Interview von Alexander J. Seiler
Seiler:
Herr Professor Barth, die Wahl Ihres Nachfolgers auf dem Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Basel entfesselte vor Jahresfrist eine heftige Polemik.1 Ihr Schüler Helmut Gollwitzer, Professor an der Freien Universität Berlin2, der von der Basler Fakultät einstimmig als Ihr Nachfolger vorgeschlagen worden war, wurde in einer Zeitungskampagne als Kommunistenfreund und «für die Schweiz untragbar» verfemt, weil er Gegner der atomaren Aufrüstung ist, Kontakte mit der Christenheit Osteuropas pflegt und die Ansicht vertritt, mit der Christlichkeit Westeuropas sei es keineswegs überall und in jeder Hinsicht zum Besten bestellt.3 Obwohl sich anhand von Gollwitzers Schriften leicht feststellen läßt, daß er die kommunistische Lehre ablehnt, hatten die Angriffe gegen ihn Erfolg: seine Wahl erfolgte nicht. Sie selber auferlegten sich damals Schweigen, ob|4wohl die Kampagne gegen Gollwitzer indirekt, zum Teil sogar direkt, auch gegen Sie gerichtet war. Bald darauf folgten Sie einer Einladung nach den Vereinigten Staaten, wo Sie mit größten Ehren empfangen wurden und wo Ihr Besuch nicht nur in theologischen Kreisen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit ein sehr lebhaftes Echo fand.4 Wie würden Sie von Ihren Reiseeindrücken her die Christlichkeit Amerikas mit jener der Schweiz vergleichen, die sich ja so gern für ein besonders, jedenfalls für ein ausgeprägt christliches Land hält?
Barth:
Ja, ich war nach den unerfreulichen Erfahrungen, die Sie eben skizziert haben, sehr froh, die Schweiz für einige Wochen hinter mir zu lassen. Ich will auf die Affäre Gollwitzer nicht mehr näher zurückkommen, aber soviel muß doch gesagt sein: der Entscheid über meine Nachfolge ist äußerst enttäuschend ausgefallen. Gollwitzer wäre für Basel und die Schweiz ein Gewinn gewesen.
Was das christliche Amerika und die christliche Schweiz angeht, so ist mir vor allem eines aufgefallen: im amerikanischen Christentum ist die Gemeinde noch Realität. Man geht nicht wie bei uns bloß «z’Predig» und dann wieder nach Hause - man geht nicht bloß zum Pfarrer, sondern auch zueinander. Man «kommt zusammen» zum Gottesdienst. Auch in den großen Städten, in denen ich mich aufhielt, in Chicago, Washington, Richmond, kennen die Kirchgänger einander, begrüßen einander, reden miteinander. Der Kirchgang ist nicht bloß ein privates Erlebnis, sondern etwas Soziales, «a social gathering», wie es die Amerikaner nennen. Das mag auch seine Gefahren haben. Aber grundsätzlich ist es schön und erfreulich: das Evangelium verbindet die Menschen miteinander.
Auf der anderen Seite habe ich gefunden, daß bei uns im allgemeinen besser gepredigt wird, jedenfalls tiefer. Der amerikanische Protestantismus ist noch immer stark geprägt von der etwas flachen Vernunft der Aufklärung.
5 Seiler
Ich habe oft den Eindruck, die stärkste Seite unseres Christentums sei überhaupt das Predigen. Ich meine damit nicht jene Tiefendimension des Christlichen, die Sache des Einzelnen ist und bleiben muß - wohl aber den öffentlichen Bereich, den Alltag unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie selber haben einmal im Gespräch von einem «Christentum als Kindertaufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung, allenfalls eidgenössischer Bettag»5 geredet, das bei uns so weit verbreitet sei. Das läuft neben der Wirklichkeit her als separater und unverbindlicher Bereich. Das soziale, wirtschaftliche, kulturelle Leben bleibt davon weitgehend unberührt. Wie verhält es sich damit in Amerika?
Barth:
Die mehr gesellschaftliche Orientierung des amerikanischen Christentums verleiht ihm meinem Eindruck nach auch größere praktische Bedeutung im öffentlichen Leben. Obwohl es keine Landeskirchen gibt, und trotz der für uns verwirrend großen Anzahl großer und kleiner Freikirchen haben diese im allgemeinen mehr Einfluß auf die weltlichen Bereiche der Wirklichkeit als unsere Landeskirchen. Vielleicht gerade darum, weil sie als Freikirchen auf sich selbst und ihre Mitglieder gestellt sind! Dieser Einfluß mag manchmal auch zweifelhaft sein und einer gewissen Tendenz zur Selbstgerechtigkeit unterliegen. Aber im allgemeinen ist die Lebendigkeit des kirchlichen Lebens imponierend, nicht zuletzt im Gespräch der Kirchen untereinander und mit den anderen Konfessionen. In Chicago verbrachte ich einen sehr anregenden und angenehmen Abend mit katholischen Geistlichen - Jesuiten, Dominikanern, Weltpriestern.6 Es wurde Whisky gereicht, und man unterhielt sich frei von der Leber weg. Das ist mir in Basel jedenfalls noch nie passiert. Ebenfalls in Chicago war ich zu einem öffentlichen «Gespräch am runden Tisch» mit einem Jesuiten, einem jüdischen Rabbiner, einem liberalen Protestanten, einem orthodoxen Protestanten und einem Laien eingeladen.7 Es fand an fünf Abenden einer Woche in der riesigen Rockefeller Memorial Chapel statt8, und wir hatten jeden Abend zwischen zwei- |6 und dreitausend Zuhörer. Man stelle sich das in Basel im Großen Musiksaal vor! Auch da wurde völlig offen diskutiert; die Gegensätze, die natürlicherweise zutage traten, wurden weder vertuscht noch überspielt, sondern leidenschaftlich und doch sachlich ausgefochten - eben jenes «Man muß halt reden miteinander»9, von dem wir soviel reden.
Seiler:
Wie der Fall Gollwitzer zeigte, haben wir in der Schweiz dieses «Reden miteinander» vor allem im Politischen und zumal im Außenpolitischen gründlich verlernt. Jene Theologen und Pfarrer, die sich im vergangenen März aus ihrer christlichen Überzeugung für die Atomverbotsinitiative einsetzten10, mußten und müssen sich noch heute als «Totengräber des Abendlandes»11 und ähnlich verunglimpfen lassen. Woher kommt dieses Versiegen des echten öffentlichen Gesprächs, dieser so wenig christliche Mangel an politischer Liberalität; woher kommt es aber auch, daß unsere christlichen Kirchen im ganzen gesehen davor zurückscheuen, zu so brennenden Lebensfragen wie der atomaren Aufrüstung klar und eindeutig Stellung zu beziehen - es sei denn, man zwinge sie dazu? So daß ein so überzeugter Christ wie der katholische Historiker Friedrich Heer äußern konnte, |7 die Aktionen der Kirchen trügen heute meist «den Stempel der Reaktion»12?
Barth:
Ja, wie ist es dazu gekommen, daß ich in Washington mit einer Gruppe von Männern aus dem engeren Kreis um Kennedy13 ein viel offeneres und unbefangeneres politisches Gespräch führen konnte, als es mir hier selbst mit bestimmten theologischen Kollegen möglich wäre? Daß ich in Amerika niemanden fand, der den Fall Gollwitzer oder das Zürcher Auftrittsverbot für Oistrach14 begriffen hätte? Daß der Schweizer Protestantismus erst unter dem Druck der bevorstehenden Volksabstimmung zur atomaren Aufrüstung Stellung bezog?15 Vielleicht muß man zurückgehen zur Situation der deutschen Kirche unter dem Nationalsozialismus. Damals vollzog sich in der «Bekennenden Kirche» eine Regeneration, eine Wiedererweckung des bekennenden Christentums. Mit der politischen Restauration der Nachkriegszeit ging dann auch eine kirchliche Restauration einher, die zu einem gegenseitigen Bündnis führte. In der Schweiz war die Situation ähnlich, mit der Einschränkung, daß bei uns die Kirche auch während des Krieges nur sehr teilweise eine Haltung des geistigen Widerstandes einnahm.16 Nach dem Krieg fand sie vollends keine |8 geistige Aufgabe mehr. Die Kirche ist aber immer krank, wenn sie ohne Aufgabe ist.
Seiler:
Mit dem Blick auf die Nazizeit will es mir oft scheinen, der heutigen außenpolitischen Haltung des Schweizers wohne ein exorzistisches Element inne: als hätten wir uns in jenen Jahren gleichsam daran gewöhnt, den Teufel zwar nicht an der Wand, aber doch gleich an der Grenze zu haben. Heute übertragen wir diese Haltung auf die Spaltung der Welt in West und Ost - und bedenken nicht, daß das Tintenfaß zur Atombombe und damit zum Bumerang geworden ist, der auf uns zurückprallt.
Barth:
Vor allem ist der Teufel heute recht weit weg. Wie es wirklich um uns steht, würde sich erst erweisen, wenn die Russen am Bodensee ständen. Ob sich dann nicht vielleicht ein roter Pilet-Golaz17 fände? Was aber den Exorzismus betrifft: kurz nach dem ungarischen Aufstand18 predigte ein mir sehr lieber Kollege19 im Basler Münster über Matth. 8,28ff.: die Austreibung der Dämonen aus den Besessenen in die Säue. Er machte das sehr gut und ließ durchblicken, daß die Dämonen eines Tages auch aus dem Kreml ausgetrieben werden würden. Nach der Predigt sagte ich ihm, er hätte nur eines vergessen: die Säue, in die die Dämonen fahren. Die sind in solchen Fällen oft wir selber.20 Ich will damit sagen, daß man sich davor hüten soll, bei an|9deren Dämonen auszutreiben, von denen man selber nicht frei oder gegen die man jedenfalls nicht gefeit ist.
Das gilt vor allem für ein Volk geborener Pädagogen, wie wir Schweizer es nun einmal sind. Es liegt uns nun einmal, am Katheder zu stehen, zu dozieren, allen anderen Lehren zu erteilen. Das zeigt sich jetzt wieder in unserem sehr unchristlichen Hochmut den Italienern und anderen Fremdarbeitern gegenüber, die uns gerade gut genug sind, mit ihrer Arbeitskraft unsere wirtschaftliche Konjunktur in Schwung zu halten. Das zeigt sich aber auch in jener Schildkrötenpolitik, die darin besteht, alle Kontakte mit dem Osten abzulehnen. Während sich weltpolitisch seit dem Amtsantritt Kennedys eine langsame, aber deutliche Entspannung und Annäherung zwischen West und Ost abzeichnet, gebärden wir uns westlicher als der Westen und reden davon, unsere Neutralität preiszugeben.21 Wenn wir so weitermachen, werden wir eines Tages als die Dorftrottel Europas22 daste|10hen. Dabei wäre es seit 1945 die Mission der Schweiz gewesen, au dessus de la mêlée23 eine Brücke zwischen West und Ost zu bilden.24 Eine echt christliche Mission! Aber uns Schweizern fehlt das Mozartische, die ruhige Heiterkeit, deren wir in einer zerrissenen und gespaltenen Welt bedürften. Es fehlt uns die Fähigkeit, uns in unserer eigenen Relativität zu sehen. Aus ihr kommt der wahre Frieden. So bleibt in mancher Hinsicht nur der Rückzug in die Stille25 - und die Hoffnung darauf, daß in dieser Stille doch noch Kräfte am Werk sind, die von gesundem Menschenverstand und echter Christlichkeit getragen werden.