18. Februar 1935

Marguerite Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

Ich habe Dir für zwei Zurufe zu danken, vorerst auch in Ed’s Namen, er wird nächstens selbst schreiben, zum Brief von Trudi Lindt und zu den andern Dokumenten.1

828 Ja, Euer Weiterweg! Es sieht schon so aus, als führte er nun hieher. Aber ich wage noch immer nicht, mir das auszumalen. Für Euch ist’s ja nicht so eindeutig schön und gut wie für uns. Aber abgesehen vom Persönlichen (auf diesem Boden wäre Euer Dasein ja einfach hilfreich und stärkend und bereichernd) wißt Ihr ja zur Genüge, wie die Lage ist. Und grade drum hoffe ich so sehr, Karl dürfe hier nun einmal einsetzen. Ich hoffe sogar, es komme durch ihn zur Auseinandersetzung zwischen Positiven und Reformern2; diese Spaltung vergiftet alles hier in Basel, an ihr geht alles, bevor es geboren, zu Grunde; wir erleben das immer neu. Natürlich, eine kleine Wirklichkeit im Vergleich zu dem großen Kreis, in dem ihr jetzt steht! Aber doch auch wert, an ihrem Ort ernst genommen zu werden.

Und nun das Zweite. Es fällt mir schwer, Tr’s Anliegen gerecht zu werden, weil — first impression — alles viel zu sehr von außen gesehen ist, scheint mir. Und dieser Eindruck bleibt bei mir bestehn auch nach immer erneutem Lesen des Briefes. Ich müßte eigentlich etwas weit ausholen, um Euch zu sagen, wie ich die Lage sehe. Ich will es versuchen, so gut es geht zwischen Wickel-Machen und «Dämpfen» und Mixturengeben etc. Christinli liegt zwar jetzt allein noch mit Bronchitis von der Grippe her; die andern sind wieder auf. Ich sehe es so (und — muß ich noch beifügen — gelt, ich darf ganz offen schreiben?):

Vor acht Jahren schon ist die Entscheidung gefallen, damals, als Ihr Euer Leben aneinander bandet, damals, als Ihr Ja sagtet zu einander unter der Schuld und unter der Vergebung stehend. Wir Freunde sagen ja zu euerm Weg, weil wir Euer Leben so geführt sehen und nicht willkürlich so gelebt. Das gibt uns das Vertrauen zu euch. Das läßt uns still mittragen. Das läßt uns glauben an die Richtigkeit, ja Notwendigkeit eurer exponierten Gratwanderung. Nur unter diesen Voraussetzungen ist dieser Weg zu verstehen; für andre Augen muß er willkürlich, fast sinnlos bleiben. Ich glaube freilich, daß wir gerade jetzt, wo so viele andre Stimmen laut werden, in besonderer Weise an dieser Schau festhalten müssen. Es fällt mir nicht schwer, bin ich doch auch nicht so «bürgerlich» und so «intakt», als daß ich mich auf Seite der Korrekten und Wohlanständigen so selbstverständlich stellen könnte. — Freilich, das müssen wir uns wohl alle vergegenwärtigen, so wie die Menschen im allgemeinen nun einmal sind, wird auch hier, wenn ihr nach außen weiterlebt wie in Bonn, mancherlei Gerede entstehn. Eduard ist da optimistischer, der Barthsche Familienrat pessimistischer.

Daß Nelly dabei immer zurückgesetzt ist und bleiben wird, ist natürlich immer wieder zu sagen und wißt ihr ja.» Ein Einverständnis mit diesem Dreierverhältnis «kann sicher nur dann auch bei Nelly ehrlich sein, wenn Du viel mehr zurücktreten könntest und wirklich nur als ‹Mitarbeiterin› bei Karl wärest, weniger als Freundin und Lebensgefährtin, was Du ja tatsächlich auch bist, aber aus Liebe zu Karl nicht öffentlich sein solltest. Karls Ehe mit Nelly soll ja bestehen bleiben, und ich verstand es immer so, daß du ihm dies erleichtern wolltest durch dein Dabei-sein.» So solle Barths Ehe geschützt und ein Ärgernis für die Kirche verhütet werden. Nicht bürgerliche Enge, sondern Sorge um die Glaubwürdigkeit der Lehre ihres Bruders habe sie zu ihrem Schreiben veranlaßt (Brief vom 11.2.1935).

829 Aber was bedeuten letztlich diese Unterschiede? Wenn ihr euren Weg vor Gott so weitergehen dürft und sollt wie bisher, so werdet ihr das, was euch an Liebem und Leidem dadurch erwächst, auf euch zu nehmen wissen. Das, was sich auf dieser Ebene, sagen wir in unsrer Basler Wirklichkeit, ereignet, ist dann, so scheint mir, eine Frage zweiter Ordnung. Sollte es sich zudem erweisen, daß in der äußern Lebensweise irgendwie andre Formen gesucht werden müssen, so werden sie sich Schritt um Schritt zeigen. Dafür wollen wir ganz offen sein! Aber nur gewissermaßen aus Vorsicht oder aus Klugheit oder gar aus Konvention Eure Einheit von Leben und Arbeit auseinandernehmen — ich sehe dieses Gebot noch nicht! Sollte es sein um der schwachen Brüder willen [vgl. 1.Kor. 8,11]? Dürfen wir nicht auch hier darauf hoffen, daß «Schutzengel» euch behüten? In Bonn waren sie trotz allem um euch!

Die Einzige, auf deren Stimme ihr wirklich immer wieder horchen sollt und — gelt, ich darf das sagen — m. E. wohl mehr als bisher horchen müßtet, ist Nelly. Sie ist die, die über ihre Kraft trägt, weil sie allein zu tragen hat. Wenn sie eines Tages nicht mehr kann, dann dürft ihr nicht an ihr vorbeigehen. Aber gerade ihre Last dürfte hier in Basel eher tragbar werden, weil sie sich doch ab und zu aussprechen kann. —

Liebe Lollo, ich stammle. Nimm meinen Brief, wie er gemeint ist. Du tust mir so namenlos leid, daß Du solche Briefe wie eben den von Tr. L. bekommen mußt, obwohl sie ja versucht zu helfen — auf ihre Art freilich […] Weißt Du eigentlich, wie sehr ich mich gerade auf Dich freue!

Der Brief geht auch an Karl, gelt!
Euch Beiden warme Grüße
Marguerite

Sachfußnoten

1
Am 10.2.1935 war H. Barth nach Bern gereist, um mit seiner Mutter und dem Ehepaar Lindt über die Frage zu sprechen, in welcher Weise ihnen die Anwesenheit Ch. von Kirschbaums in Basel im Falle einer Berufung Barths dorthin tragbar erscheine. Als Ergebnis der Unterredung teilte Gertrud Lindt am folgenden Tag Ch. von Kirschbaum mit, im Hinblick auf die in der Schweiz bereits umgehenden Gerüchte halte es die Familie für richtig, wenn Ch. von Kirschbaum in Basel außerhalb des Hauses Barth wohnen und K. Barth nicht überallhin begleiten würde. Ch. von Kirschbaum möge sich aus Liebe zu Karl Barth und «wegen der Dringlichkeit von Karls Arbeit» zurückziehen. «Euer Leben zu dritt ist in Bonn entstanden und ist für Euch fast selbstverständlich geworden.↩
2
Vgl. oben S. 20, Anm. 11.↩