Brief Nr. 217 · 5. Juli 1935

Charlotte von Kirschbaum an Karl Barth auf dem Bergli

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Lieber Karl!

Ob dich dieses Kärtlein noch auf dem Bergli erreicht? Frau Schlomka sagte mir gestern abend, daß du mit Nelly vereinbart habest, sie und die Kinder doch Sonntag in Basel zu erwarten. Hoffentlich könnt ihr dann Montag auch wirklich schon einräumen. Mit meinem Anruf gelingt es dann wohl nicht mehr. Ich wollte versuchen, am Sonntag zu Schwester Helene zu gehen und dich von dort zu begrüßen. Aber vielleicht hätte ich das auch noch gar nicht gedurft, denn bis jetzt liege ich noch fest. Aber es geht Alles gut voran, und du mußt keine Sorge haben. Nun wird eben Markus dir helfen beim Aufstellen der Bibliothek, ich mag es ihm wirklich gönnen. – Für Nelly ist es gut, wenn nun der Rummel vorüber ist. Lore Schl. steht auch etwas ratlos davor, wieviel unnötige Last sie sich noch zu aller nötigen aufbürdet, aber sie hat sich schon etwas den Mund verbrannt und läßt nun lieber den Dingen ihren Lauf. Sie war gestern mit ihrem Lorekind und Joggeli da. Gestern abend las ich noch eine Sammlung Rundbriefe1, die das Trüpplein unserer Getreuen (Steck, Gollwitzer, Schipper, Otten2, Eichholz etc.) sich schreiben. Das ist doch sehr bewegend, und das ist doch eine kleine Schar, wie wir sie so vielleicht sonst nirgends auf der |529 Welt haben und haben werden. Ein interessantes Votum darunter übrigens von Eichholz zur Iwand-Kritik3. Ich habe ihn fragen lassen, ob er mich nicht einmal besuchen wolle, ich möchte ihn auch gern noch einmal sehen. Wir beide gehen sehr seltsam, ganz diskret, aber doch wie zwei «Lichtgestalten» durch diese Briefe!! –

Jetzt will ich an Frl. Seifert schreiben, die sehr trostbedürftig ist. Sie hätte dir ums Leben gern an meiner Statt einräumen geholfen. Aber ich fürchte, der Tumult ist zu groß. Wenn du magst, rufe ihr: Haus Sonnenhof, Belchen-Holzinshaus, Post Schönau, Bad. Schwarzwald. – Nachher wirst du in Eile an die Genfer Vorträge müssen? Laß dich nicht durch mich verzögern, aufs Bergli zurückzukehren. Ich komme gern direkt dorthin. Alles Gute, lieber Karl, für die Unruhe dieser Woche.

Deine
L.

Sachfußnoten

1
Aus dem von Barth nach einer strengen Aufnahmeprüfung zu seiner Sozietät zugelassenen Studentenkreis ragten bald einige Schüler hervor, die sich besonders eng um Barth scharten. Dieser Kreis beschloß 1933 durch Rundschreiben miteinander in Kontakt zu bleiben, nachdem sie Bonn bis auf H. Traub verlassen hatten. Von den Rundbriefen sind nur zwei Serien aus dem Jahr 1933 gesammelt erhalten. Siehe H.-G. Ulrichs (Hrsg.), Die Rundbriefe des Barth-Schülerkreises (Mai bis Juli 1933), in: ders. (Hrsg.), Hellmut Traub. «Unerschrocken zur Zeit oder zur Unzeit». Beobachtungen eines Predigers, Zeugen und Lehrers zur kirchlichen Zeitgeschichte, Wuppertal 1997, S. 41-95, bes. S. 41-45 📖.↩
2
Heinz Otten (1909–1942 [gefallen]), studierte 1930-1932 bei Barth, Ernst Wolf und Eduard Thurneysen, seit 1933 Studieninspektorat am Reformierten Konvikt in Halle, bis zur Einberufung zur Wehrmacht 1940 verschiedene Pfarrdienste in Ostfriesland.↩
3
H. J. Iwand, Jenseits von Gesetz und Evangelium? Eine kritische Besprechung der Lehre von dem Worte Gottes in Karl Barths ‹Prolegomena zur Kirchlichen Dogmatik› I,1, in: ThBl, Jg. 14 (1935), Sp. 65-80 📖; wieder abgedruckt in: H. J. Iwand, Um den rechten Glauben. Gesammelte Aufsätze, hrsg. von K. G. Steck (ThB 9), München 1959, S. 87-109. 📖↩