25. Februar 1935

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Wievieles wäre zu bedenken und zu besprechen! Aber da steht ja nun der 7. März2 vor der Tür, ersorgt3 von der wackeren Frau Zellweger, sicher auch nicht ganz wolkenlos für euch, aber unbedingt begrüßt von uns, vor allem um des damit gegebenen Zusammenseins willen. Hoffentlich reicht es im Gedränge des Tages doch einmal zu einer jener schweren Zigarren und einem entsprechenden Gespräch.

Mein Manuskript4 wirst du erhalten haben? Es liegt mir daran, daß du es durchsehest. Einfach darum, weil du die Mitverantwortung ja |830 auch auf dich nehmen mußt, umso mehr als ich indirekt mit zur Lage der Kirche bei euch rede. Willst du so gut sein und es direkt an Lempp weiterleiten? Es sei denn, du habest gewichtige Änderungen vorzuschlagen oder auch du findest nachträglich, was ich ursprünglich meinte, diese Arbeit sollte in der Schweiz erscheinen, für die sie in erster Linie bestimmt ist. Ich könnte sie in den Gotthelfverlag5 geben, der mich darum gefragt hat.

Heiner — Lindts! Ich habe nicht ohne Erschütterung den Brief gelesen, den ihr von dorther erhalten habt.6 Und überdies hat mir Heiner selber einen sozusagen offiziellen Besuch in der Sache gemacht. Er hat sich letzthin bei mir angemeldet und dann seine ganze Klage wider euch dargeboten, und zwar mit der scharfen Schlußwendung, er warne mich! Ich sei für die Stadtgemeinde, ja für die ganze Kirche mitverantwortlich und werde die Folgen der sich ergebenden Katastrophe mitzutragen haben. Er habe mich jetzt beschworen. Ich solle — das war eigentlich das Fatalste — jetzt den Mut aufbringen (wörtlich so hat er’s natürlich nicht gesagt, aber so war’s gemeint) und dir in dieser Sache auch entgegentreten. Es ging nahe daran vorbei, daß ich das Gespräch abgebrochen hätte. Ich sagte ihm einfach: was er sich denn unter ihrer ganzen Demarche eigentlich vorstelle? Ob er nicht sehe, daß schon der Brief deiner Schwester dich und Lollo in ein, milde gesagt, sehr merkwürdiges, ja unmögliches Licht stelle. Hier auch nur einen Augenblick etwas Diskutables zugeben heiße doch einfach alles, alles in der trostlosesten Weise in Frage stellen. Die Sache muß offenbar so gegangen sein, daß in Bern die bekannte Unruhe entstand ob jenen Gerüchten. Auch Leute wie Schädelin und Gilg müssen vorgesprochen haben, sei’s bei deiner Mutter, sei’s bei Lindts, und ihrem Erstaunen ob den «untragbaren» Dingen Ausdruck gegeben haben. Statt sie irgendwie ins Bild zu setzen, hat man ihnen das offenbar abgenommen. So daß dann bei Heiner das Bild entstand: die «Familie» müsse da allerlei Unangenehmes erleiden, das werde sich noch weiter steigern. Während du, wie Heiner |831 dich eben nun einmal sieht, mehr oder weniger unbekümmert deines Weges ziehest. Er war sichtlich erbittert und gereizt. Von den geistigen Gegensätzen war gar nicht mehr die Rede, die waren ganz versunken vor diesem anderen. Ich konnte nur fest und ruhig bei der Sache bleiben. Ihr tut mir einfach leid. Das hat nun noch gefehlt, daß von dieser Seite so argumentiert wird. Aber laßt auch das euch nicht anfechten. Heiner ist eine Nummer für sich. Ob Karl L. wirklich auch auf seiner Seite steht, so wie er es behauptet? Warum hat der den Brief und die ganze Aufgeregtheit deiner Schwester denn nicht verhindert? Bern scheint ja ein besonders übles Schwatznest zu sein. Hoffentlich hat euch dieser ganze Zwischenfall nicht zu sehr bemüht und euch eurerseits erbittert! Ich glaube nicht, daß die Wege auch in dieser Sache zwischen dir und deinen Leuten nicht wieder sich geben. Nur für den Augenblick wird es schwierig sein, darüber zu sprechen. Es wirkt auf Heiner alles wie eine Provokation, was man sagt.* Sogar «Johannes» vermag hier nichts! Aber andererseits ist’s bei Heiner so, daß, wenn der Schuß einmal gelöst ist, nach gemeinsamer Besprechung mit seiner Gertrud!, dann ist auch sein Dampf am Verfliegen. Ich fürchte keinen Augenblick, daß der 7. März nicht trotzdem und durch das alles hindurch ein guter Tag werde. Ich weiß bestimmt, daß es Heiner wiederum ganz und gar fern liegt, euch irgendwie etwas fühlen zu lassen. Im Gegenteil, ich verspreche mir gerade von euerm selbstverständlichen Dasein an diesem Tage eine diesen Berner Krampf lösende Wirkung. Auch deshalb bin ich froh um euer aller gemeinsames Herkommen.

Basel hat heiße Tage hinter sich. Die Wehrvorlage ist also angenommen, aber unter ziemlichen Stürmen7, in die also auch Ragazius einge|832griffen hat8. Auch die theologische Lage kam dabei mit ins Spiel: die ganze evangelische Jugend, soweit sie organisiert ist, steht bei den Pazifisten, und man kann sich kaum Gehör verschaffen für die andere Möglichkeit eines «gebrochenen» Ja. Die Schweiz ist ein merkwürdiges Land. Hast du z. B. beachtet, wie im Bezirk Saanen der kleine Otto9 einfach überwältigend zu Gunsten der Verwerfung gewirkt hat? Sein Bezirk steht an der Spitze aller verwerfenden Bezirke des Kantons.10 |833 Für diese Töne hat man bei uns immer wieder die Ohren. — Ich lege dir ein Heft der Schweizer Rundschau bei mit einem, wie ich finde, ausgezeichneten Aufsatz des gescheiten Gottlob Spörri.11 Merkwürdig ist nur: dieser Spörri, der hier so gerecht und so einsichtig schreibt, ist auf der anderen Seite sicher ein sehr entschlossener Gegner deiner Lehre, und zwar in dem Augenblick, wo du dich zum Nein! 📖 gegen Brunner erhebst. Er soll geäußert haben, er werde gegen deine Darstellung, die in seinen Augen ein einziges großes Unrecht an Emil ist, auch noch zu den Waffen greifen. Warten wir auch da ab! Wie geht es dir wohl in Utrecht?12 Nehmen es dir die Holländer ab? Ich lasse Lollo ganz besonders grüßen. Wir werden sie ja über die Hochzeit bei uns haben und freuen uns. Sei selber in diesen merkwürdigen Zeiten herzlich und treulich gegrüßt. Wenn wir nur näheres wüßten, wie es um dich steht! Ich erwarte nach dem Wenigen, was ich weiß und sehe, nichts mehr von draußen, sondern rechne mit deinem baldigen Zugehen auf Basel. Täusche ich mich?

Dein
Eduard

834 * Bedenke das, wenn du je zu ihm redest, bei aller Entschiedenheit, die du natürlich wahren mußt.

Sachfußnoten

1
Im Original irrtümlich: Januar.↩
2
Hochzeitstag von Barths Tochter Franziska und Max Zellweger. Den Traugottesdienst hielt E. Thurneysen.↩
3
= mit Sorgen erwartet; vgl. oben S. 62, Anm. 28.↩
4
Vgl. oben S. 815, Anm. 1.↩
5
Der in Bern ansässige Gotthelf Verlag gab hauptsächlich «allgemeine Literatur» heraus und verlegte erst unter neuer Leitung — 1937 hatte die Übernahme durch die Zürcher Genossenschaft CVB Buch + Druck die Auflösung des Verlages verhindert — insbesondere allgemeine christliche und theologische Literatur (briefliche Auskunft des Verlags vom 24.2.1994).↩
6
Brief G. Lindts an Ch. von Kirschbaum vom 11.2.1935; s. oben S. 827f., Anm. 1, und unten S. 838, Anm. 4.↩
7
Die eidgenössische «Wehrvorlage», für die in einer Abstimmung am 24.2.1935 die Mehrheit der stimmberechtigten Schweizer votierte, sah u. a. eine Änderung der Ausbildungszeiten in der Armee und eine Verlängerung der Rekrutenausbildung um drei Wochen vor, um eine angemessene Ausbildung an modernen Waffen sicherzustellen. Ihr war am 12.12.1934 ein Beschluß des Nationalrates (des schweizerischen Parlaments) für die «Bewaffnungsvorlage» vorausgegangen, in dem dieser sich für eine Aufrüstung und Modernisierung des Waffenbestandes zum Zwecke der Abschreckung ausgesprochen hatte. Im Vorfeld der Abstimmung über die «Wehrvorlage» kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern, die sich u. a. in zahlreichen Zeitungsartikeln, Leserzuschriften und Kundgebungen niederschlugen. Vgl. H. Wahlen, Bundesrat Rudolf Minger …, a.a.O. (S. 663, Anm. 19), S. 150–155. 📖 ↩
8
L. Ragaz war entgegen der offiziellen sozialdemokratischen Wahlempfehlung ein erbitterter Gegner der Vorlage und beurteilte sie als «einen entscheidenden Vorstoß unseres schweizerischen Militarismus … Er will bei diesem Anlaß eine Generalprobe machen, was unser Volk sich in dieser Beziehung bieten lasse»; vgl. L. Ragaz, Zwei Abstimmungen, in: NW, Jg. 29 (1935), S. 22–26 (Zitat dort S. 23). 📖 Am 22.2. trat er in Basel als Hauptredner in einer öffentlichen Kundgebung der Sozialdemokratischen Partei auf, in deren Verlauf es im Publikum zu Handgreiflichkeiten kam. Die — politisch liberal orientierten — Basler Nachrichten berichteten über seinen Auftritt: «Mit stets erhobenen Händen und warnenden [sic] Drohfinger sprach nun also / Professor Ragaz / ein älterer Herr mit Bratenschößen und einer goldenen Uhrkette, im Bündnerdialekt trotz den ungeduldigen ‹Amen›-Rufe[n] der Kommunisten und der mehrfachen Klingelzeichen des Versammlungsleiters gleich zwanzig Minuten länger als die zugebilligte Rededauer. Es war sein pazifistisches Bekenntnis. Trotzdem erntete er donnernden Applaus. … In seiner Repblik [sic] beschränkte sich Regierungsrat Ludwig, erneut von tosendem Lärm empfangen, auf einige sachliche Ausführungen, während von Prof. Ragaz das gleiche nicht gesagt werden kann» (-i-, Eine bewegte Versammlung im Volkshaus, in: BN, Jg. 91 [1935], Nr. 53 vom 23./24.2.1935 📖). Eine inhaltliche Zusammenfassung von Ragaz’ Referat bot die Nationalzeitung: Eine zweite kontradiktorische Auseinandersetzung. Gegner und Freunde der Wehrvorlage im Basler Volkshaus, in: NZ, Jg. 93 (1935), Nr. 92 vom 24.2.1935, S. 3 📖; vgl. auch L. Ragaz, Zwei Abstimmungen (s. oben); ders., Zum 24. Februar, in: NW, Jg. 29 (1935), S. 77–79; ders., Zum 24. Februar, a.a.O., S. 126–136 📖 (wo er sich gegen die Darstellung der Basler Nachrichten verwahrt).↩
9
Otto Lauterburg (1886–1975), Schulfreund und Kommilitone Barths in Bern, 1911–1951 Pfarrer in Saanen (Kanton Bern); vgl. Bw.Th.I, S. 329f. 📖; Busch, S. 40 📖. ↩
10
Saanen hatte die Wehrvorlage am deutlichsten abgelehnt. «Wir haben dies nicht anders erwartet, nachdem wir uns von der geistigen Zersetzung, die dort durch Ragazianer, Freigeldler etc. angerichtet worden ist, persönlich haben überzeugen können» (Bern nimmt knapp an, in: BN, Jg. 91 [1935], Nr. 54 vom 25.2.1935 📖). In demselben Sinn kommentierten die Basler Nachrichten das Saaner Ergebnis in der folgenden Nummer: «Bedenklich ist dagegen wieder das Resultat des Obersimmentals, das mit seinen 286 Ja gegen 1003 Nein einen vom Standpunkt der Wehrhaftigkeit aus gesehen traurigen Rekord aufstellt. Dabei sind es in der Gemeinde Gsteig mehr die Freigeldler, in den Gemeinden Lauenen und Saanen mehr die Ragazianer, die den Ton angeben und bei den dort oben zum Teil besonders mißlichen Wirtschaftsverhältnissen großen Zulauf finden.»↩
11
G. Spörri, Die Hoffnung der Kirche, in: Neue Schweizer Rundschau (Neue Folge), Jg. 2 (1934/35), S. 625–637. 📖 Der Aufsatz stellt eine Beurteilung der zeitgenössischen Lage der Theologie dar. Darin wird Barths Verdienst, die deutsche evangelische Kirche durch seine Forschungen erst für ihren Kampf zugerüstet zu haben, hervorgehoben. Daneben werden u. a. Thurneysen, W. Vischer und besonders E. Brunner als Theologen gewürdigt, die in derselben Richtung arbeiteten. Der Aufsatz endet mit den Sätzen: «Wenn wir uns erlaubten, auf eine besondere kirchengeschichtliche Verantwortung der Schweiz in der Gegenwart hinzuweisen, so möchten wir, auch wenn man uns zustimmt, daß wir die historische Lage richtig sehen, das nicht als an und für sich gültig behauptet haben. Der historische Augenblick kann genützt oder versäumt werden. Die Entscheidung darüber liegt zunächst — ist es bei Entscheidungen nicht immer so? — in einer ganz kleinen, aus einem gewissen Abstand vielleicht schon nicht mehr bemerkbaren Wendung: entweder horchen wir auf das Wort Gottes in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments, oder wir leben daran vorbei.»↩
12
Auf Grund einer Anfrage des Utrechter Professors A. M. Brouwer, der wegen einer zweimonatigen Vakanz eine Vertretung für den dogmatischen Lehrstuhl suchte (Brief vom 12.1.1935), hielt Barth vom 8. Februar an an acht aufeinanderfolgenden Freitagen insgesamt 16 Vorlesungen über «Hauptprobleme der Dogmatik». Sie wurden veröffentlicht unter dem Titel Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik, dargestellt im Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis (16 Vorlesungen, gehalten an der Universität Utrecht im Februar und März 1935), München 1935 📖; vgl. Busch, S. 272f. 📖 ↩