Brief Nr. 35 · 13. Juli 1926

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Krefeld

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Liebe Lollo!

Hier bekommst du den versprochenen neuen Lesestoff.1 Ferner – – ein Gedicht, das gestern mitten in der Arbeit über mich gekommen ist. Es muß sehr schlimm mit mir stehen, daß ich jetzt auch noch anfange, Verse zu machen wie ein Unmündiger. Bitte behalte sie gänzlich für dich und erwähne sie in der Antwort nicht. Ich bin froh, wenn du sie nicht geradezu kitschig findest. Der Sonntag schloß für mich mit einer großen Irrfahrt auf dem komplizierten westfälischen Eisenbahnnetz, von der ich erst 2¼ Uhr glücklich heimkam. Im übrigen will ich über diesen Tag keine Worte mehr machen. Es ist Alles so, wie es ist. Aber ich bin besorgt um dich, wie du diese fünf Wochen aushalten wirst – – und überhaupt: Nein, du mußt das Opfer bringen und den ganzen Winter ruhig bei deiner Mutter bleiben.2 Es geht nicht anders. Sehr bedrückt mich auch das Dilemma, daß du entweder dem Verband3 richtig beitreten und dann noch mehr ausgenützt werden oder für später ohne Versorgung dastehen sollst. Was soll da werden? – Ich habe eben an Georg geschrieben4: neben Geschäftlichem auch einige Worte der Erklärung oder vielmehr Nicht-Erklärung über mich und das Rätsel, vor dem ich stehe. Von dir habe ich geschwiegen. Ach Lollo, was ist auch das – daß das an sich so Sonnenklare und tief Notwendige, was zwischen uns ist, nun immer und überall nach außen eine Sache der Verlegenheit und des Ärgernisses sein muß? Noch wollte ich dir sagen, daß ich so froh bin, dieses Bild von dir zu haben. Ich finde es immer mehr über die Maßen gut und lebendig.

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Genug für heute. Morgen müssen wir an eine Einladung gehen. Nachher werde ich wieder einmal – – reiten, zur Übung auf das Bergli. Ich bin an Richard Rothe.5 Auf dem Bergli werde ich dir dann von Vielen der Besprochenen auch die Bildnisse zeigen. Sie erläutern Vieles.

Es grüßt Dich
Dein
Karl

12.7.1926

Ein strahlend Meer von unabsehbar vielen Stunden.
So hat uns in der Morgenfrühe unser Tag gefunden.
Die Stunden kamen, gingen, jede trug in streng verschloßner Hülle
Das, des wir warteten, das, was wir meinten, rasch vorbei in höchster Fülle.
Die Stunden kamen, gingen, hohe, friedlich wie des Meeres Fluten – –
Auf einmal waren’s Stunden nicht mehr, nur noch eine Stunde, nur Minuten,
Sekunden nur noch, bis auch diese unerbittlich schwanden
Und wir aufs neue reich, aufs neue arm am Abend unsres Tages standen.
So ist es doch wohl nicht das Meer, doch nur ein flüchtger Fluß gewesen?
So scheint’s. Doch möcht ich dennoch bessern, ernstern Sinn hier lesen:
Es irrt uns nicht der Fluß in seinem unbarmherzigen Gleiten,
Es ist die Zeit kein Trug, kein Traum nur von Vergänglichkeiten:
Er will zum Meer, es zeigt das Meer sein Fließen froh und unverdrossen,
Es ist die Ewigkeit, die in der Zeit so herb und streng verschlossen.
So soll der Abend unsres Tags mit seinem Schmerz uns binden,
Verbinden dankbar in der Sehnsucht: seine Ewigkeit zu finden,
Den Sonnenaufgang ohne Trennung, ohne Sonnenuntergehen,
60Den Reichtum ohne Armut, Gnade über Bitten und Verstehen.6
Es soll uns unser Tag, der ging, vom Tag, der nur noch kommt, die Kunde sagen
Und unterdessen Hilfe sein, uns zu bescheiden und zu tragen.

Sachfußnoten

1
Vermutlich die Paragraphen über Strauß, Schweizer, Dorner und Müller aus der Vorlesung zur «Geschichte der protestantischen Theologie seit Schleiermacher» (spätere Fassung: s. oben S. 55, Anm. 3, Pr.Th., S. 516-543 📖).↩
2
Nach Beendigung ihrer Tätigkeit als Rotkreuzschwester in Krefeld am 17. August 1926 und dem gemeinsamen Bergli-Aufenthalt hielt sich von Kirschbaum bis zum Frühjahr 1927 zumeist bei ihrer Mutter in München auf.↩
3
«Schwesternverband des Bayerischen Landesvereins vom Roten Kreuz»; s. oben S. 4, Anm. 9.↩
4
Brief an G. Merz nicht erhalten.↩
5
Spätere Fassung: Pr.Th., S. 544-552 📖.↩
6
Vgl. dazu Eph. 3,20 sowie die Zeilen des Liedes «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» (RG [1998] 797,7; EG 241,8) 🎵:
Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn;
du tust doch über Bitten und Verstehn.
↩