Brief Nr. 165 · 30. Oktober 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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165

L. L.

Du bist mit Recht erstaunt darüber, daß sich meine Rückkehr nach Anzeige meines Telegramms2 so verzögert. Aber der Gang der Ereignisse erforderte und erfordert meine Anwesenheit an diesem Schicksalsort3. Am ersten Tag und gestern morgen waren wir mit der Abfassung der Ausführungsbestimmungen4 zu den Dahlemer Beschlüssen 5 in Anspruch genommen. Gestern abend trat dann dies in den Vordergrund: H[itler] hat Marahrens, Meiser und Wurm (!) zu sich gebeten für heute nachmittag.6 Es wurde nun versucht, zwischen diesen drei einerseits und dem Rat + Bruderrat der D. E. K. ein Einvernehmen herzustellen hinsichtlich dessen, was H. zu sagen sei. Ge|397stern nacht Sitzung bis 3 Uhr! Heute morgen ½9 Uhr wieder Sitzung zwischen Rat und den drei Bischöfen. Das Ergebnis7 war beidemale negativ. Wieder haben die Bayern (Meinzolt 8, Breit 9, Putz) zusammen mit den Hannoveranern ein böses Spiel gespielt, indem sie entgegen den Dahlemer Beschlüssen und unter Umgehung des Rates der D. E. K. (besonders Koch und ich sollten ausgeschifft werden!!) ein neues geistliches Ministerium10 + Reichsbischof (= Marahrens) schaffen wollten. Der große11 Schrecken vor dem Namen H. brach bei ihnen wieder einmal durch. Wir blieben aber, unterstützt von der Mehrheit des Bruderrates, ganz fest bei der Erklärung, der Friede in der Kirche werde entweder auf der Grundlage von Barmen und Dahlem oder gar nicht gemacht. – Hier ist auch eine Deputation von 40 fränkischen Bauern12, die seit zwei Tagen versuchen, zu H. vorzu|398dringen, um ihm mit kräftigen Worten – sie treten in voller Blubo-13Bemalung auf – die Wahrheit über die Kirche zu sagen. Ich hatte eben ein Gespräch mit einer Gruppe von ihnen14 und verstand mich gut mit ihnen – besser als mit ihren Münchner Kirchenfürsten. Es ist alles sehr dramatisch, oft auch humoristisch, aber auch ermüdend. Es kracht in jeder Beziehung im Gebälk, und das Leben wird noch sehr interessant werden. Nun gehe ich mit Asmussen in ein Nachmittagskino, um dann am Abend zu vernehmen, was die Bischöfe ausgerichtet bzw. nicht ausgerichtet haben. Es ist doch ganz gut, daß ich hier bin und von Zeit zu Zeit etwas zu den Dingen sagen kann. Grüße Tr[aub] und die Büblein.

Dein
K.

Sachfußnoten

1
Versehentlich datiert 30.11.1934.↩
2
Nicht erhalten.↩
3
Bei der Reichsbruderratssitzung am 29.10.1934 in Dahlem und bei vorbereitenden Besprechungen am 28. 10. (vgl. Bw.Th. III, S. 725-732 📖).↩
4
Siehe die durch den Bruderrat der Bekenntnissynode der DEK am 30.10.1934 erlassene Verordnung zur Ausführung der Beschlüsse der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirchen vom 20.10.1934, in: JK, Jg. 2 (1934), S. 974f. 📖; W. Niemöller (Hrsg), Die zweite Bekenntnissynode der DEK zu Dahlem. Text-Dokumente-Berichte (AGK, Bd. 3), Göttingen 1958, S. 39f. 📖Nach den Dahlemer Beschlüssen sollte «in allen Landeskirchen, deren Kirchenregierungen der bisherigen Reichskirchenregierung weiterhin gehorsam sind und welche nicht die Gewähr dafür bieten, daß die biblischen und bekenntnismäßigen Grundlagen ihrer Verfassung auf allen Gebieten kirchlichen Lebens gewahrt werden», der Bruderrat der Landeskirche die Leitung übernehmen (a.a.O., S. 974 📖). Siehe zu den Ausführungsbestimmungen bzw. zur Rechtssituation nach der Dahlemer Synode: E. Fiedler, Kirchliches Notrecht, in: JK, Jg. 2 (1934), S. 885-887 📖; A. Sello, Die rechtliche Grundlage der Bekennenden Kirche in Deutschland, in: JK, Jg. 2 (1934), S. 932-942 📖.↩
5
Siehe zu den Beschlüssen der Dahlemer Synode: Botschaft der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, in: JK, Jg. 2 (1934), S. 888f. 📖; Niemöller, a.a.O., S. 37f 📖.↩
6
Empfang der drei Bischöfe bei Hitler am 30.10.1934. – Siehe die Berichte Aus den Landeskirchen, in: JK, Jg. 2 (1934), S. 961-967 📖; sowie den Bericht der Basler Nachrichten, Jg. 90, Nr. 298 vom 1.11.1934 📖; Meier I, S. 510 📖; Besier, S. 20-22 📖.↩
7
Siehe zum Folgenden die Nachschrift eines von Barth am 1.12.1934 vor der Bekenntnisgemeinschaft der Studenten in Bonn vorgetragenen Rückblickes auf die Entwicklung seit Ende Oktober 1934. Diese Nachschrift ist von Barth allerdings nicht autorisiert, aber später von ihm als «im wesentlichen zutreffend» bestätigt worden (vgl. EvTh, Jg. 2 [1935], S. VIIf. 📖). Abdruck dieser Nachschrift: Prolingheuer, S. 261-264, s. dort S. 261 📖.↩
8
Hans Meinzolt (1887–1967), 1933 Oberkirchenrat in München, 1935 Vizepräsident des Landeskirchenrates, Teilnehmer der Bekenntnissynoden der DEK.↩
9
Thomas Breit (1880–1966), 1933-1945 Oberkirchenrat und Stellvertreter des Landesbischofs in München, Mitglied des Reichsbruderrates und des Rates der DEK Oktober 1934, Mitglied der VKL 1934-1936, Teilnehmer der Deutschen Evangelischen Nationalsynode Wittenberg 1933, der Bekenntnissynoden der DEK und des Deutschen Lutherischen Tages Hannover 1935.↩
10
Gemäß Abschnitt IV, Art. 5.2 der Verfassung der DEK vom 11.7.1933 trat dem Reichsbischof «ein geistliches Ministerium zur Seite». Nach Art. 7.1 war es «berufen, unter Führung des Reichsbischofs die Deutsche evangelische Kirche zu leiten und Gesetze zu erlassen». Es bestand aus drei Theologen und einem rechtskundigen Mitglied (Art. 7.2), die «das geistliche Band der Landeskirchen zur Deutschen evangelischen Kirche […] zu festigen» hatten (Art. 7.3). Das «Geistliche Ministerium» wurde mehrfach neu- bzw. umgebildet. Siehe zum Verfassungstext JK, Jg. 1 (1933), S. 76-80, bes. S. 78f 📖.↩
11
Wort durch Lochung unleserlich.↩
12
Nachdem Landesbischof Meiser am 12.10.1934 von der bayerischen politischen Polizei unter Hausarrest gestellt worden war, kam es zu großen Protestdemonstrationen der evangelischen Bevölkerung. So erschien eine Abordnung von fränkischen Bauern bei Reichsstatthalter Franz Ritter von Epp und Ministerpräsident L. Siebert und forderte die Wiedereinsetzung Meisers. Die Bauerndeputation drang dann in Berlin bis in das Reichsinnenministerium und die Reichskanzlei vor. Eine persönliche Audienz bei Hitler konnte M. Bormann im letzten Moment verhindern (s. Meier I, S. 466.617, Anm. 1587 📖; Scholder II, S. 331f. 📖; vgl. auch zu dieser und zu den anderen wirkungsvollen Auftritten von Bauernabordnungen für H. Meiser JK, Jg. 2 [1933], S. 904 📖).↩
13
Ausdruck zur ironischen Kennzeichnung der nationalsozialistischen «Blut- und Boden»-Ideologie. Wichtigster Vertreter der nordischen Blut- und Boden-Ideologie in der NSDAP war Richard Walter Darré (1895–1953), der Hitler mit Schriften wie Neuadel aus Blut und Boden, München 1930 📖, beeindruckte (vgl. Scholder I, S. 379 📖).↩
14
Barth wohnte im gleichen Hospiz wie die Deputation der 40 fränkischen Bauern (s. Bw.Th. III, S. 730 📖).↩