Brief Nr. 164 · 15. Oktober 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L. L.!

In notwendiger Undeutlichkeit dies: ich muß wegen einer morgen hier stattfindenden Angelegenheit1 hier bleiben und am Donnerstag und Freitag zu einer umfassenden Sache in dem Städtchen sein, wo unsere Freundin Gertrud2 weilt. Ich fahre schon3 im Lauf des Mittwoch dorthin und werde mich dann gleich zu G. verfügen. – Ob du gestern auch in der Kirche warst, wo ich von einer Minute auf die andere auf die Kanzel geschoben wurde und so unvorbereitet reden mußte, daß es mir noch den ganzen Abend moralisch übel war?4 Ich bin dann doch mit Pr[äses] K[och] gleich bis hieher durchgefahren und konnte heute so schön ausschlafen, daß es mir jetzt leidlich gut geht. Aber viel Sorgen! Merkwürdige Zeiten! Grüße Alle!

D.
K.

Ich werde Mittwoch 1420 B[erlin] Potsd[amer] B[ahnhof] ankommen und zu G. gehen.
Bring mir Kragen, meinen Pfeifenstopfer, meine Bibel mit!

Sachfußnoten

1
Die Sitzung des Reichsbruderrates am 16.10.1934 in Bad Oeynhausen zur Vorbereitung der 2. Bekenntnissynode in Berlin-Dahlem am 19. und 20.10.1934. Vgl. Bw.Th. III, S. 714-718 📖; W. Niemöller (Hrsg.), Die zweite Bekenntnissynode der DEK zu Dahlem. Text-Dokumente-Berichte (AGK, Bd. 3), Göttingen 1958, S. 21-23 📖.↩
2
Gertrud Staewen wohnte in dieser Zeit in Berlin-Dahlem.↩
3
Zunächst hatte Barth geschrieben «Wahrscheinlich fahre ich schon …» Danach änderte er in den oben wiedergegebenen Text.↩
4
Dieser Vorgang ereignete sich am 14.10.1934 auf dem Gemeindetag in Düsseldorf, an dem Barth teilgenommen hatte. Nachdem dort bereits etwa 30’000 Menschen versammelt waren, wurde dieser Gemeindetag durch die Polizei verboten, so daß die Versammelten nach einem gemeinsam gesprochenen Unservater in die verschiedenen Kirchen auseinander gingen. In einer der Düsseldorfer Kirchen mußte dann Barth unvorbereitet auf die Kanzel steigen (vgl. Bw.Th. III, S. 713f. 📖; Busch, S. 265 📖).↩