27. Februar 1935
Wenn ich deinen Brief wieder und wieder überdenke, so frage ich mich wieder und wieder ohne Resultat, ob wir und ihr denn in all den Jahren in dieser unserer Sache so aneinander vorbeigelebt haben, daß nun plötzlich ein so totales Mißverständnis aufbrechen kann, in dem es ohne Wehtun und Betrübnis auf beiden Seiten nicht abgeht. Ich hatte gerade bei euch — bei dir und deinem Mann — wirklich alle die Jahre die stillschweigende Voraussetzung gemacht, ihr hättet verstanden, um was es hier geht. Eine erste Erschütterung erlebte diese Voraussetzung freilich vor zwei Jahren, als ihr in der Scheidungsfrage Argumente geltend machtet, die wir so nicht mitmachen konnten.1 Aber du weißt, daß |837 ich dir im Sommer auf dem Bergli so rückhaltlos offen begegnet bin, wie man nur einem Menschen begegnet, zu dem man das Vertrauen hat, daß er versteht, auch die schwierige konkrete Lage versteht. Nach deinem Brief ist mir diese Voraussetzung nicht mehr selbstverständlich, darum zögere ich mit der Antwort, darum bin ich K. dankbar, daß er sie mir abgenommen hat. Aber ich möchte es dabei nicht bewenden lassen, ohne dir doch noch einmal zu sagen, wie die Dinge für uns liegen, schon darum nicht, weil du Karls liebe Schwester bist, von der er nie anders als in warmer Zärtlichkeit redet und die darum auch für mich in eine Nähe gerückt ist, die ich nicht leugnen will und kann. — Darf ich versuchen, dir zu sagen, warum dein Brief mir jene Voraussetzung erschüttert hat und warum auch K. auf ihn abweisend reagierte?
Du schreibst an Karl: «Ich glaube nicht, daß du ein solches bedingungsloses Mitgehen verlangen kannst.»2 «Verlangen» sicher nicht. Es ist immer ein Geschenk, wenn ein Mensch den anderen versteht in schwierigen Entscheidungen und Lebenslagen, und vielleicht ein besonders seltenes Geschenk, wenn sich das zwischen Familiengliedern in Wahrheit ereignet. An dieses Geschenk hat Karl und habe infolgedessen auch ich bei euch beiden allerdings geglaubt, d. h. wir hatten gedacht, daß bei allem Verwundern über unseren Weg ihr es uns doch im selben Sinn wie E. Thurneysen und wie einige nahe Freunde von uns, auch hier in Deutschland, glauben könntet, daß wir diesen Weg in Verantwortung gehen, d. h. in dem uns möglichen Bewußtsein dessen, was er für uns und auch für die Anderen bedeutet. Da wir ja immerhin beide nicht mehr junge Leute sind, heißt das ferner, daß hier eine Entscheidung getroffen wird, die für uns eine Lebensentscheidung ist, hinter oder neben der wir keine Vorbehalte machen. Daß wir sie als das verstehen und verstehen zu müssen glauben, das ist für uns die Ordnung in der Unordnung3. Daß Karl, Nelly und ich in dieses von uns aus nicht aufzuhebende Dreieck gestellt sind und daß wir dieses Dreieck anerkennen, das ist für uns nicht ein willkürlicher Beschluß, sondern dazu bekennen wir uns, wie man sich zu einer Entscheidung bekennt, mit der man steht und fällt. Das ist für mich Karls, das ist für mich Nellys und das ist für mich durchaus auch meine «Ehe». Und das ist die Situation, die wir seit zehn Jahren leben und in unseren Grenzen und unserem Unvermögen verantwortlich zu leben versuchen. Das mag dir und euch, die ihr in diesem Bereich gewohnte Wege gehen durftet, sehr ärgerlich erscheinen. Aber würde es wirklich weniger «ärgerlich» sein, wenn wir die Situation dahin verharmlosten — und das ist das für uns «Ärgerliche» und schwer Verständliche eures Mitredens —, daß es zwar eine Ehe K./ N. gibt, die unter dem Schutz und der Verheißung von Gottes Gebot steht, daneben aber eine etwas unverantwortliche Beziehung K./L., die unter dem Gebot nicht unterzubringen und vor der menschlichen Gesellschaft möglichst zu verheimlichen ist? Weil wir auch für diese Beziehung das Gebot Gottes in Anspruch nehmen, darum wagte ich es, auch diese Beziehung Ehe zu nennen. Es gibt ja überhaupt keine Beziehung in diesem Bereich zwischen Mann und Frau, die sich nicht vor diesem Gebot zu verantworten hätte, die aber auch nicht unter |838 seiner Verheißung stünde. Glaubst du, Trudi, ich würde mein ganzes Leben auf diese Karte setzen, wenn ich nicht ganz konkret an beides glauben dürfte? Glaubst du, ich könnte es dann leben? — Daß ihr aber, angeblich, nein nicht angeblich, sondern in guten Treuen (verzeih, wenn mir manchmal etwas bittere Wendungen einfließen) um des Gehorsams gegenüber dem Gebot der Ehe willen Karl bestimmen möchtet, hier an einem Punkt unverantwortlich zu werden, wo er es gerade um dieses Gehorsams willen nicht sein möchte, das verstehen wir beide nicht, so wenig wie wir es bei Nelly verstehen, so wenig wie uns dies als die ja allgemeine Denkungsweise der menschlichen Gesellschaft einleuchtet. Nun will ich dir ja glauben — und du sagst es ja auch ausdrücklich —, daß du es anders meinst als diese Gesellschaft. Du denkst an die Gemeinde und an das Ärgernis, das ihr nicht geboten werden darf. Ich möchte das nicht leicht nehmen. Aber es will mir nicht einleuchten, daß es gerade der Gemeinde gegenüber besser sein könnte, dieses merkwürdige Versteckspiel mitzumachen, das die Gesellschaft in solchen Fällen spielt, statt ruhig und entschlossen den Weg zu gehen, den man verantwortet. Gewiß nicht ihr leichtfertig Probleme bieten, aber ich glaube, das war uns auch in all den Jahren nicht geschehen. Wir haben doch fortwährend mit einer ganzen Schar junger Leute (auch Baslern und Bernern!) gelebt, und ich weiß eigentlich keinen Fall, in dem das Ärgernis, wie du es meinst, verschuldet worden wäre. Kam einer in die Nähe, daß ein Gespräch nötig wurde (das hat sich höchstens dreimal ereignet), dann hatte das nicht die Folge, daß ihm Karls Lehre unglaubwürdig wurde. — Und das Geschwätz, das jetzt etwa durch die Schweiz läuft, wirst du doch nicht mit «Ärgernis» bezeichnen wollen? Das müssen wir gewiß noch mehrmals passieren, und das wollen wir freudig überstehen. Nein, die Frage der Gemeinde ist doch wohl noch anders zu sehen, und auch nur aus der Gemeinde (die mit «Stadtgemeinde» nichts zu tun hat)4 könnte das Wort ertönen, das uns wirklich aufhorchen ließe. Die ganzen Erwägungen deines Briefes sind mir an dieser Stelle — nicht wahr, ich darf das offen sagen? — doch zu wenig eindeutig orientiert [an] und zu stark verquickt mit Gewohnheitserwägungen, die gewiß auch sein dürfen und sein müssen, denen aber nicht die Autorität innewohnt, uns wirklich in den Weg zu treten. —
Sehr viel ernster und sehr viel bedrängender ist die Frage nach Nelly; daß sie leidtragend ist in unserem Zusammenleben, das ist ohne Zweifel. Aber seht ihr den Ernst der Situation gerade auch nach dieser Seite, wenn ihr Nelly äußerlich Raum schaffen wollt? Ich hatte geglaubt, unser Gespräch auf dem Bergli hätte dir gezeigt, wie ausweglos schwierig gerade da alles gelagert ist. Gewiß, durch unsere Schuld gelagert ist. Diese Schuld, wo beginnt sie? Im ersten Begegnen von K. und mir und vorher vielleicht schon in der Eheschließung von K. und N.? Unser Jasagen zueinander vor zehn Jahren? Wir können ihr nicht entrinnen. |839 Wir können nur dazu stehen und in dieser Schuld unseres Dranseins versuchen, unseren Weg im Gehorsam zu gehen, d. h. doch wohl in der Liebe. Du weißt, daß wir viereinhalb Jahre versuchten, unsere Not äußerlich getrennt zu tragen, daß wir nun fünf Jahre den Weg zu dreien gehen. In beiden Stadien hat N. sich verzweifelt gewehrt, in beiden Stadien ging und geht es schier nicht. Ich kam zu Karl, weil die Existenz neben N. für ihn allein untragbar schwer geworden schien. Nun ist sie durch mein Dasein für N. noch belasteter, für K. leichter geworden. Aber ihr seht die Bedrohtheit der Lage nicht, wenn ihr noch auf weitere Umgruppierungen Hoffnungen setzen könnt. Von K. und mir aus gesehen kann es eigentlich nur noch eine geben, die, die wir vor zwei Jahren aufgaben, um Nellys willen. Es zeigte sich damals, daß sie den Weg der Scheidung noch weniger gehen konnte und wollte. Damit war er sinnlos geworden, denn er sollte eine Erleichterung und nicht eine Erschwerung der Situation für Nelly sein. Der Gedanke, den ihr damals an N. herantrugt, daß sie um der Gemeinde willen nicht dürfe5, hat für uns nach dem konkreten Verlauf der Gespräche hier, als von N. aus gedacht, nie innere Glaubwürdigkeit besessen, sondern das offene Reden von Mensch zu Mensch mit einem unwahren Pathos verbaut. Aber sei dem, wie ihm wolle: wir nahmen das Leben zusammen damals wieder auf und leben es seitdem noch etwas schwerer und noch etwas resignierter, bleiben einander viel schuldig und können es doch nur leben, wenn wir einander immer wieder vergeben. — Die Fremdheit zwischen Karl und Nelly hat einen Grad erreicht, der wohl keine Steigerung mehr erfahren kann. Gewiß ist das alles durch mein Dasein noch betonter geworden. Aber ohne mein Dasein? Wißt ihr, wie das Leben von K. bis zum Jahr 1929 war? Ein nochmaliges Wiederaufnehmen eines Lebensversuches in dieser Richtung müßte auch bei K. getragen sein von einem Fünkchen konkreter Hoffnung wenigstens. Das ist nicht da. Wie weit das unsere Schuld ist, daß es nicht mehr da ist, das haben wir uns zu fragen, aber das könnt nicht ihr uns fragen, es müßte denn sein, ihr wüßtet in ganz anderer Weise um die konkreten Schwiergkeiten unserer gemeinsamen Existenz und stelltet uns diese Frage wirklich mittragend an diesen Schwierigkeiten. Ich glaube, dann würdest du begreifen, wie wehtuend ein solcher Eingriff von außen, wie es der eure jetzt war, in eine Situation ist, die eine Geschichte mühsamsten Versuchens hinter sich [hat], ein wirklich zehnjähriges Krankenlager, in dem der Patient wenn nicht alle, so doch viele Stellungen ausprobiert hat, um seine Schmerzen erträglich zu machen. Dann würdest du begreifen, wie ihr uns allen, auch Nelly, der ihr doch primär helfen wollt, damit faktisch nicht helft, sondern wie das ein Aufleben aller mühsam niedergezwungenen Probleme bedeutet, wie das Gegeneinander unserer Situation dann mit einem Schlag fast unerträglich akut wird. Wir können ja nur leben mit dem Restchen — ist es «Liebe», ist es «guter Wille» —, das trotz allem jeden Tag wie ein Wunder uns durchträgt. —
Und nun möchte ich dich fragen, könnt ihr uns nicht vertrauen, daß wir diesen Weg nicht gedankenlos gehen, sondern daß wir ihn gehen möchten in ständiger Auseinandersetzung mit dem Gebot Gottes, auch mit dem Gebot, unter dem die Ehe von K. und N. steht? Und wenn dem so ist und wenn ihr uns das zutraut, müßtet ihr dann uns vielleicht nicht mehr so in den Weg treten bei al|840len Fragen und aller Sorge, die euch bleiben mögen? Würdet ihr dann vielleicht auch etwas vertrauender sein hinsichtlich der Einheit von Karls Leben und Lehre und darum etwas weniger ängstlich gegenüber dem Gerede? Dürftet ihr dann davon befreit sein, uns gegenüber ausgesprochen oder unausgesprochen immer wieder das Gesetz aufzurichten, dürftet ihr dann uns vielleicht einfach begleiten, wie man eben leidende Brüder und Schwestern begleitet? Sieht nicht gerade euer Bruder Heiner Karl darum falsch, weil er ihm eine triumphierende Haltung zutraut, von der er so weit entfernt ist, wie ein Mensch es nur sein kann? Karl ist ein ganz schwer beladener Mann, der seinerseits viel zu viel von der Not des Lebens gesehen hat, als daß er es wie sein Bruder noch wagen würde, so sicher und direkt Eingriffe in die Not der Anderen zu machen. —
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist, dir zu sagen, wie von uns aus die Lage aussieht. Und ich bin fast sicher, daß Manches, was in diesem Brief steht, dir unverständlich sein wird. Aber vielleicht zeigt er dir doch wenigstens dies, daß Alles noch schwerer ist, als ihr es bereits seht.
Es grüßt dich und deinen Mann