Brief Nr. 215 · 3. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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215

Lieber Karl!

Was machst du jetzt wohl? Es hat heute nacht geregnet, und zum Fenster kommt ein etwas kühler Wind herein. Ob du reitest? Denk, gestern sprach ich vom Reiten. Da meinte die Ärztin, es werde wohl einige Wochen gehen, bis ich das wieder könne. Bist nicht traurig, gelt? Meine Reitsachen nehme ich auf alle Fälle mit, und vielleicht kann ich plötzlich das «Hälslein» wieder so munter drehen, daß ich in den Sattel kann.

Im übrigen geht es mir gut, bin fieberfrei, und bald darf ich stundenweise aus dem Bett sitzen. – Heute wird das Studierzimmer gepackt. Meine Gedanken sind doch sehr dort. Wieviel ist in diesem Zimmer und nebenan gegangen, wieviel!

Eben war Träublein kurz da, um von gestern zu berichten. Der rheinische Bruderrat und einige bevorzugte Gäste, darunter er, tagten in Düsseldorf. Als 2. Teil des Programms stand der Fall Barth zur |519 Debatte. Humburg gab einleitend ein ausführliches Referat über Alles, was gelaufen ist, und muß das ehrlich und gut gemacht haben, so daß klar wurde, die Kirche hat in dieser Sache versagt. Ein junger Pfarrer nahm das dann auch auf und sprach es aus und sagte, man möchte doch damit die Diskussion schließen. Ein etwas verwaschenes Wort an die Gemeinden soll anscheinend darüber herausgehen. ­Dagegen wandte sich Klugkist Hesse, der dialektisch einerseits betonte, man dürfe doch auch nicht vergessen, wie schwer du es der Kirche gemacht habest mit deinem Beitritt zur S. P. D., andererseits aber fand, es müsse, wenn schon die Kirche ein Wort sagen wolle, ein ganz solennes Dankesschreiben an dich ergehen; dazu sagte Humburg, das könne er nicht. Wenn sie schon nicht vermocht hätten, dich zu halten, und wenn sie das als Schuld (nicht des Einzelnen, sondern der Kirche) empfänden, dann fände er es würdiger, dich nicht mit einem Dankeswort abzufertigen, und wäre es noch so wohltönend. Daraufhin ergriff Traub das Wort und dankte Humburg für diese ehrliche Haltung und sagte, er könne sich nur einen Dank an dich denken, daß man nämlich aufhöre, jene «Belastung», von der Kl. Hesse soeben gesprochen hätte, als Belastung zu empfinden, und beginne einzusehen, daß die Kirche auch in diesem Punkt als Kirche denken und handeln müsse. Und dann würde sie auch vielleicht endlich den Mut finden, ein Wort an den Staat zu finden, besonders auch ein Wort hinsichtlich der Frage des Rechtes. – Humburg nahm das auf und sagte, ja, er müsse dem zustimmen und er habe sich auch schon gedacht, vielleicht seien die 20 Brüder1 ins Konzentrations-Lager gekommen, um die Kirche zu erinnern, daß sie der vielen anderen Brüder, denen seit zwei Jahren solches Böses widerfährt, vergessen hatte!!

So muß im Ganzen die Situation nicht schlecht gewesen sein. Schwach, bekümmert und sehr bedrückt, das schon. Aber Traub hatte keinen Zorn, sondern meinte, sie humpelten eben, aber sie humpelten doch langsam vorwärts. – Die Andacht, die Humburg gehalten hätte, |520 sei sehr gut gewesen, nicht pietistisch. – (Magst du nicht auf das hin Humburg noch ein persönliches Wort schreiben2? Deinen Brief an Niesel3 hat er anscheinend doch als nicht ganz gerecht empfunden. Das kann ja sein, ihm gegenüber.) Beckmann war nicht zugegen. Er ist wohl der dunkelste Punkt, soll zu Schulze [zur Wiesche]4 offen gesagt haben, er wolle nicht, daß du einen kirchlichen Lehrauftrag5 bekommest. – Graeber6 muß mit seiner Stürmerei auch viel versiebt haben. So begegnen sich Torheit und Bosheit. –

Gestern nachmittag war Wölflein mit seiner Frau bei mir, beide sehr lieb, aber beide trostbedürftig. Sie können sich gegenseitig so wenig ermuntern, sondern sind dann leicht beide wie zwei müde kleine Vögel. – Horst und Weber wollen nicht mehr prüfen, seit der Minister es verboten.7 – Nun tut – allein – Wolf es im Rheinland auch |521 nicht. Ich frug schüchtern: «Auch nicht als Demonstration?» Nein, er würde ja in Halle8 dann prüfen und eben seine Belange zum Rheinland schließen. Das ist sicher wieder ein kluges Wölflein! Aber wenn du ihn siehst, so schmal und zerdrückt, dann hat man gar nicht den Mut, ihm Taten zuzumuten. In seiner Weise tut er sie gewiß und steht in Halle seinen Mann. Er rechnet übrigens damit, daß er vielleicht – wegen der Prüfungen – vor dem Wintersemester entlassen wird. Die Möbel stellen sie unter und gehen bis zum Herbst nach Walchensee, den Juli bleiben sie noch in Bonn. – Deinen Brief an Hesse9 nahm er mit und vervielfältigt ihn. Dann schicken wir ihn weit herum. Ist dir das recht? Sonst kannst du noch abstoppen! –

522 Lore Schlomka war gestern abend noch da, ziemlich lang. Sie hat sich gefreut über deinen Brief. Ich durfte ihn lesen. Schreib doch, wenn du kannst und magst, dem Träublein auch einmal. Er exponiert sich fast unablässig für dich und tut es wirklich so, daß man ihn zwar nicht liebt, aber nicht mehr überhört. Und die Vikare vertrauen ihm sehr. Am 13. Juli hat er Geburtstag. Du kannst ja vielleicht das ruhig jetzt schon zum Anlaß nehmen, weil der Tag wohl in die Umzugswoche fällt. Ich glaube, es wäre etwas ganz Schönes für ihn.10 –

Fränzeli scheint übrigens geschrieben zu haben, daß die Wohnung in Basel doch nicht gut vor Mitte nächster Woche beziehbar ist. Bleib du auf jeden Fall getrost auf dem Bergli, bis sie dir von dort rufen, sonst verlierst du nur unnütz Zeit. Nelly ruht vielleicht ganz gern zwischendurch 2-3 Tage bei Fränzeli aus. Ich habe sie gebeten, mir 200 Mark in bar zu hinterlassen. Ich weiß nicht, was ich sofort zahlen muß. Das Zimmer kostet täglich 5,50 Mark ohne Medikamente, und der Arzt verlangt allein für die Operation ca. 100 Mark. Aber mit den 200 Mark komme ich durch und du ziehst sie mir dann bitte in Zukunft ab. Ich dank dir vielmals, Karl. Ich hätte mir natürlich die Couch nicht gekauft, wenn ich gewußt hätte, daß das jetzt kommt. – 900 Mark überweist Lempp übrigens diese Woche. Nelly war gestern in Köln, um sich zu erkundigen, wieviel Geld man mitnehmen darf. Ich weiß das Ergebnis noch nicht. Hier stehen ja dann auch der Umzug und der Prozeß noch aus, so daß schon Einiges auf dem Konto liegen bleiben darf. –

Eben war das Nönnlein da und frug, ob ich «schriftstellere». Ach was, so lange Briefe schriebe ich?? Sie sind zu drollig und von einer Einfalt, der Alles erlaubt scheint. So lügen sie glatt, wenn sie befürchten, der Patient möchte sich über die Wahrheit erregen, sagen dir kalt lächelnd, der Frau nebenan gehe es gut, wenn sie zwei Stunden vorher starb!!

Schrieb ich dir, daß meine liebe Tante Emilie11 am Tode liegt? –

­Lieber Karl, ich «plange»12 sehr, bei dir zu sein. Gelt, dann trennen wir uns lang nicht mehr. Ich wußte diesmal vorher, daß etwas dazwischen kommen würde, und fürchtete immer, von dir her.

523 Grüße Gerty, grüße die Kinder. Trifft Erica nicht bald ein? Es geht mir sehr gut, du mußt gar keine Sorge mehr haben. Mein Zimmer steht voll Rosen. Vor meinem Fenster ist merkwürdigerweise die Männerliegehalle. Aber es ist sehr still, nur ein schwer Magenkranker seufzt manchmal etwas. – Meine «Schwesternerinnerungen» sind natürlich lebhaft erwacht. –

Der «Asmussen» ist doch seiner Substanz nach sehr schön und wichtig. Ich bin viel daran.

Behüt dich Gott, Karl. Gelt, du bekommst viel Post von mir? Ach, wär ich bei dir – – –

Deine
Lollo.

Sachfußnoten

1
Die Vierte Tagung der Evangelischen Bekenntnissynode im Rheinland vom 28.-30.4.1935 grüßte «die 20 Pfarrer aus Sachsen und Hessen, die in Konzentrationslager gebracht worden» waren (K. D. Schmidt, Die Bekenntnisse und grundsätzlichen Äußerungen zur Kirchenfrage, Bd. 3: Das Jahr 1935, Göttingen 1936, S. 109 📖). Siehe die Namensliste von in Konzentrationslager verschleppten Predigern bei Prolingheuer, S. 176, Anm. 17 📖.↩
2
Brief Barths an Humburg vom 5.7.1935 (Prolingheuer, S. 352f. 📖).↩
3
Brief Barths an Niesel vom 15.6.1935 (Prolingheuer, S. 333f. 📖).↩
4
Siehe zu dem entschiedenen Eintreten von P. Schulze zur Wiesche für Barth dessen Denkschrift vom Februar 1935 «Welche Stellung muß die Bekenntniskirche gegenüber Karl Barth einnehmen?» (Prolingheuer, S. 301–304 📖).↩
5
Die Bekenntnissynode hatte bezüglich der Lehrtätigkeit Barths in Deutschland zwei Beschlüsse gefaßt: «I. Die Synode beklagt die weitgehende Zerstörung der theologischen Fakultät Bonn und beauftragt den Bruderrat, auf geeignetem Wege durch ernstlichen Einspruch und dringliche Bitte um Herstellung einer bekenntnistreuen Fakultät beim zuständigen Minister vorstellig zu werden. II. Synode fordert den Bruderrat auf, in Verbindung mit dem Westfälischen Bruderrat beschleunigt dafür Sorge zu tragen, daß Professor D. K. Barth seine Arbeit als theologischer Lehrer der Kirche zum Segen sonderlich unserer kirchlichen Westprovinzen fortsetzen kann.» Die beiden Beschlüsse waren von Fr. Graeber beantragt worden (Prolingheuer, S. 174 📖).↩
6
Die «Stürmerei» Fr. Graebers schilderte Präses P. Humburg am 11.7.1935 in seinem Brief an Barth: «Meine Schuld wird es sein, daß ich mich nicht früher darum gekümmert habe, aber auf der Synode am 30. 4. nahm Pastor Graeber diese ganze Sache so energisch und endgültig in die Hand – auf meine Frage sagte er: ‹das laß mich man machen› – und in der Bruderratssitzung nach der Synode wurde so klar ausgesprochen, daß Graeber diese Sache fördern werde, daß ich ganz davon losgedacht habe und es gar nicht als eine Aufgabe empfand, die mich beschäftigen konnte.» (Prolingheuer, S. 354 📖)↩
7
Der Erlaß des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung an die theologischen Fakultäten vom 28.2.1935 ordnete an: «Die Theologie-Professoren und -Dozenten haben dafür Sorge zu tragen, daß der Charakter der Fakultät als staatlicher Einrichtung und ihrer einzelnen Mitglieder als Staatsbeamten unter allen Umständen gewahrt bleibt.» «Sollte aus Gründen persönlicher Überzeugung ein Professor oder Dozent geneigt sein, der Anforderung zur Mitarbeit seitens frei gebildeter kirchlicher Vereinigungen Folge zu leisten, so bedarf es hierzu aufgrund eines eingehenden Gesuchs meiner besonderen Genehmigung.» Als «Mindestvoraussetzungen hierzu» wurden u. a. genannt: «daß die Mitglieder der in Betracht kommenden kirchlichen Vereinigung jederzeit rückhaltlos für den nationalsozialistischen Staat eintreten»; «daß die betreffende kirchliche Vereinigung die Wiederherstellung des kirchlichen Friedens anstrebt und öffentliche Einrichtungen, wie die theologischen Prüfungen, aus dem kirchenparteilichen Kampf heraushält» (Dokumente zur Kirchenpolitik des Dritten Reiches, Bd. II: 1934/35, bearbeitet von C. Nicolaisen, hrsg. von G. Kretschmar, München 1975, S. 271f. 📖; zum Protest theologischer Hochschullehrer gegen diesen Erlaß vgl. Theologie und Kirche im Wirken Hans von Sodens. Briefe und Dokumente aus der Zeit des Kirchenkampfes 1933-1945, hrsg. von E. Dinkler und E. Dinkler-von Schubert [AKZG, Reihe A, Bd. 2], Göttingen 1984, S. 134-143 📖). Die Augsburger Synode erklärte dagegen, sie erwarte «von den Trägern des Lehramtes, daß sie sich dem Ruf zur Mitwirkung an den theologischen Prüfungen der Bekennenden Kirche nicht entziehen». «Die Professoren der Theologie tragen als Lehrer der Kirche eine besondere Verantwortung. Das Recht der Zugehörigkeit zur Bekennenden Kirche und die Mitwirkung bei den von ihr eingerichteten Prüfungen darf nicht beschränkt werden.» (Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche. Dritte Tagung in Augsburg vom 4.-6. Juni 1935. Verhandlungen, Reden und Beschlüsse. Im Auftrage des Bruderrates herausgegeben von K. Immer, Wuppertal-Barmen o. J. [1935], S. 75f 📖.; W. Niemöller, Die dritte Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Augsburg. Text-Dokumente-Berichte [AGK 20], Göttingen 1969, S. 81f 📖.)↩
8
E. Wolf war am 6.3.1935 wegen seines Einsatzes für die Bekennende Kirche nach Halle an der Saale strafversetzt worden.↩
9
Siehe oben S. 505, Anm. 8.↩
10
Siehe Barths Brief an H. Traub vom 5.7.1935 (Prolingheuer, S. 341–343 📖).↩
11
Emilie Dorothea Karolina von Kirschbaum.↩
12
= erwarte sehnlich.↩