Brief Nr. 166 · 5. November 1934

Karl Barth an Charlotte von Kirschbaum in Bonn

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L. L.!

Es war schon gut und nützlich, daß ich hiehergekommen bin.1 Ich fand gestern abend eine reichlich verworrene Situation. Es galt vor |399 Allem, den «Rat»2 wieder ein bißchen auf die Füße zu stellen, der im Begriff war, seine Verantwortlichkeit an allerhand andere Instanzen und Personen zu verlieren. Und es galt dann, den Bayern, die ihr fatales Spiel weitertrieben, einmal deutlich die Wahrheit zu sagen. Ich habe beides in je einer längeren Rede zu tun versucht.3 Vielleicht ist der Karren nun doch in der erwünschten Richtung etwas weiter geschoben. Soeben habe ich nun an einer solennen Unterhaltung zwischen Präses Koch und – den D. C.-Häuptlingen Doktor Kinder4 und «Bischof» Christiansen5 teilgenommen. Die kamen nämlich in aller Form hieher, um Friedensverhandlungen zu eröffnen, sehr kläglich, sehr verlegen, ein ganz dürftiger Eindruck.6 Es scheint, daß H[itler] mit der völligen Trennung von Kirche und Staat droht, und davor haben die D. C. aus guten Gründen größte Angst. Nach dieser Seite steht die Front fest. Aber es ist zu befürchten, daß hinsichtlich der neuen Kirchenregierung keine hundertprozentige Lösung herauskommen wird, sondern als Vermittlung zwischen den Bischöfen und dem Bruderrat – Breit.7 Präses Koch will die Führung in Preußen |400 behalten. Ich habe protestiert, blieb aber in der Minderheit. Aber wer weiß, ob wir vom Staat überhaupt gefragt werden. Und ob nicht überhaupt Alles anders kommt, als man denkt. Im Ganzen steht’s nicht schlecht. Heute abend werde ich mit Gertrud Staewen und G. Dehn zusammen sein und morgen früh sicher von hier abfahren. (Niesel8 bleibt als unser Vertreter und Beobachter auf dem Platze!) Wenn ich nichts Anderes telegraphiere, bin ich morgen Dienstag mit demselben Zug wie neulich (½4 Uhr??) wieder in Bonn, hoffentlich dann zu ruhiger Arbeit. Gruß!

D.
K.

Die Begegnung mit den D. C. war erschütternd; ich mußte an die Szene im Wald von Compiègne9 denken. Es ist mir unbegreiflich, daß man auf unserer Seite nicht gleich noch ein bißchen mehr Courage hat.

Sachfußnoten

1
In dieser Sitzung des Rates der DEK am 5.11.1934 wurden geeignete Persönlichkeiten für eine neue Kirchenleitung gesucht, nachdem auf der Reichsbruderratssitzung am 29.10. (s. oben Nr. 165) Präses K. Koch darauf gedrängt hatte, einen neuen Vorschlag für die Besetzung des Reichsbischofsamtes zu formulieren (Lichtenfeld, S. 463 📖; Konukiewitz, S. 120f. 📖; Bw.Th. III, S. 734-741 📖).↩
2
Der Reichsbruderrat und der geschäftsführende (Sechser-)Rat der DEK. Barth war von der 2. Bekenntnissynode der DEK in Dahlem in die beiden Leitungsorgane der bekennenden DEK berufen worden (Prolingheuer 📖).↩
3
Vgl. Bw.Th. III, S. 738 📖.↩
4
Christian Kinder (1897–1972), 21.12.1933 bis September 1935 Reichsleiter der Reichsbewegung «Deutsche Christen», seit Sommer 1933 juristischer Vizepräsident im Landeskirchenamt Kiel, von 1937-1945 Präsident.↩
5
Nikolaus Christiansen (1891–1973), seit 1933 Mitglied der Reichsbewegung «Deutsche Christen», 1.10. 1933-1936 Geistlicher Vizepräsident im Landeskirchenamt Kiel, Juni-Oktober 1934 Leiter der neugeschaffenen Pressestelle in der Kirchenkanzlei der DEK. Die Betitelung «Bischof» ist von Barth ironisch gemeint.↩
6
Über die «Unterhaltung» liegt ein Protokoll Barths vor: Waffenstillstandsverhandlung. 5. Nov. 1934 nachmittags 3 Uhr im Hospiz St. Michael Wilhelmstr. Berlin (KBA 9234.317). Vgl. Bw.Th. III, S. 738-740 📖. A. Koechlin, der bestens über die kirchenpolitischen Vorgänge in Berlin informiert war, berichtete am 13.11. dem Bischof von Chichester G. Bell, Kinder habe versucht, mit Koch und Barth so «einig zu werden», daß «der Reichsbischof nicht zurücktreten» müsse, da Hitler sich weigern würde, «jemand anderen zu bestätigen» (George Bell / Alphons Koechlin. Briefwechsel 1933-1954, hrsg. von A. Lindt, Zürich 1969, S. 176 📖).↩
7
Vgl. Konukiewitz, S. 121 📖; Besier, S. 32 📖.↩
8
Wilhelm Niesel (1903–1988), Lic. theol., Barths erster Promovend in Münster (s. W. Trillhaas, Aufgehobene Vergangenheit. Aus meinem Leben, Göttingen 1976, S. 99 📖), seit 1930 Studieninspektor des Predigerseminars in Wuppertal-Elberfeld, 1934-1946 Mitglied des Rates und des Bruderrates der Evangelischen Kirche der altpreußischen Union, 1935-1940 Dozent für Systematische Theologie an der Kirchlichen Hochschule in Berlin, 1940 Ausweisung aus Berlin und Reichsredeverbot (achtmal im Gefängnis), 1943-1946 Mitglied des Rates und des Bruderrates der EKU, ab 1946 Dozent und von 1951-1968 Professor an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, 1945-1973 Mitglied des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, 1964-1970 Präsident des Reformierten Weltbundes.↩
9
Unterzeichnung des Waffenstillstandes zwischen dem Deutschen Reich und der siegreichen Entente am 11.11.1918.↩