Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum
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[Münster , 28.12.1926]
Sieh, ich kam so meines Wegs gegangen,
Etwas müde, aber wunschlos unbefangen,
Litt ein bißchen, doch nicht an zu schweren Wunden,
Hatte mich geruhig damit abgefunden,
Dachte mir, es müsse wohl so sein,
Daß man letztlich, letztlich sei - allein.
Sieh, dann kamest du desselben Wegs gegangen,
Frei auch du von Vorsatz und Verlangen,
Hattest still in deiner Jugend Tagen
An des Lebens Last dein Teil getragen,
Warst gedankenvoll bei deiner Pflicht,
Warst in Not und kanntest sie doch nicht.
Und dann war es wie ein freudig-leidvoll Segnen,
Daß wir zwei uns mußten dort begegnen;
Konnten uns nicht in die Augen schauen
Ohne siegreich gründlich offenes Vertrauen.
Wußten, sagten wir’s einander? Nein!
Dennoch: Keines war nun mehr allein.
Und dann ist es über uns hereingebrochen,
Schuldvoll, freudvoll, leidvoll ward es ausgesprochen,
Größte Klarheit, höchster Jubel, tiefster Kummer
Gibt uns Ruhe nun und raubt uns Ruh und Schlummer.
Tut’s dir weh? Mir ist’s so leid - verzeih es mir!
Aber, Liebste, hör auch das: ich danke dir!
28.XII.26