Am 10.12.1962 wurde Barth in seinem Basler Heim von Journalisten der amerikanischen Zeitschrift «Time» interviewt. Das Interview wurde nicht in vollständigem Wortlaut publiziert, sondern in Form eines Artikels über Barth, in dem Teile des Interviews zitiert wurden. Es erschien unter dem Titel: «Barth in Retirement», in: Time.
📖 veröffentlicht unter dem Titel: «Karl Barth over Theologen en Journalisten», in: Homiletica en biblica, Den Haag, Jg. 22 (1963), S. 178
📖, und noch einmal unter demselben Titel in: Kerk en theologie, Den Haag, Jg. 32 (1981), S. 234f.
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Interview von «Time» (I)
Der größte lebende protestantische Theologe hat sich im letzten Jahr von seiner Professur an der Universität Basel zurückgezogen, vermutlich, um nichts anderes zu tun, als Mozart-Platten zu hören und den 13. Band seines Meisterwerks, die «Kirchliche Dogmatik
📖», zu vollenden. Doch mit seinen 77 Jahren findet sich Karl Barth (vgl. die Titelgeschichte von «Time» am
20. April 1962) so beschäftigt, daß er gespannt ist, ob er jemals überhaupt das Buch beenden wird. An zwei Abenden in der Woche hält er in drei Sprachen «Kolloquien» mit Theologiestudenten im nahegelegenen Restaurant Bruderholz. Er führt eine weltweite Korrespondenz, pflichtgetreu liest er Doktorarbeiten, die angehende Theologen ihm zur Begutachtung schicken, und er empfängt einen beständigen Strom von Besuchern, angefangen von alten Pfarrerfreunden bis hin zu einer Delegation von Schweizer Abstinenten. «Ich erzählte ihnen», sagt Barth, an einem Vermouth nippend, «daß es eine gute Sache sei, daß es sie gebe, aber daß ihr Problem nicht das Hauptproblem der Welt sei.»1
12 Barth scheint sich damit abgefunden zu haben, daß es nicht zur Fortsetzung der «Dogmatik» kommen wird. «Sollen die Leute meine ersten zwölf Bände lesen», sagt er, sich nüchtern dessen bewußt, daß das schwer genug ist. Er hat «mehr als jeder andere zeitgenössische Theologe geschrieben» und er fürchtet, es damit zu übertreiben. «Ich will entschieden kein zweiter Adenauer2 sein». Er ist bei guter Gesundheit, immer noch voll verschmitzten Humors und provozierender Meinungen. Eine Probe von Barths jüngsten Ansichten:
Über die Katholiken: Barth glaubt, daß wir dank Papst Johannes XXIII. «gegenwärtig Zeugen einer umfassenden Neuinterpretation des römisch-katholischen Dogmas werden.3 Die Gedanken, die von Hans Küng und anderen modernen Theologen in Deutschland, Holland, Frankreich und sonstwo erklärt werden4, sind nicht mehr bloß Ansichten einer kleinen Stoßtrupp-Minderheit, sondern bilden die tatsächliche Grundwelle der katholischen Erneuerung.» Es wäre «schrecklich, wenn der Papst jetzt stürbe»5, aber der Trend des katholischen Denkens «scheint mir irreversibel». Barth spottet über die weitverbreitete protestantische Ansicht, daß Rom endlich die reformatorischen Kirchen einholen will, sagt, «es könnte gut sein, daß es an uns Protestanten sein wird, die anderen einzuholen».
Über den Kommunismus: Dank der neuen Öffnung von Papst Johannes zum Osten6 könnte es dem römischen Katholizismus «ge|13lingen, eine merkliche Übereinstimmung mit kommunistischen Ländern zu erreichen, bevor Protestanten das schaffen». Unverändert sind Barths oft dargetane Ansichten, daß «die subtilen Formen von materialistischem Atheismus im Westen eine viel ernstere Bedrohung für das Christentum sind als der öffentlich austrompetete Atheismus der Kommunisten. Ich nehme diesen kommunistischen Atheismus nicht allzu dramatisch. Zumindest wissen wir, wie wir mit ihnen dran sind.»
Über Theologie und Journalismus: Barth erinnert sich daran, daß er vor 40 Jahren jungen Theologen den Rat gab, «nehmt eure Bibel und nehmt eure Zeitung und lest beides. Aber interpretiert die Zeitung von der Bibel her!»7 Zeitungen, sagt er, sind so wichtig, daß «ich immer bete für die Kranken, die Armen, Journalisten, Behörden in Staat und Kirche - in dieser Reihenfolge.8 Journalisten formen die öffentliche Meinung. Sie haben eine enorm wichtige Stellung. Ein Theologe jedoch sollte niemals durch die Welt um ihn her geformt sein - sei es die östliche oder die westliche. Er sollte es zu seiner Berufung machen, beiden, Ost und West, zu zeigen, daß sie ohne Streit leben können. Wo der Friede Gottes verkündigt wird, dort ist der ‹Friede auf Erden› [Lk. 2,14] eingeschlossen. Haben wir die Weihnachtsbotschaft vergessen?»