Brief Nr. 50 · 5. April 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

Denk, ich habe eben seit mindestens zehn Tagen tatsächlich meine erste freie Stunde. Und da kommt schon dein Brief! Ja, ja, ich weiß schon, daß du gewartet hast und nun nochmals 24 Stunden umsonst warten mußt. Aber schau, ich war einfach die ganze Zeit wie ein Arbeiter am laufenden Band, hatte immer zu tun oder war von Menschen umgeben, vor denen ich mich nicht hinsetzen konnte, um dir zu |90 schreiben. Daß du annimmst, ich habe dich «ein bißchen vergessen», und daß du mich nun auch vergessen willst, ist ganz abscheulich! Wir müssen dann wahrscheinlich auch darüber reden!!|

Denk, es war so, daß ich vor acht Tagen und dann über Ostern, als ich an die Ausarbeitung meiner Vorträge heranging, gerade infolge der angesammelten Stoff-Fülle in eine wahre Not hineingeriet. In der Nacht von Montag-Dienstag kam ich erst um 3 Uhr zu Bett und mußte um 5 Uhr wieder aufstehen, um weiterzumachen. Ich glaube freilich, daß die Sache nun ziemlich ordentlich geworden ist, aber bis es auf dem Papier war, war es eine wüste Geschichte! Ich habe darum nicht über zwei Themata, sondern zweimal über dasselbe: die allgemeine Lehre von den Sakramenten gesprochen.1 Karl Lindt kam mit mir. In Emden traf ich Refer2 aus Bremen, Schumacher3 aus Uelsen, den Landessuperintendenten Hollweg4, Prof. Goeters5 aus Bonn, Prof. Haitjema und viele ehemalige Schüler, im Ganzen glaub ein gut disponiertes und folgendes Publikum. Auch die Diskussion verlief ohne Unglücksfälle. Am Mittwoch mittag sind wir wieder zurückgefahren. Im Coupé war eine gräßliche Ärztin mit 1. Bubikopf, 2. Monokel, 3. einem Kater namens «Klümpchen» in einem Korb, 4. unzähligen Zigaretten, 5. löste ununterbrochen Kreuzworträtsel, 6. redete unsäglichen Quatsch. Es gibt doch auch in der Frauenwelt ganz unmögliche Gestalten. Zu Hause angekommen mußte ich alsbald zwölf Klausurarbeiten korrigieren und mich in die antike Philosophie vertiefen … denn gestern vormittag und nachmittag hatte ich Philosophie zu prüfen, was ich dann glaub ganz «hervorragend» getan habe (bitte, ich möchte jetzt auch «hervorragend» sein!). Gestern abend (ich kam ¼ 8 nach Hause!) waren Rosenmöllers6 und Hasenkamps7 |91 bei uns, erstere von Rom zurück, und heute vormittag von 9­-1 Uhr hatte ich Symbolik und Dogmatik zu prüfen. Es hat nur ein Einziger (in der Philosophie!) bei mir eine 1 bekommen. Natürlich, das ist eben «hervorragend» und kommt nur selten vor. (Du weißt ja, daß deine Arbeit8 bei mir keine 1 bekommen hätte!! gelt, du denkst gelegentlich daran?)|

Und nun sind eben Kari und Trudi9 wieder weggefahren (nach Bremen zunächst). Ich konnte wenig mit und von ihnen haben, war immer im Schuß hierhin und dorthin. Heute abend kommen die siegreichen Kandidaten zu einem Glas Bier zu mir. Einer ist durchgefallen, bzw. man riet ihm mitten in der Aktion zum Rückzug, damit er nicht einen Durchfall riskiere. Nun habe ich gar keine öffentlichen Pflichten mehr bis zum Herbst und kann friedlich aufs Bergli – zu dir kommen.10 D. h. denk, ich habe die Vorladung wegen Hertha11 am 27. glatt verbummelt und werde nun vom Gericht heftig bedroht. Diese Geschichte muß ich noch in Ordnung bringen. Und meinen Sakramentsvortrag möchte ich noch ein bißchen kämmen. Du kannst Georg ankündigen, daß er ihn bekommt!12 Ich werde am Mittwoch reisen und dann die zweite Hälfte der Woche in Basel sein bei meiner Mutter. O wie gern wollte ich gleich weiterfahren, wenn ich dich schon dort treffen könnte!! Aber das würde keine freundliche Stim|92mung schaffen. Ich will also zusehen, daß ich dann auf Samstag abend (13.) bei dir bin. (Aber vielleicht muß ich auch noch den Sonntag zugeben.) Du weißt schon, daß ich komme, so schnell es nur geht. Aber ich konnte auch hier den Aufbruch nun nicht überstürzen nach diesen drangvollen Tagen, und so ist es auch mit Basel.|

Liebste Lollo, er kommt ja nun, er kommt, unser Bergli -Sommer! Freust du dich denn auch? Warum schreibst du mir nur gar nichts von Allem, was du in diesen acht Tagen erlebt hast? Gelt, du hast mich ein bißchen vergessen? Ach nein, ich weiß schon! Ach du, ich freue mich so auf dich. Ob du mich dann wohl abholst in Zürich? Bitte nicht vorher verunglücken beim Autofahren! Ich bin ja ein bißchen unglücklich beim Gedanken, daß ihr nun hier- und dorthin fahren werdet vorher und daß dann etwas passieren könnte. Es scheint ja doch neulich richtig wieder etwas passiert zu sein mit dem Auto!

Neben mir steht schon eine Kiste, die Bücher aufnehmen soll. Ich bringe nun eine ganze Menge mit und 1500 Karten!! Was werden wir fleißig sein! Aber doch auch sehr freundlich miteinander. Gelt, du hast das nicht im Ernst gesagt, was du einmal gesagt hast? Du weißt schon was.

Fränzeli und Matthisli sind mit Lindts gefahren. Sie dürfen zu Stoevesandts13 für 14 Tage. Von deiner Korrespondenz mit Nelly habe ich nun beiderseits nichts gesehen. Ob es wohl gut war? Am Montag abend werde ich noch einen Friedensbesuch bei Prof. Herrmann machen! Ich sehe nun schon Alle und Alles daraufhin an, daß «nachher» du ununterbrochen dabei bist.

Gelt, du bist jetzt nicht mehr traurig? Sondern hast wirklich Respekt vor der wichtigen Tätigkeit, in der ich mich eben zehn Tage lang befunden habe, hast mich aufrichtig lieb, freust dich auch ein bisserl und schreibst mir bald wieder. Aber bald, denn am Mittwoch früh fahre ich. Nachher Grenzacherstr. 118, Basel.14 Nachher Törli. Ach Lollo, liebe herzige kleine Lollo!

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Siehe dazu oben S. 78, Anm. 4.↩
2
Karl Refer (1883–1954), Pfarrer bei Bremen; schrieb mehrfach in «Zwischen den Zeiten».↩
3
Peter Schumacher (1878–1950), Pfarrer in Uelsen (Grafschaft Bentheim).↩
4
Walter Hollweg (1883–1974), Dr. theol. et phil., 1927-1951 Landessuperintendent der Evangelisch-reformierten Kirche in Nordwestdeutschland, zugleich 1939 Präsident des Landeskirchenrats in Aurich.↩
5
Wilhelm Goeters (1878 -1953), seit 1913 Professor für Kirchengeschichte in Bonn.↩
6
Bernhard Rosenmöller (1883–1974), Privatdozent für Religionsphilosophie in Münster, später Professor für Philosophie in Braunsberg und Breslau und Professor für Philosophie und Pädagogik in Münster und an der Pädagogischen Hochschule in Paderborn. Er gehörte zu den katholischen Teilnehmern eines in den Jahren 1928 und 1929 etwa alle ein bis zwei Monate zusammenkommenden Gesprächskreises, in dem mit Barth aktuelle theologische Fragen besprochen wurden (vgl. Neuser, S. 38f. 📖).↩
7
Gottfried Hasenkamp (1902–1990), Dr. phil., seit 1923 Tätigkeit im Münsterer Verlag Aschendorff, u. a. als Lektor, Mitbegründer und Verlagsleiter der Tageszeitung Westfälische Nachrichten sowie als Autor. Wegen seines christlichen Engagements von den Nationalsozialisten seiner Stellung enthoben.↩
8
«Charlotte v. Kirschbaum, Die Arbeitsverhältnisse der Schwesternschaft vom bayer. Roten Kreuz». So der Titel der Arbeit vom «Januar 1929» (41 S., Maschinenschrift; im Karl Barth-Archiv; vgl. oben S. 82, Anm. 1).↩
9
Karl und Gertrud Lindt hielten sich – nach Angabe der handschriftlichen Familienchronik Lindts – vom 2.-5.4.1929 in Münster auf.↩
10
Das für Barth beginnende Freisemester. Siehe dazu oben S. 77, Anm. 1.↩
11
Vermutlich zu einer Aussage im Rahmen der gerichtlichen Scheidung der Ehe von Hertha List.↩
12
D. h. den für den Druck in ZZ bestimmten Vortrag Barths Die Lehre von den Sakramenten (s. oben S. 78, Anm. 4).↩
13
Seit 1922 war Barth mit dem Ehepaar Karl und Dorothee Stoevesandt befreundet. – Karl Stoevesandt (1882–1977), Dr. med., Professor, D. theol. h. c., seit 1913 praktischer Arzt in Bremen, seit 1921 Lehrer am Sozialpädagogischen Seminar und an der Sozialen Frauenschule, 1934-1945 Vorsitzender des bremischen Bruderrates, 1935 Mitglied des Reichsbruderrates.↩
14
Wohnsitz von Barths Mutter und seinem Bruder Heinrich in Basel.↩