Brief Nr. 6 · 2. Dezember 1925

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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L.L.!

Ich danke dir für deinen Brief. Es hat mich alles sehr bewegt, verzeih, daß ich nur mit einer Karte reagiere, und laß dich nicht abschrecken. Aber ich bin sehr im Gedränge. Ich kam viele Nächte nur kurz zum Schlafen, und heute sollte es nun wieder einmal geschehen. Deinen Brief habe ich an Nelly weitergeschickt zur Rückäußerung über deinen Besuch. Ich denke, es sollte um Sylvester auf alle Fälle möglich sein, hier oder – noch in Göttingen. Alles zieht sich immer weiter hin; es ist abscheulich. Es ist ja an der Zeit, daß wir es auch einmal tüchtig am eigenen Leib erfahren, was der Krieg für Deutschland bedeutet1.

Mit dem Reden vom Glauben mit Anderen denke ich, daß es so ist: es ist erlaubt und geboten, immer ein bißchen mehr zu sagen, als das, was man «aufrichtig» sagen kann. Im Glauben geht man ja auch einen Schritt über sich selbst hinaus, und so wird es auch beim Reden davon sein. Sagt man zu viel wie die meisten Pastoren, dann ist’s natürlich verloren. Das dem eigenen Zustand Entsprechende aber ist zu wenig und hilft auch nicht. Also immer gerade einen Schritt voraus. So lege ich es mir für mich selbst zurecht. Du verstehst es vielleicht trotz der Kürze.

Am Sonntag werde ich mit ein paar Studenten musizieren: Bach, Corelli und andere gute Sachen. Ich nahm neulich aus Göttingen meine Geige mit und habe neue Lust dazu.

Leb wohl, kl. Schw. L., laß dich durch nichts enttäuschen und entmutigen. Es ist zu nötig, daß ein paar Menschen die große Hoffnung nicht aufgeben.

Mit freundlichem Gruß
Dein
Karl Barth

Der Elberfelder Vortrag kommt wohl bald gedruckt.

Sachfußnoten

1
Die durch den 1. Weltkrieg entstandene Armut mit ihren Folgen für den Immobilienmarkt.↩