8. November 1934

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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L. E.

Was man sich in der Jugend wünscht, das hat man im Alter die Fülle.1 Z.B. das Besteigen von Fern-D-Zügen: kaum am Dienstag hieher zurückgekehrt, muß ich heute Donnerstag schon wieder (zum vierten Mal!) nach Berlin fahren.2 Ich würde wohl besser gleich dort bleiben; aber das geht auch nicht. Wie dem auch sei, der Karren will nun geschoben sein, und «irgendwie« bin ich an diesen Karren gestellt und muß immer wieder dabei sein, wenn es einen Ruck weitergehen soll. Du bekommst mit gleicher Post ein interessantes Dokument von meinem letzten Berliner Aufenthalt.3 Es soll bekannt, aber ja nicht publik werden. Von der Intensität, mit der in ganz Deutschland am Aufbau der Kirche gearbeitet und zugleich der Angriff geführt wird, kann man sich draußen sicher schwer eine Vorstellung machen, weil Alles vertraulich läuft. Aber gewisse gute Eigenschaften der D[eutschen] bewähren sich dabei sehr. Der Artikel von Koechlin war vorzüglich, seit vielen Wochen das erste vernünftige Wort in den B. N. Nur das epitheton «weise» in bestimmten Zusammenhäng hätte ich ihm geschenkt — wenn es nicht etwa eine captatio benevolentiae des selber sicher weisen Al|746phonse gewesen sein sollte.4 Wie dem auch sei, ich muß nun, mit Pfeife, Papier, Chokolade, Lesestoff und allem Sonstigen gründlich versorgt, zur Bahn eilen. Unterwegs Kollegarbeit! Ich wollte immer wieder, du wärest auch dabei. Ich denke viel darüber nach, daß und warum ich so wenig verbindlich und gewinnend bin gegenüber all den armen Tröpfen, mit denen wir es ja im Grunde zu tun haben. Johannes5 täte not. Ich denke nun auch mit Sorge an Emils Gesundheit und Seelenzustand angesichts des «Nein! 📖». Grüße Alle, Alle!

Herzlichst
Dein
Karl

Sachfußnoten

1
So (ohne «sich») das dem 2. Teil von J. W. von Goethes «Dichtung und Wahrheit» (1811–1822) 📖 vorangestellte Motto.↩
2
Die offizielle Einladung zur Sitzung des Reichsbruderrates am Vormittag des 9.11.1934 im Burckhardthaus Dahlem ist auf den 7.11. datiert.↩
3
Protokoll der Unterredung zwischen Koch und Kinder; s. oben S. 739, Anm. 7.↩
4
In seinem BN-Artikel (s. oben S. 742, Anm. 4) schrieb A. Koechlin: «Diese ganze Auseinandersetzung kann zu einem Gegenüber von Parteistaat und Kirche führen, das die allerschwersten Möglichkeiten in sich trägt. Möchte auch in diesen sich anzeigenden Gegensätzen die Staatsführung sich als weise genug zeigen, den Machtapparat denen zu versagen, die geneigt sein mögen, ihn gegen die christliche Kirche und den christlichen Glauben einzusetzen. Ein anderes Verhalten müßte sich letztlich, wie die Geschichte aller Völker zeigt, gegen den Staat selbst wenden.»↩
5
Vgl. oben S. 7, Anm. 5.↩