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Nun ist die letzte Vorlesung gehalten, und mein Erstes soll sein, dir einen Gruß
zu schicken, den letzten von hier aus. Heute nachmittag |62
ist nochmals Seminar und abends Fakultätssitzung und morgen früh noch ein Lic.-Examen; dann ist ganz Schluß.
Das Semester ging schmerzloser vorüber in Bezug auf die Arbeit, als ich
befürchtet hat[te]; es war mein zehntes, und so bin ich nun schon fünf Jahre
preußischer Professor gewesen. Aus dem beiliegenden Brief siehst du, daß von der
Schweiz aus an dieser meiner Eigenschaft gerüttelt wird, merkwürdigerweise durch
die Vermittlung unseres gemeinsamen Freundes in Dortmund!!1
Was soll das? Ich habe geantwortet: es müßten sehr gewichtige
Kräfte ins Spiel kommen, um mich von hier weg zu bringen. Ach Lollo, seit du auf
der Bildfläche bist, bin ich wirklich mit dem Herzen in Deutschland. – Mit den
Vorlesungen, deren Rest ich dir hier schicke, rate ich es folgendermaßen zu
halten: du liesest jetzt in Krefeld nur noch diese drei letzten Paragraphen über
Vilmar, Kohlbrügge und Blumhardt2, die leichter und
zugleich wichtiger sind als das Vorangehende. Dann schickst du
Alles, was du noch hast, an G. Merz aufs Bergli, tunlichst rechtzeitig vor dem 10. August, wo er
wieder abreisen soll, damit er noch Zeit hat, es zu lesen und mit mir zu
besprechen. Dann bleibt Alles dort und wartet auf dich, und wenn du kommst und
nichts Besseres zu tun und zu lesen hast, liesest du das noch Fehlende. Ich lege
dir ferner die Druckbogen meines Amsterdamer
Vortrags bei3, die du behalten
kannst; es ist nur ein Doppel. Ferner, wenn du’s haben willst, mein Bild von Amsterdam4 – denn das andere
ewig lächelnde von Göttingen dir zu bestellen, kann ich mich nicht
entschließen; ich komme mir zu dumm vor darauf.|
63 Denk, neulich bin ich auch von einer jungen Dame hier regelrecht gezeichnet
worden in mehrstündiger Sitzung, d. h. ich hatte nichts zu tun, als wie gewohnt
etwas zu lesen und meine Pfeife zu rauchen, und das alles sieht man nun in großem Format ziemlich
realistisch und getreu, wie Alle sagen. Dieses Ereignis hängt zusammen mit – -
dem Amerikaner5, der jener Karte ungeachtet mich mit weiteren Briefen
bestürmte und schließlich mit großem Gefolge: ein Sekretär, eine Sekretärin, ein
Übersetzer, selber hier erschien, im ersten Hotel hier abstieg und mich bis
heute belagert, richtig belagert, Lollo, mit einem mächtigen Notizblock unter
dem Arm, in dem Alles, aber auch Alles eingetragen wird, was irgendwie mich
betrifft: also z. B. sämtliche Bilder, die nicht nur in meinem Studierzimmer,
sondern auch im Eßzimmer an den Wänden hängen. Ich sah wörtlich: «auf dem Tisch
das Bild seiner Frau, Religion in Geschichte und Gegenwart» (der Titel des
Lexikons, das vor mir steht!!). Lollo, wenn das typisch für
Amerika ist, so ist es einfach
zum Heulen. Denk, er
kam hieher und wußte überhaupt nichts von mir, als daß ich ein
«großer Prophet» sei, und nun
schnappt er einfach auf, Großes und Kleines, direkt und indirekt!! Aus dem
hektographierten Zeddel6 siehst du, daß er mich auch indirekt studiert.
Ich habe im Zorn die Studenten gestern aufgefordert, ihn in einen Brunnen zu werfen. Das
Beste ist, daß die Frau Zwitzers7 60
Mark verdient mit dem Bild von
mir, und ich glaube, wenn ich einem armen Studenten einen alten Hut von mir als
Verkaufsobjekt schenken würde, so würde auch das möglich sein. Wir sind alle
starr. Aber heute um 11 Uhr kommt er schon wieder. Man könnte wirklich
an Allem irre werden bei diesem Schauspiel!
Am Dienstag abend war der letzte Offene Abend, das ganze Haus voll [auch der Amerikaner saß in
einer Ecke mit seinem Schreibblock!]8, und es wurde die übliche Aufführung gemacht
unter Leitung |64 des von Regensburg auf eine Woche hieher
gekommenen Wolfgang Trillhaas9, eines meiner liebsten bayrischen
Schüler, der dabei – – mich selber sehr natürlich spielte. Auch Schmitz und Stählin betraten die «Bühne» (d. h. die Türe
zwischen Eß- und Wohnzimmer!), und das Ganze spielte in der Hölle als
Gartenlaube (du wirst dich von Strauß her erinnern, was das
bedeutet).10
«Feuerbach»11 war die eigentliche Hauptrolle
mit zwei großen Gießkannen, deren Inhalt er fortwährend von der einen in die
andere goß, während «Schmitz»
und «Stählin» vom
«strömenden Leben»12 redeten.
65 In der Sitzung heute abend erwartet mich eine beträchtliche Sorge: ich muß einem
jungen Lic. Fricke13 (ich habe zwei eifrige Schüler dieses Namens14) dazu verhelfen, daß
er als Privatdozent zugelassen wird. Er verdient es wohl, aber ich weiß nicht,
ob sich die Fakultät diese Vermehrung meines Einflusses gefallen läßt. Es zeigen sich ohnehin
gewisse Anzeichen von Spannung: im Seminar von Wehrung, wo gewisse von meinen Beflissensten auch
teilnehmen, ist es zu schweren Diskussionen und fast zu einer kleinen
Skandalszene gekommen, weil Einer, ein Schweizer natürlich, in nicht
gutzuheißender Weise geradezu unhöflich wurde gegen Wehrung. Das kommt natürlich alles auf meine
Kappe. Ein Anderer brachte mir eine Arbeit, die von entrüsteten Randbemerkungen
von Wehrung wimmelte, die
indirekt alle ein bißchen mich treffen. Und dabei ist Wehrung ein sehr gutmütiger
Mensch, aber es kocht irgendwie in ihm.|
Gestern abend war Fakultätsabend: Professoren mit Frauen, Studenten,
Studentinnen ein bißchen fragwürdig um Teetische gruppiert. Ansprache des Dekans, schöne
alte Chorlieder (von Zeltner15 aus Nürnberg, der uns damals abholte, dirigiert), zwei
Hans Sachs-Spiele. Liebe Lollo,
es ist so unnatürlich, daß du nicht auch dabei bist bei dem allem, Tag für Tag.
Ein norwegischer Pastor16 ist auch auf dem Plan |66 gewesen
in den letzten Tagen, vor acht Tagen ein holländischer Mennonitenprediger17, beides sehr tüchtige, ernsthafte Leute, vor zwei
oder drei Wochen ein dänischer Pastor (der Verfasser jenes Artikels18) mit Frau und
Tochter. Es ist ein fortwährendes Aus und Ein bei uns, manchmal wie in einem
Taubenschlag. Nur ich weiß, wie sehr Alles auf des
Messers Schneide steht, wo zwischen Sinn und Unsinn die Grenze ist. Es ist so
nahe beieinander. Da würde ich dir so oft gerne in die Augen sehen und mich
verstanden wissen in meiner ganzen Hilflosigkeit und doch auch wieder
Freudigkeit. – –
Die Briefe deiner Freundin19 haben uns auch sehr bewegt (ich habe sie Nelly vorgelesen).
Ja, was soll man dazu sagen? Was du dazu gesagt hast, ist wohl sicher das Beste.
Noch vor einem Jahr würde ich die chaotische Verfassung, die aus den Briefen
spricht, bei allem Verstehenwollen sehr von außen betrachtet und
wohl auch irgendwie beurteilt haben. Jetzt kann ich nur noch mittragen in Gedanken an
all den Rätseln, vor denen auch diese Menschen stehen. [Aber, nicht wahr, da
siehst du u. A. auch das, daß es nicht ratsam ist, solche Mediziner zu heiraten, die nachher Medinal (oder wie das Ding heißt)
konsumieren20
und – statt einer ehrlichen Pfeife! – Zigaretten rauchen. Insofern betrachte ich die Sache also doch von
außen.]21
Du siehst, daß ich schon Ferien
habe, sonst könnte ich ja unmöglich so ausführlich mit dir plaudern. Wie möchte
ich dir nun Trost und Mut zusprechen, du Armes, das noch so lange Wochen
aushalten muß! Während wir bereits auf dem Bergli in Liegestühlen, auf Pferden und Fahrrädern
das Leben genießen werden. Ich bin ja etwas gespannt, wie Alles werden wird, da
nun eben Alle dort davon wissen. Mit Eduard Thurneysen habe ich mich auch noch nicht ausgesprochen. Was
soll ich auch sagen? Zu rechtfertigen ist nichts. Gebe Gott, |67 daß eine Sphäre von Klarheit und Ruhe entsteht, in der
kein Ärgernis ausbrechen kann. Wir werden uns sehr zusammennehmen
müssen, liebe Lollo, und du wirst es mir nicht falsch deuten, wenn ich
vielleicht manchmal gläsern sein werde, wo es mir gar nicht gläsern zu Mute ist,
etwa wie damals, als ich nach Hertha
rief!
Genug, der Amerikaner kommt!! Wie es bis zum 17.22 mit dem Schreiben
wird, weiß ich nicht. Daß ich mich auf diesen Tag freue, weißt du auf alle
Fälle.