27. Februar 1935

Charlotte von Kirschbaum an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

In allen Unruhen dieser Tage ist es tatsächlich unters Eis gegangen, daß wir dir die Ankunft deines Manuskriptes bestätigt hätten und dir vor allem gesagt hätten, daß Karl ganz erfreut von dessen Lektüre war und es sofort an Lempp weiterleitete. Er hält es für etwas vom Besten, was in der letzten Zeit aus deiner Feder kam, und durchaus auch wichtig und bedeutsam als Stimme zu der deutschen Lage. — Du wirst wohl in allernächster Zeit schon die Druckbogen vom Verlag erhalten. — Einige kleine historische Dinge hat Karl sich erlaubt zu korrigieren. Das wird dir ja recht sein.

Für deinen heute eingetroffenen Brief sind wir dir sehr dankbar, wie ich auch Marguerite noch besonders für den ihren. Karl hat eine entschlossene Antwort an Tr. L. geschrieben1, die mit einer betrübten Karte ob der Schroffheit und Abweisung erwidert wurde2. Nun der Schuß aus dem Rohr ist, will ich meinerseits in diesen Tagen auch noch an Tr. Einiges erklärend schreiben.3 Dann ist hoffentlich wieder etwas Ruhe hergestellt nach dieser Seite. — Viel bedrohlicher liegen die Dinge ja zu Nelly hin, die eben doch nach wie vor auch ihrerseits einen zähen |835 Kampf gegen das Ganze führt. In der letzten Zeit hat sie nun zweimal einen Vorstoß unternommen gegen meine Beteiligung an der Hochzeit, das erste Mal unmittelbar nach unserer Rückkehr aus Basel4, das zweite Mal gestern Abend. Es schien, als hätte sie auf Grund eines Gespräches eingesehen, daß damit nichts gebessert würde an der Situation dieses Tages. Nun mußte sie aber doch ein zweites Mal Klage stellen, und ich bin nun eigentlich gewillt, fern zu bleiben. Wenn bis heute Abend nicht ihrerseits eine Änderung ihrer Ansicht eintritt, werde ich an Fränzeli schreiben, daß es nun eben so laufen müsse.5 Ein wenig unverständlich sind mir ja die Beweggründe, die N. anführt, aber eben wohl nur «anführt»; u. a. auch dies, sie müsse die Gesellschaft mit ihren Schwächen vor mir schützen!! Ihr wißt doch, daß ich jenen Abend bei Zellwegers wirklich nicht böse sah in all seiner Fremdartigkeit6 und daß ich Max Z. einfach gern habe. Es wäre mir nun wirklich einfach leid, wenn etwas dieser Art zu Fränzeli dränge. — Aber das ist ja nur eines von vielen Mißverständnissen.

Karl hat viel zu tun. Anfang der kommenden Woche ist preußische Synode. Er überlegt noch, ob er zusagen soll.7 Auf jeden Fall wird er |836 erst am Mittwoch reisen können. Wie es nun auch komme, ich danke euch ganz besonders, daß ich hätte bei euch sein dürfen.

Es grüßt euch mit K. von Herzen
Eure L.

Daß die Revision nun läuft, wißt ihr. Der Bittsteller waren zu viele.8 Wir sehen diesen Vorgang als sehr problematisch an.

Sachfußnoten

1
Barth betonte in seinem Brief an seine Schwester vom 17.2.1935, daß die Entscheidung über die — in Bonn bewährte — Lebensform allein bei den drei Beteiligten liege und von den Angehörigen auch dann respektiert werden möge, wenn sie ihnen fremd erscheine. Die von der Familie vorgeschlagene Änderung in Richtung eines separaten Wohnsitzes für Ch. von Kirschbaum halte er für unwürdig; auch sei durch sie eher eine Vermehrung des Geschwätzes zu erwarten und Ch. von Kirschbaum in einer den tatsächlichen Verhältnissen widersprechenden Weise an den Rand gedrängt. Er glaube, speziell seinem Bruder Heinrich keinen Anlaß geboten zu haben, sein Kommen nach Basel als eine dessen Arbeit bedrohende Störung aufzufassen, und er hoffe, die Familie werde ihre Beurteilung seiner persönlichen Lage nochmals überdenken und in Zukunft derartige Eingriffe in sein Leben, die auch in der freundlichsten Form verletzen müßten, unterlassen.↩
2
Briefkarte G. Lindts an K. Barth vom 24.2.1935.↩
3
Siehe den folgenden Brief.↩
4
Am 29.1.1935 war Ch. von Kirschbaum Barth nach Basel entgegengefahren, reiste mit ihm nach Gesprächen mit Thurneysen, Hartenstein und E. Wolf am 30.1. zu Pestalozzis auf das Bergli, am folgenden Tag wieder nach Basel und am 1.2. zurück nach Bonn.↩
5
In ihrem Kalender notierte Ch. von Kirschbaum für den 1.2.: «Ankunft eher umwölkt», für den 27.2.: «Nelly macht noch einmal einen Vorstoß wegen m. Teilnahme an d. Hochzeit — ich bereite Eduard auf d. Absage vor — [28.2.] schreibe an Fränzeli ab — abends Gespräch mit N., sehr verworren, besteht aber im Grunde auf meinem Fernbleiben —». Fr. Barth reagierte sofort auf diese Nachricht und bat Ch. von Kirschbaum eindringlich, doch zu ihrer Hochzeit zu kommen, wenn ihre Mutter — auf ihre und Thurneysens Bitte eingehend — ihre Meinung noch ändern sollte (Postkarte vom 1.3.1935).↩
6
Am 31.1.1935 waren K. Barth und Ch. von Kirschbaum bei Fr. Barths zukünftiger Schwiegermutter eingeladen; «ein erster Schluck — Basel!!», notierte Ch. von Kirschbaum dazu in ihrem Taschenkalender.↩
7
Laut Ch. von Kirschbaums Taschenkalender (Notiz für den 4.3.) ließ sich Barth auf der zweiten preußischen Bekenntnissynode am 4./5.3.1935 von Ernst Wolf vertreten. Im Mitgliederverzeichnis bei W. Niemöller wird Wolf, der am 6.3.1935 nach Halle versetzt wurde, zu den sächsischen Teilnehmern gerechnet (Die Preußensynode zu Dahlem. Die zweite Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union. Geschichte — Dokumente — Berichte [AGK 29], hrsg. von W. Niemöller, Göttingen 1975, S. 245 📖). Zur Synode vgl. auch Zweite Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union in Dahlem am 4. und 5. März 1935, i. A. des Bruderrates hrsg. von K. Immer, Privatdruck, Wuppertal-Elberfeld o. J. [1935]. 📖 ↩
8
Noch am 12.2.1935 hatte Barth seiner Mutter geschrieben, wenn von Soden und von Thadden-Trieglaff, die am 13.2. zu Gesprächen über die Haltung der Vorläufigen Kirchenleitung zur Revisionsfrage kommen wollten, «nicht irgendein Wunder vom Himmel vollbringen oder doch melden können, so wird es wohl so gehen, daß ich die [von Bleibtreu vorsorglich] eingelegte Revision wieder zurückziehe, in Basel zusage und dann früher oder später meine hiesigen Zelte abbreche» (Brief vom 12.2.1935 [irrtümlich datiert: 1934]). Ch. von Kirschbaum notierte in ihrem Taschenkalender zum 13.2.: «lg. Gespräche über d. Haltung der Bek. Kirche zu K.’s Fall u. an sich — Einigung nicht möglich». — Unter der an Barth gerichteten Korrespondenz sind 2 Briefe mit der indirekten und 16 mit der direkten Bitte, Berufung einzulegen, erhalten, darunter Briefe von Asmussen, G. Dehn, J. Gauger, P. Humburg, Freiherr W. von Pechmann, E. Stoltenhoff, H. E. Weber und — im Auftrag der rheinischen Bekenntnissynode — von Dr. Paul Schulze zur Wiesche (Brief vom 29.12.1934) sowie ein Schreiben Koopmanns mit der im Namen des Landeskirchenrates der reformierten Kirche der Provinz Hannover geäußerten Bitte um Revision, damit dann eine einwandfreie Stellungnahme des höchsten Gerichts zur Eidesfrage vorläge (Brief vom 4.1.1935). Darüber hinaus finden sich zahlreiche Briefe, in denen an Barth appelliert wird, möglichst in Deutschland zu bleiben, oder aus denen das Bedauern der Schreiber über Barths Weggang aus Deutschland spricht.↩