Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München
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So lange weiß ich nichts mehr von dir, und schon so lange habe ich selbst dir
nicht mehr geschrieben. Das Letztere kommt davon her, daß ich nun schon wieder
unter Pression stehe wegen
der nahenden
Emdener
Vorträge1. Ich habe eine Unmenge
gelesen und exzerpiert in all diesen Tagen und bin noch dabei, um meinen
Ausführungen über die Sakramente
und über die Taufe im Besonderen einen
richtigen Hintergrund zu geben. Hoffentlich bedeutet dein langes Schweigen seit
jener siegreichen Meldung deines Zeugnisses nichts Schlimmes bezüglich deiner
Gesundheit oder anderer Möglichkeiten. Gelt, wie rückt «es» nun schon wieder mit
jedem Tag ein bißchen näher. Wie freue ich mich! Und nun denk, was
ich dir mitzuteilen habe. Ich bin zu einer grundstürzenden, aber wahrhaft
befreienden Einsicht gekommen: daß es doch ein Unsinn sei, diesen ersehnten und
wahrscheinlich in dieser Weise bis zu meiner Emeritierung einzigen Urlaub dazu
zu verwenden, Bücher zu schreiben, wo ich doch so dringend das
Bedürfnis habe, zu lesen, aufzunehmen und zu lernen. Lollo, wir wollen die Dogmatik um ein Jahr verschieben, d.
h. im Sommer 1930 gleich|85zeitig mit meiner Vorlesung über
Dogmatik I den ersten und im Winter 1930/31 den
zweiten Band2 zusammen
schreiben3, jetzt aber, für diesen vor uns
liegenden Sommer uns mit aller Macht dem Studium
widmen. Ich habe mich
eben mit größtem Interesse in
Ach kleine
Das ist ja erstaunlich, daß ich die Sache von
Viel wichtiger ist ja wirklich deine Zukunft. Die Arbeiter, die in diesen Tagen das Haus unsicher machen - «dein» Zimmer8 wird neu gestrichen, bekommt eine rosa Tapete und einen zweiten Lichtanschluß -, erinnern mich ja beständig daran, und wie du aus jener Veränderung meines Arbeitsprogramms siehst, rechne ich schon auf Jahre hinaus mit deiner Mitarbeit.[*] Weißt du, die Sache mit dem «Raum finden» in meiner Arbeit, die mir ja wirklich auch sehr am Herzen liegt (ich kann aber daran wirklich nur ohne Sorge denken!) können wir ja nun diesen Sommer einfach erproben. Es wird sich ja zeigen, ob die9 Art Arbeit, wie ich sie mir abgesehen vom rein Technischen und Verwaltungsmäßigen (Korrespondenz inbegriffen!) gedacht habe: das für mich Lesen alter und neuer Dinge, das Berichterstatten darüber, das «anregende Reden» über Alles, das ich von dir erwarte, für dich so befriedigend sein wird wie für mich sicher. Vielleicht ist es ganz nützlich, wenn wir diese Zeit nun eben nicht zum Produzieren, sondern nebeneinander zum Aufnehmen verwenden.|
87Weißt du, um nun darauf zurückzukommen, ich glaube eigentlich nicht, daß du
diesmal Recht hast wegen der «Samenkörner». Ich habe wirklich,
seit ich Professor bin, den brennenden Wunsch, mehr zu wissen um
die historischen Zusammenhänge der Dinge, von denen ich beständig reden und
schreiben muß. Natürlich nicht wegen des Wissens an sich, aber wegen des Wissens
um die vorhandenen Fragen und Antworten. Ich habe eben wieder an
Weißt, wenn mich je im Juli oder August doch noch die Freudigkeit überkommen sollte, mit Dogmatik I doch schon anzufangen, dann haben wir ja alle Freiheit, es zu tun. Aber es ist mir eine wahre Last vom Herzen, seit ich mir neulich eines Abends sagte, daß es ja nirgends geschrieben stehe, daß das nun sein müsse. Gelt, du hältst mich nun nicht für launenhaft. Die Sache brütete wirklich schon lange in mir und ist nun nur zum Ausbruch gekommen. Schreib mir doch bald wieder. Ich bringe dann eine lateinische Grammatik etc. mit und du eine englische, und daraus unterrichten wir uns dann zu gewissen Tagesstunden abwechselnd. Sollte das nicht sehr schön werden?! Es wird sich dann sicher vor Allem zeigen, wie viel klüger du bist als ich.
Daß es nötig wird, Englisch zu lernen, siehst du aus beiliegendem Telegramm14. Ich habe heute geantwortet: «travel
impossible regretting
89Heute morgen habe ich dir endlich die 100 Mark geschickt. Hoffentlich kriegst du sie noch an die Oettingen-Straße.15 Ich habe mir auch die Zähne in Ordnung [bringen] und die Haare schneiden lassen. Nun kann der Sommer 1929 derentwegen getrost kommen. Ach du, Menschlein, wie freut man sich! Du dich auch? Denkst du daran, daß wir in drei Wochen schon ganz fröhlich beieinander sind?! Heute vor 14 Tagen um diese Zeit saßen wir etwas betrübt in jenem Café, und du hattest eben sterben wollen.16 Aber am Abend warst du dann, den Kopf unterm Arm, doch in der Bahn.
Was ist jetzt nun das wieder mit dem «zweiten Gesicht» …? und natürlich: «ich
erzähl dir dann einmal». Ich sag jetzt nichts mehr, du bist darin
unverbesserlich. Weil du überhaupt unübertrefflich bist! Nein, es gibt kein so
liebes Menschlein mehr wie du
[*] Gelt, du gehst dann nicht wieder weg von mir, wenn du 35 bist? Diese Aussicht hat mich fast traurig gemacht!