Marguerite Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum
Ich habe Dir für zwei Zurufe zu danken, vorerst auch in
828 Ja, Euer Weiterweg! Es sieht schon so aus, als führte er nun hieher. Aber ich wage noch immer nicht, mir das auszumalen. Für Euch ist’s ja nicht so eindeutig schön und gut wie für uns. Aber abgesehen vom Persönlichen (auf diesem Boden wäre Euer Dasein ja einfach hilfreich und stärkend und bereichernd) wißt Ihr ja zur Genüge, wie die Lage ist. Und grade drum hoffe ich so sehr,
Und nun das Zweite. Es fällt mir schwer, Tr’s Anliegen gerecht zu werden, weil — first impression — alles viel zu sehr von außen gesehen ist, scheint mir. Und dieser Eindruck bleibt bei mir bestehn auch nach immer erneutem Lesen des Briefes. Ich müßte eigentlich etwas weit ausholen, um Euch zu sagen, wie ich die Lage sehe. Ich will es versuchen, so gut es geht zwischen Wickel-Machen und «Dämpfen» und Mixturengeben etc.
Vor acht Jahren schon ist die Entscheidung gefallen, damals, als Ihr Euer Leben aneinander bandet, damals, als Ihr Ja sagtet zu einander unter der Schuld und unter der Vergebung stehend. Wir Freunde sagen ja zu euerm Weg, weil wir Euer Leben so geführt sehen und nicht willkürlich so gelebt. Das gibt uns das Vertrauen zu euch. Das läßt uns still mittragen. Das läßt uns glauben an die Richtigkeit, ja Notwendigkeit eurer exponierten Gratwanderung. Nur unter diesen Voraussetzungen ist dieser Weg zu verstehen; für andre Augen muß er willkürlich, fast sinnlos bleiben. Ich glaube freilich, daß wir gerade jetzt, wo so viele andre Stimmen laut werden, in besonderer Weise an dieser Schau festhalten müssen. Es fällt mir nicht schwer, bin ich doch auch nicht so «bürgerlich» und so «intakt», als daß ich mich auf Seite der Korrekten und Wohlanständigen so selbstverständlich stellen könnte. — Freilich, das müssen wir uns wohl alle vergegenwärtigen, so wie die Menschen im allgemeinen nun einmal sind, wird auch hier, wenn ihr nach außen weiterlebt wie in
Daß
829 Aber was bedeuten letztlich diese Unterschiede? Wenn ihr euren Weg vor Gott so weitergehen dürft und sollt wie bisher, so werdet ihr das, was euch an Liebem und Leidem dadurch erwächst, auf euch zu nehmen wissen. Das, was sich auf dieser Ebene, sagen wir in unsrer Basler Wirklichkeit, ereignet, ist dann, so scheint mir, eine Frage zweiter Ordnung. Sollte es sich zudem erweisen, daß in der äußern Lebensweise irgendwie andre Formen gesucht werden müssen, so werden sie sich Schritt um Schritt zeigen. Dafür wollen wir ganz offen sein! Aber nur gewissermaßen aus Vorsicht oder aus Klugheit oder gar aus Konvention Eure Einheit von Leben und Arbeit auseinandernehmen — ich sehe dieses Gebot noch nicht! Sollte es sein um der schwachen Brüder willen [vgl.
Die Einzige, auf deren Stimme ihr wirklich immer wieder horchen sollt und — gelt, ich darf das sagen — m. E. wohl mehr als bisher horchen müßtet, ist
Liebe