16. Oktober 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Du bist mit Lollo schon längst wieder tief eingetaucht in das «Draußen» — wo ist das Bergli, wo ist Rom und Bern und sogar Basel mit Verlobung und Schwiegersohn hingekommen? Du wirst das alles immer noch, aber auch nur noch so sehen können, wie man von einem Boot auf schwankender See zwischen zwei Wellentälern die ferne, feste Horizontlinie immer wieder zu sehen bekommt. Aber vielleicht ist alles auch bei euch draußen doch nicht nur im Schwanken, sondern stehen umgekehrt die Horizonte bei euch sehr viel fester und können uns zur Orientierung dienen. Ich empfinde es wenigstens so, wenn ich Bericht an Bericht lese von dem, was jetzt auch im Süden an der Kirche vor sich geht. Wir sind ja hier in dieser Sache eigentlich sehr gut informiert, durch Zeitung und privat. Und was ich höre, das ist eigentlich restlos gut. Dieser Tage ist der alte Oeri extra ins Schwabenland gereist, um persönlich alles in Augenschein zu nehmen. Es ist zu hoffen, daß man im «Blatt» etwas darüber vernimmt.1 Wie geht es wohl dir persönlich?? Das ist für uns natürlich die brennendste Frage. Aber ich weiß, es ist nicht leicht, darüber zu berichten. Laß dir auf alle Fälle sagen, daß wir deiner täglich gedenken.

Wir haben ein paar für mich allerdings sehr ausgefüllte Ferientage hinter uns. Zuerst hatte ich in St. Gallen zu reden im Rahmen einer kirchlichen Konferenz2, dann starb unser alter Freund Ritsch Preiswerk3 und äußerte verhängnisvollerweise vor seinem Tod noch den Wunsch, ich müsse ihn beerdigen. Das mußte also sein, fiel mir aber gar nicht leicht. Und zwar darum nicht, weil der wackere Ritsch, wie mir immer mehr klar wurde, ein merkwürdiges Doppelgesicht hatte, |710 nach außen das uns bekannte Blumhardtisch geformte Bollerwesen mit viel weisen Einsichten in Weltlauf und Menschenleben, nach innen, d. h. nach der Familie zu, aber war er einfach ein Tyrann, dem die Seinen nicht unverdienterweise eine kräftige Revolte entgegensetzten, um die er sich aber kaum zu kümmern schien. Sein einer Sohn, der Jurist4, sprach noch mit mir, und ich hörte den Groll gegen «die Welt des Vaters» noch deutlich genug aus seinen Worten, so daß ich diese Welt nicht so eindeutig rühmend und freudig vor die zuhörenden Familienglieder stellen konnte, sondern auch an der Bahre dieses Gerechten der Problematik aller, auch der Boller Gerechtigkeit eingedenk zu sein hatte. Im übrigen hatte ich persönlich ihn ja gut gemocht und in den letzten Jahren immer etwa wieder gesehen, so daß ich um konkrete Eindrücke von ihm nicht verlegen war.5 Als letzte Säule außer dem Berner Heinrich P.6 zog Adolf mit im Geleit, wollte aber durchaus nicht, wie ich es ihm vorgeschlagen hatte, am Grab etwa noch das Wort nehmen, um doch irgendwie die Boller Gnade noch ein wenig auszubreiten. Vielleicht auch aus einer gewissen Einsicht heraus, daß es besser unterbleibe. Nur die Riehemer Schwestern7 sangen mit etwas dünnen Stimmen irgendein Heimgangslied von einer Empore herunter, weil Ritsch ihnen in den letzten Jahren etwa eine Bibelstunde gehalten hatte. Aufs Ganze gesehen hatte diese Beerdigung etwas dezidiert Unsolennes an sich. Ich dachte im Stillen an jenen Tag, den wir zusammen im Umiker Pfarrhaus mit Ragazius verlebten … «jä jo die junge Lit meine’s doch guet» …8 hatte es dort gelautet. Vielleicht ist dieses Gutmeinen das ein|711zige, was ja überhaupt, aber sicher nicht nur von uns, zu sagen ist — im besten Falle!

Nachher kam der Kurs in Wildhaus, wo sich etwa 50 Pfarrer zusammengefunden hatten und also abwechselnd und nacheinander von Gut9 und von Emil und schließlich noch von mir belehrt wurden.10 Zum Schluß fuhr ich aufs Bergli für einen Tag und kam gerade recht, um Ruedis neuen Wagen mit einer mitternächtlichen Fahrt durch die Bergliwälder einzuweihen, einer Fahrt, die nun also seltsamerweise, man möchte fast sagen verrückterweise auf Wunsch auch noch von durchs Radio vermittelten Beethoventrios oder Jazzklängen umrauscht wird, von außen muß das geradezu gespenstisch wirken, dieser singende mächtige Wagen, der da durch die Dörfer fährt. An sich ist es ein ausgezeichnetes Fuhrwerk, das Ruedi da erstanden hat, schwerer als der Chrysler, aber sicher noch leistungsfähiger, eventuell wäre eine Fahrt in den nahen oder fernen Osten auf Landwegen mit diesem Horch ins Auge zu fassen.

Emils Brief — vielleicht ist er ein wenig einfacher aufzunehmen, als er sich gibt, es ist natürlich viel Angst und innere Unsicherheit dahinter, diese aber verdeckt durch ein proletiges Schreien und Fassade-Halten. Das Ganze eine Art Entleerung, durch die sich Emil erleichtert hat. Er fährt auf ganz schwankenden Brettern augenblicklich, das habe ich im Wildhaus wieder wahrnehmen können: Sprungschanze mit Absturz, im Moment freilich noch in hohem Bogen in der Luft wie andere Gewaltige auch. Ich nehme an, daß du die Schrift nun druckfertig gemacht hast, oder nicht? Dieses Gespräch gehört wirklich nicht mehr nur euch privat, es muß heraus. Nur noch einmal: wo du ihn persönlich schonen kannst, tu’s. Er ist trotz seiner Gewaltgesten irgendwo ein armer Teufel. Nicht einmal Zwingli! Wenn auch in dessen Nähe. Red’ ihm zu, so gut’s geht!

Um Fränzeli gehen die Wogen immer noch oder immer aufs neue hoch. Man sieht sie nicht mehr viel, weil die Sevogelstraße11 zur neuen |712 Heimat geworden ist. Unser Haus ist voll Blumen, die Fränzeli freigebig da- und dorthin stellt, so daß man in jeder Stube meint, es sei Geburtstag oder mehr als Geburtstag. Aber auf alle Fälle ist sie schwankungslos vergnügt, nimmt auch die Baslereien, die da unvermeidlich mitlaufen, mit Humor und sitzt doch immer wieder an ihrem Klavier und gedenkt des auch neben der Verlobung weitergehenden Geschehens in Welt und Kirche auf ihre Weise.

Karl, wohin geht die Fahrt, in Welt und Kirche? Wenn man das nur ein wenig wüßte! Hartenstein war eben heute mittag da, um wieder einmal alles, alles zu erwägen. Und eben hat Alphons angeläutet. Er will nun jene Delegation annehmen, von der er in Basel sprach.12 Er möchte aber vorgängig, auf einer Reise nach England, anfangs nächster Woche noch dich schnell sehen wie auch Koch.13 Und zwar hofft er, es gebe sich in Bonn für ein paar Stunden. Das wäre sicher gut.

Wenn’s geht, laßt von euch hören. In Gedanken werdet Ihr sicher oft in Basel sein. Wir grüßen euch alle herzlich.

Dein
Eduard

Unterdessen kam die (Fränzelis) Karte von dir, und unterdessen ist Alphons direkt eingeladen worden, und ihr werdet euch also treffen. Und noch einmal unterdessen hat Oeri den erwarteten — aber wieder mehr als flauen Bericht — in den B. N.14 veröffentlicht. Nun sind unsere Gedanken erst recht bei Euch!!

Sachfußnoten

1
Am 15.10. versuchte Oeri vergeblich, auch mit dem unter Hausarrest stehenden Wurm selber zu sprechen (s. Tagebuchaufzeichnungen aus der Zeit des Kirchenkampfes. Zur Erinnerung an Frau Marie Wurm, hrsg. von Th. Wurm, Stuttgart 1951, S. 35 📖); vgl. oben S. 700f., Anm. 7; s. Anm. 14.↩
2
Im Rahmen eines vom Kirchenrat St. Gallen veranstalteten Theologischen Ferienkurses vom 8. bis 10.10.1934 in Wildhaus sprach Thurneysen in zwei Vorlesungen über das Thema «Der Konfirmandenunterricht». Vgl. Amtsbericht des Evang. Kirchenrates des Kantons St. Gallen an die Synode über das Jahr 1934 (No. 31), in: Evang. kirchliche Erlasse des Kantons St. Gallen, Bd. VII, S. 262. 📖 ↩
3
Richard Preiswerk starb am 5.10.1934 in Riehen.↩
4
Dr. iur. Walter Eduard Preiswerk (1885–1948), Direktor der Nestlé AG in Vevey.↩
5
Ansprache gehalten bei der Beerdigung von Herrn Pfarrer Richard Preiswerk-Zellweger von Pfr. Ed. Thurneysen, in: In memoriam Richard Preiswerk-Zellweger geboren 13. November 1855 gestorben 5. Oktober 1934 in Riehen, o. O. u. J. (Privatdruck, 19 S.), S. 11–19 (darin S. 5–7 zu Preiswerks Kontakt mit Chr. Blumhardt d. J.). 📖 ↩
6
Dr. phil. Heinrich Preiswerk (1864–1950), seit 1928 Pfarrer an Burgerspital und Zieglerspital in Bern. Richard, Heinrich und Adolf Preiswerk waren Brüder.↩
7
Diakonissen des Riehener (baseldeutsch: Riehemer) Diakonissenhauses (Kanton Basel-Stadt).↩
8
= «ja, ja, die jungen Leute meinen es doch gut» — Nach Barths Taschenkalender fand am 3.11.1916 ein Treffen von Barth, Ragaz und Thurneysen im Pfarrhaus von R. Preiswerk in Umiken (Kanton Aargau) statt.↩
9
Dr. theol. et med. Walter Gut (1885–1961), 1923–1955 o. Professor für Dogmatik, Dogmengeschichte und Religionspsychologie in Zürich.↩
10
Ebenfalls je zwei Vorlesungen hielten E. Brunner über «Das Kirchenproblem» und W. Gut über «Das Problem der natürlichen Theologie» (alle unveröffentlicht). An dem Kurs nahmen 45 Pfarrer teil.↩
11
Sevogelstraße 70 in Basel, Adresse der Familie Zellweger.↩
12
Die Entsendung eines Delegierten des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum zur zweiten Reichssynode der Bekennenden Kirche in Berlin-Dahlem war auf Bitten K. Kochs beschlossen worden, um seiner Berufung als «consultative and cooptive member» in den Ökumenischen Rat am Ende von dessen Konferenz in Fanø vom 23. bis 30.8.1934 (vgl. Gauger II, S. 296 📖) größeres Gewicht zu verleihen. Nach einigem Zögern und Rücksprache mit Bischof Bell sowie einem Gespräch mit K. Barth nahm Koechlin die Einladung zur Synode an. Vgl. Bell/Koechlin, S. 146–156.158–165 📖; Scholder II, S. 303f.333 📖; Abdruck seiner Ansprache auf der Synode in: W. Niemöller, Die zweite Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Dahlem. Texte — Dokumente — Berichte [AGK 3], Göttingen 1958, S. 198f. 📖 ↩
13
Koechlins Reise zu einer Sitzung des Verwaltungsausschusses des Ökumenischen Rates für Praktisches Christentum am 25.-27.10.1934 in Chichester mußte wegen der Vorverlegung der Dahlemer Synode (s. unten S. 715, Anm. 6) ausfallen; vgl. Bell/Koechlin, S. 156 📖.↩
14
[A.] O[eri], Schisma im süddeutschen Protestantismus? (Tagesbericht), in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 284 vom 17.10.1934. 📖 ↩