Brief Nr. 48 · 22. März 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

Ich hatte ja bestimmt mit dem Einser gerechnet, aber angesichts dieses Einsers bin ich einfach sprachlos.1 Du bist … ja was bist du? Eine, wie ich ja längst wußte, aber wie nun öffentlich und amtlich beglaubigt ist, zehnfach «hervorragende» Lollo. Nein, nein, das ist eben wahr, der Graphologe2 hat es ja auch gesagt, und es ist einfach so, und du darfst nun wirklich nie mehr «sterben» wollen. Wirklich zu |83 allem Anderen habe ich jetzt auch noch so etwas wie scheuen Respekt vor dir, denn wann hätte ich ein solches Zeugnis mir erworben? Gelt, es ist das beste von der Klasse? und deine «besinnliche Art» ist nun glänzend gerechtfertigt vor der der törichten Schulmädchen! Nein, was bin ich stolz und froh. Aber wie ein Stein will es mir nun aufs Herz fallen, ob ich eine zur Wohlfahrtspflegerin so geeignete Persönlichkeit wirklich für meine Arbeit in Anspruch nehmen darf. Ist’s nicht ein Unrecht an dir und vielleicht doch auch an dieser Sache, in der du offenbar Größtes leisten würdest? Wir müssen es nun von dieser Seite noch einmal allen Ernstes überlegen, weil ich mich einfach allen Ernstes gefragt fühle, ob ich mit meinem Ansinnen nicht im Begriff stehe, in ganz unmöglicher Weise in dein Leben einzugreifen. Gelt, ich kann das Zeugnis noch etwas behalten, um es heute abend feierlich den Kindern vorzulesen und auch um mich selbst weiter an dieser Säule von «hervorragend» zu erbauen. Wenn du es nicht vorher brauchst, bringe ich es aufs Bergli mit, denn das müssen Rudi und Gerty auch sehen und Eduard und alle, alle!! Und du würdest es doch nicht mitbringen, so wie ich dich kenne. Du liebe kluge, fleißige, nein, nein: irgendwie geniale Lollo, wäre ich doch dort oder du hier, damit wir dieses Ereignis zusammen feiern könnten. Gelt, du wirst nun so bald nicht wieder griesgrämig sein … sonst muß ich wahrlich annehmen, daß ich die Ursache bin und mich aus deinem Leben entfernen sollte, damit du wieder froh werden könntest. Liebste Lollo, so ein glänzendes Zeugnis! Und unter so schwierigen Bedingungen erworben: diese zwei Jahre3 und diese letzten vier Wochen. Nein, ich bin einfach ganz benommen!! Kannst du mich wirklich noch lieb haben von einer solchen Höhe herunter? Weißt du, daß ich mir auf einmal ganz blöd und faul vorkomme neben dir?

Rasch noch einen seltsamen Traum, den ich jüngst träumte: Wir, du und ich, seien auf einmal zwei Hasen gewesen und ich hätte einen Wettlauf zwischen uns vorgeschlagen. Wir seien davongerannt über weite Felder und Hügel, wie es eben Hasen tun. Ich sei bald im Vorsprung gewesen und sei in unbändiger Lust gerannt und gerannt (ich |84 hörte deutlich das regelmäßige Aufschlagen meiner vier Füße!!), endlich habe ich auf einer Höhe halt gemacht und sei mit einem Gefühl von 1. Sehnsucht, 2. Sorge, 3. irgendwie Reue gewahr geworden, daß du mir nicht gefolgt und auch auf den sichtbar hinter mir liegenden Wegen noch nirgends sichtbar gewesen seist. – Was mag das bedeuten? Da du auch in Psychologie «hervorragend» bist, mußt du es doch wissen. Du liebe Häsin! (Du warst auch im Traum deutlich eine Häsin!)

Genug für heute. Ich habe so Freude! Und ich habe dich so lieb!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Das vom Vorsitzenden der Prüfungskommission, Dr. Geiger, gezeichnete Zeugnis der «Sozialen Frauenschule München» für von Kirschbaum (s. Schulbetrieb 1921/55, Schulamt, Stadtarchiv München, Archiv-Nr. 3521) enthält die «Gesamtnote 1».↩
2
Nach Erklärung von Fr. Zellweger-Barth hatte R. Pestalozzi 1923 u. a. durch den Graphologen Max Pulver die Handschriften seiner Freunde Barth, Merz und Thurneysen analysieren lassen (vgl. Bw.Th. II, S. 215, Anm. 6 📖). Möglicherweise ließ er später auch die Handschrift von Kirschbaums analysieren.↩
3
Der Eintritt von Kirschbaums in die «Soziale Frauenschule München» erfolgte am 28.4.1927, der Austritt am 21.3.1929 (s. Jahresberichte 1927/28, S. 21, und 1928/29, S. 9, in: Schulamt, Stadtarchiv München, Archiv-Nr. 3515).↩