Brief Nr. 47 · 21. März 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

Ich bin all die Tage ganz stramm bei der Arbeit. Viel, viel wird noch in die Scheunen eingeführt, aber ich sehe auch auf allen Seiten neue unermeßliche Felder, die erst zu mähen wären, und erwäge oft fast verzweifelt den Gedanken, ob ich nicht besser täte, den ganzen Sommer nur zur Ansammlung weiteren «Stoffes» aus all den Jahrhunderten zu verwenden.1 Ich habe so schrecklich viel noch nicht gelesen, das «man» gelesen haben müßte, wenn man eine Dogmatik schreiben will. Zu ärgerlich, daß ich erst vor einem Jahr diese zuverlässige Sammel- und Registriermethode2 entdeckt habe. Was ich bis jetzt erreicht habe, |78 ist wirklich nur wie ein Inselchen im Meer dessen, was mir entgeht. Ich habe mich augenblicklich im Blick auf Emden 3 ein wenig auf «Sakramente»4 eingestellt, komme dabei vom Hundertsten aufs Tausendste und sehe auf Schritt und Tritt, was für Gänge da anzutreten wären nach allen Seiten, wenn ich als ein richtig gewappneter «Gelehrter» auftreten wollen könnte. Mach dich nur gefaßt darauf, mich oft und oft über diese schrecklichen Lücken seufzen zu hören. Aber ich freue mich doch so, mich mit dir einzuarbeiten. Es wird sich für dich, wenn es so geht, wie ich es meine, wirklich in der Hauptsache nicht um mechanische, sondern um «Intelligenzaufgaben» handeln, und ich wollte so gerne, du könntest dann mit Freude dabei sein und wir könnten mit dem gewissen Fanatismus zusammen arbeiten, ohne den etwas Anständiges auf keinem Gebiet zustande kommt. Weißt, ich stelle es mir auch so schön vor, wenn dann auch unsere Liebe auf einmal auf einen so festen Boden oder Hintergrund kommt, Sachlichkeit und Substanz bekommt … so viel, daß man das Unvernünftige der ganzen Lage vielleicht weithin ein wenig vergessen darf. Aber wir wollen uns nicht im Voraus Lorbeeren spenden. Vorläufig sehe ich ja einfach mit größter Besorgnis dem Berg von Arbeit entgegen, der da wartet. Wenn du zur Vorbereitung etwas tun willst, so sieh vielleicht ein wenig in «unseren» 1. Band von 1927 📖5 hinein, damit du gut im |79 Bilde bist über das, was bisher gespielt wurde. Vielleicht gebe ich dir dann als Erstes den ganzen Pack von Rezensionen6 zum nochmaligen Durchlesen und Feststellen der wichtigsten oder fragwürdigsten Punkte. Damit die Fortsetzung einigermaßen mit dem Stand der Diskussion übereinstimmt. Und dann mußt du dir eine genaue Übersicht über meine Stichwörter7 verschaffen, um zu sehen, nach was ich beim Lesen frage. Und dann dich an Luthers Predigten8 ein wenig versuchen. Und dann eine Vorlektüre meines Vorlesungsmanuskriptes von 1927/289 anfangen und fragliche Punkte notieren.|

Schau, wie viele «dann» ich schon für dich in Bereitschaft habe. … Ach du, und du brauchst bei dem allem wirklich zu allerletzt zu befürchten, daß ich nicht auch schlechterdings («Du und ich»)10 für dich zu haben sein werde!! Ich habe ja vielmehr die umgekehrte Angst, das «Du» der «Sekretärin» könnte mich so interessieren, daß ich Mühe haben werde, mich zu sammeln. O wir werden dann11 so streng sein! «Auto-Garage» läßt sich freilich nicht vermeiden, denn da ist be|80kanntlich auch das Törli, aber gar nicht «Kino-Seite».12 Oder doch auch das? Manchmal vielleicht auch das. Ach meine Lollo, es wird so schön sein, und wie ich mich freue, das kann ich dir gar nicht sagen. Denk, denk, nun bist du mit der Frauenschule13 fertig, und nun ist unser lang erwarteter Sommer 1929 in solcher Nähe! Heute hat ja schon der Frühling angefangen. Wenn es richtig Frühling wird, dann sind wir schon beieinander. Gelt, meine Schüler sollen jetzt nicht alle nach Zürich kommen? (Es fahren mehrere von hier nach dort und nun auch noch H. E. Heß14! Gelt, das haben «wir» weniger gerne, wir möchten jetzt ganz unbeachtet sein!) Wie gut, daß schon wieder acht Tage um sind von dieser Trennungszeit.15 Geht’s dir auch so, daß man sich trotz ihrer Kürze und trotz der Nähe des schönen langen Som|81mers eigentlich ganz gleich schmerzlich sehnt wie sonst? Sag, was ist auch das, daß wir jetzt fast nicht mehr ohne einander sein können? Daß man von weitem so aneinander zieht? Und nirgends mehr wohl ist als eben beim Anderen, u. zw. so nahe als möglich beim Anderen? Ich habe doch nie gewußt, daß es so etwas geben könne.

Gestern ist meine Mutter wieder weggefahren. Ohne Gespräch mit mir. Sie hat von Nelly den Plan mit der «Sekretärin» erfahren, scheint aber nicht viel dazu gesagt zu haben außer ein paar entsetzten Ausrufen, die denen deiner Mutter sehr ähnlich geklungen haben mögen. Denk, die Mansarde ist in vollem Bau und wird auf Ostern fertig sein.16 Nelly hatte wieder ein paar bekümmertere Tage. Weißt, es geht bei ihr eben auch bergauf und -­ab. Es wird dann wohl später mein Schicksal und meine verdiente Strafe sein, daß ich nicht selten zwischen zwei nach verschiedenen Seiten «ausbrechenden» Frauen stehen werde und links und rechts hilflose Begütigungsversuche machen muß. Vielleicht müssen und können wir dann aber doch noch manchmal ein wenig lachen über Alles.

Lollokind, heute hat es sich also entschieden, was du für eine Note hast. Ob du mir’s gleich schreibst? Ach, es ist ja auch wieder so egal. Aber es wird doch ein ganz besonderes Fest geben, wenn’s ein Einser ist (ich erwarte es eigentlich bestimmt!). Du bist doch so klug, Lollo. Ob du auch wieder bei Georgs warst? Weißt du, «durch Alkohol lustig»solltest du eigentlich nur werden, wenn ich dabei bin, denn … ich mag dich auch dann besonders gern. (Weißt du noch, wie du im Ratskeller in Wernigerode17 den Ring aus der Tasche zogst und durchaus gewogen sein wolltest?!) Bitte verzweifle nicht an den versprochenen 100 Mark. Du bekommst sie, sobald ich das nächste Mal selber zur Stadt gehe. Brauchen kannst du sie sicher, für den Arzt, oder für schöne neue Sommer-HH18, oder was du willst. Ach du, weißt du |82 eigentlich, wie gut du mir gefällst, einfach gefällst?! Du bist einfach der Gegenstand meiner herzlichsten Freude, und das nun bald seit vier Jahren. Liebste Lollo, wenn ich jetzt bei dir wäre oder wenn du jetzt hier wärest …? Ach nein, ich will nicht anfangen. Es war so schön in Augsburg und in Ingolstadt.19 «Du weißt schon, was ich meine»20, könnte ich jetzt auch sagen, aber wieder ein bißchen anders gewendet. Wir wissen beide, wie wir’s meinen, und sind ganz, ganz nahe beieinander. Liebste!

Dein
K. 21

Sachfußnoten

1
Am 14.1.1928 hatte Barth beim Preußischen Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung für den Sommer 1929 ein Freisemester beantragt, um die weitere Publikation seiner 1927 im 1. Band erschienenen «Christlichen Dogmatik» 📖 vorzubereiten. Das Gesuch wurde ihm umgehend genehmigt, da Barth kurz zuvor einen Ruf nach Bern abgelehnt hatte. Das Freisemester wollte Barth mit von Kirschbaum auf dem Bergli zubringen, um dort die Vorlesungsmanuskripte aus dem Sommersemester 1927 und dem Wintersemester 1927/28 für die Drucklegung als Bände II und III der Christlichen Dogmatik zu bearbeiten. Doch kurz vor Antritt des Freisemesters entschloß sich Barth, die fünf Monate nicht für die abschließende Redaktion der Dogmatikbände, sondern zu ausgedehnter Lektüre zu verwenden (vgl. CD, S. XIII-XV, Neuser, S. 18 📖, und unten S. 85, Anm. 2).↩
2
Dabei handelt es sich um eine Kartei, in der Barth für die geplante Fortsetzung seiner Dogmatik Zitate aus der theologischen Literatur – seit 1928 unter Mithilfe seiner Studenten und seit Sommer 1929 auch von Kirschbaums – sammelte, später oft «Zeddelkasten» genannt. Vgl. das Schreiben Barths vom 17.9.1929 an W. Loew: «Ich arbeite seit 1½ Jahren mit einem großen Kartenkasten, aus dem all die schönen Verweisungen stammen, die du gewiß auch schon an meinen Werken bewundert hast, und wollte nur, ich hätte schon 20 Jahre früher so angefangen.» (KBA 9229.161; vgl. Bw.Br. S. 193, Anm. 2 📖).↩
3
In Emden fand vom 2.-4.4.1929 ein theologischer Ferienkurs statt, der von der evangelisch-reformierten Landeskirche der Provinz Hannover veranstaltet wurde (s. den Bericht von U. Smidt, Zum theologischen Ferienkurs in Emden, in: RKZ, Jg. 79 [1929], S. 123-125 📖).↩
4
Der in Emden (und dann in Bern, Pratteln bei Basel und Horgen bei Zürich) gehaltene Vortrag von K. Barth, Die Lehre von den Sakramenten, in: ZZ, Jg. 7 (1929), S. 427-460 📖; wieder abgedruckt in: V.u.kl.A. 1925-1930, S. 393–441 📖.↩
5
Im Sommer 1927 hatte von Kirschbaum gemeinsam mit der Familie Barth die Ferien in Nöschenrode bei Wernigerode/Harz verbracht. Barth diktierte ihr dort das für die Drucklegung überarbeitete Manuskript seiner Vorlesung vom Wintersemester 1926/27 «Prolegomena zur Dogmatik» in die Schreibmaschine. Der Band erschien Ende 1927 unter dem Titel Die christliche Dogmatik im Entwurf, Erster Band: Die Lehre vom Worte Gottes. Prolegomena zur christlichen Dogmatik, München 1927 📖 (zu der ursprünglich geplanten Vervollständigung des Werkes durch zwei weitere Bände s. oben Anm. 1).↩
6
D. h. über den 1. Band der «Christlichen Dogmatik» 📖.↩
7
Unter 21 Hauptgesichtspunkten zusammengefaßte Stichworte, die maschinenschriftlich mit handschriftlichen Ergänzungen als Heft vorliegen (KBA 19001).↩
8
Unter dem Datum vom 15.4.1929 ist im Taschenkalender von Kirschbaums von Barth eingetragen: «Lollo lernt Latein», durch von Kirschbaum fortgeführt: «liest Lutherpredigten.» (vgl. KD I/1, S. 49f.53.71f.92.98.100f. 📖 u. ö.; Bw.Th. II, S. 660 📖).↩
9
D. h. des zweiten und dritten Teils der Dogmatik in der zweiten, Münsteraner Fassung (vgl. Unterricht II, S. IX 📖).↩
10
Eine Anspielung auf die damals neue, im Kreise der «dialektischen Theologie» viel diskutierte «Du und Ich»-Theologie Fr. Gogartens. Vgl. Fr. Gogarten, Gemeinschaft oder Gemeinde? in: ders., Von Glauben und Offenbarung, Jena 1923, S. 63-83, dort S. 76 📖: Erst dem Denken, dem «das Ich aus seiner herrschenden Stellung gewichen» ist, ist Gott «wirklich nur Du. Und damit ist die harte, schroffe, unerbittliche Gegensätzlichkeit zwischen Gott und Mensch gesetzt, die zwischen Ich und Du gesetzt ist.» Barth relativiert die Bedeutung dieser «Du und Ich»-Dialektik ohne Namensnennung in seiner «Christlichen Dogmatik» (1927), S. 404 📖 (CD, S. 524 📖).↩
11
Während des bevorstehenden gemeinsamen Aufenthalts auf dem Bergli (s. für nähere Zeitangaben unten S. 93, Anm. 3).↩
12
Für ein vom Ehepaar Pestalozzi im Jahre 1927 angeschafftes Auto wurde etwas oberhalb des Sommerhauses auf dem «Bergli» eine Garage in einem kleinen Holzhaus erbaut. Über dieser Garage befanden sich zwei Räume, die später «Törli» genannt wurden: ein Raum mit Blick zu einem großen Birnbaum (daher später auch «Birnbaumstube» genannt) sowie ein Raum mit Blick nach Zürich, hier von Barth offensichtlich als «Kino-Seite» bezeichnet, weil der Ausblick nach Zürich gelegentlich zu einem dortigen Kinobesuch einladen konnte. Diese zwei Räume stellte das Ehepaar Pestalozzi besonders der Arbeit von Barth und von Kirschbaum zur Verfügung.↩
13
Von Kirschbaum besuchte als «Schülerin Nr. 19» vom 28.4.1927 bis zum 21.3.1929 die «Soziale Frauenschule München» in der Von-der-Tannstraße 2 (s. Jahresberichte, Schulamt, Stadtarchiv München, Archiv-Nr. 3515). Am 13.3.1929 trug von Kirschbaum in ihren Taschenkalender ein: «Abends ­Prüfungsschluß». Zum Konzept der am 15.10.1919 eröffneten Schule vgl. M. Hege, Die Soziale Frauenschule der Stadt München. Zur Geschichte der Professionalisierung geistiger und praktischer Mütterlichkeit, Augsburg 1999 📖.↩
14
Hans-Erich Heß (1904–1982), von 1930-1950 Pfarrer in Sinn (Dillkreis), von 1950-1969 Oberkirchenrat in Darmstadt. Im Vorwort zur 2. Auflage von «Die Auferstehung der Toten» wird Heß als «meinem Göttinger und nunmehr Münsterer Zuhörer» für die Übersetzung der «fremdsprachlichen Brocken» gedankt (K. Barth, Die Auferstehung der Toten. Eine akademische Vorlesung über 1.Kor. 15, München 19262, S. IV 📖), im Vorwort zur CD 📖 für «die Herstellung des Registers und andere Beihilfe bei der Drucklegung» (S. X bzw. S. 9). Heß erwog, sich für den Sommer 1929 vom Kirchendienst beurlauben zu lassen und zu Studien für eine Calvin-Arbeit nach Zürich zu gehen (Postkarte an Barth vom 19.3.1929 [KBA 9329.151]).↩
15
Am 13.3.1929 hatten sich Barth und von Kirschbaum das letzte Mal gesehen, s. unten. Anm. 19 ↩
16
Am 1.1.1929 hatten Barth und von Kirschbaum den Entschluß gefaßt, daß von Kirschbaum in das Haus Barths einziehen solle (vgl. unten S. 98, Anm. 2, und S. 453, Anm. 26). Offensichtlich bezieht sich der Ausbau der Mansarde im Hause Barths auf diesen Entschluß.↩
17
Siehe oben S. 78, Anm. 5.↩
18
Eine Eintragung aus späterer Zeit im Taschenkalender von Kirschbaums kann die Vermutung stützen, daß «Sommer-HH» «Sommer-Hüte» bedeutet: «Lili an Bahn gebracht, vorher Hut (Hüte!) gekauft -» (21.4.1934).↩
19
Am 9. und 10.3.1929 waren Barth und von Kirschbaum zusammen in Augsburg und am 12. und 13.3. in Ingolstadt.↩
20
Die gemeinsame Redewendung, auf die Barth hier anspielt, könnte aus der Erinnerung an Th. Fontane, Stechlin, 5. Kapitel 📖, entstanden sein.↩
21
Neben diesem Schlußgruß weist ein Pfeil in die linke untere Ecke des Blattes, die freilich leer ist.↩