Brief Nr. 36 · 23. Juli 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Hier bekommst du weitere drei Theologen1, einer seltsamer als der andere. Nun stehen nur noch drei bevor, die ich dir dann vor unserer Abreise schicke. Dazu allerhand Beilagen. Beachte besonders den Amerikaner und wie schön ich ihn heimgeschickt habe!2 Was gibt es doch für un-mögliche Leute in der Welt. Daß du die holländische Predigt3 Wort für Wort verstanden hast, ist ja ein wahres kleines Pfingstwunder. Ich lege dir darum gleich auch etwas Dänisches4 bei, |61 staunend über deine Gaben und Fähigkeiten! O Lollo, wie schlimm, daß du dir (und mir!) diesen halben Monat August in Krefeld verordnet hast! Nun reisen wir am 31., allen Betrieb hinter uns lassend, mit dem Sonderzug der Schweiz zu, und du mußt noch so lange in der rheinländischen Sommerhitze und bei deiner schweren Arbeit aushalten. Wirklich, meine richtigen Ferien werden erst anfangen, wenn du auch zur Stelle bist. Wieviele Pfund magst du unterdessen wieder abgenommen haben. Liebe Lollo, du mußt mir versprechen, diesen Winter bis und mit Frühjahr trotz Allem und Allem ruhig bei deiner Mutter in München zuzubringen5, alle Morgen erst um 9 Uhr aufzustehen, viel Fleisch und Eier zu essen etc. etc., um diese Krefelder Strapaze wieder gut zu machen. So geht es ja nicht. Ich bin sehr in Sorge um dich, wenn ich denke, wie schlecht du aussahst in Düsseldorf. – Ich bin eben im Begriff, ins Seminar zu gehen. Es häuft sich noch viel diese Woche. Dazu nehme ich noch fort und fort ein paar Reitstunden – zur Vorbereitung auf das Bergli. Letzten Montag abend 8-10 Uhr bin ich mit einer ganzen Gesellschaft weit durchs Münsterland geritten, weithin gesprengt wie die wilde Jagd! Morgen früh 7 Uhr geht’s wieder los. Es ist eigentlich toll, daß ich mir das leiste, aber es hat viel für sich.

Ich schreibe dir nächste Woche noch einmal. Wie viel wäre zu schreiben. Dein kleines Bild ist immer irgendwie in meiner Nähe, ich habe es neben dem größeren auch sehr gerne. Aber das Beste wird sein, dich selbst bald wieder zu sehen. – – –

Dein
Karl

Sachfußnoten

1
Die Paragraphen über Rothe, Hofmann und Beck (spätere Fassung: Pr.Th., S. 544-569 📖).↩
2
Henry Strong Huntington aus Scarsdale (N. Y.), ein Contributing Editor von «The Christian Century», hatte während einer Europa-Reise Barth am 15.7.1926 aus Luzern mitgeteilt, daß er im Sommer eine Artikelserie über die «six major living prophets of Europe» schreiben wolle; auch Barth stehe auf seiner Liste «as the leader of the great new theological movement in Germany»; darum hoffe er, Barth noch im Juli sehen zu können. Auf einer Karte, deren Text er sich auf Huntingtons Schreiben notierte, antwortete ihm Barth, daß er «weder ein großer noch ein kleiner Prophet» sei, «wie es denn Propheten meines Wissens heute weder in Europa noch sonst wo gibt, so daß ich Ihnen zur Ergänzung Ihrer Liste nicht dienlich sein kann» (KBA 9326.296). Weitere Briefe von Huntington folgten am 23., 24. und 27.7.1926 (KBA 9326.311, KBA 9326.313 und KBA 9326.320), s. dazu unten, S. 63. Anscheinend sind die geplanten Artikel nicht erschienen.↩
3
Siehe oben S. 56f., Anm. 9.↩
4
Harald Wellejus, Omkring Karl Barth, in: Kirke og Folk, Jg. 2 (1926), S. 143-148 📖. Vgl. dazu Offene Briefe 1909-1935, S. 106–109 📖.↩
5
Siehe oben S. 58, Anm. 2.↩