4. November 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Hier schicke ich dir die Nachschrift einer Ansprache, die Karl gestern Abend hier hielt in einer außerordentlich stark besuchten Versammlung. Er hat frei und wegen der beschränkten Zeit sehr rasch gesprochen, und so habe ich es nicht ganz lückenlos mitbekommen. Wolf hat mich gebeten, ob er die Nachschrift haben darf für das nächste Heft der Ev. Theologie, und wenn Karl es nun noch überprüft hat, so kann das vielleicht werden, meinst du nicht? Heute Morgen brachte uns die Post einen bekümmerten Brief von Asmussen. Die Lutheraner laufen immer noch Sturm gegen den Bruderrat und Rat und wollen ihren Reichskirchen- und Reibitraum verwirklichen.1 Die Sache scheint bedenklich |736 und schien uns so bedenklich, daß wir in Berlin-Dahlem telefonisch nachfragten. Die Folge war Karls sofortiger Aufbruch — binnen einer Viertelstunde — nach Berlin. Heute Abend noch ist eine wichtige Sitzung dort. Wenn es nur gelänge, die gute Führung von Koch zu behalten, statt sie an irgend einen ehrwürdigen Greis abtreten zu müssen, wie es der jüngst wieder genannte Bodelschwingh ist. Das wäre einfach verhängnisvoll. Aber wir wollen hoffen und warten, auch wenn es manchmal ein bißchen schwer ist und K. schon vor Semesterbeginn reichlich müde von dem dauernden Hin und Her. Sage bitte Nelly, die Vorlesungen würden nun keinesfalls vor Mitte November beginnen2, so daß sie also nichts versäumt hier. — Lieber Eduard, was du tun kannst, das tu doch bitte, daß die B. N. nicht so unverantwortliche Dinge schreiben. Auf Schritt und Tritt begegnet man hier von diesem edlen Blatt verwirrten Gemütern. Es ist so schade, auch für euch. Ihr liegt uns doch so zunächst und müßtet doch ein bißchen aus der Nähe orientiert sein. Das ist nicht im geringsten gleichgültig für die Entwicklung |737 der Dinge hier. Kannst du nicht einmal einen richtigstellenden Aufsatz schreiben? Das wäre ein großer Dienst, gerade im jetzigen Augenblick. Es geht doch eben gerade nicht um zwei Parteien und gerade nicht um einen Friedenswunsch. Dieser faule Friede ist das ständig drohende Gespenst, gegen das die kleine standfeste Gruppe sich mit allen Mitteln wehrt.

(Noch eine kleine Mitteilung, die aber den Rahmen eures Hauses nicht überschreiten sollte: Es scheint, daß das uns auf dem Bergli beunruhigende Hindernis für Karls Bleiben hier sich eventuell auf eine tragbare Weise lösen läßt. Ein langes Gespräch mit dem Rektor gestern gab uns diese Hoffnung.)3

Grüße Alle, die bei dir sind, und sage bitte Nelly, daß hier Alles gut geht und Matthis und Hansjoggeli fröhlich ihre Straße ziehen [vgl. Act. 8,39]. — Von Lili S. hatte ich gestern einen langen Brief. Das arme Mädchen, welche Katastrophen mußte sie mit Ruth Lieb durchmachen!4

Es grüßt dich herzlichst
Deine
Lollo

Sachfußnoten

1
Asmussen hatte Barth die Lage in Berlin brieflich geschildert: «Die Bayern drängen darauf, einen Namen herauszustellen, und zwar einen bestimmten, nämlich den Abt von Loccum. Sie wollen jetzt die Dahlemer Notregierung still sterben lassen. Es soll ein Gremium zusammentreten, bestehend aus: Koch, Niemöller, Meiser, Bodelschwingh, Knak, [Friedrich] Klingler (bayr. Pfarrer) und Prof. Beyer. Die Entscheidung dieser Männer soll dann als Meinung der Bekenntnisgemeinschaft (sic!) veröffentlicht werden. Es besteht dringender Verdacht, daß man schon sich der Mehrheit dieses Gremiums versichert hat. Gestern abend wurde gesagt, daß Meiser selbständig handeln würde, wenn wir uns nicht bis Montag entsprechend entschieden hätten. In dieser Lage halten sich Koch, Niemöller, Fiedler und [Friedrich?] Müller ausgezeichnet. … Ich persönlich verliere außerordentlich viel Popularität. … Wenn ich dazu helfen könnte, daß August Marahrens als Nachfolger für [Ludwig] Müller abgedreht wird, dann will ich nicht über verlorenen Kredit klagen. Ich habe dabei nicht nur die Person Marahrens im Auge, sondern auch den Kurs, den er steuert. Wir können diese Art verkalkter Konfessionalität nicht tragen. — Natürlich wirst auch Du als canis suspectus in die Debatte geworfen, wie ein Buhmann, mit dem man Kinder schreckt. Das Vaterland erscheint in Gefahr. Ich aber traue meinem Vaterland mehr zu, als daß Du sein Ende bedeuten solltest. Und Dir traue ich nicht zu, ihm ein Ende bereiten zu wollen.» Asmussen schloß diesen undatierten Brief («vom Sonnabend» = 3.11.1934) mit der Empfehlung, ihn zu «verbrennen und noch mit niemandem darüber [zu] sprechen, um Bitterkeiten nach Möglichkeit zu vermeiden.»↩
2
Der ursprünglich für den 6.11.1934 vorgesehene Beginn der Vorlesung «Dogmatik V» war wegen Barths Verpflichtungen in der Kirchenleitung um eine Woche verschoben worden.↩
3
Am 3.11. hatte Barth dem neuen Rektor der Universität, Hans Naumann (1886–1951), 1932–1945 Professor für deutsche und nordische Philologie in Bonn, in einem Gespräch seine Haltung in der Eidesfrage (s. oben S. 721, Anm. 19) dargelegt. Am 5.11.1934 schilderte Naumann Reichskultusminister Rust seine Beurteilung des Falles und bat um «Anweisung» (Teilabdruck des Briefes bei Prolingheuer, S. 26 📖).↩
4
L. Simon hatte Ch. von Kirschbaum am 1.11.1934 aus Paris (s. oben S. 664, Anm. 22) geschrieben. Bevor L. Simon zu Maurys umzog, wohnte sie kurz bei Familie Lieb, wo es zu Mißverständnissen und starken Spannungen zwischen ihr und Ruth Lieb kam.↩