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Vorwort

IX

VORWORT

1963 war für Karl Barth noch einmal ein glückliches Jahr. Seine Lehrtätigkeit in der Basler Universität hatte er im Vorjahr 76jährig gern abgeschlossen, und noch zeigten sich nicht die Schatten der Krankheiten, die ihn in den folgenden Jahren zeichneten. Und noch hatte er nicht die samstäglichen – mit Bedacht so genannten – Kolloquien der nächsten Zeit an der Universität Basel eingerichtet. Er hat die Freiheit, die er gerade in diesem Jahr 1963 erfuhr, damit gefüllt, mit verschiedenen Gruppen und Einzelnen «Gespräche» zu führen, und dies teils in Basel, teils an auswärtigen Orten. Drei Texte stammen aus der Zeit seiner Reise nach Dänemark im April des Jahres und fünf Texte aus seinen Begegnungen während mehrfacher Reisen nach Paris. Es ist übrigens auch in diesem Band «Gespräche» wie in den zwei anderen so gehandhabt worden, daß die fremdsprachigen Texte in einen Anhang gerückt wurden, während sie im Hauptteil in einer deutschen Übersetzung vorgelegt sind.

Über die Form der hier geübten Mitteilung, die Karl Barth besonders in seinen Altersjahren gepflegt hat, ist schon in den Vorworten zu den Bänden mit Gesprächen aus den Jahren 1959–1962 (Karl Barth-Gesamtausgabe, Abt. IV, in der Reihenfolge des Erscheinens Band 25), Theologischer Verlag Zürich 1995 📖, und 1964–1968 (Karl Barth-Gesamtausgabe, Abt. IV, in der Reihenfolge des Erscheinens Band 28), Theologischer Verlag Zürich 1997 📖, einiges Erklärendes gesagt worden. In einem in dem vorliegenden Band abgedruckten Gespräch sagte Barth, als es unversehens zu einer schroffen Konfrontation zwischen «moderner» und «evangelikaler» Theologie kam und ein Abbruch des Gesprächs drohte: «Solange wir noch miteinander reden können, müssen wir doch miteinander reden» (S. 316). Den Satz kann man als eine Bitte für die in der Folgezeit noch schärfer werdende Konfrontation verstehen. Man darf den Satz aber auch abgesehen von der Situation, in der er entstand, als Motto für diesen Band im ganzen und als eine Anzeige der Art des hier geübten Redens auffassen.

Ich unterstreiche das mit Worten, die Barth im Eingang des Gesprächs mit der Kirchlichen Bruderschaft in Württemberg bemerkte: «Es wird nicht angehen, daß ich den ganzen Tag [allein] rede, sondern |X ich möchte mit Ihnen reden, ich möchte Sie auch hören. Also, es soll nun gerade nicht so laufen, daß Sie hören und ich rede, sondern wir wollen uns miteinander austauschen. Ich werde immer wieder dazwischen fragen: was sagt ihr jetzt dazu? oder: was meint ihr eigentlich?» (S. 44). Das bedeutet auch, daß hier nicht ein vorher niedergeschriebener Text verlesen, sondern daß in freier Rede und Gegenrede agiert und reagiert, gefragt und geantwortet wird. Der Nachteil, daß dabei zuweilen etwas «ins Unreine» gesprochen und Sätze unvollständig formuliert sind, gestattet wohl zarte Korrekturen, die in eckigen Klammern eingefügt sind. Der Nachteil wird jedenfalls aufgewogen durch die auch im Drucktext noch spürbare Lebendigkeit des Dialogs und des Beschäftigtseins der Beteiligten durch die sie gemeinsam angehende Wahrheit. Zum Teil wurden die Gespräche mit einem Tonbandgerät aufgenommen, zum Teil – namentlich sofern es sich um Interviews handelt – liegen sie gedruckt im Zeitungstext vor, zum Teil sind sie auch durch Mitschriften festgehalten. Soweit sich anhand von Barths Kalendernotizen feststellen läßt, hat er 1963 mehr solcher Gespräche geführt, als sie in diesem Band gesammelt sind. Auch nach allerhand Nachforschungen konnte zu einer Reihe von ihnen kein Dokument gefunden werden. Die betreffenden Stücke seien hier wenigstens genannt:

21. Januar Gespräch mit Zürcher Studenten über «Kirche und Staat» im Basler Restaurant Bruderholz
29. Januar Fragebeantwortung im Helferkreis der evangelisch-reformierten Kirche auf dem Bruderholz in der Bruderholzkapelle
4. Februar Gespräch mit der Arbeitsgemeinschaft von Pfarrer Walter Lüthi in Bern
13. Mai Fragebeantwortung in der Protestantischen Theologischen Fakultät in Paris
8. JuniInterview von Mr. Erwal, Paris Express, in Barths Haus in Basel
10. JuniGespräch mit evangelischen und katholischen Studentenmin der Bursa in Basel

Ein besonderes Editionsproblem im Blick auf diesen Band muß eigens genannt werden. Von dem zweitägigen Gespräch Barths mit französischen Pfarrern und Theologen im Anschluß an Barths ins Franzö|XIsische übersetzte letzte Vorlesung Einführung in die evangelische Theologie, Zürich 1962 📖, bzw. Introduction a` la the ́ologie évangélique, Gene`ve 1962, ist nur ein Tonband vom ersten Tag des Treffens aufgefunden worden. Ob es am zweiten Tag wohl gar keine Aufnahme gab? Aber es ist auch keine Mitschrift bekannt geworden. Die Hoffnung, in dieser Sache doch noch fündig zu werden, ist einer der Gründe, weshalb der Teil der Gespräche 1963 erst jetzt veröffentlicht wird, obwohl dieser Band gleichzeitig mit den anderen Bänden – 1959–1962 und 1964–1968 – schon im wesentlichen bearbeitet worden ist. Nun, nachdem sich diese Hoffnung nicht erfüllt hat, soll der Band eben mit dieser Lücke auf den Weg zur Leserschaft gehen. Und diese möge den Mangel mit der Freude umso mehr an den erhaltenen Stücken kompensieren.

Die Verzögerung der Herausgabe der vorliegenden Texte hat es mit sich gebracht, daß zu verschiedenen Zeiten an ihrer Edition gearbeitet wurde. Darum habe ich nun doppelt zu danken. In den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts haben, im Zusammenspiel mit Dr. Hinrich Stoevesandt im Basler Barth-Archiv, in der Göttinger Barth-Forschungsstelle Tilman Kingreen, Wilfried Schutt und besonders Christoph Dahling-Sander mitgearbeitet. Bei der Revision des Bandes in diesem Jahr haben in Göttingen Barbara Schenck und Bartolt Haase und in Genf Dr. Théo Schneider mitgetan, in Basel der jetzige Leiter des Karl Barth-Archives Dr. Hans-Anton Drewes, der die Drucklegung des Bandesin sorgfältiger Weise betreut und zu Ende geführt hat. Besonders diese Personen haben je in ihrer Weise und mit ihrer Kompetenz nennenswert eindrücklich geholfen, daß jetzt auch dieser weitere «Gespräche»-Band publiziert werden kann. Ihnen sei an dieser Stelle für ihren kundigen und förderlichen Einsatz herzlich gedankt. Möge das Buch eine interessierte Leserschaft finden, die sich hineinnehmen läßt in die hier begonnenen Gespräche!

Eberhard Busch