Brief Nr. 37 · 30. Juli 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Mein liebes Lollo-Kind!

Nun ist die letzte Vorlesung gehalten, und mein Erstes soll sein, dir einen Gruß zu schicken, den letzten von hier aus. Heute nachmittag |62 ist nochmals Seminar und abends Fakultätssitzung und morgen früh noch ein Lic.-Examen; dann ist ganz Schluß. Das Semester ging schmerzloser vorüber in Bezug auf die Arbeit, als ich befürchtet hat[te]; es war mein zehntes, und so bin ich nun schon fünf Jahre preußischer Professor gewesen. Aus dem beiliegenden Brief siehst du, daß von der Schweiz aus an dieser meiner Eigenschaft gerüttelt wird, merkwürdigerweise durch die Vermittlung unseres gemeinsamen Freundes in Dortmund!!1 Was soll das? Ich habe geantwortet: es müßten sehr gewichtige Kräfte ins Spiel kommen, um mich von hier weg zu bringen. Ach Lollo, seit du auf der Bildfläche bist, bin ich wirklich mit dem Herzen in Deutschland. – Mit den Vorlesungen, deren Rest ich dir hier schicke, rate ich es folgendermaßen zu halten: du liesest jetzt in Krefeld nur noch diese drei letzten Paragraphen über Vilmar, Kohlbrügge und Blumhardt2, die leichter und zugleich wichtiger sind als das Vorangehende. Dann schickst du Alles, was du noch hast, an G. Merz aufs Bergli, tunlichst rechtzeitig vor dem 10. August, wo er wieder abreisen soll, damit er noch Zeit hat, es zu lesen und mit mir zu besprechen. Dann bleibt Alles dort und wartet auf dich, und wenn du kommst und nichts Besseres zu tun und zu lesen hast, liesest du das noch Fehlende. Ich lege dir ferner die Druckbogen meines Amsterdamer Vortrags bei3, die du behalten kannst; es ist nur ein Doppel. Ferner, wenn du’s haben willst, mein Bild von Amsterdam4 – denn das andere ewig lächelnde von Göttingen dir zu bestellen, kann ich mich nicht entschließen; ich komme mir zu dumm vor darauf.|

63 Denk, neulich bin ich auch von einer jungen Dame hier regelrecht gezeichnet worden in mehrstündiger Sitzung, d. h. ich hatte nichts zu tun, als wie gewohnt etwas zu lesen und meine Pfeife zu rauchen, und das alles sieht man nun in großem Format ziemlich realistisch und getreu, wie Alle sagen. Dieses Ereignis hängt zusammen mit – - dem Amerikaner5, der jener Karte ungeachtet mich mit weiteren Briefen bestürmte und schließlich mit großem Gefolge: ein Sekretär, eine Sekretärin, ein Übersetzer, selber hier erschien, im ersten Hotel hier abstieg und mich bis heute belagert, richtig belagert, Lollo, mit einem mächtigen Notizblock unter dem Arm, in dem Alles, aber auch Alles eingetragen wird, was irgendwie mich betrifft: also z. B. sämtliche Bilder, die nicht nur in meinem Studierzimmer, sondern auch im Eßzimmer an den Wänden hängen. Ich sah wörtlich: «auf dem Tisch das Bild seiner Frau, Religion in Geschichte und Gegenwart» (der Titel des Lexikons, das vor mir steht!!). Lollo, wenn das typisch für Amerika ist, so ist es einfach zum Heulen. Denk, er kam hieher und wußte überhaupt nichts von mir, als daß ich ein «großer Prophet» sei, und nun schnappt er einfach auf, Großes und Kleines, direkt und indirekt!! Aus dem hektographierten Zeddel6 siehst du, daß er mich auch indirekt studiert. Ich habe im Zorn die Studenten gestern aufgefordert, ihn in einen Brunnen zu werfen. Das Beste ist, daß die Frau Zwitzers7 60 Mark verdient mit dem Bild von mir, und ich glaube, wenn ich einem armen Studenten einen alten Hut von mir als Verkaufsobjekt schenken würde, so würde auch das möglich sein. Wir sind alle starr. Aber heute um 11 Uhr kommt er schon wieder. Man könnte wirklich an Allem irre werden bei diesem Schauspiel!

Am Dienstag abend war der letzte Offene Abend, das ganze Haus voll [auch der Amerikaner saß in einer Ecke mit seinem Schreibblock!]8, und es wurde die übliche Aufführung gemacht unter Leitung |64 des von Regensburg auf eine Woche hieher gekommenen Wolfgang Trillhaas9, eines meiner liebsten bayrischen Schüler, der dabei – – mich selber sehr natürlich spielte. Auch Schmitz und Stählin betraten die «Bühne» (d. h. die Türe zwischen Eß- und Wohnzimmer!), und das Ganze spielte in der Hölle als Gartenlaube (du wirst dich von Strauß her erinnern, was das bedeutet).10 «Feuerbach»11 war die eigentliche Hauptrolle mit zwei großen Gießkannen, deren Inhalt er fortwährend von der einen in die andere goß, während «Schmitz» und «Stählin» vom «strömenden Leben»12 redeten.

65 In der Sitzung heute abend erwartet mich eine beträchtliche Sorge: ich muß einem jungen Lic. Fricke13 (ich habe zwei eifrige Schüler dieses Namens14) dazu verhelfen, daß er als Privatdozent zugelassen wird. Er verdient es wohl, aber ich weiß nicht, ob sich die Fakultät diese Vermehrung meines Einflusses gefallen läßt. Es zeigen sich ohnehin gewisse Anzeichen von Spannung: im Seminar von Wehrung, wo gewisse von meinen Beflissensten auch teilnehmen, ist es zu schweren Diskussionen und fast zu einer kleinen Skandalszene gekommen, weil Einer, ein Schweizer natürlich, in nicht gutzuheißender Weise geradezu unhöflich wurde gegen Wehrung. Das kommt natürlich alles auf meine Kappe. Ein Anderer brachte mir eine Arbeit, die von entrüsteten Randbemerkungen von Wehrung wimmelte, die indirekt alle ein bißchen mich treffen. Und dabei ist Wehrung ein sehr gutmütiger Mensch, aber es kocht irgendwie in ihm.|

Gestern abend war Fakultätsabend: Professoren mit Frauen, Studenten, Studentinnen ein bißchen fragwürdig um Teetische gruppiert. Ansprache des Dekans, schöne alte Chorlieder (von Zeltner15 aus Nürnberg, der uns damals abholte, dirigiert), zwei Hans Sachs-Spiele. Liebe Lollo, es ist so unnatürlich, daß du nicht auch dabei bist bei dem allem, Tag für Tag. Ein norwegischer Pastor16 ist auch auf dem Plan |66 gewesen in den letzten Tagen, vor acht Tagen ein holländischer Mennonitenprediger17, beides sehr tüchtige, ernsthafte Leute, vor zwei oder drei Wochen ein dänischer Pastor (der Verfasser jenes Artikels18) mit Frau und Tochter. Es ist ein fortwährendes Aus und Ein bei uns, manchmal wie in einem Taubenschlag. Nur ich weiß, wie sehr Alles auf des Messers Schneide steht, wo zwischen Sinn und Unsinn die Grenze ist. Es ist so nahe beieinander. Da würde ich dir so oft gerne in die Augen sehen und mich verstanden wissen in meiner ganzen Hilflosigkeit und doch auch wieder Freudigkeit. – –

Die Briefe deiner Freundin19 haben uns auch sehr bewegt (ich habe sie Nelly vorgelesen). Ja, was soll man dazu sagen? Was du dazu gesagt hast, ist wohl sicher das Beste. Noch vor einem Jahr würde ich die chaotische Verfassung, die aus den Briefen spricht, bei allem Verstehenwollen sehr von außen betrachtet und wohl auch irgendwie beurteilt haben. Jetzt kann ich nur noch mittragen in Gedanken an all den Rätseln, vor denen auch diese Menschen stehen. [Aber, nicht wahr, da siehst du u. A. auch das, daß es nicht ratsam ist, solche Mediziner zu heiraten, die nachher Medinal (oder wie das Ding heißt) konsumieren20 und – statt einer ehrlichen Pfeife! – Zigaretten rauchen. Insofern betrachte ich die Sache also doch von außen.]21

Du siehst, daß ich schon Ferien habe, sonst könnte ich ja unmöglich so ausführlich mit dir plaudern. Wie möchte ich dir nun Trost und Mut zusprechen, du Armes, das noch so lange Wochen aushalten muß! Während wir bereits auf dem Bergli in Liegestühlen, auf Pferden und Fahrrädern das Leben genießen werden. Ich bin ja etwas gespannt, wie Alles werden wird, da nun eben Alle dort davon wissen. Mit Eduard Thurneysen habe ich mich auch noch nicht ausgesprochen. Was soll ich auch sagen? Zu rechtfertigen ist nichts. Gebe Gott, |67 daß eine Sphäre von Klarheit und Ruhe entsteht, in der kein Ärgernis ausbrechen kann. Wir werden uns sehr zusammennehmen müssen, liebe Lollo, und du wirst es mir nicht falsch deuten, wenn ich vielleicht manchmal gläsern sein werde, wo es mir gar nicht gläsern zu Mute ist, etwa wie damals, als ich nach Hertha rief!

Genug, der Amerikaner kommt!! Wie es bis zum 17.22 mit dem Schreiben wird, weiß ich nicht. Daß ich mich auf diesen Tag freue, weißt du auf alle Fälle.

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Brief des Dortmunder Pfarrers R. Homann vom 22.7.1926 aus seinen Ferien in Radolfzell/Bodensee an Barth (KBA 9326.306). Der Brief beginnt mit den Worten: «Ich muß mich heute eines besonderen und ‹geheimen› Auftrages entledigen, den mir eine Reihe Ihrer Freunde in der Schweiz aufgetragen haben. Wie Sie selbstverständlich wissen werden, besteht die Absicht, Sie in Bälde nach Bern als Nachfolger von Lüdemann zu berufen.» (Vgl. zu R. Homann auch oben S. 44, Anm. 3) – In der Tat wurde ein Jahr später die Wiederbesetzung der Dogmatik-Professur in Bern akut, nachdem Hermann Lüdemann (1842–1933), der im September 1927 sein 85. Lebensjahr vollendete, seinen Rücktritt eingereicht hatte. Siehe dazu auch Bw.Th. II, S. 261–263.512–517 📖. – Zur 1927 erfolgten Berufung Barths an die Universität Bern vgl. unten S. 76, Anm. 1.↩
2
Spätere Fassung: Pr.Th., S. 570-597 📖.↩
3
Siehe oben S. 40, Anm. 4.↩
4
Siehe oben S. 56, Anm. 8.↩
5
Henry Strong Huntington. Vgl. oben S. 60, Anm. 2.↩
6
Fragebogen «For Students in Professor Barth’s Class»: «What have you got from Professor Barth, i. e. what revelation? – What for life? – Do Professor Barth’s views make you feel less need of working for the social good of your fellow men than before? […]» (KBA 9326.359).↩
7
Hertha Zwitzers, die schon früher Barth porträtiert hatte. Im Karl Barth-Archiv befindet sich eine Porträtzeichnung Barths mit der handschriftlichen Notiz «Steindruck Hertha Zwitzers 1923».↩
8
Eckige Klammern im Original.↩
9
Wolfgang Trillhaas (1903–1995), empfing den Anstoß zum Theologiestudium durch Barths «Römerbrief». Er studierte 1924/25 bei Barth in Göttingen und beteiligte sich intensiv an dessen «Offenen Abenden». 1926-1928 Stadtvikar in Regensburg, ab 1928 Pfarrer in Erlangen und 1937-1945 als Privatdozent Lehrstuhlvertretung für Praktische Theologie in Erlangen, ab 1946 o. Professor für Praktische Theologie und 1954-1972 o. Professor für Systematische Theologie in Göttingen. – Zu der Beziehung zwischen Barth und Trillhaas s. W. Trillhaas, Aufgehobene Vergangenheit. Aus meinem Leben, Göttingen 1976, bes. S. 91-103 📖; ders., Perspektiven und Gestalten des neuzeitlichen Christentums, Göttingen 1975, bes. S. 171-184 📖.↩
10
Nach Darstellung Barths befand sich D. Fr. Strauß (vgl. oben S. 55, Anm. 3), da er «selber mit seinem Unglauben dauernd so kokettiert» habe, «von rechtswegen» in einer Hölle, die aber «vielmehr eine Art ‹Gartenlaube› […] gewesen sein möchte» (Pr.Th., S. 496f. 📖), in die er «sich zuletzt geflüchtet hat, und in der er wohl im Grunde am intimsten zu Hause war» (S. 514). Die Schmähungen, die dann Nietzsche hinsichtlich dieser «Gartenlaube» ausgesprochen habe, seien aber nicht «das Letzte, was darüber zu sagen ist». Strauß habe nämlich gegenüber Nietzsche, der «dem greulichen Wagner restlos erlegen war», mit seinem Bekenntnis zu Mozart «in dieser Hinsicht das bessere Teil erwählt» (ebd.).↩
11
Vgl. K. Barth, Ludwig Feuerbach. Mit einem polemischen Nachwort. Fragment aus einer im Sommersemester 1926 zu Münster i. W. gehaltenen Vorlesung über «Geschichte der protestantischen Theologie seit Schleiermacher», in: ZZ, Jg. 5 (1927), S. 11-40 📖; wieder abgedruckt (ohne Nachwort) in: Th.u.K., S. 212-239 📖; vgl. auch die spätere Fassung: Pr.Th., S. 484-489 📖. – Die Szene bezieht sich auf die von Feuerbach selbst scherzhaft so genannte «pneumatische Wasserheilkunde», mit deren Hilfe Feuerbach die Theologie zu kurieren meinte; s. K. Barth, Ludwig Feuerbach, in: Th. u. K., S. 214f.218; vgl. L. Feuerbach, Das Wesen des Christentums, Kritische Ausgabe, hrsg. von K. Quenzel, Leipzig o. J. (1904), S. 45 📖: «Ich setze in der Tat und Wahrheit an die Stelle des unfruchtbaren Taufwassers die Wohltat des wirklichen Wassers.»↩
12
Bei W. Stählin finden sich um das Jahr 1926 Anklänge an die Rede vom «strömenden Leben» z. B. in W. Stählin, Ecce homo, Augsburg 1926 📖. So kommentiert er Joh. 15: «Sein Leben strömt in ihrem Leben, sein Wesen nährt und heiligt ihr Wesen.» (S. 51) Zu 1.Joh. 5,12 schreibt er ebd.: «Er ist ein neues Lebenszentrum, gleich einer Quelle, in der Ströme ihren Ursprung nehmen. Von seinem Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.»↩
13
Paul Fricke (1896–1961, 1926 Lic. theol., 1927 Hilfsprediger in Münster, ab 1930 Vikar, ab 1932 Pfarrer in Berlin). Er schrieb für die 2. Auflage des Handwörterbuchs Die Religion in Geschichte und Gegenwart u. a. die Artikel zu Karl, Peter und Heinrich Barth (RGG2 I, Sp. 777f. 📖) und den Artikel «Dialektische Theologie» (RGG2 I, Sp. 1909-1914) (vgl. dazu Bw.Th. II, S. 450, Anm. 1 📖). Die Zulassung kam nicht zustande.↩
14
Ottokar («Otto») Fricke (1902–1955) war der andere Schüler. Seit 1926 Hilfspfarrer in Kassel, 1927-1934 Pfarrer in Frankfurt-Bockenheim, ab 1929 auch im Nebenamt Hochschulpfarrer in Frankfurt/M. (vgl. Bw.Th. II, S. 599, Anm. 1 📖).↩
15
Hermann Zeltner (1903–1975), 1922-1929 Studium der Theologie, Philosophie und Musikwissenschaft in München, Erlangen, Tübingen, Göttingen und Münster, 1930 Dr. phil. in Göttingen, 1936-1949 Bibliotheksdienste, ab 1950 Dozent, ab 1961 apl. Professor für Philosophie in Erlangen.↩
16
Johannes Smemo erbat in seinem Brief vom 22.7.1926 (KBA 9326.309) die Erlaubnis zu einem Besuch bei Barth. Vgl. die drei in der Bibliographie Karl Barth, Bd. 2, angegebenen Artikel: Nr. 18125-18127 📖.↩
17
Frits Kuiper bezieht sich in seinem Brief vom 26.7.1926 (KBA 9326.316) auf den Besuch bei Barth. Vgl. die fünf in der Bibliographie Karl Barth, Bd. 2, angegebenen Artikel: Nr. 14831-14835 📖.↩
18
Siehe oben S. 60, Anm. 4.↩
19
Vermutlich Jeannette Gross, geb. Becker, eine Münchner Freundin von Kirschbaums (s. unten S. 68, Anm. 1). Die Briefe sind nicht erhalten.↩
20
Schlafmittel, das bereits nach kurzer Zeit eine starke körperliche und psychische Abhängigkeit hervorrufen kann.↩
21
Eckige Klammern im Original.↩
22
Von Kirschbaums erwartete Ankunft auf dem Bergli, die ursprünglich für den 15.8.1926 vorgesehen war (s. oben S. 50, Anm. 7).↩