28. Februar 1935

Eduard Thurneysen an Charlotte von Kirschbaum

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Liebe Lollo,

Eben kam dein Brief. Ich möchte dich sehr, sehr bitten, das in Aussicht genommene Nichtkommen deinerseits zurückzunehmen. Ich hielte es für das Fatalste, nach allen Seiten gesehen, was gerade jetzt passieren könnte. Oder täusche ich mich? Einmal ist die Zellwegersche Familie wirklich durchaus im Unterschied zur Barthschen ganz anders einsichtig und, wie sich Marguerite erst dieser Tage wieder überzeugen konnte, ist vor allem Frau Zellweger ohne jedes Arg, obgleich sie um alles weiß und auch alles versteht. Und für Fränzeli und ihren Mann wäre es einfach ein Schlag — wir haben ihr natürlich kein Wort gesagt, aber ich weiß, wie sie an dir hängt, ohne daß Nelly aufhörte für sie zu sein, was sie ist. Man darf ihr das nicht antun. Und endlich hat mir Heiner selbst, durchaus unaufgefordert und ganz von sich aus, gesagt, er sei wirklich ganz dabei und verstehe es, wenn du an der Hochzeit teilnehmest, er meine seinen Einspruch nicht «kleinlich». Es sei ihm deine Teilnahme selbstverständlich. Ich glaube, du würdest eher das Gegenteil von dem bewirken, was Nelly meint, du würdest die Sache richtig aufrühren bei denen, die darum wissen. Während dein Kommen wirklich bei keinem einzigen Menschen etwas anrichtete — wie sollte es das auch? Und endlich Nelly selber — ich verstehe nicht, wie sie zu diesem un|841glücklichen Vorschlag kommt, und möchte dich fragen, ob du mich ermächtigen kannst, ihr im äußersten Falle selber und direkt noch zu schreiben? Ich möchte sie da wirklich vor sich selber schützen. Wie schwierig würde ihre Lage Karl gegenüber! Wie schwierig der Tag selber auch für sie! Sie dauert mich — aber was sie da tun möchte, ist sicher nicht das Rechte. Daß man es ihr doch sagen könnte. Könnte es nicht Karl auf gute Weise ihr klarlegen und deutlich machen? Ich bin besorgt um sie, um euch! Ihr habt sicher schwere Zeit. Laß dich hindurchleiten!

De Quervain hat uns am Dienstag kurz berichtet. Ich war sehr froh darüber, weil wir so gar nicht deutlich sahen, was geschehe. Wenn ja die Revision irgendetwas erwarten ließe, könnte man ganz dabei sein. Aber wahrscheinlich bringt sie nur Verzögerungen, die ich auch wegen hier bedauere. Womit ich freilich nicht sagen möchte, daß dadurch hier etwas versehen würde. Das glaube ich wirklich nicht. Es ist ohnehin jetzt eine unglückliche Sache angegangen mit Hauser, der gestürzt werden soll.1 Da ist das Departement augenblicklich nicht sehr handlungs|842fähig. Insofern hat man Zeit. Aber trotzdem — es ist ja nach allem in Basel Gesagten so wenig sinnvoll. Aber ihr wißt sicher, was Ihr tut. So sind wir weiter zuversichtlich. Und schließlich kann man nie wissen, ob nicht doch noch eine unerwartete Türe aufgeht.

Seid herzlich und in Treuen gegrüßt. Könnten wir euch nur besser helfen!
Dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Das Bekanntwerden unzulässiger Praktiken bei der Rechnungsführung des Basler Erziehungsdepartements, dessen Vorsteher der sozialdemokratische Regierungsrat Hauser war, hatte zu einer Überprüfung durch das Finanzdepartement geführt. Der daraufhin erstellte Bericht des Regierungsrates stellte mißbilligend Verletzungen des Budgetrechts und das Fehlen einzelner Belege fest, betonte aber, Hauser habe sich nicht persönlich bereichert und sich keine «deliktischen Handlungen» zuschulden kommen lassen. Hauser übernahm zwar die politische Verantwortung für die Unregelmäßigkeiten, stellte aber seine vom regierungsrätlichen Bericht abweichende Beurteilung der Vorgänge in einer am selben Tag veröffentlichten Verteidigungsschrift «In eigener Sache» dar. Wohl auch angesichts der im März 1935 bevorstehenden Regierungsratswahlen griffen die bürgerlichen Parteien und die ihnen verpflichteten Zeitungen den Fall auf, forderten Hausers Rücktritt und forschten nach diesen desavouierenden Geschehnissen im Umfeld der Affäre wie z. B. einer — von Hauser dementierten — angeblich versuchten Beeinflussung der untersuchenden Behörde. Vgl. Der Bericht des Basler Regierungsrates über unkorrekte Buchführung des Erziehungsdepartements, in: BN, Jg. 91 (1935), Nr. 46 vom 16./17.2.1935, 1. Beilage 📖, und in: NZ, Jg. 93 (1935), Nr. 79 vom 16.2.1935, S. 4f. 📖; Die Verteidigungsschrift Regierungsrats Dr. F. Hauser «In eigener Sache», in: NZ, Nr. 80 vom 17.2.1935, S. 13f. 📖, und in: AZ, Jg. 15 (1935), Nr. 14 vom 16.2.1935, S. 2.4f. 📖; ders. «In eigener Sache», in: BN, Jg. 91 (1935), Nr. 47 vom 18.2.1935, 2. Beilage 📖; vgl. ferner z. B. Um den Urlaub von Reg.-Rat Dr. Hauser, in: BN, Nr. 41 vom 11.2.1935, 2. Beilage 📖; Unrichtige Rechnungsführung beim Erziehungsdepartement, in: BN, Nr. 43 vom 13.2.1935, 1. Beilage 📖; Um einen wankenden Regierungsratssitz. Der Zentralvorstand der Radikalen beansprucht den Sitz Hausers, in: BN, Nr. 43, 2. Beilage 📖; Ein neues Moment im Fall Hauser. Ein Beeinflussungsversuch?, in: BN, Nr. 51 vom 21.2.1935, 1. Beilage 📖; Der Ergänzungsbericht über die unkorrekte Rechnungsführung im Erziehungsdepartement. Der Bericht der Regierung 📖 und Die Darstellung Regierungsrats Hauser, in: NZ, Jg. 93 (1935), Nr. 88 vom 21.2.1935, S. 5 📖; Der Fall Hauser vor dem Basler Grossen Rat. Außerordentliche Sitzung vom 21. Februar, in: NZ, Nr. 88, S. 6. 📖 ↩