Brief Nr. 49 · 26. März 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

So lange weiß ich nichts mehr von dir, und schon so lange habe ich selbst dir nicht mehr geschrieben. Das Letztere kommt davon her, daß ich nun schon wieder unter Pression stehe wegen der nahenden Emdener Vorträge1. Ich habe eine Unmenge gelesen und exzerpiert in all diesen Tagen und bin noch dabei, um meinen Ausführungen über die Sakramente und über die Taufe im Besonderen einen richtigen Hintergrund zu geben. Hoffentlich bedeutet dein langes Schweigen seit jener siegreichen Meldung deines Zeugnisses nichts Schlimmes bezüglich deiner Gesundheit oder anderer Möglichkeiten. Gelt, wie rückt «es» nun schon wieder mit jedem Tag ein bißchen näher. Wie freue ich mich! Und nun denk, was ich dir mitzuteilen habe. Ich bin zu einer grundstürzenden, aber wahrhaft befreienden Einsicht gekommen: daß es doch ein Unsinn sei, diesen ersehnten und wahrscheinlich in dieser Weise bis zu meiner Emeritierung einzigen Urlaub dazu zu verwenden, Bücher zu schreiben, wo ich doch so dringend das Bedürfnis habe, zu lesen, aufzunehmen und zu lernen. Lollo, wir wollen die Dogmatik um ein Jahr verschieben, d. h. im Sommer 1930 gleich|85zeitig mit meiner Vorlesung über Dogmatik I den ersten und im Winter 1930/31 den zweiten Band2 zusammen schreiben3, jetzt aber, für diesen vor uns liegenden Sommer uns mit aller Macht dem Studium widmen. Ich habe mich eben mit größtem Interesse in Augustin hineinzulesen begonnen. Ferner möchte ich Tertullian ganz kennen lernen. Ferner habe ich ja doch Thomas im Grunde immer noch erst angelesen. Ferner sollten etwa zwei bis drei orthodoxe Dogmatiker des 16. und 17. Jahrhunderts genau eingesehen werden. Ferner ist bei Calvin und bei Luther Vieles nachzuholen bzw. systematisch auszuschöpfen, ferner … ja, es ist wirklich noch mehr!! Und dann ist ja auch Englisch zu lernen allen Ernstes notwendig, und jemand Anderes muß Lateinlernen.4 Sag mal, magst und willst du mit diesem veränderten Programm auch dabei sein?! Daß du unbeschäftigt sein müßtest, brauchst du wirklich nicht zu befürchten. Ich würde für dich einen ganzen Stoß deutsche Schriften von Luther mitbringen, eventuell auch Neueres, und dann hättest du eben Latein zu lernen, was für später [Da kommt Ella5: «die Post!» und bringt deinen Brief! Liebste, er ist so lieb und macht mich so froh. Dank! nun schreib ich doppelt so gern weiter!]6 doch sehr wünschenswert wäre. … Aber ich will nun gleich deinen Brief beantworten und dabei im Zusammenhang auf Alles kommen.

Ach kleine Lollo! ich wäre doch wirklich nicht enttäuscht gewesen, wenn es ein Zweier gewesen wäre. Nein, nein! Dann wäre es eben so gewesen. Aber nun ist’s eben so, und warum sollte ich mich nicht darüber freuen. Das mit dem Zufall ist nix, Lollo, es ist doch ganz klar, |86 daß du eben eine kluge, energische kleine Person bist, die nichts halb macht, nicht einmal eine solche miese [?] Frauenschule, und ich sehe gar nicht ein, weshalb es sich lohnen sollte, daran zu deuteln und zu mäkeln. Nein, nein, dieses hundertfache «Hervorragend!» bleibt nun einfach stehen wie ein ehernes Denkmal. Es ist nun eben so und ist in der Ordnung so. Und das Zeugnis bleibt schon noch ein wenig bei mir und soll noch Etlicher Herzen erfreuen!

Das ist ja erstaunlich, daß ich die Sache von Althaus’ Ruf nach Halle7 durch dich erfahre, ich muß es in der Zeitung ganz übersehen haben. Ich glaube ja, daß er besser nach Norddeutschland paßt als nach Erlangen; aber wahrscheinlich wäre es ihm selbst besser, wenn er dort bliebe. An die Gründung einer «Althausschen Schule» glaube ich weder dort noch in Halle. Er ist klug und beweglich, aber zu wenig originell und energisch.

Viel wichtiger ist ja wirklich deine Zukunft. Die Arbeiter, die in diesen Tagen das Haus unsicher machen ­- «dein» Zimmer8 wird neu gestrichen, bekommt eine rosa Tapete und einen zweiten Lichtanschluß -, erinnern mich ja beständig daran, und wie du aus jener Veränderung meines Arbeitsprogramms siehst, rechne ich schon auf Jahre hinaus mit deiner Mitarbeit.[*] Weißt du, die Sache mit dem «Raum finden» in meiner Arbeit, die mir ja wirklich auch sehr am Herzen liegt (ich kann aber daran wirklich nur ohne Sorge denken!) können wir ja nun diesen Sommer einfach erproben. Es wird sich ja zeigen, ob die9 Art Arbeit, wie ich sie mir abgesehen vom rein Technischen und Verwaltungsmäßigen (Korrespondenz inbegriffen!) gedacht habe: das für mich Lesen alter und neuer Dinge, das Berichterstatten darüber, das «anregende Reden» über Alles, das ich von dir erwarte, für dich so befriedigend sein wird wie für mich sicher. Vielleicht ist es ganz nützlich, wenn wir diese Zeit nun eben nicht zum Produzieren, sondern nebeneinander zum Aufnehmen verwenden.|

87Weißt du, um nun darauf zurückzukommen, ich glaube eigentlich nicht, daß du diesmal Recht hast wegen der «Samenkörner». Ich habe wirklich, seit ich Professor bin, den brennenden Wunsch, mehr zu wissen um die historischen Zusammenhänge der Dinge, von denen ich beständig reden und schreiben muß. Natürlich nicht wegen des Wissens an sich, aber wegen des Wissens um die vorhandenen Fragen und Antworten. Ich habe eben wieder an Kutter10 gesehen, wie mißlich es ist, wenn schließlich nur noch eine «Eindringlichkeit und Wucht» an sich auf dem Plane ist, ohne Beziehung und Zusammenhang. Dem möchte ich, solange ich noch jung genug dazu bin, soweit möglich entgehen, und darum möchte ich jetzt lieber studieren, lernen statt zu lehren. Das Letztere kann ich ja immer noch, fünf Monate Lernzeit kommen nicht wieder. Und weißt du, es gibt einem so eine merkwürdige Freiheit und vielleicht doch auch etwas von der theologischen Demut, die ich in München so schön gepredigt habe, wenn man Bescheid weiß. Dazu möchte ich jetzt vor Allem noch etwas «gelehrter» werden. Die Kritiker werden auch dann nicht schweigen, aber was gehen mich die an. Was mich bedrängt, ist das eigene Bewußtsein, möglicherweise Wichtiges zu übersehen, weil ich nicht genug kennen gelernt. Mir war diese Woche so wohl in meiner Haut wie noch ganz selten, nur weil ich endlich wieder einmal in dem ganzen rätselhaften Zusammenhang der Theologie lebte, statt stetsfort in meinen eigenen theologischen Gedanken. Ach liebste Lollo, gelt, du verstehst mich ein bißchen und begleitest mich auch um diese Ecke? Schau, ich denke es mir so schön, mich nun im Törli wie ein Schwamm zu füllen mit allen jenen Dingen (daneben übrigens auch meinen Zeddelkasten11 zu füllen, es mögen jetzt schon bei 1300 Karten sein, ein guter Schatz für alles Zukünftige! – Du mußt dich dann in die Geheimnisse dieses Kastens tief einleben – wenn er dir nur nie zum Ekel wird!!) und dann mit dir zusammen ins Wintersemester mit Dekanat usf. einzurücken12. Weißt, die Leute können sicher gut noch ein Jahr länger |88 warten auf die Fortsetzung. Alle Vernünftigen werden sich ja sagen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn ich aus diesem Grund noch ein wenig warte. Ach du, sag’s doch auch und versteh mich. Ich bin ja nun sehr begierig auf deinen nächsten Brief. Denn wenn du nun keine Freude mehr hättest aufs Bergli, wie sollte ich sie13 dann haben? Aber freilich, das muß sich erst zeigen, ob es dich auch befriedigt, so mit mir zu arbeiten. Ich glaube, daß ich dir mündlich Alles noch viel besser erklären könnte, aber ich glaube eigentlich, du begreifst es auch so.

Weißt, wenn mich je im Juli oder August doch noch die Freudigkeit überkommen sollte, mit Dogmatik I doch schon anzufangen, dann haben wir ja alle Freiheit, es zu tun. Aber es ist mir eine wahre Last vom Herzen, seit ich mir neulich eines Abends sagte, daß es ja nirgends geschrieben stehe, daß das nun sein müsse. Gelt, du hältst mich nun nicht für launenhaft. Die Sache brütete wirklich schon lange in mir und ist nun nur zum Ausbruch gekommen. Schreib mir doch bald wieder. Ich bringe dann eine lateinische Grammatik etc. mit und du eine englische, und daraus unterrichten wir uns dann zu gewissen Tagesstunden abwechselnd. Sollte das nicht sehr schön werden?! Es wird sich dann sicher vor Allem zeigen, wie viel klüger du bist als ich.

Daß es nötig wird, Englisch zu lernen, siehst du aus beiliegendem Telegramm14. Ich habe heute geantwortet: «travel impossible regretting Barth». Gelt, wir wollen uns jetzt unseren Sommer 1929 von niemand, einfach von niemand nehmen lassen, nicht einmal von five hundred presidents and professors. Wir gehen dann einmal zusammen nach Amerika.

89Heute morgen habe ich dir endlich die 100 Mark geschickt. Hoffentlich kriegst du sie noch an die Oettingen-Straße.15 Ich habe mir auch die Zähne in Ordnung [bringen] und die Haare schneiden lassen. Nun kann der Sommer 1929 derentwegen getrost kommen. Ach du, Menschlein, wie freut man sich! Du dich auch? Denkst du daran, daß wir in drei Wochen schon ganz fröhlich beieinander sind?! Heute vor 14 Tagen um diese Zeit saßen wir etwas betrübt in jenem Café, und du hattest eben sterben wollen.16 Aber am Abend warst du dann, den Kopf unterm Arm, doch in der Bahn.

Was ist jetzt nun das wieder mit dem «zweiten Gesicht» …? und natürlich: «ich erzähl dir dann einmal». Ich sag jetzt nichts mehr, du bist darin unverbesserlich. Weil du überhaupt unübertrefflich bist! Nein, es gibt kein so liebes Menschlein mehr wie du Lollo, meine Lollo. Ich hab dich halt so lieb.

Dein
K.

[*] Gelt, du gehst dann nicht wieder weg von mir, wenn du 35 bist? Diese Aussicht hat mich fast traurig gemacht!

Sachfußnoten

1
Siehe oben S. 78, Anm. 3.↩
2
Es kam weder zu einer veränderten neuen Auflage des ersten noch zur Publikation des zweiten Bandes der «Christlichen Dogmatik»: Ende 1932 erschien statt dessen der erste Teilband der «Kirchlichen Dogmatik»; zur Begründung s. KD I/1, S. VI 📖 (vgl. oben S. 77, Anm. 1).↩
3
Von Kirschbaum war bei der Aufarbeitung von für die Dogmatik erforderlicher Literatur behilflich. Nach dem Diktat Barths fertigte sie auch das maschinenschriftliche Vorlesungsmanuskript an. Zu ihrer Mitarbeit gehörte wesentlich auch das im folgenden erwähnte «anregende Reden».↩
4
Auf dem Bergli begann Barth mit Hilfe von Kirschbaums Englisch zu lernen (vgl. Bw.Th. II, S. 66 📖) und sie mit Barths Hilfe Latein (s. oben S. 79, Anm. 8).↩
5
Ella Tute, verh. Kielhorn, Haushaltshilfe der Familie Barth.↩
6
Eckige Klammern im Original.↩
7
Paul Althaus (1888–1966) stammte aus einem hannoverschen lutherischen Theologenhaus. Seit 1925 o. Professor für Systematische Theologie in Erlangen, Präsident der Luthergesellschaft. Den im März 1929 ergangenen Ruf nach Halle (ThBl, Jg. 8 [1929], Sp. 96 📖) lehnte er ab.↩
8
Siehe dazu oben S. 81, Anm. 16.↩
9
Mskr.: «ob du an der»; Korrektur vom Hrsg.↩
10
Barth hatte Hermann Kutter (1869–1931) einige Wochen zuvor am 15.2.1929 in Münster erlebt mit dem Vortrag «Jesus Christus und wir», abgedruckt in: ZZ, Jg. 7 (1929), S. 397-426 📖.↩
11
Siehe oben S. 77f., Anm. 2.↩
12
Barth war auf das Wintersemester 1929/30 für ein Jahr zum Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät in Münster gewählt worden. Aufgrund seines Weggangs nach Bonn konnte er dieses Amt nur ein Semester lang ausüben.↩
13
Mskr.: «es», Korrektur vom Hrsg.↩
14
Telegramm an Barth vom 25.3.1929 aus New York (KBA 9329.159): «will you consider coming amerika under proper auspices this summer to meet five hundred college and university presidents and professors and many pastors liberal honorarium assured fuller particulars conveyed in person if coming possible answer by cable collect address bitecol new york wilbert white». Wilbert W. White, Präsident des «Biblical Seminary in New York», hatte schon zuvor in einem Brief vom 20.3.1929 (KBA 9329.152) Barth gebeten, falls er eine Amerika-Reise erwäge, es ihm zu überlassen, «to arrange for itinerary in this country».↩
15
Von Kirschbaum wohnte während der Zeit ihrer Ausbildung in der Münchner Frauenschule von 1927 bis 1929 laut der Eintragung im Münchner Melderegister bei Frau Karolina Osann in München in der Oettingenstr. 4a.↩
16
In Ingolstadt (s. oben S. 82, Anm. 19.).↩