19. Januar 1963

Gespräch mit Studenten des Ökumenischen Instituts in Bossey

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GESPRÄCH MIT STUDENTEN DES
ÖKUMENISCHEN INSTITUTS IN BOSSEY

In der Graduate School im Ökumenischen Institut Château de Bossey bei Céligny werden jährlich Studienkurse für fortgeschrittene Theologiestudierende aus verschiedenen Kirchen aller Kontinente durchgeführt. In den sechziger Jahren pflegten die Kursteilnehmer jeweils im Januar zu einem Gespräch mit K. Barth nach Basel zu fahren - so am 9.1.1960, 21.1.1961, 20.1.1962, 19.1.1963, 18.1.1964 (vgl. Gespräche 1964-1968, S. 3-5 📖) und zuletzt am 23.1.1967 (a.a.O., S. 326-350). Im Jahr 1965 und 1966 konnte Barth aus gesundheitlichen Gründen die Gruppe nicht empfangen. Nach Mitteilungen von Prof. Dr. H. H. Wolf am 22.6. 1965 an den Herausgeber gibt es in Bossey von den bis dahin durchgeführten Gesprächen keine Aufzeichnungen. Hingegen sind von einigen dieser Gespräche die Fragen der Studierenden an Barth sowie dessen Stichworte zur Beantwortung der Fragen im Karl Barth-Archiv Basel erhalten. Der folgende Text bezieht sich auf das Gespräch am 19.1.1963 im Restaurant Bruderholz Basel und gibt die dort vorgelegten Fragen samt den dazu angefügten handschriftlichen Bemerkungen Barths wieder.

Gespräch mit Studenten des
ökomenischen Institutes in Bossey

Frage 1:

In welcher Weise sind für Sie Evangelium und Gesetz konstitutive Elemente des einen Wortes?

Barth:

Das eine Wort: Bund - in Jesus Christus erfüllt von seiten des Menschen - an unserer Stelle - bittet uns, mit ihm zu sein - ruft nach unserem Gehorsam - ist als unser Heiland auch unser Meister.


Frage 2:

Christus wurde am Kreuz für uns geopfert …

Barth:

… «geopfert»: gab sich selbst dahin, um unsere Sünde und Verdammnis auf sich zu nehmen.

Frage 2 a):

In welcher Weise setzt der Gläubige dieses Opfer im Gottesdienst und im Alltag fort?

Barth:

[dieses Opfer fortsetzen?] allein! [d. h. das Opfer Christi ist eines, das er allein bringt] «setzt fort» - [besser:] antwortet - Antwort: Analogie, Abbild, Spiegel [-] durch Dienst als Zeugen zum Wohl des Nächsten und der Welt.

15 Frage 2 b):

Was ist mit der Realpräsenz Christi in der Eucharistie gemeint?

Barth:

«Realpräsenz» auch! «in der Eucharistie». Zwei oder drei [Mt. 18,20]. «Eucharistie»: Danksagung - im Empfang unseres täglichen Brots [Mt. 6,11] von ihm und im Teilen mit den Brüdern.


Frage 3:

Wie ist eine Vereinigung der «katholischen» Kirchen und der «evangelischen» Kirchen möglich? …

Barth:

Indem beide kathol[ischer] und evang[elischer] werden.

Frage 3:

… Ist die Annahme einer kirchlichen Autorität (ausgedrückt im bischöflichen Amt) für eine derartige sichtbare Vereinigung unerläßlich?

Barth:

Ist […] unerläßlich […] ? Ganz sicher nicht! [Randbemerkung zur ganzen Frage:] Kompromiß [?]!


Frage 4:

Was sagen Sie angesichts Ihres kritischen Verhältnisses zur «natürlichen Theologie»1 zu den Kulturgestaltungen der Welt und zu den modernen lebendigen Glaubensweisen?

Barth:

[eine Schlangenlinie entlang der Frage2]


Frage 5:

Worin besteht für die Kirche die Rolle der Versöhnung angesichts des sich ausweitenden Ost-West-Konflikts?

Barth:

Die Kirche: 1.) ist interessiert nicht an Ideen, Prinzipien, Systemen …, sondern am Menschen als dem Gefährten Gottes,

  • 2.) proklamiert Freiheit in Verantwortung [-]
    Verantwortung in Freiheit,
  • 3.)  glaubt und verkündet das Kommen des Gottesreiches als der abschließenden Tat Gottes,
    weiß um den vorläufigen und begrenzten Charakter aller menschlichen Unternehmungen …

Was nötig ist: eine Reformation der Kirche.

Sachfußnoten

1
Vgl. KD II/1, S. 92-141.194–200 📖.↩
2
Die Schlangenlinie weist wohl auf die Unangemessenheit der Frage hin angesichts von Barths theologischen Zugängen «zu den Kulturgestaltungen der Welt», vgl. schon seinen Aufsatz Die Kirche und die Kultur, in: ZZ, Jg.4 (1926), S. 363-384 📖, wieder abgedruckt in: K. Barth, Vorträge und kleinere Arbeiten 1925-1930, hrsg. von H. Schmidt (Gesamtausgabe, Abt. III), Zürich 1994, S. 6-40 📖; und vor allem KD IV/3, S. 126-153 📖, wo Barth gerade in Auslegung der die «natürliche Theologie» ausschließenden 1. These der Barmer Theologischen Erklärung vom 31.5.1934 profane «Lichter» als freie Kundgebungen Jesu Christi positiv würdigt.↩