7. November 1934

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Nun ist Karl wieder zurück und sofort untergetaucht sowohl in den lokalen kirchlichen Anliegen — Sitzung des rheinischen Bruderrates1 — |738 als in Gesprächen mit besorgten Schülern und nicht zuletzt doch hoffentlich auch in Vorbereitung seiner Dogmatik-Vorlesung, der sich nun doch auch auf dringenden Wunsch nun noch eine exegetische (Kolosserbrief) Vorlesung2 zugesellen soll. — Er ist nicht, wieder nicht, ohne Hoffnung aus Berlin heimgekehrt. Es wird ja endlich und zuletzt schon so kommen, daß eine Kompromißlösung innerhalb der Bekenntnisfront sich durchsetzen wird (nicht und auf keinen Fall eine Kompromißlösung zu den D. C. hin!!) und daß der Bruderrat an die weichen süddeutschen Bischöfe bestimmte Konzessionen machen muß, ja ihnen vielleicht sogar einen gewissen Raum (Breit wird als repräsentative Gestalt genannt) in der offiziellen Führung gewähren muß.3 Es entspricht eben der Wirklichkeit der Bekenntniskirche, daß in ihr diese beiden Elemente miteinander ringen: die theologisch strafferen und darum auch sachlich eindeutigeren Glieder des Rates und Bruderrates4 und dieser große süddeutsche lutherische Block, der in den Hannoveranern noch einen gewissen Bundesgenossen hat. Dieser Block kann und darf natürlich nicht einfach überrannt werden, wenn die Verantwortung für die ganze Bekenntniskirche gelten soll, so wenig erfreulich es ist, daß der theologisch viel klarere Westen und Norden sich diesen Hemmschuh auferlegen lassen muß. Aber wir sind ja schon froh, wenn sich die Sache in dieser Weise ausbalancieren läßt und auch die Lutheraner ihrerseits — denn von ihnen aus gesehen ist es natürlich auch ein Kompromiß — auf den Traum der lutherischen Reichskirche mit Führung Marahrens oder Bodelschwingh verzichten und der synodale Aufbau sich durchsetzt. Daran ist K. Alles gelegen, und das ist sein besonderer Groll gegen die B. N., daß sie wieder und wieder einfach von vornherein die jetzt gerade zu vermeidende Kompromißlösung als Ziel proklamieren, ganz abgesehen von den von ihnen ebenfalls immer wieder gemeldeten «Friedensversuchen» mit den D. C. An die denkt nun zum Glück kein Mensch, auch nicht die süddeutschen Bischöfe. Karl hat in |739 Berlin persönlich das erste Friedensgesuch von Dr. Kinder5 bei Koch miterlebt. Sie waren nur zu viert: Kinder und 1 D. C.6, Koch und Karl. Koch hat sich ausgezeichnet verhalten und auf die Vorhaltungen von Kinder, wenn kein Frieden geschlossen würde, würde der Staat sich ganz von der Kirche zurückziehen, nur geantwortet: die Bekenntniskirche wisse seit einem Jahr, was das bedeute, und es habe ihr nur gut getan. Sie werde das auch weiter aushalten. — K. griff kaum ins Gespräch ein, sondern protokollierte nur. Wir werden das Protokoll hier ausarbeiten, dann könnt ihr es auch einmal einsehen.7 — Nein, nach |740 dieser Seite scheint die Sache im Blei8. An Frieden mit Müller denkt niemand.9 — Wenn doch das die B. N. begreifen wollte und wenn sie zweitens nicht so hypnotisiert auf die Bischöfe starren wollte, die nun wirklich, wirklich nicht der hoffnungsvollste Punkt auf unserer Seite sind, sondern das immer wieder mitzutragende, mit viel Geduld mitzutragende, etwas verständnislose und etwas unsichere verwässernde Element. — Daß dein Artikel dort abgelehnt wurde, wie Nelly schreibt, das kann ja die Sorge nur vermehren.10 Was wird da eigentlich gespielt? Wir sind nun eben dabei, nach allen Seiten dieses Blatt als unzuverlässig zu erklären, und das ist doch eine schmerzliche Sache für Basel und für Karl. Es stimmt eben leider nicht, daß sie etwa nur Zurückhaltung üben und sich «nicht beteiligen wollen». Sie beteiligen sich sehr intensiv und sehr verhängnisvoll. Und sie wollen sich auch beteiligen, wenigstens insofern, als es den Geschäftserfolg in Deutschland sichert. Dazu bedarf es sensationeller kirchlicher Nachrichten. Heft 1411 wirst du bekommen haben. Was mag das mit Brunner geben?? Heft 15 wird ein Manuskript von Heinrich Vogel sein «Wer regiert die Kirche?»12 — Hast du Sasse gelesen: «Was heißt lutherisch?»13 Da hast du den Gefahrenpunkt innerhalb der Bekenntniskirche, oder einen ihrer erheblichsten Gefahrenpunkte. Zum Glück gibt es auch noch andere Lutheraner. — Karl läßt dich herzlich grüßen. Es liegt ihm so daran, daß du gut im Bilde bist, und ich hoffe, ein wenig tun diese Zeilen den Dienst. Er muß |741 jetzt ja wieder einfahren in seinen Dogmatik-Tunnel. Als Asmussen sich in Berlin von ihm verabschiedete, sagte er zu Karl: «Schreib du vor allem deine Dogmatik 📖 weiter, das ist wichtiger als alles Andere.» Und «irgendwie» wird das ja stimmen.

Es grüßt dich und Marguerite herzlich
deine, eure
Lollo

Sachfußnoten

1
Nach dem 8.10. ließ sich erst wieder für den 12.11.1934 eine Sitzung des rheinischen Bruderrats belegen. «In beiden Fällen ist Karl Barth nicht als Teilnehmer genannt. Ob daher … tatsächlich eine rheinische Bruderratssitzung — so kurz vor der vom 12. November — gemeint ist, ist fraglich. Unsere Protokollsammlung kann allerdings durchaus unvollständig sein» (briefliche Mitteilung von Herrn U. Dühr, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland, vom 12.10.1999).↩
2
Vgl. oben S. 503, Anm. 1.↩
3
Ein von Breit, Fr. K. Schumann und «unter ‹indirekter› Beteiligung» von W. Pressel verfaßter Vorschlag für eine neu zu schaffende Führungsspitze der Bekenntniskirche nannte neben Breit (als Reichsverweser) K. Koch, G. Merz, E. Baumann und W. Flor; vgl. Meier I, S. 514 (Zitat dort). 📖 ↩
4
Randbemerkung in Barths Handschrift: «Gott sei Dank, daß es noch Preußen gibt!»↩
5
Dr. iur. Christian Kinder (1897–1972), Vizepräsident des schleswig-holsteinischen Landeskirchenamtes, seit Dezember 1933 bis 1935 als Nachfolger Hossenfelders Reichsleiter der Deutschen Christen, die unter ihm den ersten Namensbestandteil «Glaubensbewegung» ablegten; vgl. Scholder I, S. 727–729. 📖 ↩
6
«1 D.C.» von Barth gestrichen und am Rand vermerkt: «Christiansen». — Nikolaus Christiansen (1891–1973), 1933–1936 Geistlicher Vizepräsident des Kieler Landeskirchenamtes, hatte von Juni bis Oktober 1934 das neugeschaffene Referat Presse und Öffentlichkeitsarbeit in der Reichskirchenregierung geleitet. 1936–1956 war er Pfarrer in Büsum.↩
7
Protokoll der Begegnung unter der Überschrift «Waffenstillstandsverhandlung — 5. Nov. 1934 nachmittags 3 Uhr / im Hospiz St. Michael / Wilhelmstr. Berlin» mit dem handschriftlichen Vermerk Ch. von Kirschbaums «Streng vertraulich / Darf weder gedruckt noch abgeschrieben werden!!» im Karl Barth-Archiv. Der auf deutsch-christlicher Seite dominierende Kinder erklärte die Notwendigkeit einer Einigung der Kräfte, um die drohende, von Hitler erklärtermaßen ins Auge gefaßte Durchführung einer völligen Trennung von Staat und Kirche zu verhindern. Die in der Kirche geschehenen Rechtsbrüche sollten beseitigt werden. Eine Anknüpfung an die bisherige unrechtmäßige Bekenntnisfront schloß er dagegen aus. Als Koch allen seinen Argumenten die Forderung nach Rücktritt der Reichskirchenregierung und des Reichsbischofs entgegenhielt, sagte Kinder: «Dann muß ich also dem Führer diesen Bericht erstatten?! Neue Unruhe wird damit ins Land gebracht.» Die von Ch. von Kirschbaum wiedergegebene Äußerung Kochs ist nicht protokollarisch festgehalten. Dagegen erwiderte er auf Kinders Einschätzung, bei einer Trennung von Staat und Kirche werde man nicht mehr an das Volk herankommen, sie müsse eine «Einkapselung der christlichen Botschaft» zur Folge haben: «Das ist kein christliches Argument. Die Kirche wird Kirche sein und als Kirche wirken, wie sich auch der Staat zu ihr stelle. Unsere Bekenntniskirche hat gelebt trotz und in der ihr widerfahrenen ‹Einkapselung›» (a.a.O., S. 2f.). Auf Kinders Einwand, das Beharren der Bekenntniskirche auf den Dahlemer Beschlüssen müsse zu der drohenden Trennung führen, antwortete Koch: «Die Kirche muß und wird es aushalten, wenn ihr die Sonne der staatlichen Gnade eine Weile nicht mehr scheinen wird» (a.a.O., S. 4). — Über die Hintergründe dieses Gespräches meldeten die Basler Nachrichten: «Ueber die Nachrichten von Verhandlungen zwischen den Landesbischöfen Meiser und Wurm einerseits und dem Reichsleiter der Deutschen Christen andererseits erfährt die United Preß, daß Dr. Kinder an Wurm herangetreten ist mit dem Ersuchen, in Verhandlungen mit ihm zu treten. Meiser und Wurm haben sich aber geweigert, selbst mit Kinder zu verhandeln, mit dem Hinweis darauf, daß sie zu solchen Verhandlungen nicht berechtigt seien. Auf Grund der Vermittlung der beiden Landesbischöfe kam dann eine Besprechung zwischen Dr. Kinder und Präses Koch zustande, an der auch Professor Dr. Karl Barth teilnahm. Ein positives Ergebnis ist allerdings bei dieser Besprechung nicht erzielt worden» (Besprechungen [United Preß-Meldung vom 8.11.], in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 307 vom 9.11.1934 📖).↩
8
D. h. im Lot.↩
9
Der übermächtig scheinende Widerstand gegen den Reichsbischof gipfelte am 6. November in öffentlichen Rücktrittsaufforderungen weiter kirchlicher Kreise an Müller; vgl. Gauger II, S. 365.367.369.371.373 📖; Meier I, S. 512. 📖 ↩
10
Brief und Artikel nicht erhalten.↩
11
K. Barth, Nein! …, a.a.O. (S. 669, Anm. 8). 📖 ↩
12
H. Vogel, Wer regiert die Kirche? Über Amt, Ordnung, Regiment der Kirche (ThExh 15), München 1934. 📖 ↩
13
H. Sasse, Was heißt lutherisch?, München 1934. 📖 ↩