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Ich bin all die Tage ganz stramm bei der Arbeit. Viel, viel wird noch in die
Scheunen eingeführt, aber ich sehe auch auf allen Seiten neue unermeßliche
Felder, die erst zu mähen wären, und erwäge oft fast verzweifelt den Gedanken,
ob ich nicht besser täte, den ganzen Sommer nur zur Ansammlung weiteren «Stoffes» aus all den
Jahrhunderten zu verwenden.1 Ich habe so
schrecklich viel noch nicht gelesen, das «man» gelesen haben müßte, wenn man
eine Dogmatik schreiben will.
Zu ärgerlich, daß ich erst vor einem Jahr diese zuverlässige
Sammel- und Registriermethode2 entdeckt habe. Was ich bis jetzt erreicht habe, |78 ist wirklich nur wie ein Inselchen im Meer dessen, was
mir entgeht. Ich habe mich augenblicklich im Blick auf Emden
3 ein wenig auf «Sakramente»4 eingestellt, komme dabei vom
Hundertsten aufs Tausendste und sehe auf Schritt und Tritt, was für Gänge da
anzutreten wären nach allen Seiten, wenn ich als ein richtig gewappneter
«Gelehrter» auftreten wollen könnte. Mach dich nur gefaßt darauf, mich oft und
oft über diese schrecklichen Lücken seufzen zu hören. Aber ich freue mich doch
so, mich mit dir einzuarbeiten. Es wird sich für dich, wenn es so geht, wie ich
es meine, wirklich in der Hauptsache nicht um mechanische, sondern um
«Intelligenzaufgaben» handeln, und ich wollte so gerne, du könntest dann mit
Freude dabei sein und wir könnten mit dem gewissen Fanatismus zusammen arbeiten,
ohne den etwas Anständiges auf keinem Gebiet zustande kommt. Weißt, ich stelle
es mir auch so schön vor, wenn dann auch unsere Liebe auf einmal auf einen so festen Boden
oder Hintergrund kommt, Sachlichkeit und Substanz bekommt … so viel, daß man
das Unvernünftige der ganzen Lage vielleicht weithin ein wenig vergessen darf.
Aber wir wollen uns nicht im Voraus Lorbeeren spenden. Vorläufig sehe ich ja
einfach mit größter Besorgnis dem Berg von Arbeit entgegen, der da wartet. Wenn du zur
Vorbereitung etwas tun willst, so sieh vielleicht ein wenig in «unseren» 1. Band
von 1927
📖5 hinein, damit du gut im |79 Bilde bist
über das, was bisher gespielt wurde. Vielleicht gebe ich dir dann als Erstes den
ganzen Pack von Rezensionen6 zum nochmaligen Durchlesen und Feststellen der
wichtigsten oder fragwürdigsten Punkte. Damit die Fortsetzung einigermaßen mit
dem Stand der Diskussion übereinstimmt. Und dann mußt du dir eine genaue
Übersicht über meine Stichwörter7
verschaffen, um zu sehen, nach was ich beim Lesen frage. Und dann dich an Luthers Predigten8 ein wenig
versuchen. Und dann eine Vorlektüre meines Vorlesungsmanuskriptes von
1927/289 anfangen und fragliche Punkte notieren.|
Schau, wie viele «dann» ich schon für dich in Bereitschaft habe. … Ach du, und
du brauchst bei dem allem wirklich zu allerletzt zu befürchten, daß
ich nicht auch schlechterdings («Du und ich»)10
für dich zu haben sein werde!! Ich habe ja vielmehr die umgekehrte Angst, das
«Du» der «Sekretärin»
könnte mich so interessieren, daß ich Mühe haben werde, mich zu sammeln. O wir
werden dann11
so streng sein! «Auto-Garage» läßt sich freilich nicht vermeiden,
denn da ist be|80kanntlich auch das Törli, aber gar nicht «Kino-Seite».12 Oder doch auch das? Manchmal vielleicht auch das. Ach
meine Lollo, es wird so schön sein, und wie ich mich freue, das
kann ich dir gar nicht sagen. Denk, denk, nun bist du mit der Frauenschule13 fertig, und nun
ist unser lang erwarteter Sommer 1929 in solcher Nähe! Heute
hat ja schon der Frühling angefangen. Wenn es richtig Frühling
wird, dann sind wir schon beieinander. Gelt, meine Schüler sollen jetzt nicht alle nach Zürich
kommen? (Es fahren mehrere von hier nach dort und nun auch noch H. E. Heß14! Gelt,
das haben «wir» weniger gerne, wir möchten jetzt ganz unbeachtet sein!) Wie gut,
daß schon wieder acht Tage um sind von dieser Trennungszeit.15 Geht’s dir auch so, daß man sich trotz
ihrer Kürze und trotz der Nähe des schönen langen Som|81mers
eigentlich ganz gleich schmerzlich sehnt wie sonst? Sag, was
ist auch das, daß wir jetzt fast nicht mehr ohne
einander sein können? Daß man von weitem so aneinander zieht? Und
nirgends mehr wohl ist als eben beim Anderen, u. zw. so nahe als möglich beim
Anderen? Ich habe doch nie gewußt, daß es so etwas geben könne.
Gestern ist meine Mutter wieder
weggefahren. Ohne Gespräch mit mir. Sie hat von Nelly den Plan mit
der «Sekretärin» erfahren,
scheint aber nicht viel dazu gesagt zu haben außer ein paar entsetzten Ausrufen, die denen
deiner
Mutter sehr ähnlich geklungen haben mögen. Denk, die Mansarde ist in
vollem Bau und wird auf Ostern fertig sein.16
Nelly hatte
wieder ein paar bekümmertere Tage. Weißt, es geht bei ihr eben auch bergauf und -ab. Es wird dann
wohl später mein Schicksal und meine verdiente Strafe sein, daß ich nicht selten
zwischen zwei nach verschiedenen Seiten «ausbrechenden» Frauen stehen werde
und links und rechts hilflose Begütigungsversuche machen muß. Vielleicht müssen
und können wir dann aber doch noch manchmal ein wenig lachen über Alles.
Lollokind, heute hat es sich also entschieden, was du für eine Note
hast. Ob du
mir’s gleich schreibst? Ach, es ist ja auch wieder so egal. Aber es wird doch
ein ganz besonderes Fest geben, wenn’s ein Einser ist (ich erwarte es eigentlich
bestimmt!). Du bist doch so klug, Lollo. Ob du auch wieder bei Georgs warst? Weißt du, «durch Alkohol lustig»solltest du eigentlich nur werden, wenn ich
dabei bin, denn … ich mag dich auch dann besonders gern. (Weißt
du noch, wie du im Ratskeller in Wernigerode17 den
Ring aus der Tasche zogst und durchaus gewogen sein wolltest?!) Bitte verzweifle
nicht an den versprochenen 100 Mark. Du bekommst sie, sobald ich das nächste Mal
selber zur Stadt gehe. Brauchen kannst du sie sicher, für den Arzt, oder für
schöne neue Sommer-HH18, oder was du willst. Ach du, weißt
du |82 eigentlich, wie gut du mir gefällst,
einfach gefällst?! Du bist einfach der Gegenstand meiner
herzlichsten Freude, und das nun bald seit vier Jahren. Liebste
Lollo, wenn ich jetzt bei dir wäre oder wenn du jetzt
hier wärest …? Ach nein, ich will nicht anfangen. Es war so schön in Augsburg und in Ingolstadt.19 «Du weißt schon, was ich meine»20, könnte ich jetzt auch sagen, aber wieder
ein bißchen anders gewendet. Wir wissen beide, wie wir’s meinen, und sind ganz,
ganz nahe beieinander. Liebste!