel (geb. 1866), seit 1920 freischaffender Schriftsteller, Verfasser zahlreicher auf berndeutsch und hochdeutsch geschriebener Novellen, Romane und Theaterstücke, oft über historische Stoffe, starb am 18.10.1934; vgl. k., †Rudolf von Tavel, in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 286 vom 19.10.1934, 2. Beilage. 📖 ↩
3
Siehe oben S. 669, Anm. 8.↩
4
Der Gemeindetag «Unter dem Wort» der Bekennenden Kirche zum Thema «Die Entscheidungsstunde der Deutschen Evangelischen Kirche» war wegen der unerwartet großen Zahl der Anmeldungen in die Maschinenhalle der ehemaligen Lokomotivenfabrik Hohenzollern verlegt worden. «Die Versammlung war polizeilich genehmigt und trug gottesdienstlichen Charakter. Trotzdem mußte bei Beginn der Versammlung bekannt gegeben werden, daß die Versammlung auf ausdrückliche Weisung von Berlin [d. h. vom Reichsbischof] in letzter Stunde, entgegen der ausdrücklichen Zusage vorher, verboten wurde. Um der erregten Menge wenigstens einen gewissen Ersatz zu bieten und sie nicht ohne geistlichen Zuspruch zu lassen, wurden sofort in 6 großen Kirchen Düsseldorfs überfüllte Gottesdienste abgehalten, an denen nur ein Bruchteil der Versammelten teilnehmen konnte. Die übrigen Teilnehmer … mußten unverrichteter Sache wieder heimkehren» (Zitat aus: Der Präses der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, Rundbrief Nr. 21. Nur für Mitglieder der Bekenntnisgemeinden, Bad Oeynhausen 31.10.1934, 1.S 📖; in der Aufzählung der Prediger dort wird Barth nicht erwähnt). Die Basler Nachrichten berichteten über die Vorgänge in einem anonymen Artikel: Verbot des niederrheinischen Gemeindetags, Jg. 90 (1934), Nr. 283 vom 16.10.1934. 📖 Vgl. auch Bericht im 24. Brief zur Lage vom 18.10.1934, in: Beckmann, S. 155f 📖; Gauger II, S. 317.319 📖; zur Entstehung der Gemeindetage «Unter dem Wort» vgl. W. Niesel, Kirche unter dem Wort. Der Kampf der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union 1933-1945 (AGK Erg. 11), Göttingen 1978, S. 19. 📖 ↩
5
Der junge Lehrer J. Corbach, Presbyter und Mitbegründer der Bonner Bekenntnisgemeinschaft, der zu den verhinderten Teilnehmern des Gemeindetages gehörte, erwähnte in einem noch am Abend des 14.10.1934 geschriebenen Brief an seine Braut auch Barths improvisierte Predigt: «Nun ging es in die Kirchen. Wohin wir mit unseren Wagen kamen, alle Kirchen schon überfüllt. Endlich fanden wir einen Gemeindesaal, auch schon bis auf den letzten Platz besetzt. Es wurden Psalmen gelesen, immer wieder unsere alten Lieder gesungen, aus der Versammlung heraus sprachen Pfarrer. Prof. Karl Barth sprach: alles freudige Gewißheit: bleibt an der Lehre, haltet am Bekenntnis — dann ging es heim, in dem Bewußtsein, jetzt wird es ernst» (Abschrift von unbekannter Hand im Stadtarchiv Bonn, Sammlung Evangelische Kirche im Dritten Reich).↩
6
Am 16.10.1934 tagte der Reichsbruderrat in Bad Oeynhausen zur Vorbereitung der Dahlemer Bekenntnissynode, die auf Bitte des bayerischen Oberkirchenrates Dr. iur. Hans Meinzolt unter dem Eindruck der Gleichschaltungsmaßnahmen in den Landeskirchen von Württemberg und Bayern kurzfristig vom 31.10.1934 auf den 19./20.10. vorverlegt wurde. (Die Einladungen zur Synode ergingen am 14.10.; Protokoll der vorbereitenden Sitzung in: W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O. [S. 712, Anm. 12], S. 21–23 📖; zur Vorgeschichte der Synode s. dort S. 18–25). Der Entwurf der «Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche» wurde in geänderter Form am 20.10.1934 angenommen. Text des Entwurfes a.a.O., S. 35f.; Abdruck der endgültigen Fassung dort S. 37f. sowie in: Schmidt 1934, S. 157f 📖; vgl. Scholder II, S. 336–338 📖; Meier I, S. 222. 📖 ↩
7
Zum Verlauf der Dahlemer Bekenntnissynode am 19./20.10.1934 vgl. Protokoll der Verhandlungen bei W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O., S. 67–193 📖; Gauger II, S. 377.379.381 📖; Scholder II, S. 337–348 📖; Meier I, S. 223–231. 📖 ↩
8
Zu Beginn der Verhandlungen über den Entwurf in dem 30köpfigen Beratungsausschuß legte H. Sasse zusammen mit P. Althaus einen Gegenentwurf vor mit der Begründung, daß sich die lutherischen Kirchen aus konfessionellen Gründen nicht einem nicht-lutherischen Bruderrat unterstellen könnten. Das Anliegen einer konfessionellen Vertretung wurde aufgenommen in dem Beschluß, die Leitungsorgane der Bekenntniskirche seien «den Bekenntnissen entsprechend» zusammenzusetzen und zu gliedern (Botschaft der Bekenntnissynode III, 3). Vgl. Protokoll der Sitzung des Beratungsausschusses bei W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O., S. 82–111, bes. S. 84–86.89–92.94f.101f.104 📖; Scholder II, S. 341 📖; Meier I, S. 230f. 📖 ↩
9
Wilhelm Pressel (1895–1986), 1933–1945 Mitglied des Evangelischen Oberkirchenrates in Stuttgart, 1945–1950 Leiter des Evangelischen Hilfswerks in Württemberg, 1950–1961 Krankenhauspfarrer, war Mitglied des Beratungsausschusses, nahm jedoch nur im abschließenden Plenum das Wort. Wegen seiner Kritik an «Führer», Partei und Reichskirche sowie wegen seiner Ablehnung des Diensteides für Geistliche auf der Nationalsynode am 9.8.1934 wurde Pressel 1935 aus der NSDAP ausgeschlossen.↩
10
Theodor Dipper (1903–1969), 1930 Pfarrer in Würtingen und seit 1933 Geschäftsführer des Evangelischen Gemeindedienstes in Stuttgart, 1938 Pfarrer in Reichenbach/Fils, 1945 Dekan in Nürtingen, 1959 in Ludwigsburg. Außer ihm gehörten zu der Württemberger Delegation die Stuttgarter Pfarrer Walter Buder (1878–1961), Adolf Schnauffer (1874–1958), Gotthilf Weber (1900–1987), Geschäftsführer der Landesstelle des Gemeindedienstes, und Wolfgang Zeller (1881–1950), Pfarrer Heinrich Fausel (1900–1967) aus Heimsheim, Missionsinspektor Friedrich Lutz (1870–1943) und Dipl.-Ing. Paul Zimmermann aus Stuttgart, der aus Gewissensgründen in der Schlußabstimmung als einziger Synodaler gegen die Annahme der Botschaft votierte.↩
11
Th. Dipper, unterstützt vonA. Schnauffer und P. Zimmermann, meldete sich in der Schlußaussprache um Satz III, 3 am häufigsten zu Wort. Der dort geforderte Rückzug aus der Zusammenarbeit mit allen, «die diesem [Reichs-] Kirchenregiment weiterhin gehorsam sein wollen», erschien ihm seelsorgerlich unverantwortlich. «Wir dürfen die Brüder nicht vergewaltigen. Wir dürfen nicht nach außen sehen, sondern im Aufbau unserer eigenen Kirche müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß die Brüder nicht bedrückt werden.» Die von ihm vorgeschlagene Formulierung — die Aufforderung, «…in jeder Hinsicht in der praktischen Zusammenarbeit und in der brüderlichen Gemeinschaft auf klare Entscheidungen hinzuwirken und sie zu vollziehen …» — wurde von der Synode abgelehnt (vgl. W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O., S. 142– 145.148–151.159–163 📖; Zitate dort S. 143 und 163). — W. Pressels Vorschlag einer Ergänzung des Schlußsatzes IV, die «es auch dem Staate möglich … [mache], auf unsere Anliegen einzugehen», stieß überwiegend auf Widerspruch (Zitat a.a.O., S. 167; zur Aussprache über Satz IV vgl. dort, S. 166–186). Im Zusammenhang mit der kontroversen Aussprache gab Barth, gegen die von württembergischer Seite unternommenen Abschwächungsversuche gerichtet, sein einziges Votum im Plenum ab, das mit den Worten endete: «Wir befinden uns … in einer marschierenden Kolonne. Da ist immer eine Spitze und eine Nachhut, und die müssen zusammenbleiben. Ich bin in diesen Tagen auch schon dafür eingetreten, daß die Spitze Halt mache. In diesem Falle möchte ich bitten, daß der Nachtrab sich etwas beeilt und die Reihen schließt und den Marsch des Ganzen nicht aufhalte» (a.a.O., S. 172f., Zitat ebd.). Vgl. Scholder II, S. 344f. 📖 ↩
12
Mitglieder des «Rates der Deutschen Evangelischen Kirche», des aus dem Reichsbruderrat berufenen eigentlichen Leitungsgremiums der Bekenntniskirche (in das Barth ebenfalls in Dahlem berufen wurde), waren neben Barth H. Asmussen, Th. Breit, der Rechtsanwalt am Reichsgericht in Leipzig, Eberhard Fiedler, M. Niemöller und als Vorsitzender Präses K. Koch; vgl. Meier I, S. 240. 📖 ↩
13
Die Änderung betrifft Satz I,4 der Botschaft der Bekenntnissynode: «Getrieben von dem Geist einer falschen, unbiblischen Offenbarung hat das Kirchenregiment den Gehorsam gegen Schrift und Bekenntnis als Disziplinwidrigkeit bestraft.» Koch bat im Namen des Vorstandes der Bekenntnissynode unmittelbar vor der Schlußabstimmung über den ganzen Text um Zustimmung für diese Änderung. «Besondere Gründe veranlassen mich, die Bitte an Sie zu richten, das ohne Aussprache zu genehmigen, Gründe, die ich vor allen verantworten kann» (W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode …, a.a.O., S. 185 📖).↩
14
Die feierliche Verlesung erfolgte in der St. Annenkirche in Berlin-Dahlem; Text der Ansprache von Otto Schmitz (1883–1957; 1934 nach seiner Amtsenthebung als Professor für Neues Testament in Münster Leiter des Predigerseminars der Bekennenden Kirche Bielefeld und Dozent in Bethel) a.a.O., S. 239f. 📖↩
15
Eine am 23.8.1934 an die Professoren Weber und Horst ergangene Bitte um Mitwirkung war irrtümlich nicht auch an Barth gerichtet worden, so daß der Präses der rheinischen Freien Evangelischen Synode, Pfarrer Paul Humburg, ihn kurzfristig darum bat (Brief vom 15.10.1934). «Durch die Tatsache, daß einige Kandidaten aus dem Kreise der Bruderschaft der Rheinischen Hilfsprediger und Vikare von der 2. Prüfung in Koblenz zurückgewiesen worden sind, wird es notwendig, daß das rheinisch-westfälische Prüfungsamt der Bekenntnissynode zu diesem Herbsttermin die 2. theologische Prüfung von den vier Kandidaten abnimmt, die sich dazu angemeldet haben. — Das Prüfungsamt steht unter Leitung von Herrn Präses D. Koch, Oeynhausen.» Barth bestätigte diesen Brief am 22.10. und wies darauf hin, daß die Bekenntnissynode durch diese Berufungen Mitverantwortung für den gegenwärtigen Bestand der evangelisch-theologischen Fakultät im Rheinland übernehme. Außer zur Begutachtung der wissenschaftlichen Arbeiten wurde Barth zur mündlichen Prüfung der Kandidaten in den Fächern Altes und Neues Testament am Vormittag des 25.10. herangezogen. Auf seine Berufung in die Prüfungskommission wurde verzichtet, um den Zeitaufwand für ihn möglichst gering zu halten. Zur Situation der Kandidaten, die sich zur Bekenntniskirche hielten, vgl. Scherfifig I, S. 112-115 📖. Seine Bereitschaft, bei den Examina der offiziellen rheinischen Kirche in Koblenz als Prüfer mitzuwirken, hatte Barth in einem Brief an Stoltenhoff bereits am 2.11.1933 zurückgezogen. Am 10.2.1934 teilte ihm der Landesbischof der Kirche der altpreußischen Union seinerseits mit, Barths Mitgliedschaft im theologischen Prüfungsamt sei erloschen.↩
16
Zum Sprachgebrauch vgl. J. Chr. Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Bd. I, Leipzig 17932 (Reprint Hildesheim / Zürich / New York 1990), Sp. 1305 📖: «… So auch im gemeinen Leben: mit jemanden [sic] capitulieren, mit ihm wegen eines Vergleiches unterhandeln.»↩
17
Die Unzufriedenheit eines Teils der Pfarrerschaft der evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover über den uneindeutigen kirchenpolitischen Kurs ihrer Kirchenleitung — Beharren auf der eigenen Unabhängigkeit gegenüber reichskirchlichen Eingriffen, aber keine prinzipielle Opposition gegen das Reichskirchenregiment — hatte sich nach der Nationalsynode am 9.8.1934, an der Präsident Koopmann und Landessuperintendent Hollweg — beide Mitglieder des Moderamens des Reformierten Bundes — teilgenommen hatten, erheblich verstärkt. Das dort beschlossene, nur diese Landeskirche betreffende «Gesetz über die Rechtsstellung der reformierten Kirchen und Gemeinden», vom Moderamen als ganzem abgelehnt, war vom Landeskirchentag in Hannover ebenso begrüßt worden wie die dazugehörigen Ausführungsbestimmungen. Am 17.10.1934 bestätigte der Landeskirchentag in einer Entschließung die kirchenpolitische Linie Koopmanns und Hollwegs und sprach seine Freude darüber aus, «daß das Verhältnis unserer Landeskirche und ihrer Aufsichtsorgane zu der Reichskirchenregierung bis heute vor ernsten Störungen bewahrt geblieben» sei. Die «tiefbetrübende Tatsache» der noch weiter zunehmenden Beunruhigung der Gewissen und Verwirrung im Lande durch die kirchenpolitischen Ereignisse seit dem Sommer 1933 wurde zwar festgestellt, doch wolle man sich «nicht zum Richter [machen] über das, was geschehen ist, sondern es liegt uns aufrichtig am Herzen, an der Heilung des entstandenen, überaus ernsten Schadens mitzuwirken. … Wir können als Vertreter der Kirche unserm Volk und seinem Führer keinen besseren und auf die Dauer wirksameren Dienst leisten als den, daß wir mit Einsatz unserer ganzen Person daran mitarbeiten, daß aus der Kirche alles, was ihrem eigentlichen, von Gott bestimmten Wesen fremd ist, ausgeschieden und von ihr ferngehalten wild.» Vgl. Fr. Middendorff, Der Kirchenkampf in einer reformierten Kirche. Geschichte des Kirchenkampfes während der nationalsozialistischen Zeit innerhalb der evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland (damals: Evangelisch-reformierte Landeskirche der Provinz Hannover) (AGK 8), Göttingen 1961, S. 11–13.52f. 📖 (Zitat dort S. 53); R. Steiner, Der Weg der reformierten Kirchen und Gemeinden von 1933-1950, in: KJ, Jg. 77 (1950), S. 228–422, dort 252-265 📖; Meier I, S. 492–497 📖. — Nachdem das Vorhaben H. A. Hesses, einen Artikel über das neue Gesetz und die Ausführungsbestimmungen in der Reformierten Kirchenzeitung zu veröffentlichen, zu Protesten von J. Bredt, W. Hollweg und W. Langenohl sowie «von Aurich» geführt hatte, stellte der Moderator am 8.10.1934 in einem Brief an die Moderamensmitglieder den «Antrag auf Einberufung einer Mitgliederversammlung (Hauptversammlung) unseres Bundes». Denn er sehe «mit unverkennbarer Deutlichkeit den Riß, der durch unser Moderamen geht und der in Hannover nur noch künstlich zugedeckt wurde. … Wohl haben wir uns grundsätzlich immer wieder dahin geeinigt, daß wir nur von dem Ort des Bekennens her, wie er uns seit der Freien reformierten Synode von Barmen geschenkt wurde, heute die Wahrung des reformierten Bekenntnisstandes ins Auge fassen dürften. Praktisch sind aber unsere Wege so verschiedene geworden, daß der eine Teil dem anderen vorwirft, er vergesse über dem Bekennen den Bekenntnisstand und daß der andere Teil wieder dem ersten umgekehrt sagt, er vergesse über dem Bekenntnisstand das Bekennen» (Landeskirchliches Archiv Detmold, Dep. Archiv Ref. Bund Nr. 257). Da der Antrag von sechs Moderamensmitgliedern unterstützt wurde, legte Hesse den 29.11. als Termin für die Hauptversammlung fest, der am Nachmittag des 28.11. eine Moderamenssitzung vorangehen sollte (Brief an die Mitglieder des Moderamens, a.a.O.). Vgl. unten S. 763f., Anm. 2, und S. 803f., Anm. 26 und 27.↩
18
Noch vor der nächsten Presbyteriumssitzung am 19.11.1934 veröffentlichten die deutsch-christlichen Presbyter eine Protesterklärung gegen die Verlesung der Dahlemer Beschlüsse am 28.10. im Anschluß an den Gottesdienst durch die Bonner Pfarrer Fr. Frick, H. Hillert und Fr. Mummenhoff am 28.10.1934: «Einige Abmilderungen seitens der verlesenden Pfarrer ändern an der Tatsache nichts, daß der Raum der Kirche, der lediglich der Wortverkündigung zu dienen hat, für die Zwecke einer kirchenpolitischen Gruppe mißbraucht worden ist. Ein solcher Mißbrauch kann nur der Zerrüttung der Gemeinde dienen. …Wir erheben daher entschiedenen Einspruch … und fordern alle Gleichdenkenden auf, im Wiederholungsfalle sofort die Kirche zu verlassen» (Abdruck der Erklärung in: Evangelisches Sonntagsblatt für Bonn und Umgegend, Jg. 77, Nr. 44 vom 4.11.1934, S. 604 📖). Nach den folgenden heftigen Auseinandersetzungen (s. unten S. 761, Anm. 13) arbeiteten die verschiedenen Gruppierungen in der Bonner Gemeinde von Januar 1935 an wieder fast durchgehend zusammen. Vgl. Hinz-Wessels, S. 202f.256f. 📖 ↩
19
Bereits auf dem Bergli hatte Barth erfahren, daß er nach einem Erlaß des Reichsinnenministers vom 21.8.1934 als Beamter den Treueeid auf Hitler leisten müsse, der sich nach Hindenburgs Tod als «Reichskanzler und Führer» allein an die Spitze des Staates gestellt hatte. Da Barth sich am 28.8., dem ersten Vereidigungstermin, noch in der Schweiz aufhielt, hatte er den verlangten Eid am «Ersatztermin», dem 7.11., zu leisten (Einladung [Vervielfältigung ohne Anrede] durch Rektor Naumann vom 30.10.1934). Dazu war er nur bereit, wenn er den Zusatz «soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann» anfügen dürfte. Vgl. Busch, S. 268 📖; Abdruck der Eidesformel z. B. in: Gauger III, S. 308 📖. ↩
20
Deutscher Spielfilm von 1934 mit Paula Wessely, Willy Forst, Gustaf Gründgens u. a., Regie: Karl Hartl 📖.↩
21
G. Spörri, Die neuere Theologie der deutschen Schweiz, in: Ekklesia. Eine Sammlung von Selbstdarstellungen der christlichen Kirchen, hrsg. von Fr. Siegmund-Schultze, Bd. III: Die mitteleuropäischen Länder. 10. Die evangelischen Kirchen in der Schweiz, Gotha 1935 [sic], S. 137–154. 📖 — Pfarrer Lic. theol. Gottlob Spörri (1899–1990), nach Pfarramt in Seengen (Kanton Aargau) 1929–1937 Kantonshelfer und Religionslehrer an den kantonalen Mittelschulen. 1941 gründete Spörri die Diakonische Schwesternschaft Braunwald, die er bis zu seinem Tod leitete.↩