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von Kirschbaum an B. auf dem Bergli
[Bad Honnef] Donnerstag 4.7.1935
Heute morgen brachte man mir deinen Brief und die Karte aus Einsiedeln. – Nun
bist du doch nachträglich noch tüchtig erschrocken, ich konnte es mir ja denken.
Aber gelt, es wäre dir nicht recht gewesen, wenn ich Alles verharmlost hätte.
Wir haben das einander doch zugesagt, dies nie zu tun. Und jetzt ist ja Alles
auf so gutem Wege, daß du dich nicht mehr grämen mußt. Die Ärzte
hier machen es
schon recht, das dürft ihr glauben. Gar nichts Übriges und ganz sachlich –
gewissenhaft. Man dachte natürlich zuerst auch an Zucker (weißt du, bei deinem Vater war
dies doch so).1 Aber
ich habe keinen, und so wird es schnell heilen. Heute kommt der erste Verband
weg. Eitert es dann nicht mehr, so lassen sie mich bald weg. Ich
darf jetzt auch stundenweise aufstehen und gewinne bald einmal ein
Telefon, um dich zu erreichen. Nein, von deinem Anruf am Montag hat man |524 mir nichts gesagt. Ja, sie sind alle lieb, aber dumm
hier. – Mit der Krankenkasse, um
darauf gleich zu antworten, habe ich es verkorkst. Ich ahnte ja
nicht, daß dies eine so große Sache gäbe, sondern dachte, ein Schnittlein
(vielleicht 10.- M), das könne ich schon zahlen. Frl. Dr. Buch ist eben nicht Kassenärztin, ich hätte da
zu jemand anderem gehen müssen. Aber wem? Und im Krankenhaus liege ich auf
Privatstation, was mir die Kasse
natürlich immer nur zu einem Bruchteil gezahlt hätte. Und da es
Honnef und nicht Ortsbezirk Bonn ist, wohl
überhaupt nicht. – Es tut mir leid, Karl. Vielleicht gehe ich mit der
Krankenhaus- und Operationsrechnung nächste Woche noch einmal in die Kasse und sehe, ob sie mir noch
einen Anteil zahlen. Ich fürchte aber Nein. – Weißt du, ich gehe
dann auf keinen Fall nach Genf2, das hätte doch auch Einiges gekostet, und auf dem Bergli
brauche ich ja die nächsten Monate kein Geld. –
Zwei Stunden später. Inzwischen waren die Ärzte da und haben mich verbunden.
Leider eitert es noch. – So muß ich zunächst einfach Geduld aufbringen und
still halten. Ich hoffe immer noch Mitte nächster Woche fahren
zu dürfen. Aber ich will jetzt keine Termine nennen. So bald ich
nur im Geringsten darf, brause ich ab. Dessen kannst du ganz sicher sein. – Mit
dem Einrichten der
Vatikanstadt vertraue
ich dir vollkommen. Das machst du gewiß schön. Ich brauche nur meine neue
Couch, das Tischlein davor, die zwei Rohrstühle, den
Schreibtisch und einen Kleiderschrank im Zimmer. Den blauen Tisch wollte ich an
die Buben abtreten, die Akten kann ich anderwärts unterbringen. So können noch
viele Bücher den Wänden entlang stehen. Die Chaiselongue soll
Nelly in ihr
Schlafzimmer haben, ob oben oder unten. 1-2 neue Büchergestelle müssen wohl
gleich gemacht werden, sorge doch, daß das eine Fächer für die Zeitschriften
bekommt. Dann sind die schöner untergebracht. Aber das weißt du ja alles selbst,
und Manches kann sicher noch nachträglich geschehen. Dies muß auch
Nelly sich zu Herzen nehmen. Letzte Hand
kann sie nach den Ferien an die Wohnung legen, wenn sie jetzt nur bald mit den
Büblein in die Berge geht.
Die Ferien der Kinder gehen in Basel ja schon im August (17.?) zu Ende, und
Joggeli hat sie nötig. Und du würdest nach getanem Werk
|525 ins Bergli zurückfahren, auch wenn ich noch nicht da sein sollte? Ich
komme dann direkt dorthin, oder vielleicht holst du mich in Basel ab, und wir
schauen uns die Wohnung zusammen an? (Laß dir einen Hausschlüssel geben für
diesen Fall.) Aber Mitte der Woche wäret ihr ja noch fest am Einräumen. Nur ich
fürchte, es könnte bei mir Ende werden. Aber
lassen wir das alles jetzt. Bald sind wir auf jeden Fall zusammen
im Törli, und das wird dann sehr schön sein. – Mit meinem Reiten mußt du auf keinen Fall ganz
resignieren. Im August geht es sicher wieder. –
Ja, in der Siebengebirgstraße rollt das jetzt ab wie ein Gewitter. Einiges
Wetterleuchten dringt zu mir. Es ist mir leid, daß ich Nelly jetzt allein
lassen muß, es wäre für Alle Alles schonender geworden. Aber nun
ist es so. Wenn sie nur nicht zu viel Kraft an die finanzielle
Frage wendet, die sie so vordringlich beschäftigt. Den Schein hinsichtlich der Nachzahlung
seitens der Universität an die Abzüge der letzten Jahre habe ich dir geschickt.
Willst du Antrag stellen, daß du diese Summe bekommst? Hier meint Bleibtreu, du sollest es
versuchen, da es dir zusteht. Den Schein mußt du beilegen, wie ja darauf
vermerkt ist. An wen der Antrag zu richten ist, wirst du wissen.
Quästur oder Kurator?3 – Denk, Bleibtreu will durchaus kein Honorar haben, und ich glaube, man
würde da geradezu etwas zerstören, wenn man es ihm aufdränge. Ich sehe ihn
sicher noch einmal und kann ihn ja vielleicht dann fragen, ob du ihm nicht
wenigstens etwas schenken dürfest an Büchern etc. Geld will er
nicht annehmen. – Du darfst mich jetzt alles Geschäftliche wieder fragen. Ich
bin durchaus dabei, mich dem Leben wieder zuzuwenden. Heute morgen schrieb ich
an Pastor Langenohl wegen
des hoffnungsvollen Jünglings in Lugano!!4 – An Lempp gestern, er solle die 900.- [Mark] noch
diese Woche an die Deutsche Bank Bonn überweisen. Mit ihm muß man dann ja gewiß noch einmal über den
weiteren Verkehr reden, aber vielleicht erst, wenn du genau im
Bilde bist über den von Frl. Scheuner geratenen Weg. – Über die «Versöhnung» mit Emil5 bin ich doch
froh. Es ist ja schon ein hoffnungsvollerer Aspekt für die Lage
in der Schweiz. – Ein |526
langer Brief von Frl. Seifert heute6, die seelisch immer noch sehr leidet.
Ich schicke ihn dir morgen. – Die Zeilen von Wölflein7 sind lieb, gelt? – Wegen des kommenden
Existenzheftes Nr. 258
(warum immer noch kommend?) bat ich Lempp, die Versendung auf Grund der Credo-Liste9 direkt vorzunehmen und dir darüber
hinaus 20 Freiexemplare aufs Bergli zu senden. Es ist doch am besten, man gibt
beim Wegzug hier für
Alle das Bergli als Postadresse an. Basel wird ja nach
ein paar Tagen wieder geschlossen bis zum Herbst. Meinst du nicht auch? Sonst
braucht es gleich wieder eine Ummeldung. –
H. Traub ist
rührend, er schaut morgens schnell herein, und abends kommt er dann ein
Stündchen, wenn er nicht Bibelstunde hat wie heute. Aber es ist natürlich doch ein bißchen
traurig, daß er mich so lieb hat, und ich kann ihm nichts geben. Manchmal bin
ich ganz bedrückt davon. Es wurde so sichtbar in diesen Tagen, als er Sorge
hatte. – Ich lese bereits Predigten von jungen Vikaren, teils deine Schüler, die sie sich
gegenseitig zur Kritik vorlegen. Das ist doch ein guter Anfang? Sie geben sich
überhaupt sehr Mühe, eine heute morgen von Alba10, der im Seminar war, geradezu rührend und reif für
Dachau11
. – – Während mich erschütterte ein Bericht von Peter Brunner12
|527 über die Geschichte seiner Gefangennahme13. Nach diesem Bericht war
dieser Mann umsonst dort und wäre besser nie in den Geruch eines
Märtyrers gekommen. Vollkommen uneinsichtig hinsichtlich des Staates. Es
erschüttert mich darum so, weil ich gerade in diesem Fall Anderes erwartete, es
ist doch Schlinks14 Freund? – Aber sage noch nichts darüber. Wolf gab mir den Bericht
ohne ein Wort dazu. Ob er es selbst nicht merkte, oder ob ich mich irre? Nein,
das kann fast nicht sein angesichts dessen, was dasteht. –
«Asmussen»
wächst während des Lesens sehr, und auch der Mensch Asmussen wird merkwürdig
plastisch. Ein toller Kerl mit tollen Möglichkeiten. Lies einmal S. 84 und
85!!15 Über
seinen
Gesetzesbegriff bin ich mir freilich noch nicht
klar. –
Lieber Karl, morgen schreibe ich wieder. Grüße Gerty, ich glaube auch, daß
es das bei ihr ist. Von Heiners Vortrag16 wußte ich. – Wann kommt Ruedi heim? Sonntag? –
Sobald ich aufstehen darf, läute ich dir an17. –
Vielen Dank für deinen Brief!!
Lieber, lieber Karl.
Warum kommen die Bücher so spät zu dir? Liegen sie nicht irgendwo?