Brief Nr. 51 · 7. April 1929

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in München

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Meine Lollo!

Es kann nur ein kleiner Gruß werden. Aber du mußt doch noch einen letzten Brief nach München haben! Wieviel Briefe sind nun seit 2½ Jahren dorthin gegangen! So nimmt Alles einmal ein Ende. In Zukunft sind hoffentlich überhaupt nicht mehr viel Briefe zwischen uns nötig, sondern wir erzählen uns alles Nötige. Das wird so viel schöner sein. Also am Mittwoch fährst du aufs Bergli2 und fahre ich nach Basel. Wir wollen dann, wenn wir am Ziel sind, beide daran denken, wie nahe wir uns schon sind. Und am Samstag endgültig ganz nahe3. Freust du dich auch so auf unser Törli? Heute in acht Tagen um diese Zeit sind wir schon seit 24 Stunden ganz friedlich beieinander und gewiß in sehr freundlicher Stimmung. Gelt, du wirst dann nicht gleich am ersten Tag aus irgend einem Grund weinen und toben?|

Hier sind bereits zwei Kisten Bücher gepackt. Weißt du, wie ich dir das Latein beibringen werde? Ich habe bei Herrn Lempp das Neue Testament und die Psalmen lateinisch bestellt.4 Die werden wir dann einfach zu lesen anfangen und Grammatik und Syntax nebenbei fortlaufend studieren. Ich glaube, daß dir das gefallen wird und daß du bald auch «hervorragend» Latein können wirst. Magst du ein paar Hefte mitbringen für die Deklinationen, Konjugationen und Vokabeln, die du dann lernen mußt? Ach du, es wird Alles so freundlich sein. Und du mußt mir also unbedingt Englisch beibringen. Bitte |94 denke sehr ernstlich daran. Du siehst aus einer der Beilagen aufs neue, wie nötig es ist.5 Ich lege dir die Notentabellen vom Examen bei, damit du ein Bild hast, wie es da zugeht. Das rot Angestrichene ist mein Beitrag. Was sagst du zu der Übersetzung ins Japanische?6 (Ich würde so gerne mit dir nach Japan fahren. Aber vielleicht kommt es nicht dazu. Oder doch?) Ich bin dabei, Abschiedsbesuche zu machen. Heute abend sind wir bei Schmitz. Morgen abend gehe ich versöhnlich zu Herrmann. Am Mittwoch fängt Alles, Alles an, ganz gut zu werden. |

Ach du, ich mag dir nimmer schreiben. Wir reden dann über Alles. Gelt, du holst mich in Zürich ab? Ich melde mich dann bei Rudis an, sobald ich sehe, wie die Dinge in Basel stehen. Sei doch recht vorsichtig auf der Reise, auch wegen der neuen Kälte, gelt. Damit ich eine ganz vergnügte, gesunde Lollo vorfinde. Ich freu mich doch so! Ich hab dich doch so l.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Versehentlich datiert 7.3.1929.↩
2
Von Kirschbaum traf am Mittwoch, 10.4., auf dem Bergli ein, wie ein Eintrag von Barth unter diesem Datum in ihrem Taschenkalender bestätigt: «Ankunft Lollos auf dem Bergli. Sommer 1929 beginnt».↩
3
Barth traf am Samstag, 13.4.1929, auf dem Bergli ein, wie ein Eintrag von ihm an diesem Tag in von Kirschbaums Taschenkalender bestätigt: «Ankunft des Professors aus Münster». Die beiden hielten sich nach einer Eintragung im Familienphotoalbum Pestalozzi ­- mit einigen Unterbrüchen ­- bis zum 23.9.1929 dort auf.↩
4
Barth ließ seine Bücherbestellungen über die dem Chr. Kaiser Verlag angegliederte Buchhandlung in München erledigen.↩
5
Vermutlich der Brief von Rev. Douglas Horton von der «Leyden Congregational Church» (Brookline, MA) vom 27.3.1929 (KBA 9329.162).↩
6
Horton berichtet von der Absicht eines Dr. Oahu, die englische Übersetzung von Das Wort Gottes und die Theologie (1924): The word of God and the word of man, transl. by D. Horton, London 1928 📖, ins Japanische zu übersetzen.↩