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von Kirschbaum an B. auf dem Bergli
[Bad Honnef] Mittwoch morgen 3.7.1935
Was machst du jetzt wohl? Es hat heute nacht geregnet, und zum Fenster kommt ein
etwas kühler Wind herein. Ob du reitest? Denk, gestern sprach ich vom Reiten. Da meinte die Ärztin, es werde wohl einige
Wochen gehen, bis ich das wieder könne. Bist nicht traurig, gelt? Meine Reitsachen nehme ich auf alle Fälle mit,
und vielleicht kann ich plötzlich das «Hälslein» wieder so munter
drehen, daß ich in den Sattel kann.
Im übrigen geht es mir gut, bin fieberfrei, und bald darf ich
stundenweise aus dem Bett sitzen. – Heute wird das Studierzimmer gepackt. Meine
Gedanken sind doch sehr
dort. Wieviel ist in
diesem Zimmer und nebenan gegangen, wieviel!
Eben war Träublein kurz da, um von gestern
zu berichten. Der rheinische Bruderrat und einige bevorzugte Gäste, darunter er,
tagten in Düsseldorf. Als 2. Teil des Programms stand der Fall Barth zur |519 Debatte. Humburg gab einleitend ein ausführliches Referat über Alles, was
gelaufen ist, und muß das ehrlich und gut gemacht haben, so daß klar wurde, die
Kirche hat in dieser Sache versagt. Ein junger Pfarrer nahm das dann auch auf
und sprach es aus und sagte, man möchte doch damit die Diskussion schließen. Ein
etwas verwaschenes Wort an die Gemeinden soll anscheinend darüber herausgehen.
Dagegen wandte sich Klugkist Hesse, der dialektisch
einerseits betonte, man dürfe doch auch nicht vergessen, wie schwer
du es der Kirche gemacht habest mit deinem Beitritt zur S. P. D., andererseits aber fand, es
müsse, wenn schon die Kirche ein Wort sagen wolle, ein ganz solennes
Dankesschreiben an dich ergehen; dazu sagte Humburg, das könne er nicht. Wenn
sie schon nicht vermocht hätten, dich zu halten, und wenn sie das als
Schuld (nicht des Einzelnen, sondern der
Kirche) empfänden, dann fände er
es würdiger, dich nicht mit einem Dankeswort abzufertigen, und wäre es noch so
wohltönend. Daraufhin ergriff Traub das Wort und dankte Humburg für diese
ehrliche Haltung und sagte, er könne sich nur
einen Dank an dich denken, daß man nämlich aufhöre, jene
«Belastung», von der Kl. Hesse soeben gesprochen hätte, als Belastung zu
empfinden, und beginne einzusehen, daß die Kirche auch in diesem Punkt als
Kirche denken und handeln müsse. Und dann würde sie auch
vielleicht endlich den Mut finden, ein Wort an den
Staat zu finden, besonders auch ein Wort hinsichtlich der Frage des
Rechtes. – Humburg nahm das auf und sagte, ja, er müsse dem zustimmen und er
habe sich auch schon gedacht, vielleicht seien die 20 Brüder1 ins Konzentrations-Lager gekommen, um die Kirche zu erinnern, daß
sie der vielen anderen Brüder, denen seit zwei Jahren solches Böses widerfährt,
vergessen hatte!!
So muß im Ganzen die Situation nicht schlecht gewesen sein. Schwach,
bekümmert und sehr bedrückt, das schon. Aber Traub hatte keinen Zorn, sondern
meinte, sie humpelten eben, aber sie humpelten doch langsam
vorwärts. – Die Andacht, die Humburg gehalten hätte, |520 sei sehr
gut gewesen, nicht pietistisch. – (Magst du nicht auf das hin Humburg noch ein
persönliches Wort schreiben2? Deinen Brief an Niesel3 hat er
anscheinend doch als nicht ganz gerecht empfunden. Das
kann ja sein, ihm gegenüber.) Beckmann war nicht zugegen. Er ist wohl der
dunkelste Punkt, soll zu Schulze [zur Wiesche]4 offen
gesagt haben, er wolle nicht, daß du einen kirchlichen Lehrauftrag5 bekommest. – Graeber6 muß mit
seiner Stürmerei auch viel versiebt haben. So begegnen sich Torheit und
Bosheit. –
Gestern nachmittag war Wölflein mit seiner Frau bei mir, beide sehr lieb, aber beide
trostbedürftig. Sie können sich gegenseitig so wenig ermuntern,
sondern sind dann leicht beide wie zwei müde kleine Vögel. – Horst und Weber wollen nicht mehr
prüfen, seit der Minister es
verboten.7 – Nun tut – allein – Wolf es im Rheinland auch |521 nicht. Ich frug schüchtern: «Auch nicht als
Demonstration?» Nein, er würde ja in Halle8 dann prüfen und eben seine Belange
zum Rheinland schließen. Das ist sicher wieder ein kluges
Wölflein! Aber wenn du
ihn siehst, so schmal und zerdrückt, dann hat man gar nicht den Mut, ihm
Taten zuzumuten. In seiner Weise tut er sie gewiß
und steht in Halle seinen Mann. Er rechnet übrigens damit, daß er vielleicht –
wegen der Prüfungen – vor dem Wintersemester entlassen wird. Die Möbel
stellen sie unter und gehen bis zum Herbst nach Walchensee, den Juli bleiben sie
noch in Bonn. – Deinen Brief an Hesse9 nahm er mit und
vervielfältigt ihn. Dann schicken wir ihn weit herum. Ist dir das recht? Sonst
kannst du noch abstoppen! –
522 Lore Schlomka war gestern
abend noch da, ziemlich lang. Sie hat sich gefreut über deinen
Brief. Ich durfte ihn lesen. Schreib doch, wenn du kannst und magst, dem Träublein auch
einmal. Er exponiert sich fast unablässig für dich und tut es wirklich so, daß
man ihn zwar nicht liebt, aber nicht mehr überhört. Und die Vikare vertrauen ihm
sehr. Am 13. Juli hat er Geburtstag. Du kannst ja vielleicht
das ruhig jetzt schon zum Anlaß nehmen, weil der Tag wohl in die Umzugswoche fällt. Ich
glaube, es wäre etwas ganz Schönes für ihn.10 –
Fränzeli scheint übrigens geschrieben zu haben, daß die Wohnung in
Basel doch nicht gut vor Mitte nächster Woche beziehbar ist. Bleib du auf jeden
Fall getrost auf dem Bergli, bis sie dir von dort rufen, sonst verlierst du nur unnütz
Zeit. Nelly ruht
vielleicht ganz gern zwischendurch 2-3 Tage bei Fränzeli aus. Ich habe sie gebeten, mir 200 Mark in bar zu
hinterlassen. Ich weiß nicht, was ich sofort zahlen muß. Das Zimmer kostet
täglich 5,50 Mark ohne Medikamente, und der Arzt verlangt allein für die
Operation ca. 100 Mark. Aber mit den 200 Mark komme ich durch und du ziehst sie
mir dann bitte in Zukunft ab.
Ich dank dir vielmals, Karl. Ich hätte mir natürlich die Couch nicht gekauft,
wenn ich gewußt hätte, daß das jetzt kommt. – 900 Mark überweist
Lempp übrigens diese Woche.
Nelly war
gestern in Köln, um sich zu erkundigen, wieviel Geld man mitnehmen darf. Ich
weiß das Ergebnis noch nicht. Hier stehen ja dann auch der Umzug und der Prozeß
noch aus, so daß schon Einiges auf dem Konto liegen bleiben darf. –
Eben war das Nönnlein da
und frug, ob ich «schriftstellere». Ach was, so lange Briefe
schriebe ich?? Sie sind zu drollig und von einer Einfalt, der Alles erlaubt
scheint. So lügen sie glatt, wenn sie befürchten, der Patient möchte sich über
die Wahrheit erregen, sagen dir kalt lächelnd, der Frau nebenan gehe es gut,
wenn sie zwei Stunden vorher starb!!
Schrieb ich dir, daß meine liebe Tante Emilie11
am Tode liegt? –
Lieber Karl, ich «plange»12 sehr, bei dir zu sein. Gelt, dann trennen wir uns
lang nicht mehr. Ich wußte diesmal vorher, daß etwas dazwischen
kommen würde, und fürchtete immer, von dir her.
523 Grüße Gerty, grüße die Kinder. Trifft Erica nicht bald ein? Es geht mir sehr gut, du mußt gar
keine Sorge mehr haben. Mein Zimmer steht voll Rosen. Vor meinem Fenster ist
merkwürdigerweise die Männerliegehalle. Aber es ist sehr still, nur ein schwer
Magenkranker seufzt manchmal etwas. – Meine «Schwesternerinnerungen» sind
natürlich lebhaft
erwacht. –
Der «Asmussen»
ist doch seiner Substanz nach sehr schön und wichtig. Ich
bin viel daran.
Behüt dich Gott, Karl. Gelt, du bekommst viel
Post von
mir? Ach, wär ich bei dir – – –