22. September 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Wir erleben — alle in großer Form — ausgezeichnete Tage in Rom. Denk, ich habe heute Morgen angesichts von Venus anadyomene1 und |707 anderer Kostbarkeiten zum ersten Mal die Götter Griechenlands von Schiller2 einfach begriffen. Was im Vatikan und in den Katakomben etc. zu sehen ist, kommt als Gegengewicht jedenfalls nicht in Betracht! Am Morgen und am Abend bin ich an einem offenen Fenster mit herrlicher Fernsicht an der Schrift gegen Brunner3. Man sollte regelmäßig einen Teil des Jahres in Rom sein. Es ist ein konzentriertes, gutes Lebensgefühl, das man hier hat. Es grüßt dich

dein
Karl + Peter
E. Wolf    Markus

Sachfußnoten

1
In der Archäologie werden mit der Bezeichnung Venus bzw. Aphrodite anadyomene plastische Darstellungen der Göttin bezeichnet, in denen sie sich mit beiden Händen die nassen Haarsträhnen auswringt. «Den mythologischen Hintergrund des Motivs bietet ihre Geburt aus dem Meer» (LIMC II/1, S. 54 📖). Wenn Barth diesem Sprachgebrauch folgt, bezieht er sich möglicherweise auf eine der beiden Darstellungen dieses Motivs im römischen Nationalmuseum (Marmorstatue, im Palazzo Colonna, Inventarnr. 765; s. LIMC II/2, Abb. 424; oder kopflose Marmorstatue aus den Caracalla-Thermen, Inventarnr. 61533; s. LIMC II/2, Abb. 425). — Als archäologischer Laie könnte Barth aber, der Bedeutung des Ausdrucks entsprechend, die Darstellung einer auftauchenden Aphrodite gemeint haben, wie sie als Relief meisterhaft in einen marmornen Altaraufsatz — die «Rüklehne» des sogenannten Ludovisischen Throns — gehauen ist (Thermenmuseum [römisches Nationalmuseum], Inventarnr. 8570; s. LIMC II/2, Abb. 1170).↩
2
Erste Fassung dieses Gedichts 1788, zweite Fassung 1793. 📖↩
3
Vgl. K. Barth, Nein! …, a.a.O. (S. 669, Anm. 8), S. 32 📖 (Wiederabdruck in: «Dialektische Theologie», S. 231 📖).↩