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Denk, ich habe eben seit mindestens zehn Tagen tatsächlich meine
erste freie Stunde. Und da kommt schon dein Brief! Ja, ja, ich
weiß schon, daß du gewartet hast und nun nochmals 24 Stunden umsonst warten
mußt. Aber schau, ich war einfach die ganze Zeit wie ein Arbeiter am laufenden
Band, hatte immer zu tun oder war von Menschen umgeben, vor denen ich mich nicht
hinsetzen konnte, um dir zu |90
schreiben. Daß du annimmst,
ich habe dich «ein bißchen vergessen», und daß du mich nun auch vergessen willst, ist ganz
abscheulich! Wir müssen dann wahrscheinlich auch darüber reden!!|
Denk, es war so, daß ich vor acht Tagen und dann über Ostern, als ich an die
Ausarbeitung meiner Vorträge heranging, gerade infolge der angesammelten Stoff-Fülle in eine
wahre Not hineingeriet. In der Nacht von Montag-Dienstag kam ich
erst um 3 Uhr zu Bett und mußte um 5 Uhr wieder aufstehen, um weiterzumachen.
Ich glaube freilich, daß die Sache nun ziemlich ordentlich geworden ist, aber
bis es auf dem Papier war, war es eine wüste Geschichte! Ich habe darum nicht
über zwei Themata, sondern zweimal über dasselbe: die allgemeine Lehre von den
Sakramenten
gesprochen.1 Karl Lindt kam mit mir. In
Emden traf ich Refer2 aus
Bremen, Schumacher3 aus Uelsen, den Landessuperintendenten Hollweg4, Prof. Goeters5 aus Bonn, Prof. Haitjema und
viele ehemalige Schüler, im Ganzen glaub ein gut disponiertes und folgendes
Publikum. Auch die Diskussion verlief ohne Unglücksfälle. Am Mittwoch mittag
sind wir wieder zurückgefahren. Im Coupé war eine gräßliche Ärztin
mit 1. Bubikopf, 2. Monokel, 3. einem
Kater namens «Klümpchen» in einem Korb, 4. unzähligen Zigaretten,
5. löste ununterbrochen Kreuzworträtsel, 6. redete
unsäglichen Quatsch. Es gibt doch auch in der Frauenwelt ganz unmögliche
Gestalten. Zu Hause angekommen mußte ich alsbald zwölf Klausurarbeiten
korrigieren und mich in die antike Philosophie vertiefen … denn gestern
vormittag und nachmittag hatte ich Philosophie zu prüfen, was ich dann glaub ganz «hervorragend»
getan habe (bitte, ich möchte jetzt auch «hervorragend» sein!). Gestern abend
(ich kam ¼ 8 nach Hause!) waren Rosenmöllers6 und Hasenkamps7
|91 bei uns, erstere von Rom zurück, und heute vormittag von
9-1 Uhr hatte ich Symbolik und Dogmatik zu prüfen. Es hat nur ein Einziger (in der
Philosophie!) bei mir eine 1 bekommen. Natürlich, das ist eben «hervorragend»
und kommt nur selten vor. (Du weißt ja, daß deine Arbeit8 bei
mir keine 1 bekommen hätte!! gelt, du denkst gelegentlich
daran?)|
Und nun sind eben Kari
und Trudi9 wieder weggefahren (nach Bremen zunächst). Ich konnte wenig mit und von ihnen haben, war
immer im Schuß hierhin und dorthin. Heute abend kommen die siegreichen
Kandidaten zu einem Glas Bier zu mir.
Einer ist durchgefallen, bzw. man riet ihm mitten in der Aktion zum Rückzug,
damit er nicht einen Durchfall riskiere. Nun habe ich gar keine öffentlichen
Pflichten mehr bis zum Herbst und kann friedlich aufs Bergli – zu dir kommen.10 D. h. denk, ich habe
die Vorladung wegen Hertha11
am 27. glatt verbummelt und werde nun vom Gericht heftig bedroht. Diese
Geschichte muß ich noch in Ordnung bringen. Und meinen Sakramentsvortrag
möchte ich noch ein bißchen kämmen. Du kannst Georg ankündigen, daß er ihn bekommt!12 Ich werde am Mittwoch
reisen und dann die zweite Hälfte der Woche in Basel sein bei meiner Mutter. O wie gern wollte
ich gleich weiterfahren, wenn ich dich schon dort treffen könnte!! Aber das
würde keine freundliche Stim|92mung schaffen. Ich will also
zusehen, daß ich dann auf Samstag abend (13.) bei dir bin. (Aber
vielleicht muß ich auch noch den Sonntag zugeben.) Du weißt schon, daß ich
komme, so schnell es nur geht. Aber ich konnte auch hier den
Aufbruch nun nicht überstürzen nach diesen drangvollen Tagen, und so ist es auch
mit Basel.|
Liebste Lollo, er kommt ja nun, er kommt, unser Bergli
-Sommer! Freust du dich denn
auch? Warum schreibst du mir nur gar nichts von Allem, was du in
diesen acht Tagen erlebt hast? Gelt, du hast mich ein
bißchen vergessen?
Ach nein, ich weiß schon! Ach du, ich freue mich so auf dich. Ob du mich dann
wohl abholst in Zürich? Bitte nicht vorher verunglücken beim Autofahren! Ich bin ja ein
bißchen unglücklich beim Gedanken, daß ihr nun hier- und dorthin fahren werdet
vorher und daß dann etwas passieren könnte. Es scheint ja doch neulich richtig
wieder etwas passiert zu sein mit dem Auto!
Neben mir steht schon eine Kiste, die Bücher aufnehmen soll. Ich bringe nun eine
ganze Menge mit und 1500 Karten!! Was werden wir fleißig sein! Aber
doch auch sehr freundlich miteinander. Gelt, du hast das nicht im
Ernst gesagt, was du einmal gesagt hast? Du weißt schon was.
Fränzeli und Matthisli sind mit Lindts gefahren. Sie dürfen zu Stoevesandts13 für 14 Tage. Von deiner Korrespondenz mit
Nelly habe
ich nun beiderseits nichts gesehen. Ob es wohl gut war? Am Montag abend werde
ich noch einen Friedensbesuch bei Prof. Herrmann machen! Ich sehe nun schon Alle und
Alles daraufhin an, daß «nachher» du ununterbrochen
dabei bist.
Gelt, du bist jetzt nicht mehr traurig? Sondern hast wirklich
Respekt vor der wichtigen Tätigkeit, in der ich mich eben zehn Tage lang
befunden habe, hast mich aufrichtig lieb, freust dich
auch ein bisserl und schreibst mir bald wieder.
Aber bald, denn am Mittwoch früh fahre ich. Nachher Grenzacherstr. 118,
Basel.14
Nachher Törli. Ach Lollo, liebe
herzige kleine Lollo!