7. November 1934

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl, liebe Lollo,

ich bin mit euch entsetzt und entrüstet — um das gleich vorwegzunehmen — über die Basler Nachrichten. Und was ich tun konnte, um diese unerhörte Berichterstattung abzustoppen, habe ich getan. Leider ohne Erfolg! Nicht zu zählende Telefongespräche und persönliche Demarchen zunächst bei Karl Sart. Aber in der Redaktion vermag er gegen den allmächtigen Oeri nichts. Er hat ihm deine Briefe und meine Schritte immer wieder kundgetan, ohne erhört zu werden. Oeri hat sich sein ganz falsches Bild von der Lage zurechtgemacht und verteidigt es mit der Zähigkeit eines eigensinnigen Greises. Daraufhin habe ich letzte Woche schon den beiliegenden Artikel1 geschrieben, um endlich ein Gegengewicht einmal einzuhängen, bin selber damit zu Oeri gegangen — und er hat mich abgewiesen. Das Ergebnis des langen Gespräches war, daß Oeri behauptet, eben ein solcher Artikel wie der meine schade der Bekenntniskirche, schreibe man so «triumphierend», so bewirke das, daß die Deutschen Christen bei der Reichsregierung selbst wieder gestützt würden. Es war ihm nicht auszureden. Es schien mir keine besondere Bosheit bei ihm zu walten, aber die verdammte Baslerei, die immer zehnmal schlauer sein will als [alle] anderen miteinander. Nur keine Stellung beziehen! Nur ums Gottswillen nicht «vorprellen», wie sie sagen! Ungefähr so wie es, was ich noch viel schlimmer finde als die politische Schlaumeierei, auch die theologischen Schlaumeier machen: lies einmal irgendein schweizerisches Kirchenblatt, das unseres Ernst Staehelin eingeschlossen: wo ist jemals eine Stellungnahme erfolgt? Immer nur registrieren und numerieren und hintendreinwinken!2 Das ist die |742 gelobte Schweiz! Das ist auf der ganzen Linie so. Und da sind mir manchmal die ärgsten Ketzereien Emilens noch hundertmal lieber als diese Tuschelei und Zuschauerei. O alle diese Oeri, [E.] Vischer, Goetze, Baumgartner, Wendlande, und wie sie alle heißen! «Fluchet der Stadt Neros, daß sie nicht kamen dem Herrn zu Hilfe!» [vgl. Ri. 5,23]. Ich bin dann gleich zu Alphons gegangen. Und er hat sich seinerseits zu Oeri aufgemacht. Und hat auf ihn eingedrungen und schließlich erreicht, daß Oeri ihn einen Artikel schreiben ließ, der aber auch zuerst nach Bern an die Nationalratssitzung gehen mußte, um Oeris Kontrolle zu passieren.3 Er wird endlich heute abend erscheinen.4 Ich habe ihn gelesen und finde ihn in seiner Art sehr gut. Alphons schreibt sehr viel dokumentierter und ausführlicher als ich, und doch ist er in der Sache nicht weniger entschieden. Ich bin heilsfroh, daß wenigstens und endlich dieses Wort nun da sein wird. Es wird euch sicher dienen, umso mehr, als Alphons den Artikel persönlich zeichnet und damit seine ökumenischen Ämter5 mit dahinterstellt. Etwas von Entlastung wird dadurch hoffentlich bewirkt werden. Aber — das eigentlich Schlimme — der Korrespondent K., ein Jude, der, jeden Abend mit Dr. Kinder zusammen saufen soll6, wird natürlich weiter schreiben. Ich möchte dich fragen: wäre es nicht möglich, daß etwa Günther Dehn, der ja ein sehr zuverlässiger Beobachter ist, als Berichterstatter eingeschoben werden könnte von eurer Seite? Sartorius sagt, er würde sofort akzeptiert werden. Könntest du nicht so etwas veranlassen?

Und nun danke ich euch für alle die regelmäßigen und treuen Zurufe und Nachrichten, die Ihr mir in diesen Tagen zukommen ließet! |743 Glaubt mir, sie sind alle mit bewegtem Herzen aufgenommen und wieder und wieder gelesen und bedacht worden. Werdet doch nicht müde, uns weiter auf dem Laufenden zu halten. Auch Koechlins wegen, den ich stets (abgesehen vom Persönlichen) daran teilnehmen lasse, was sicher nicht unwichtig ist. Vor allem aber, Karl, laß dich selber nicht müd machen durch die heillose Zähigkeit, mit der immer wieder, immer wieder alles von der Gegenseite her wieder in Frage gestellt wird. Wie hat sich doch [d]ein treuer Einsatz, dein nächtliches und tägliches, bis an die Grenzen der Kraft und darüber hinaus gehendes Auf-dem-Posten-Stehen gelohnt! Augenblicklich scheint also wieder die Fahrt in gefährlichster Kurve zu liegen. Bodelschwingh! O wenn doch dieser lederne Heiland die Gnade hätte, wirklich demütig zu sein und sich zu versagen! Leider wird ja unser Georg wieder einmal am lätzen7 Halfter ziehen. Ich nehme es wenigstens an. Und du wirst einsamer als je und grimmiger als je deine Pfeife dazu rauchen müssen. Weißt du noch, wie ich dir einst am Bahnhof in Münster sagte: du müssest dich der Kirche erhalten? Das ist wahrer geworden, als man damals ahnen konnte. Wenn irgend etwas getan werden kann für euch, auch und gerade via Alphons, so sag’s uns — leider sind wir ja von hier aus ohnmächtig genug. Aber an allem inneren Begleiten soll’s nicht fehlen.

Auf unserer Seite sieht es weiterhin freundlich aus: immer noch und immer weiter liegt von Fränzeli her ein gewisses freudiges Licht über unserem Hause. Tägliche kleine Jubelrufe am Telefon verraten, daß die beiden «junge Lit»8 beschwingt und verheißungsfroh ihren neuen Weg dahinziehen. Nun ist es also Nelly, die das «jo Mamme», «adie Mamme», «gärn Mamme»9 — entgegennimmt von Seiten des neuen Sohnes und die wirklich, wie es scheint, gute und aufgelebte Tage10 hier verbringt. Auf Lollos Meldung vom Hinausschieben des Vorlesungsbeginnes hin will sie also über Sonntag hier bleiben. Bereits ist die neue Wohnung, nun nicht in Riehen, sondern in einem neuerstellten, großen und modernen Häuserblock in der St. Johanns-Vorstadt11 gemietet, Blick auf den Schwarzwald und den Rhein, aber auch heilsame Nä|744he des eigentlichen Proletarierviertels von Basel und ziemliche Entferntheit von der «Dalben»12 sind die Vorzüge dieser Lage. Daß Fränzeli und Max Z. ihrerseits ganz nahe teilnehmen an Euren Meldungen von draußen, ist klar. Wir haben wirklich gute Tage mit Nelly und freuen uns ihres Beiunsseins.

Das Semester hat wieder begonnen. Die Studenten sind mir noch nicht groß nähergetreten. Außer also Max Lackmann — dieser Wackere macht sich ziemlich bemerkbar. Man sagt von ihm bereits, er stelle sich vor als «Max Lackmann Heft 11», was so natürlich nicht wahr ist. Aber daß er die lauen Basler reformieren will, das steht fest. Als Visser ’t Hooft bei uns war, läutete er sofort nach dem Mittagessen und wußte «um des Gewissens willen» — ich wohnte der Unterredung bei — diesem unserem sicher einwandfreien Freunde Vorhaltungen zu machen wegen angeblicher theologisch-christlicher Unzuverlässigkeit in einer am Vormittag bei den C.S.V.ern geführten Unterredung. Und Heiner bemerkte — er hat sich auch ihm bereits vorgestellt —, er brauche nicht zu meinen, daß nicht auch in Basel achtenswerte Theologie vertreten und getrieben werde. Aber alles in allem wird der von ihm kommende Auftrieb sicher nur gut tun, auch wenn er manchmal in Umtrieb ausartet.

Dieser Tage hat das Basler Regiment vor unseren Fenstern seine Fahnenübergabe gehabt. Ich schicke dir ein Bildlein, auf dem man, wenn auch nur in Umrissen, unsere sämtlichen Gestalten am Fenster sehen kann.13 Die Jakobusbriefvorlesung ist heil in meine Hände gekommen und durchaus zur rechten Zeit. Dank! Ich bin durch die Gemeinde wieder mehr als je angefordert. Aber ich will gerne wieder — nur muß ich um Zeit bitten — ein Heft erstellen. Ich denke daran, die kleinen pastoraltheologischen Mitteilungen, die ich in Genf vorgetragen habe, im Anschluß an dein Heft 13 📖 auszuschreiben unter dem Titel «Unser Amt»14, den schöneren Titel «Wir Pfarrer» kann ich leider nicht gut Kutter wegstehlen15. Vorher aber sollten die Predigten für Lempp noch |745 geschrieben werden.16 Ich bin daran. Eine davon will ich an Wolf schicken für die Evangelische Theologie.17

Seid herzlich, treulich gegrüßt!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 740, Anm. 10.↩
2
Während der Amtszeit von E. Staehelin als Hauptredaktor (bis Ende 1935) druckte das Kirchenblatt für die reformierte Schweiz Dokumente aus den kirchlichen Auseinandersetzungen in Deutschland meist kommentarlos ab und enthielt sich jeder Stellungnahme. Allerdings gab es neben dieser neutralen Art der Berichterstattung auch kirchliche Blätter, die Partei nahmen. Vgl. Kaiser, S. 236–262.335-364. 📖↩
3
A. Oeri war seit 1931 einer der baselstädtischen Abgeordneten im Nationalrat, dem eidgenössischen Parlament.↩
4
A. Koechlin, Zur Wendung im deutschen Kirchenkampf, in: BN, Jg. 90 (1934), Nr. 305 vom 7.11.1934, 2. Beilage 📖; kurze Zusammenfassung mit Zitaten in: Kaiser, S. 157f. 📖 ↩
5
Siehe oben S. 51, Anm. 10.↩
6
Der anitisemitisch gesinnte E. Hirsch, dem der Zugang zu nicht öffentlichen Informationen zuzutrauen ist, identifizierte «K.» mit einem Juden namens Ernst Klein (Brief vom 22.12.1934 an W. Stapel; s. H. Assel «Barth ist entlassen …,» a.a.O. [S. 628, Anm. 1], S. 472 📖).↩
7
= verkehrten.↩
8
= jungen Leute.↩
9
= ja, Mama … auf Wiedersehen, Mama … gern Mama.↩
10
Wohl im Sinne von: Tage des Auflebens.↩
11
Straßenname.↩
12
Vgl. oben S. 24, Anm. 27.↩
13
DieBasler Nachrichten berichteten am 2.11.1934 mit zwei Photographien über die — vermutlich am Vortag vollzogene — Fahnenübergabe (Der Einzug des Regiments 22 in Basel, in: BN, Jg. 90 [1934], Nr. 300 📖). Das von Thurneysen erwähnte Bild ist nicht erhalten.↩
14
Das Heft kam nicht zustande. Zum Vortrag vgl. oben S. 702.↩
15
Vgl. H. Kutter, Wir Pfarrer, Leipzig 1907. 📖↩
16
Gemeint ist die Abschrift der Predigten für Barths und Thurneysens gemeinsamen Band Die große Barmherzigkeit. Predigten, München 1935. 📖 Die dort erschienenen Predigten Thurneysens existierten bereits bis auf die im Dezember des Jahres über Mt. 8,1–4 gehaltene.↩
17
E. Thurneysen, Predigt über Röm. 8,11, in: EvTh, Jg. 1 (1934/35), S. 1–8 📖 (= K. Barth / E. Thurneysen, a.a.O., S. 210–217 📖). E. Wolf war Herausgeber der nach dem Ende von «Zwischen den Zeiten» ebenfalls im Chr. Kaiser Verlag erscheinenden Zeitschrift «Evangelische Theologie».↩