5. Oktober 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier sende ich dir das Buch von Lawrence1 zurück. Es ist in so umfassender und folgerichtiger Art unanständig, daß man es schon fast wieder anständig nennen muß und nicht einmal ungern liest. Du wirst es und seine besondere Erlösungslehre — die übrigens zum Schaden des künstlerischen Eindrucks wohl etwas zu direkt vorgetragen wird — samt der Heilsbedeutung einer «jolie croupe» und was es da sonst noch gibt für deine künftige Sexualethik2 wohl im Auge behalten müssen. Vielleicht wäre es dem Lukas gar nicht ungut, aus diesem Buch einmal Kenntnis zu nehmen, daß man auch diese im wörtlichsten Sinn untere Seite der Sache, die ja wirklich auch nicht unwesentlich ist, auch noch mit einer saftigen Ideologie darstellen und sogar verkündigen kann. |708 Es war sehr gut, daß wir uns gestern noch einmal sehen konnten. Und ich bin froh, Fränzeli nun gerade in dieser Zeit unter deiner Obhut und Weide zu wissen. Sie hält größte Stücke auf dich. Es scheint, daß man die vorläufig gefallene Entscheidung3 getrost und hoffnungsvoll betrachten darf, auch wenn man sich nicht zu so direkten Hymnen aufzuschwingen vermag wie die gute Mama Zellweger4, sondern, wie mir Lollo heute schrieb, solchen Vorgängen als selber Beschädigter nicht ohne geheimes Zittern zu folgen vermag.

Schau, was habe ich da soeben für einen Brief von Emil bekommen!5 Was zum Kuckuck ist denn los, daß er offenbar so völlig aus aller Form gekommen ist? Hat man nicht das Gefühl, als ob man nach der Sanität rufen müßte? Ich frage mich wirklich, ob ich meine Gegenschrift, soviel Zeit und Mühe sie mich gekostet hat, angesichts dieser Lage beim Gegner nicht besser in den Papierkorb stecken würde. Und was soll man von der Oxford-Bewegung denken, wenn die «Wirkung des Gottesgeistes», die doch dort wahrnehmbar sein soll6, so aussieht?

Die Post muß weg und ich muß schließen. Laß dich nochmals herzlich grüßen. Du schickst mir den Brunnerbrief dann vielleicht nach Bonn zurück, gelt?

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
David Herbert Lawrence. Buchtitel konnte nicht ermittelt werden.↩
2
Vgl. oben S. 329, Anm. 41.↩
3
Am 3.10.1934 hatten sich Fr. Barth und Max Ulrich Zellweger (geb. 1903) verlobt (vgl. M. Zellweger-Barth, Mein Schwiegervater. Erinnerungen an Karl Barth, Zürich 1981, S. 9–12 📖). — M. Zellweger, 1921–1968 bei der J. R. Geigy AG in Basel tätig — zuletzt als Direktor —, bekleidete zu dieser Zeit den Posten eines Prokuristen.↩
4
Elisabeth («Else») Zellweger, geb. Preiswerk (1884–1957), Max Zellwegers Mutter; vgl. Zur Erinnerung an Frau Else Zellweger-Preiswerk, geboren am 22. Dezember 1867 gestorben am 21. Mai 1949, o. O. o. J. [Basel 1949] (Privatdruck, 16 S.) 📖.↩
5
In seinem Brief vom 2.10.1934 klagte Brunner den «Sektierergeist» an, durch den Barth auch gegenüber den ihm gewogenen Kreisen theologisch isoliert dastehe (Bw.Br., S. 261–266 📖). Das habe deren freundliche Aufnahme seiner Schrift «Natur und Gnade 📖» (s. oben S. 629, Anm. 4) gezeigt.↩
6
Brunner hatte an Barth auch geschrieben (s. Anm. 5): «Daß du über die ‹Oxford-Gruppenbewegung›, die vielleicht das Kirchenbauendste ist, was heute geschieht, zu schnöden dich bemüßigt fühlst, das macht mich, wenn ich an all das denke, was ich an Wirkung des Gottesgeistes hier gesehen habe — schaudern, ja wirklich schaudern» (Bw.Br., S. 263 📖).↩