Brief Nr. 216 · 4. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Lieber Karl!

Heute morgen brachte man mir deinen Brief und die Karte aus Einsiedeln. – Nun bist du doch nachträglich noch tüchtig erschrocken, ich konnte es mir ja denken. Aber gelt, es wäre dir nicht recht gewesen, wenn ich Alles verharmlost hätte. Wir haben das einander doch zugesagt, dies nie zu tun. Und jetzt ist ja Alles auf so gutem Wege, daß du dich nicht mehr grämen mußt. Die Ärzte hier machen es schon recht, das dürft ihr glauben. Gar nichts Übriges und ganz sachlich – gewissenhaft. Man dachte natürlich zuerst auch an Zucker (weißt du, bei deinem Vater war dies doch so).1 Aber ich habe keinen, und so wird es schnell heilen. Heute kommt der erste Verband weg. Eitert es dann nicht mehr, so lassen sie mich bald weg. Ich darf jetzt auch stundenweise aufstehen und gewinne bald einmal ein Telefon, um dich zu erreichen. Nein, von deinem Anruf am Montag hat man |524 mir nichts gesagt. Ja, sie sind alle lieb, aber dumm hier. – Mit der Krankenkasse, um darauf gleich zu antworten, habe ich es verkorkst. Ich ahnte ja nicht, daß dies eine so große Sache gäbe, sondern dachte, ein Schnittlein (vielleicht 10.- M), das könne ich schon zahlen. Frl. Dr. Buch ist eben nicht Kassenärztin, ich hätte da zu jemand anderem gehen müssen. Aber wem? Und im Krankenhaus liege ich auf Privatstation, was mir die Kasse natürlich immer nur zu einem Bruchteil gezahlt hätte. Und da es Honnef und nicht Ortsbezirk Bonn ist, wohl überhaupt nicht. – Es tut mir leid, Karl. Vielleicht gehe ich mit der Krankenhaus- und Operationsrechnung nächste Woche noch einmal in die Kasse und sehe, ob sie mir noch einen Anteil zahlen. Ich fürchte aber Nein. – Weißt du, ich gehe dann auf keinen Fall nach Genf2, das hätte doch auch Einiges gekostet, und auf dem Bergli brauche ich ja die nächsten Monate kein Geld. –

Zwei Stunden später. Inzwischen waren die Ärzte da und haben mich verbunden. Leider eitert es noch. – So muß ich zunächst einfach Geduld aufbringen und still halten. Ich hoffe immer noch Mitte nächster Woche fahren zu dürfen. Aber ich will jetzt keine Termine nennen. So bald ich nur im Geringsten darf, brause ich ab. Dessen kannst du ganz sicher sein. – Mit dem Einrichten der Vatikanstadt vertraue ich dir vollkommen. Das machst du gewiß schön. Ich brauche nur meine neue Couch, das Tischlein davor, die zwei Rohrstühle, den Schreibtisch und einen Kleiderschrank im Zimmer. Den blauen Tisch wollte ich an die Buben abtreten, die Akten kann ich anderwärts unterbringen. So können noch viele Bücher den Wänden entlang stehen. Die Chaiselongue soll Nelly in ihr Schlafzimmer haben, ob oben oder unten. 1-2 neue Büchergestelle müssen wohl gleich gemacht werden, sorge doch, daß das eine Fächer für die Zeitschriften bekommt. Dann sind die schöner untergebracht. Aber das weißt du ja alles selbst, und Manches kann sicher noch nachträglich geschehen. Dies muß auch Nelly sich zu Herzen nehmen. Letzte Hand kann sie nach den Ferien an die Wohnung legen, wenn sie jetzt nur bald mit den Büblein in die Berge geht.

Die Ferien der Kinder gehen in Basel ja schon im August (17.?) zu Ende, und Joggeli hat sie nötig. Und du würdest nach getanem Werk |525 ins Bergli zurückfahren, auch wenn ich noch nicht da sein sollte? Ich komme dann direkt dorthin, oder vielleicht holst du mich in Basel ab, und wir schauen uns die Wohnung zusammen an? (Laß dir einen Hausschlüssel geben für diesen Fall.) Aber Mitte der Woche wäret ihr ja noch fest am Einräumen. Nur ich fürchte, es könnte bei mir Ende werden. Aber lassen wir das alles jetzt. Bald sind wir auf jeden Fall zusammen im Törli, und das wird dann sehr schön sein. – Mit meinem Reiten mußt du auf keinen Fall ganz resignieren. Im August geht es sicher wieder. –

Ja, in der Siebengebirgstraße rollt das jetzt ab wie ein Gewitter. Einiges Wetterleuchten dringt zu mir. Es ist mir leid, daß ich Nelly jetzt allein lassen muß, es wäre für Alle Alles schonender geworden. Aber nun ist es so. Wenn sie nur nicht zu viel Kraft an die finanzielle Frage wendet, die sie so vordringlich beschäftigt. Den Schein hinsichtlich der Nachzahlung seitens der Universität an die Abzüge der letzten Jahre habe ich dir geschickt. Willst du Antrag stellen, daß du diese Summe bekommst? Hier meint Bleibtreu, du sollest es versuchen, da es dir zusteht. Den Schein mußt du beilegen, wie ja darauf vermerkt ist. An wen der Antrag zu richten ist, wirst du wissen. Quästur oder Kurator?3 – Denk, Bleibtreu will durchaus kein Honorar haben, und ich glaube, man würde da geradezu etwas zerstören, wenn man es ihm aufdränge. Ich sehe ihn sicher noch einmal und kann ihn ja vielleicht dann fragen, ob du ihm nicht wenigstens etwas schenken dürfest an Büchern etc. Geld will er nicht annehmen. – Du darfst mich jetzt alles Geschäftliche wieder fragen. Ich bin durchaus dabei, mich dem Leben wieder zuzuwenden. Heute morgen schrieb ich an Pastor Langenohl wegen des hoffnungsvollen Jünglings in Lugano!!4 – An Lempp gestern, er solle die 900.- [Mark] noch diese Woche an die Deutsche Bank Bonn überweisen. Mit ihm muß man dann ja gewiß noch einmal über den weiteren Verkehr reden, aber vielleicht erst, wenn du genau im Bilde bist über den von Frl. Scheuner geratenen Weg. – Über die «Versöhnung» mit Emil5 bin ich doch froh. Es ist ja schon ein hoffnungsvollerer Aspekt für die Lage in der Schweiz. – Ein |526 langer Brief von Frl. Seifert heute6, die seelisch immer noch sehr leidet. Ich schicke ihn dir morgen. – Die Zeilen von Wölflein7 sind lieb, gelt? – Wegen des kommenden Existenzheftes Nr. 258 (warum immer noch kommend?) bat ich Lempp, die Versendung auf Grund der Credo-Liste9 direkt vorzunehmen und dir darüber hinaus 20 Freiexemplare aufs Bergli zu senden. Es ist doch am besten, man gibt beim Wegzug hier für Alle das Bergli als Postadresse an. Basel wird ja nach ein paar Tagen wieder geschlossen bis zum Herbst. Meinst du nicht auch? Sonst braucht es gleich wieder eine Ummeldung. –

H. Traub ist rührend, er schaut morgens schnell herein, und abends kommt er dann ein Stündchen, wenn er nicht Bibelstunde hat wie heute. Aber es ist natürlich doch ein bißchen traurig, daß er mich so lieb hat, und ich kann ihm nichts geben. Manchmal bin ich ganz bedrückt davon. Es wurde so sichtbar in diesen Tagen, als er Sorge hatte. – Ich lese bereits Predigten von jungen Vikaren, teils deine Schüler, die sie sich gegenseitig zur Kritik vorlegen. Das ist doch ein guter Anfang? Sie geben sich überhaupt sehr Mühe, eine heute morgen von Alba10, der im Seminar war, geradezu rührend und reif für Dachau11 . – – Während mich erschütterte ein Bericht von Peter Brunner12 |527 über die Geschichte seiner Gefangennahme13. Nach diesem Bericht war dieser Mann umsonst dort und wäre besser nie in den Geruch eines Märtyrers gekommen. Vollkommen uneinsichtig hinsichtlich des Staates. Es erschüttert mich darum so, weil ich gerade in diesem Fall Anderes erwartete, es ist doch Schlinks14 Freund? – Aber sage noch nichts darüber. Wolf gab mir den Bericht ohne ein Wort dazu. Ob er es selbst nicht merkte, oder ob ich mich irre? Nein, das kann fast nicht sein angesichts dessen, was dasteht. –

«Asmussen» wächst während des Lesens sehr, und auch der Mensch Asmussen wird merkwürdig plastisch. Ein toller Kerl mit tollen Möglichkeiten. Lies einmal S. 84 und 85!!15 Über seinen Gesetzesbegriff bin ich mir freilich noch nicht klar. –

­Lieber Karl, morgen schreibe ich wieder. Grüße Gerty, ich glaube auch, daß es das bei ihr ist. Von Heiners Vortrag16 wußte ich. – Wann kommt Ruedi heim? Sonntag? – Sobald ich aufstehen darf, läute ich dir an17. –

Vielen Dank für deinen Brief!!

Lieber, lieber Karl.

Deine
L.

Warum kommen die Bücher so spät zu dir? Liegen sie nicht irgendwo?

Sachfußnoten

1
Ein Furunkel kann eine Diabetes-Erkrankung anzeigen, die eine Schwächung des Immunsystems verursacht hat und in der Folge die Therapie erschwert. Karl Barths Vater, Fritz Barth (1856–1912), hatte einen Furunkel im Nacken, der zu einer Blutvergiftung führte, an deren Folgen er am 25. 2. 1912 starb (vgl. Busch, S. 80 📖).↩
2
Zu Barths Vorlesungen in Genf s. unten S. 535, Anm. 19.↩
3
Unterlagen dazu sind nicht erhalten.↩
4
Über den Vorgang (s. unten S. 543) und die Rolle von Pastor W. Langenohl in Rheydt ist weiteres nicht bekannt.↩
5
Siehe oben S. 503 und S. 514.↩
6
 Brief vom 3.7.1935 (KBA).↩
7
 Nicht erhalten.↩
8
 K. Barth, Das Evangelium in der Gegenwart (ThExh 25), München 1935 📖.↩
9
 Liste von Freunden und Kollegen Barths für die Zusendung des Mitte Juni ausgelieferten Buches Credo. Die Hauptprobleme der Dogmatik dargestellt im Anschluß an das Apostolische Glaubensbekenntnis. 16 Vorlesungen, gehalten an der Universität Utrecht im Februar und März 1935, München 1935. 📖↩
10
Karl Alba (1911–1941 [gefallen]), 1935 und 1937 BK-Examina, 1937 ordiniert (s.J. Beckmann /H. Prolingheuer, Zur Geschichte der Bekennenden Kirche im Rheinland. Mitgliederlisten [SVRKG 63], Köln 1981, S. 27 📖).↩
11
Siehe oben S. 323, Anm. 18.↩
12
Peter Brunner (1900–1981), 1927-1930 Privatdozent in Gießen, 1930-1932 Studentenseelsorger in Gießen, 1932-1936 Pfarrer im hessischen Ranstadt, März bis Juni 1935 KZ-Haft in Dachau, 1936 Entzug der venia legendi in Gießen und Verleihung der Ehrendoktorwürde der Theologischen Fakultät in Basel, 1936-1945 Dozent an der von der Gestapo geschlossenen, illegal arbeitenden Theologischen Schule der BK in Wuppertal und zugleich Pfarrer der evangelisch-lutherischen Bekenntnisgemeinde in Wuppertal-Elberfeld, 1945-1947 Dozent an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal und weiterhin Pfarrer in Elberfeld, 1947-1968 o. Professor für Systematische Theologie in Heidelberg.↩
13
Bericht des Pfr Lic. Peter Brunner über seine Verhaftung am 20. März (nach seiner Darstellung vom 17. Juni!), abgedruckt in: Dokumentation zum Kirchenkampf in Hessen und Nassau, Bd. 3,3 📖 (enthalten in: Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung, Bd. 32 [1981], S. 365-548 📖), S. 457-464.↩
14
Edmund Schlink (1903–1984), 1931 Promotion bei Barth, 1935-1939 Dozent für Systematische Theologie an der Theologischen Schule in Bethel, danach bis zum Ende des 2. Weltkrieges Pfarrer und geheim im Reisedienst für die BK, 1946-1971 o. Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie in Heidelberg.↩
15
H. Asmussen, Theologisch-kirchliche Erwägungen zum Galaterbrief, München 1935 📖. Auf den Seiten 84f. schildert Asmussen in der Auslegung von Gal. 2,19 aus persönlicher Erfahrung die Schrecken des 1. Weltkrieges in Flandern und Frankreich.↩
16
Siehe oben S.  517, Anm. 12.↩
17
= rufe ich dich an.↩