829
Wievieles wäre zu bedenken und zu besprechen! Aber da steht ja nun der 7. März2 vor der Tür, ersorgt3 von der wackeren Frau Zellweger, sicher auch nicht ganz wolkenlos für euch, aber unbedingt begrüßt von uns, vor allem um des damit gegebenen Zusammenseins willen. Hoffentlich reicht es im Gedränge des Tages doch einmal zu einer jener schweren Zigarren und einem entsprechenden Gespräch.
Mein Manuskript4 wirst du erhalten haben? Es liegt mir daran, daß du es durchsehest. Einfach darum, weil du die Mitverantwortung ja |830 auch auf dich nehmen mußt, umso mehr als ich indirekt mit zur Lage der Kirche bei euch rede. Willst du so gut sein und es direkt an Lempp weiterleiten? Es sei denn, du habest gewichtige Änderungen vorzuschlagen oder auch du findest nachträglich, was ich ursprünglich meinte, diese Arbeit sollte in der Schweiz erscheinen, für die sie in erster Linie bestimmt ist. Ich könnte sie in den Gotthelfverlag5 geben, der mich darum gefragt hat.
Heiner — Lindts! Ich habe nicht ohne Erschütterung den Brief gelesen, den ihr von dorther erhalten habt.6 Und überdies hat mir Heiner selber einen sozusagen offiziellen Besuch in der Sache gemacht. Er hat sich letzthin bei mir angemeldet und dann seine ganze Klage wider euch dargeboten, und zwar mit der scharfen Schlußwendung, er warne mich! Ich sei für die Stadtgemeinde, ja für die ganze Kirche mitverantwortlich und werde die Folgen der sich ergebenden Katastrophe mitzutragen haben. Er habe mich jetzt beschworen. Ich solle — das war eigentlich das Fatalste — jetzt den Mut aufbringen (wörtlich so hat er’s natürlich nicht gesagt, aber so war’s gemeint) und dir in dieser Sache auch entgegentreten. Es ging nahe daran vorbei, daß ich das Gespräch abgebrochen hätte. Ich sagte ihm einfach: was er sich denn unter ihrer ganzen Demarche eigentlich vorstelle? Ob er nicht sehe, daß schon der Brief deiner Schwester dich und Lollo in ein, milde gesagt, sehr merkwürdiges, ja unmögliches Licht stelle. Hier auch nur einen Augenblick etwas Diskutables zugeben heiße doch einfach alles, alles in der trostlosesten Weise in Frage stellen. Die Sache muß offenbar so gegangen sein, daß in Bern die bekannte Unruhe entstand ob jenen Gerüchten. Auch Leute wie Schädelin und Gilg müssen vorgesprochen haben, sei’s bei deiner Mutter, sei’s bei Lindts, und ihrem Erstaunen ob den «untragbaren» Dingen Ausdruck gegeben haben. Statt sie irgendwie ins Bild zu setzen, hat man ihnen das offenbar abgenommen. So daß dann bei Heiner das Bild entstand: die «Familie» müsse da allerlei Unangenehmes erleiden, das werde sich noch weiter steigern. Während du, wie Heiner |831 dich eben nun einmal sieht, mehr oder weniger unbekümmert deines Weges ziehest. Er war sichtlich erbittert und gereizt. Von den geistigen Gegensätzen war gar nicht mehr die Rede, die waren ganz versunken vor diesem anderen. Ich konnte nur fest und ruhig bei der Sache bleiben. Ihr tut mir einfach leid. Das hat nun noch gefehlt, daß von dieser Seite so argumentiert wird. Aber laßt auch das euch nicht anfechten. Heiner ist eine Nummer für sich. Ob Karl L. wirklich auch auf seiner Seite steht, so wie er es behauptet? Warum hat der den Brief und die ganze Aufgeregtheit deiner Schwester denn nicht verhindert? Bern scheint ja ein besonders übles Schwatznest zu sein. Hoffentlich hat euch dieser ganze Zwischenfall nicht zu sehr bemüht und euch eurerseits erbittert! Ich glaube nicht, daß die Wege auch in dieser Sache zwischen dir und deinen Leuten nicht wieder sich geben. Nur für den Augenblick wird es schwierig sein, darüber zu sprechen. Es wirkt auf Heiner alles wie eine Provokation, was man sagt.* Sogar «Johannes» vermag hier nichts! Aber andererseits ist’s bei Heiner so, daß, wenn der Schuß einmal gelöst ist, nach gemeinsamer Besprechung mit seiner Gertrud!, dann ist auch sein Dampf am Verfliegen. Ich fürchte keinen Augenblick, daß der 7. März nicht trotzdem und durch das alles hindurch ein guter Tag werde. Ich weiß bestimmt, daß es Heiner wiederum ganz und gar fern liegt, euch irgendwie etwas fühlen zu lassen. Im Gegenteil, ich verspreche mir gerade von euerm selbstverständlichen Dasein an diesem Tage eine diesen Berner Krampf lösende Wirkung. Auch deshalb bin ich froh um euer aller gemeinsames Herkommen.
Basel hat heiße Tage hinter sich. Die Wehrvorlage ist also angenommen, aber unter ziemlichen Stürmen7, in die also auch Ragazius einge|832griffen hat8. Auch die theologische Lage kam dabei mit ins Spiel: die ganze evangelische Jugend, soweit sie organisiert ist, steht bei den Pazifisten, und man kann sich kaum Gehör verschaffen für die andere Möglichkeit eines «gebrochenen» Ja. Die Schweiz ist ein merkwürdiges Land. Hast du z. B. beachtet, wie im Bezirk Saanen der kleine Otto9 einfach überwältigend zu Gunsten der Verwerfung gewirkt hat? Sein Bezirk steht an der Spitze aller verwerfenden Bezirke des Kantons.10
|833 Für diese Töne hat man bei uns immer wieder die Ohren. — Ich lege dir ein Heft der Schweizer Rundschau bei mit einem, wie ich finde, ausgezeichneten Aufsatz des gescheiten Gottlob Spörri.11 Merkwürdig ist nur: dieser Spörri, der hier so gerecht und so einsichtig schreibt, ist auf der anderen Seite sicher ein sehr entschlossener Gegner deiner Lehre, und zwar in dem Augenblick, wo du dich zum Nein!
📖 gegen Brunner erhebst. Er soll geäußert haben, er werde gegen deine Darstellung, die in seinen Augen ein einziges großes Unrecht an Emil ist, auch noch zu den Waffen greifen. Warten wir auch da ab! Wie geht es dir wohl in Utrecht?12 Nehmen es dir die Holländer ab? Ich lasse Lollo ganz besonders grüßen. Wir werden sie ja über die Hochzeit bei uns haben und freuen uns. Sei selber in diesen merkwürdigen Zeiten herzlich und treulich gegrüßt. Wenn wir nur näheres wüßten, wie es um dich steht! Ich erwarte nach dem Wenigen, was ich weiß und sehe, nichts mehr von draußen, sondern rechne mit deinem baldigen Zugehen auf Basel. Täusche ich mich?
834 * Bedenke das, wenn du je zu ihm redest, bei aller Entschiedenheit, die du natürlich wahren mußt.