28. November 1962 – 23. Januar 1963

Interview von Alexander J.Seiler

3
1

INTERVIEW VON ALEXANDER J. SEILER

Innerhalb einer Reihe von «Interviews mit kritischen Schweizern» unter dem Gesamtthema «Die Schweiz als Ärgernis» veröffentlichte eine Schweizer Illustrierte auch ein Interview mit Karl Barth, das am 28.11.1962 von Dr. Alexander J. Seiler geführt worden war. Es wurde publiziert unter dem Titel:«Uns fehlt das Bewusstsein der eigenen Relativität», in: Die Woche, Nr. 4, Olten/Zürich 23.1.1963, S. 16f. 📖

Interview von Alexander J. Seiler

Seiler:

Herr Professor Barth, die Wahl Ihres Nachfolgers auf dem Lehrstuhl für Dogmatik an der Universität Basel entfesselte vor Jahresfrist eine heftige Polemik.1 Ihr Schüler Helmut Gollwitzer, Professor an der Freien Universität Berlin2, der von der Basler Fakultät einstimmig als Ihr Nachfolger vorgeschlagen worden war, wurde in einer Zeitungskampagne als Kommunistenfreund und «für die Schweiz untragbar» verfemt, weil er Gegner der atomaren Aufrüstung ist, Kontakte mit der Christenheit Osteuropas pflegt und die Ansicht vertritt, mit der Christlichkeit Westeuropas sei es keineswegs überall und in jeder Hinsicht zum Besten bestellt.3 Obwohl sich anhand von Gollwitzers Schriften leicht feststellen läßt, daß er die kommunistische Lehre ablehnt, hatten die Angriffe gegen ihn Erfolg: seine Wahl erfolgte nicht. Sie selber auferlegten sich damals Schweigen, ob|4wohl die Kampagne gegen Gollwitzer indirekt, zum Teil sogar direkt, auch gegen Sie gerichtet war. Bald darauf folgten Sie einer Einladung nach den Vereinigten Staaten, wo Sie mit größten Ehren empfangen wurden und wo Ihr Besuch nicht nur in theologischen Kreisen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit ein sehr lebhaftes Echo fand.4 Wie würden Sie von Ihren Reiseeindrücken her die Christlichkeit Amerikas  mit jener der Schweiz vergleichen, die sich ja so gern für ein besonders, jedenfalls für ein ausgeprägt christliches Land hält?

Barth:

Ja, ich war nach den unerfreulichen Erfahrungen, die Sie eben skizziert haben, sehr froh, die Schweiz für einige Wochen hinter mir zu lassen. Ich will auf die Affäre Gollwitzer nicht mehr näher zurückkommen, aber soviel muß doch gesagt sein: der Entscheid über meine Nachfolge ist äußerst enttäuschend ausgefallen. Gollwitzer wäre für Basel und die Schweiz ein Gewinn gewesen.

Was das christliche Amerika und die christliche Schweiz angeht, so ist mir vor allem eines aufgefallen: im amerikanischen Christentum ist die Gemeinde noch Realität. Man geht nicht wie bei uns bloß «z’Predig» und dann wieder nach Hause - man geht nicht bloß zum Pfarrer, sondern auch zueinander. Man «kommt zusammen» zum Gottesdienst. Auch in den großen Städten, in denen ich mich aufhielt, in Chicago, Washington, Richmond, kennen die Kirchgänger einander, begrüßen einander, reden miteinander. Der Kirchgang ist nicht bloß ein privates Erlebnis, sondern etwas Soziales, «a social gathering», wie es die Amerikaner nennen. Das mag auch seine Gefahren haben. Aber grundsätzlich ist es schön und erfreulich: das Evangelium verbindet die Menschen miteinander.

Auf der anderen Seite habe ich gefunden, daß bei uns im allgemeinen besser gepredigt wird, jedenfalls tiefer. Der amerikanische Protestantismus ist noch immer stark geprägt von der etwas flachen Vernunft der Aufklärung.

5 Seiler

Ich habe oft den Eindruck, die stärkste Seite unseres Christentums sei überhaupt das Predigen. Ich meine damit nicht jene Tiefendimension des Christlichen, die Sache des Einzelnen ist und bleiben muß - wohl aber den öffentlichen Bereich, den Alltag unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie selber haben einmal im Gespräch von einem «Christentum als Kindertaufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung, allenfalls eidgenössischer Bettag»5 geredet, das bei uns so weit verbreitet sei. Das läuft neben der Wirklichkeit her als separater und unverbindlicher Bereich. Das soziale, wirtschaftliche, kulturelle Leben bleibt davon weitgehend unberührt. Wie verhält es sich damit in Amerika?

Barth:

Die mehr gesellschaftliche Orientierung des amerikanischen Christentums verleiht ihm meinem Eindruck nach auch größere praktische Bedeutung im öffentlichen Leben. Obwohl es keine Landeskirchen gibt, und trotz der für uns verwirrend großen Anzahl großer und kleiner Freikirchen haben diese im allgemeinen mehr Einfluß auf die weltlichen Bereiche der Wirklichkeit als unsere Landeskirchen. Vielleicht gerade darum, weil sie als Freikirchen auf sich selbst und ihre Mitglieder gestellt sind! Dieser Einfluß mag manchmal auch zweifelhaft sein und einer gewissen Tendenz zur Selbstgerechtigkeit unterliegen. Aber im allgemeinen ist die Lebendigkeit des kirchlichen Lebens imponierend, nicht zuletzt im Gespräch der Kirchen untereinander und mit den anderen Konfessionen. In Chicago verbrachte ich einen sehr anregenden und angenehmen Abend mit katholischen Geistlichen - Jesuiten, Dominikanern, Weltpriestern.6 Es wurde Whisky gereicht, und man unterhielt sich frei von der Leber weg. Das ist mir in Basel jedenfalls noch nie passiert. Ebenfalls in Chicago war ich zu einem öffentlichen «Gespräch am runden Tisch» mit einem Jesuiten, einem jüdischen Rabbiner, einem liberalen Protestanten, einem orthodoxen Protestanten und einem Laien eingeladen.7 Es fand an fünf Abenden einer Woche in der riesigen Rockefeller Memorial Chapel statt8, und wir hatten jeden Abend zwischen zwei- |6 und dreitausend Zuhörer. Man stelle sich das in Basel im Großen Musiksaal vor! Auch da wurde völlig offen diskutiert; die Gegensätze, die natürlicherweise zutage traten, wurden weder vertuscht noch überspielt, sondern leidenschaftlich und doch sachlich ausgefochten - eben jenes «Man muß halt reden miteinander»9, von dem wir soviel reden.

Seiler:

Wie der Fall Gollwitzer zeigte, haben wir in der Schweiz dieses «Reden miteinander» vor allem im Politischen und zumal im Außenpolitischen gründlich verlernt. Jene Theologen und Pfarrer, die sich im vergangenen März aus ihrer christlichen Überzeugung für die Atomverbotsinitiative einsetzten10, mußten und müssen sich noch heute als «Totengräber des Abendlandes»11 und ähnlich verunglimpfen lassen. Woher kommt dieses Versiegen des echten öffentlichen Gesprächs, dieser so wenig christliche Mangel an politischer Liberalität; woher kommt es aber auch, daß unsere christlichen Kirchen im ganzen gesehen davor zurückscheuen, zu so brennenden Lebensfragen wie der atomaren Aufrüstung klar und eindeutig Stellung zu beziehen - es sei denn, man zwinge sie dazu? So daß ein so überzeugter Christ wie der katholische Historiker Friedrich Heer äußern konnte, |7 die Aktionen der Kirchen trügen heute meist «den Stempel der Reaktion»12?

Barth:

Ja, wie ist es dazu gekommen, daß ich in Washington mit einer Gruppe von Männern aus dem engeren Kreis um Kennedy13 ein viel offeneres und unbefangeneres politisches Gespräch führen konnte, als es mir hier selbst mit bestimmten theologischen Kollegen möglich wäre? Daß ich in Amerika niemanden fand, der den Fall Gollwitzer oder das Zürcher Auftrittsverbot für Oistrach14 begriffen hätte? Daß der Schweizer Protestantismus erst unter dem Druck der bevorstehenden Volksabstimmung zur atomaren Aufrüstung Stellung bezog?15 Vielleicht muß man zurückgehen zur Situation der deutschen Kirche unter dem Nationalsozialismus. Damals vollzog sich in der «Bekennenden Kirche» eine Regeneration, eine Wiedererwe­­ckung des bekennenden Christentums. Mit der politischen Restauration der Nachkriegszeit ging dann auch eine kirchliche Restauration einher, die zu einem gegenseitigen Bündnis führte. In der Schweiz war die Situation ähnlich, mit der Einschränkung, daß bei uns die Kirche auch während des Krieges nur sehr teilweise eine Haltung des geistigen Widerstandes einnahm.16 Nach dem Krieg fand sie vollends keine |8 geistige Aufgabe mehr. Die Kirche ist aber immer krank, wenn sie ohne Aufgabe ist.

Seiler:

Mit dem Blick auf die Nazizeit will es mir oft scheinen, der heutigen außenpolitischen Haltung des Schweizers wohne ein exorzistisches Element inne: als hätten wir uns in jenen Jahren gleichsam daran gewöhnt, den Teufel zwar nicht an der Wand, aber doch gleich an der Grenze zu haben. Heute übertragen wir diese Haltung auf die Spaltung der Welt in West und Ost - und bedenken nicht, daß das Tintenfaß zur Atombombe und damit zum Bumerang geworden ist, der auf uns zurückprallt.

Barth:

Vor allem ist der Teufel heute recht weit weg. Wie es wirklich um uns steht, würde sich erst erweisen, wenn die Russen am Bodensee ständen. Ob sich dann nicht vielleicht ein roter Pilet-Golaz17 fände? Was aber den Exorzismus betrifft: kurz nach dem ungarischen Aufstand18 predigte ein mir sehr lieber Kollege19 im Basler Münster über Matth. 8,28ff.: die Austreibung der Dämonen aus den Besessenen in die Säue. Er machte das sehr gut und ließ durchblicken, daß die Dämonen eines Tages auch aus dem Kreml ausgetrieben werden würden. Nach der Predigt sagte ich ihm, er hätte nur eines vergessen: die Säue, in die die Dämonen fahren. Die sind in solchen Fällen oft wir selber.20 Ich will damit sagen, daß man sich davor hüten soll, bei an|9deren Dämonen auszutreiben, von denen man selber nicht frei oder gegen die man jedenfalls nicht gefeit ist.

Das gilt vor allem für ein Volk geborener Pädagogen, wie wir Schweizer es nun einmal sind. Es liegt uns nun einmal, am Katheder zu stehen, zu dozieren, allen anderen Lehren zu erteilen. Das zeigt sich jetzt wieder in unserem sehr unchristlichen Hochmut den Italienern und anderen Fremdarbeitern gegenüber, die uns gerade gut genug sind, mit ihrer Arbeitskraft unsere wirtschaftliche Konjunktur in Schwung zu halten. Das zeigt sich aber auch in jener Schildkrötenpolitik, die darin besteht, alle Kontakte mit dem Osten abzulehnen. Während sich weltpolitisch seit dem Amtsantritt Kennedys eine langsame, aber deutliche Entspannung und Annäherung zwischen West und Ost abzeichnet, gebärden wir uns westlicher als der Westen und reden davon, unsere Neutralität preiszugeben.21 Wenn wir so weitermachen, werden wir eines Tages als die Dorftrottel Europas22 daste|10hen. Dabei wäre es seit 1945 die Mission der Schweiz gewesen, au dessus de la mêlée23 eine Brücke zwischen West und Ost zu bilden.24 Eine echt christliche Mission! Aber uns Schweizern fehlt das Mozartische, die ruhige Heiterkeit, deren wir in einer zerrissenen und gespaltenen Welt bedürften. Es fehlt uns die Fähigkeit, uns in unserer eigenen Relativität zu sehen. Aus ihr kommt der wahre Frieden. So bleibt in mancher Hinsicht nur der Rückzug in die Stille25 - und die Hoffnung darauf, daß in dieser Stille doch noch Kräfte am Werk sind, die von gesundem Menschenverstand und echter Christlichkeit getragen werden.

Sachfußnoten

1
Vgl. dazu Lebenslauf, S. 470f. 📖 Gegen die Berufung Gollwitzers schrieben damals u. a. folgende Tageszeitungen: Basler Nachrichten (24./25.6.1961, 8./9.7.1961, 27./28.1.1962, 14.2.1962) 📖, Die Weltwoche (16.6.1961) 📖, Badener Tagblatt (7.6.1961) 📖, Appenzeller Zeitung (1.7.1961) 📖, Neue Zürcher Zeitung (3.7.1961) 📖.↩
2
Helmut Gollwitzer (1908–1993) studierte 1930/31 bei Barth in Bonn, war seit 1932 dessen Doktorand und promovierte 1937 bei Barth in Basel mit seiner Arbeit: Coena Domini. Die altlutherische Abendmahlslehre in ihrer Auseinandersetzung mit dem Calvinismus dargestellt an der lutherischen Frühorthodoxie, München 1937 (1988) 📖. Gollwitzer war 1957-1975 Ordinarius für Evangelische Systematische Theologie an der genannten Universität und hatte dazu einen Lehrauftrag an der Kirchlichen Hochschule Berlin.↩
3
Vgl. G. Orth, Helmut Gollwitzer. Zur Solidarität befreit, Mainz 1995, S. 71-91 📖.↩
4
Barths Reise in die USA, auf der er von seinen Söhnen Markus und Christoph begleitet wurde, fand statt vom 7.4. bis 26.5.1962. Zu den Stationen dieser Reise vgl. Br. 1961-1968, S. 43 📖. Barths Bericht über diese Reise: K. Barth, Remembrances of America, in: The Christian Century. Vol. LXXX, No. 1 (Chicago 1963), S. 7-9 📖. Dasselbe: K. Barth, Foreword to the American Edition, in: Evangelical Theology: An Introduction, übers. von Gr. Foley, New York/ Chicago/San Francisco 1963; London 1963, S. V-VII 📖.↩
5
Vgl. Gespräche 1959-1962, S. 92 📖.↩
6
Diese Zusammenkunft fand am 15.4.1962 statt.↩
7
Vgl. Gespräche 1959-1962, S. 231-279 📖.↩
8
Die Podiumsdiskussion fand an zwei Abenden statt, hingegen in fünf Veranstaltungen Barths Vorlesungen nach den ersten fünf Kapiteln seines Buches: K. Barth, Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962 📖; englisch: ders., Evangelical Theology 📖, s. Anm. 4.↩
9
Schweizer Redensart.↩
10
Am 1.4.1962 hatte eine eidgenössische Abstimmung über eine Initiative stattgefunden, die in der Schweizer Bundesverfassung ein Verbot der Herstellung, Einfuhr, Durchfuhr, Lagerung und Anwendung von Atomwaffen einfügen wollte. Die Initiative, die deutlich verworfen wurde, hatte Barth neben anderen bejaht: Atomwaffenverbot in der Verfassung? Ein Diskussionsbeitrag zur Volksabstimmung am 1. April, in: Zürcher Woche, Nr. 12, 23.3.1962, S. 3 📖; vgl. O.Br. 1945-1968, S. 507f 📖.↩
11
Ein Beleg für diese Beurteilung findet sich z. B. in dem Artikel von J. Zwick, Atomwaffenkrieg der Theologen, in: Die Weltwoche, 26. Jg. (1958), Nr. 1306 vom 21.11.1958, S. 13 📖: «Man gefällt sich in der Rolle des Unheilspropheten und scheint nicht abgeneigt, einem Ostwind die Schleusen zu öffnen, damit er das verhasste ‹spiessbürgerliche Kulturland› versenge, in dem man allerdings selbst recht wohl gedeiht. In selbstmörderischer Leichtfertigkeit, die man mit Glaubensmut verwechselt, steigert man sich in vorsintflutliche Stimmung hinein, mit der Zuversicht, nach gründlicher Verwüstung der verrotteten abendländischen Zivilisation könne dann der Regenbogen desto reiner strahlen.»↩
12
Vgl. Fr. Heer, Offener Humanismus, Bern/Stuttgart/Wien 1962, S. 375 📖: Selbst die politischen Offensiven der Kirchen «sind wesenhaft Defensiven», «Aktionen der Rückeroberung von verlorenen Ländern … und Institutionen, mit dem Blick starr auf die Vergangenheit gewandt… Man wagt es nicht, wirklich neue Wege zu gehen; Aktion bleibt Reaktion.»↩
13
John F. Kennedy (1917–1963), amerikanischer  Präsident von 1960 bis 1963. Das Gespräch mit einigen seiner Berater (Ted Sorensen u. a.) fand am 7.5.1962 statt.↩
14
Im Mai 1961 hatte die Fremdenpolizei das Gesuch um Bewilligung eines Konzerts des russischen Geigers David Oistrach in Zürich abgewiesen. Diese vom Zürcher Regierungsrat gebilligte Entscheidung führte im Kantonsrat in seinen Verhandlungen vom 19.6., 3.7., 10.7., 4.9., 11.9.1961 zu heftigen Auseinandersetzungen. In: Protokolle der Kantonsratssitzungen 1961 (Staatsarchiv des Kt. Zürich), S. 1612f.1670f.1688–1694.1715–1718.1722–1729.↩
15
Vgl. Anm. 10. Am 26.5.1963 fand eine weitere eidgenössische Volksabstimmung über die Initiative der SPS für einen Vorbehalt des Entscheidungsrechtes des Volkes über Atomwaffenausrüstung  (Obligatorisches Referendum) statt (vgl. unten S. 74­, Anm. 59). Über die Stellung des Evangelischen Kirchenbundes der reformierten Kirchen der Schweiz, vgl. unten S. 70­, Anm. 53.↩
16
Vgl. H. Kocher, Rationierte Menschlichkeit. Schweizerischer Protestantismus im Spannungsfeld von Flüchtlingsnot und öffentlicher Flüchtlingspolitik der Schweiz 1933-1948, Zürich 1996, bes. S. 393-444 📖.↩
17
Marcel Pilet-Golaz (1889–1958), 1928-1944 schweizerischer Bundesrat, verfolgte während des zweiten Weltkrieges eine Politik der Rücksichtnahme und gar Anpassung gegenüber dem deutschen Nachbarn. Vgl. J. Kimche, General Guisans Zweifrontenkrieg. Die Schweiz zwischen 1939 und 1945, Berlin/ Frankfurt/Wien 1962, S. 85.97.103–107.110–113 📖.↩
18
Der Aufstand begann am 23.10.1956.↩
19
Barths Freund Eduard Thurneysen (1888–1974), seit 1927 Münsterpfarrer in Basel, seit 1929 auch Dozent für Praktische Theologie.↩
20
Barth schrieb ihm auf einem Zettelchen: «Predigtentwurf über der Geschichte zweiten Teil: I. Von der Zufriedenheit, in welcher die 2000 Schweine an ihrem Ort weideten, und von den drei Minuten der Trauer und des Abscheus [nämlich während eines zum Zeichen des Protests unternommenen allgemeinen Stillstands im Mittagsverkehr auf den Basler Straßen], in welchen sie dem bösen Treiben der Besessenen von ferne zusahen. II. Wie dem Herrn an den Besessenen mehr gelegen war als an den 2000 Schweinen und wie er die Dämonen infolgedessen aus jenen in diese fahren ließ. III. Von dem Benehmen, das die dämonischen 2000 Schweine alsbald erfaßte, und wie es dazu führen mußte, daß sie ins Meer stürzten und ersoffen.» (Nach der Abschrift des Herausgebers vom Original, das Barth ihm 1967 zeigte.)↩
21
Oberstdivisionär E. Uhlmann vertrat wohl die offizielle These der Berner Regierung, wenn er erklärte, «daß Atomwaffen nur angeschafft würden unter strikter Wahrung unserer Neutralität». So laut Schweiz. ev. Pressedienst Nr. 45, 12.11.1958; neu abgedruckt in: JK, Jg.20 (1959), S. 51 📖. Nachdem diese These aber mannigfach als illusionär angefochten wurde, räumte schließlich auch das Schweizer Militär, obwohl es zunächst weiter für eine eigene Atomrüstung eintrat, ein, daß dabei die Schweizer Neutralität problematisiert werde. Denn zum einen liege ein «wesentlicher Zweck» des amerikanischen  Atommonopols darin, «die Entstehung nationaler Atombewaffnungen zu verhindern» zum anderen lege sich ein «Einbezug von Atomwaffen in die schweizerische Landesverteidigung im Anschluß an ein Bündnissystem» nahe angesichts dessen, daß in einem denkbaren künftigen Krieg die Schweiz nicht isoliert bedroht sei. So W. Mark, Atomwaffen für die Schweizer Armee - Können oder Wollen?, in: Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift, Jg.129 (1963), S. 445-450, dort S. 446 📖.↩
22
Diese Formulierung löste damals in der Schweiz ein kritisches Echo aus. Die «Neue Zürcher Zeitung» veröffentlichte  in der Mittagsausgabe vom 1.2.1963 (Nr. 398) einen mit F. W. gezeichneten Leserbrief unter dem Titel Dorftrottel Europas? Darin heißt es:  Man könne sich nun klar darüber werden, «wer den Kommunisten in die Hände arbeitet und wer im Westen daher auch zur Fünften Kolonne gehört» weiter wird die Frage gestellt, ob wohl jeder Leser  der «Woche» erkennen könne, «welches trojanische Pferd der gelehrte Professor reitet und mit welchem Vorbedacht und Raffinement von seiner Anhängerschar der schweizerische Widerstandswille untergraben wird». Siehe auch: A. Fisch, «Dorftrottel Europas?», in: Basler Nachrichten, 119. Jg. (1963), Nr. 63 vom 11.2.1963, S. 1 📖.↩
23
Oberhalb des Getümmels.↩
24
Vgl. Barths Vortrag vom Februar 1949 in der Stadtkirche Thun und im Berner Münster Die Kirche zwischen Ost und West, Zollikon-Zürich 1949 📖, und zur heftigen Debatte, die der Vortrag auslöste: O.Br. 1945-1968, S. 214-273 📖.↩
25
Eine Redewendung Barths in Anlehnung an die Formulierung von J. von Müller, Geschichten Schweizerischer Eidgenossenschaft, neu hrsg. von E. A. Hofmann, Kilchberg-­Zürich 1942, S. 187 📖, über das Verhalten der Urschweizer nach dem Rütli-Schwur: «damals ging jeder in seine Hütte, schwieg still und winterte das Tier.»↩